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20.02.2007
Einladung zum Promotionskolleg “Qualitative Psychotherapieprozessforschung”
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Absichten und Ziele eines Promotionskollegs “Qualitative Psychotherapieprozessforschung” – Einladung zur Beteiligung
Die psychotherapiewissenschaftliche Forschung hat sich an ein ihr gleichsam „feindlich“ gesonnenes Paradigma, das der Dosis-Wirkungsforschung zu einseitig angeschlossen. Dies ist solange nützlich gewesen, als mithilfe des Dosis-Wirkungsparadigmas outcome-Studien programmatisch dominierten, um Effektivitäts- und Effizienznachweise zu erbringen. Mittlerweile gelten diese Nachweise als erbracht. Allen therapeutischen Schulen werden grundsätzlich Effektstärken von d = .80 oder höher unterstellt. Dies gilt freilich nur für die statistische Mittelung. Was im Prozess geschieht, worin sich Therapeuten-Patienten-Dyaden eigentlich voneinander unterscheiden, wie das Prozessgeschehen beschrieben werden kann und in welcher Weise der Prozess mit dem Outcome in Verbindung steht, bleibt ein „dark continent“, der zu erforschen höchst interessant ist. Auch innerhalb der quantitativen Psychotherapieforschung drängt sich mehr und mehr die Einsicht vor, dass Psychotherapie gerade nicht oder nicht ausschließlich medizinanalog verstanden werden kann. Ein Ziel der Arbeit des Promotionskollegs ist deshalb, dem Dosis-Wirkungs-Paradigma eine interaktionistisch fundierte Alternative auf der Basis einer anderen Empirie gegenüberzustellen und ggf. entsprechende versorgungspraktische bzw. versorgungspolitische Konsequenzen zu benennen. Die Psychotherapiewissenschaft muss aus ihrer alleinigen Verklammerung mit der Medizin gelöst werden. Neue Forschungsmethoden aus den Sozial- und Kulturwissenschaften können prioritär werden. Ein weiteres Ziel ist die Etablierung eines postgradualen Forschungs-, Diskussions- und Qualifikationszusammenhanges, der Doktoranden in diesem thematischen Feld und einschlägig engagierte Forscher aus Hildesheim und anderen deutschsprachigen Universitäten zusammenbringt. Sie einigt der Grundsatz, Psychotherapie als komplexes Interaktionsgeschehen zu verstehen. Das ist inspiriert von Freuds Satz, in der Analyse geschehe nicht mehr als ein „Austausch von Worten“, geht aber zugleich weit darüber hinaus, weil Konversation und Interaktion eine Dimension aufweisen, die „something more“ (Daniel Stern) ist als nur verbaler Austausch. Auch ist die Betrachtung von Psychotherapie als komplexes Interaktionsgeschehen weit genug, um schulische Ungebundenheit für Forschungsvorhaben zu ermöglichen. Da auch Musik-, Verhaltens- oder Systemtherapeuten mit ihren Klienten sprechen, müssen sie ein Interesse daran haben zu verstehen, was therapeutische Konversation innerhalb ihrer methodischen Ausrichtung an- und ausrichtet – oder eben auch nicht. Uns schwebt vor, dass grundsätzlich eine prozessuale von einer reflexiven Ebene unterschieden werden sollte: die prozessuale Ebene beschreibt den konversationell-interaktiven Vollzug in verschiedenen Beschreibungsdimensionen; die reflexive Ebene ist die der schulisch gebundenen Theorielage; hier wird es von großem theoretischen Interesse sein, zu studieren, wie die theoretischen Orientierung das Vorgehen der Therapeuten prozessual leiten. Das Promotionskolleg will sich hier also für schulische Ungebundenheit öffnen, zugleich aber methodisch auf therapeutische Konversation in all ihren Dimension ausrichten – von der Sprache und dem Sprechen, über Gestik und Mimik vielleicht sogar bis zum Flirren der Spiegelneuronen. Ein Schwerpunkt wird dementsprechend die Analyse von Therapietranskripten mit qualitativen sozialwissenschaftlichen und linguistischen Methoden (insbesondere Konversationsanalyse, Narrations- und Biographie- sowie Metaphernanalyse) sein. Andere, auch quantitativ ansetzende Methoden aus diesen Bereichen sind willkommen. Psychische und soziale Systeme werden grundsätzlich als miteinander nur lose verkoppelt konzipiert. So formuliert es das systemtheoretische Sprachspiel, das psychoanalytische spricht im gleichen Sinne mit der Grundregel der „freien Assoziation“ davon, dass Gedanken stets weit umfänglicher sind als das, was mitgeteilt werden könne und fordert eben dazu auf. Ziel qualitativer psychotherapiewissenschaftlicher Prozessforschung ist – im systemischen Sprachspiel formuliert - die Art und Weise der „Interpenetration“ beider Systeme im bzw. als Prozess zu verstehen. Darüber hinaus sollten Bedingungen und Hindernisse wechselseitiger Verständigung (unter Einschluss paralinguistischer Modalitäten) zu klären sein und zu einem komplexeren und empirisch fundierten Verständnis therapeutischer Wirkmechanismen und damit psychotherapeutischer Modellvorstellungen beitragen. Das schließt die Entscheidbarkeit von schulischen Theoriefragen ein. Im Rahmen des Kollegs angefertigte Promotionen sollten also als Analyse von Therapietranskripten als ihrer empirischen Basis durchgeführt werden. Der Empiriebegriff ist freilich nicht darauf beschränkt. Ohne hier Wissenschaftstheorie aufwendig erörtern zu wollen, wollen wir unter Empirie selbstverständlich auch verstehen, wenn quantitative Analysen an Therapietranskripten durchgeführt werden. Wir wollen sicherstellen, dass keine ausschließlich theoretischen Arbeiten im Kolleg durchgeführt werden. Empirie aber kann auch ein vorhandener Textkorpus sein, etwa Traumerzählungen vor Freud, die seelsorgerlichen Anweisungen zur Katharsis bei der Gründung der Halle’schen Anstalten, die Analyse von veröffentlichten Fallberichten etc. Überall wo ein Material analysiert wird, wollen wir in einem weiten Sinn von Empirie sprechen, die Grundlage der anzufertigenden Arbeiten sein kann. Bevorzugt sind freilich Arbeiten an Transkriptmaterialien von therapeutischen Dialogen. Ein ganz pragmatisches Ziel ist weiter die Erweiterung der vorhandenen Textdatenbank um neue Therapietranskripte, so dass weitere Arbeiten angeregt werden können.
Anmeldungstermine und Organisationsstruktur
Wer Interesse hat, sich mit einem Promotionsvorhaben zu beteiligen, schickt per email an Buchholz/Wolff ein etwa 5-10-seitiges Exposé. Daraus sollte das Interesse, die Fragestellung vor dem Hintergrund des bereits aktuellen Forschungsstandes, die methodischen Mittel und die zur Verfügung stehende Zeit hervorgehen. Ein Exposé sollte so abgefasst sein, dass über die Passung der Fragestellung zu den Zielen des Kollegs entschieden werden kann . Die Exposés sollten bis Ende April 2007 als Datei und als Ausdruck bei Buchholz oder Wolff eingegangen sein. Ein Auswahl-Treffen ist dann vorgesehen für Freitag, 18. Mai 2007 (15-20 Uhr) und Samstag, 19. Mai 2007 (9-17 Uhr) in Hildesheim. Die dazu eingeladenen Teilnehmer sollen dabei ihre Projekte vorstellen. Danach erfolgt die Aufnahme ins Kolleg. Ein nächster Termin ist für den 22./23. Juni 2007 vorgesehen. Die Mitarbeit im Kolleg gilt als Teilnahme am Promotionskolleg im Sinne der Prüfungsordnung des Fachbereichs I der Universität Hildesheim (für andere Fachbereiche analog). Die Organisation der Arbeit im Kolleg soll analog dem in einen DFG-Graduiertenkolleg üblichen Vorgehen erfolgen. Es wird die Möglichkeit geprüft, ab 2008 einige Promotionsstipendien unter den Teilnehmern zu vergeben. Angesprochen sind Absolventinnen und Absolventen einschlägiger Disziplinen, aber auch Praktikerinnen und Praktiker der Psychotherapie, die an einer akademischen Weiterqualifizierung interessiert sind.
Beteiligte Disziplinen
Interdisziplinäre Beratungs- und Therapieforschung, soziolinguistische Analyse institutioneller Kommunikation, Mikroethnographie, sozialwissenschaftliche Interaktionsforschung, Psychoanalyse, Psychotherapie
Methodenarsenal einschlägiger Projekte (i.w.S. transkriptbasierte Forschung)
Konversations- und Interaktionsanalyse, Biographie- und Narrationsanalyse, Metaphernanalyse, Linguistische Pragmatik, Objektive Hermeneutik, Inhaltsanalyse, Ereignisanalyse, Textanalyse.
Professorale Mitglieder des Kollegs
Auswärtige Partner: Michael B. Buchholz (Psychoanalyse, Soziologie, Universität Göttingen) Eva Jaeggi (Psychologie, Psychotherapie, FU Berlin) Jürgen Körner (Psychoanalytische Pädagogik, FU Berlin, angefragt) Wolfgang Mertens (Psychoanalyse, Sozialpsychologie, Universität München) Franziska Lamott (Psychotherapieforschung, Universität Ulm)
Universität Hildesheim: Baader (Allgemeine Pädagogik) Greve (Psychologie) Müller (Psychoanalytische Pädagogik) Schlieckau (Linguistik) Schröer (Sozialpädagogik) Wolff (Sozialpädagogik, Soziologie) Wolde (Gleichstellungsbeauftragte)
Sprecher: Buchholz und Wolff
Prof. Dr. Michael B. Buchholz, buchholz.mbb@t-online.de Prof. Dr. Stephan Wolff, wolff.s@t-online.de
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