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03.05.2005
Einrichtung einer Niklas-Luhmann-Gastprofessur in Bielefeld
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Niklas Luhmann gilt als einer der größten
Soziologen des 20. Jahrhunderts weltweit. Seit 1968 hat er (als erster
ihrer Professoren) bis zu seiner Emeritierung an der Universität
Bielefeld gelehrt. Luhmann hat als herausragender soziologischer
Theoretiker entscheidenden Anteil an der Wahrnehmung der Universität in
der internationalen wissenschaftlichen wie außerwissenschaftlichen
Öffentlichkeit gehabt. Nun haben Fakultät für Soziologie und Rektorat
der Universität Bielefeld eine Niklas-Luhmann-Gastprofessur
eingerichtet. Deren Intention ist es, international renommierte
Sozialtheoretiker zu gewinnen, um Studierenden und einer größeren
akademischen wie außerakademischen Öffentlichkeit die Gelegenheit zu
bieten, maßgebliche und innovative Theorien unmittelbar kennen zu
lernen.
Die meisten Wissenschaftler forschen heute zu sehr speziellen,
eng abgegrenzten Fragestellungen. Auch in der Soziologie fragen nur
sehr wenige nach umfassenden und allgemeinen Zusammenhängen. Einer
dieser wenigen ist Prof. Harrison C. White von der renommierten
Columbia University in New York, der sich derzeit für zwei Monate als
erster Niklas-Luhmann-Gastprofessor an der Fakultät für Soziologie der
Universität Bielefeld aufhält. Harrison C. White (*1930) gilt allgemein
als einer der Gründer und bedeutenden Vertreter der Netzwerktheorie. Er
ist als Mathematiker und Soziologe ausgebildet. In vielen seiner
Arbeiten hat er sich mit der Modellierung, mit der mathematischen
Rekonstruktion von sozialen Netzwerken beschäftigt. Wie Niklas Luhmann
betont White in seinen Arbeiten dabei die Eigenständigkeit dieser
sozialen Realität. Das Soziale ist nicht reduzierbar auf Individuen. Es
sind soziale Strukturen oder Netzwerke, die die Entwicklung von
individuellen Identitäten erst ermöglichen. Die Arbeiten von White
widmen sich der Analyse solcher sozialer Netzwerke. Wo, wann und wie
verdichtet sich Interdependenz? Wo, wann und wie entstehen Kopplungen
und Entkopplungen im sozialen Verkehr? Whites Analysen gehen davon aus,
dass die sozialen Strukturen den Möglichkeitsraum bilden und
kontrollieren, in dem Identität entstehen und sich entwickeln kann.
"Identity and control" lautet entsprechend der Titel seines
theoretischen Hauptwerkes, das 1992 erschienen ist.
Die Phänomene, auf die Whites Netzwerktheorie aufmerksam macht,
haben eine Nähe zu Alltagsphänomenen. Man ist heutzutage auf vielerlei
Arten eingebunden in Netzwerke. Zum Beispiel: Eine Schulfreundin wohnt
in der Stadt, in der man eine Wohnung sucht. Der Bruder arbeitet in der
Zeitungsredaktion, in der ein Student gerne ein Praktikum machen
möchte. Der Vater geht mit dem Betriebsrat der Firma kegeln, in der der
Sohn der Freundin einen Ausbildungsplatz bekommen möchte. Am Nachbarn
wird der Gesichtspunkt interessant, dass er in einem Unternehmen der
Branche arbeitet, in der man Interviews machen möchte, etc. Die
Konzepte und Modelle können in ganz verschiedenen Bereichen (Kunst,
Sport, Wirtschaft, Wissenschaft etc.) liegen und für ganz verschiedene
Epochen (Renaissance, frühe Neuzeit, Moderne) angewendet werden.
Netzwerke konstituieren im Voraus nicht bestimmbare Horizonte des
Möglichen. Aber Whites Analysen führen zu Prognosen, die die Erfolge
und Effekte von bestimmten Kopplungen und Entkopplungen betreffen.
Gerade die Allgemeinheit seines Ansatzes und die Vergleiche zwischen
verschiedenen Bereichen und Epochen haben sich dabei als sehr fruchtbar
für die Forschung ergeben.
Wie Niklas Luhmann versucht auch Harrison White, Anregungen aus
verschiedenen Teilen der Soziologie und aus anderen Disziplinen
aufzunehmen und zu verarbeiten. So gibt es schon längere Zeit
ertragreiche Auseinandersetzungen zwischen Systemtheoretikern und
Netzwerktheoretikern. Die Gastprofessur von White in Bielefeld wird
diese Kontakte intensivieren. Seine Seminare und Vorträge in Bielefeld
werden die deutschen Soziologen aus erster Hand mit der Arbeitsweise
dieser prominenten amerikanischen Wissenschaftler vertraut machen. Die
Gastprofessur wird vermutlich aber auch dazu beitragen, dass die
Systemtheorie Bielefelder Prägung in New York und Umgebung weitere
Resonanz findet. Harrison White hat die Herausforderung angenommen,
sich mit dem wissenschaftlichen Erbe Niklas Luhmanns auseinander zu
setzen. Mit der Gastprofessur von Harrison White entstehen also
gleichzeitig neue Möglichkeiten, die von Niklas Luhmann geprägte
Systemtheorie in das Netzwerk der Netzwerktheoretiker einzubinden.
Aus Anlass von Harrison C. Whites erster universitätsöffentlicher
Vorlesung laden wir Sie zu einem Pressegespräch am Mittwoch, dem 11.
Mai, um 15.30 Uhr im Raum A3-137 herzlich ein. Außer dem Gast aus New
York stehen Ihnen der Dekan der Fakultät für Soziologie, Prof. Dr. Lutz
Leisering, sowie der stellvertretende Rektor, Prof. Dr. Gerhard
Sagerer, für Fragen zur Verfügung.
Pressemitteilung Nr. 85/2005 Universität Bielefeld Informations- und Pressestelle Dr. Hans-Martin Kruckis fon: +49-521-106-4074 (Sekretariat: 4146) fax: +49-521-106-2964
mail: hans-martin.kruckis@uni-bielefeld.de web: www.uni-bielefeld.de
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