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Vorabdruck aus Reinhard Sieder: Patchworks - das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder
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Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2008 (April)
420 S., gebunden
Preis: 29,50 €
ISBN-10: 3608945067 ISBN-13: 978-3608945065
Verlagsinformation: Das Buch zeigt, dass die Trennung der Eltern nicht zwangsläufig die Entwicklung der Kinder belasten muss. Wenn es gelingt, für die Kinder zwei neue familiäre Zuhause zu schaffen, eines beim Vater, das andere bei der Mutter, können die betroffenen Kinder von dieser Situation sogar profitieren. Trennung der Eltern kann die Entwicklung ihrer Kinder schwer belasten. Doch genügend Fälle zeigen, dass die Kinder in der Zeit der Trennung und den Jahren danach wertvolle Erfahrungen machen können, die ihnen und ihrer Entwicklung insgesamt zugute kommen. Das verlangt von der Mutter, das Kind nicht als ihr Eigentum zu betrachten und die Vaterschaft des Mannes aktiv zu unterstützen. Der Vater ist gefordert, die Mutter zu entlasten und als Vater aktiver zu werden. Voraussetzung dafür ist, dass die getrennten Eltern einander wertschätzen und richtig miteinander kommunizieren. In sechs spannend geschriebenen Fallstudien zeigt Reinhard Sieder, wie verschieden der Trennungsprozess verlaufen kann und wie unterschiedlich das Familienleben danach gestaltet wird. Es endet eben nicht mit der Trennung der Eltern, sondern es entstehen neue Familienleben – an zwei Orten und mit unterschiedlichen Familienstrukturen, die die neuen Familien der getrennt lebenden Eltern umfasst. Dies kann einerseits zahlreiche Anregungen und Impulse für die Kinder bieten, andererseits kann es sie überfordern. Speziell die neuen Intimpartner können zu einer Belastung für die Kinder werden. Dennoch lautet die gute Nachricht des Buches: Getrennt lebende Eltern haben es weitgehend selbst in der Hand, ihre neuen Familien zu Orten der Geborgenheit für ihr Kind und sein soziales Lernen zu machen.
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Reinhard Sieder:
Kapitel II. Eine kurze Geschichte der Liebe in der Moderne
Gleich am Beginn ihres Buches Geschichten von der Liebe
sagt Julia Kristeva, die Liebe sei literarisch. Sie meint freilich
nicht, ‚die Liebe‘ bestünde nur in Texten und Bildern. Aber unter
Menschen gibt es keine Liebe, die sich nicht bewusst oder unbewusst auf
Texte und Bilder (das Symbolische) bezieht. Letztlich erzählen alle
Geschichten der Menschheit von Liebe, und sehr oft vom „Mangel an
Liebe“ (Kristeva 1989: 9 ff.), mithin von einer offenbar unstillbaren
Sehnsucht nach Liebe. Dass alle Welt von Liebe spricht und träumt,
bringt jedoch keine zeitlose und universale Praxis der Liebe hervor.
Viele meinen zwar, man könne im Singular von ihr reden, sei sie doch
das Natürlichste von der Welt. Doch die sozial- und
kulturgeschichtliche Forschung belehrt uns eines anderen. 2.1 Romantische Liebe Zwei
unglücklichen Liebesaffären eines hoch begabten jungen Dichters
verdanken wir einen überaus einflussreichen literarischen Versuch, die
Liebe zu sprechen. Johann Wolfgang von Goethe gerät wegen seiner
unverhüllten Leidenschaft für die junge Frau des Kaufmanns Brentano in
einen heftigen Konflikt. Darauf zieht er sich in strengste Isolation
zurück und schreibt in vier Wochen den Briefroman Die Leiden des jungen Werther, der
1774 erstmals erscheint. Auch die Erinnerung an eine unglücklich
verlaufende Affäre des Dichters mit der Verlobten eines
Gesandtschaftssekretärs in Wetzlar geht in den Text ein. Werther, der
bürgerlich-empfindsame Intellektuelle, schwärmt in seinen Briefen von
einem gleichsam religiösen Gefühl zu Lotte, das allerdings durch die
bürgerlichen Umstände umschlägt in Schmerz und Selbstfesselung. Als er
Lotte bei einem „Ball auf dem Lande“ kennenlernt, warnt man ihn, sie
sei schon verlobt und vergeben. Doch weigert er sich, auf die Stimme
der Vernunft zu hören, wo „das Herz spricht“. Werther beklagt Lottes
biedere Beziehung zu dem Geschäftsmann, der die bürgerliche „Ordnung
und Emsigkeit in Geschäften“ verkörpert: „Zieht ihn nicht jedes elende
Geschäft mehr an als die teure, köstliche Frau?“ Nach einer letzten
Begegnung mit Lotte erschießt er sich an seinem Schreibtisch. Die
Leser/innen werden durch die Briefform (Werther schreibt Briefe an
seinen engen Freund Wilhelm) in ihren eigenen intimen Gefühlen
angesprochen. Das Erlebte soll nacherlebt werden von allen, die den
Text lesen. So codiert ein bereits erfolgreicher junger Literat nicht
nur sein eigenes Erleben der Liebe im Umfeld bürgerlicher
Geschäftigkeit, sondern auch das seiner Leserschaft. Er drückt aus, was
zu dieser Zeit Tausende beschäftigt (Kluckhohn 1966; Greis 1991). In Dichtung und Wahrheit
wird Goethe über die Wirkung „des Büchleins“ notieren, sie „war groß,
ja ungeheuer … weil es genau in die rechte Zeit traf.“ Viele junge
Männer erkennen sich in Werther wieder, kleiden sich wie er, und nicht
wenige begehen nach seinem Vorbild Selbstmord. Hier wird ein
romantisches Lebensgefühl, ein bestimmter Körper- und Kleider-Code und
eben auch ein Liebescode von einigen allzu wörtlich in das eigene Leben
kopiert und von Tausenden spielerisch nachgeahmt. Ein „Werther-Fieber“
grassiert. Es entzündet sich an der Differenz von Leidenschaft und
Vernunft und markiert eine erste, exaltierte und heroische Phase der
romantischen Liebe. Das naturschwärmerisch und literarisch überhöhte
Begehren erzeugt ein ‚heiliges‘ und ‚echtes‘ Gefühl. Romantische
Liebe fällt, wo sie hinfällt. Sie ist unkalkulierbares Schicksal. Das
berechtigt die Liebenden, sich im Namen dieser Liebe gegen die
gesellschaftliche Ordnung und ihre Klassenschranken aufzulehnen. Die
frühe romantische Liebe ist eine ‚anarchische‘ Kraft. Sie unterscheidet
sich vom spielerischen Charakter und von der Delikatesse der galanten
Liebe des höfischen Adels im 17. Jahrhundert, die die Gefahren der
Leidenschaft noch spielerisch zu zähmen weiß (Steigerwald 2003).
Das Bürgertum konstituiert sich als sozial-kulturelle Klasse, indem es
sich auch in seiner Façon der Liebe als besonders ernsthaft, redlich
und strebsam erweist. Mit der romantischen Liebe reklamiert es
allerdings ein Elixir für sich, das seine soziale und ökonomische
Ordnung bedroht. Bis ins 20. Jahrhundert reiben sich romantische Liebe
und bürgerliche Vernunft. Romane, Theaterstücke, Erzählungen, Memoiren
und Briefe belegen die zahllosen Austragungen dieses Konflikts. So
wundert es nicht, dass schon im frühen 19. Jahrhundert an der Adaption
des romantischen Liebescodes gearbeitet wird: Das Leidenschaftliche und
Anarchische wird deutlich zurückgenommen. Der Liebesentwurf wird an
jene bürgerliche Geschäfts-Moral angepasst, gegen die Goethes Werther
noch so heftig rebelliert. Die für die Jugend verfassten Ratgeber
behalten einige Vokabeln und Phrasen der Verführung aus der Liebeswelt
des höfischen Adels bei. Doch gemessen an den frivolen Dialogen bei Hof
sind sie eher schüchtern und indirekt. Mit der Sorge um das
vergleichsweise mühsam erworbene Vermögen des Bürgers wächst seine
„Schamangst“ (Elias 1976: 240). Anspielungen auf körperliche Lust
werden zurückgenommen, die Sprache für das innere
Erleben der Liebe hingegen wird weiter ausdifferenziert (Wegmann 1988;
Sombart 1984/1911). Im mündlichen Dialog und in Liebesbriefen
besprechen die Liebenden ihre Übereinstimmungen – nach Vorbildern der
Literatur und nach Anleitungen, wie man ‚überzeugende‘ Liebesbriefe
schreibt und sein ‚Innerstes‘ zur Sprache bringt (Bohrer 1987;
Bovenschen 1979; Gay 1986; Frevert 1988). So bildet sich ein
„affektiver Individualismus“, im puritanischen England früher als auf
dem Kontinent (Stone 1977; Macfarlane 1986). Konversations-Lexika und
Ratgeber kehren bald nicht mehr die rauschhafte Gefährlichkeit, sondern
die bergende und beruhigende Kraft der Liebe hervor. Nach seinen
Geschäften finde, so der Tenor des 19. Jahrhunderts, der rastlos
geschäftige Mann bei seiner Ehefrau Ruhe und Geborgenheit: den
sprichwörtlichen Heimathafen (Hausen 1976). Die Liebe zwischen Mann und
Frau wird nicht mehr, wie im höfischen Adel des 17. und 18.
Jahrhunderts, als aufregendes, vornehmlich außereheliches Spiel
kultiviert, sondern verehelicht und verhäuslicht. Ihre Moralisierung
soll – im Einklang mit den christlichen Kirchen – die Gefahren der
Leidenschaft bannen und Ausschweifungen der Lust unterbinden. Der Lohn
ist die Stärkung der Fähigkeiten zur Akkumulation immaterieller und
materieller Werte. Dem Bürger des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts
geht es im wörtlichen und übertragenen Sinn darum, seine Ehefrau als
lebendiges Eigentum zu verwahren und materielles Eigentum nur seinen leiblichen
Kindern zu vererben. Um sich dessen einigermaßen sicher zu sein wird
die verheiratete Frau in den goldenen Käfig des Bürgerhauses verbannt,
aus dem sie nur mit List und Betrug und nur für Stunden entkommen kann.
Die Kinder der Bürger erfahren eine zunehmende Verhäuslichung und
Pädagogisierung ihres Alltagslebens – unter der Aufsicht einer dazu vom
Mann berufenen Mutter und Ehefrau. Bürgerliche und kleinbürgerliche
Männer finden daher im 19. und im frühen 20. Jahrhundert, dass der
derart recodierte Code der romantischen Liebe bestens zu ihren eigenen
Interessen passt: Von ihren Frauen erwarten sie aus Liebe verwöhnt und
umsorgt zu werden: Arbeit aus Liebe und Liebe als Arbeit (Bock u. Duden
1977). Von ihren Kindern erwarten sie eine kindliche Liebe, die ihrem
Fleiß und ihrer Akkumulation Sinn und Richtung gibt, über den eigenen
Tod hinaus.Auch
die solcherart patriarchal reformulierte spätromantische Liebe wird
keineswegs nur ‚von oben‘ diktiert, sondern von Männern und Frauen aus
praktischen Interessen angenommen, aber eben doch nur als Code, von dem
sich die Praxis in jedem einzelnen Fall mehr oder minder unterscheidet.
Die römisch-katholische Kirche, vollständig von Männern beherrscht,
formuliert eine patriarchale Sexualmoral: Nur die Liebe der Ehegatten
berechtige zum Sex; sexuelle Lust zu erleben sei generell mit dem
Kinderwunsch zu verbinden (Menne 1971; Cancik 1988). Die Gläubigen und
darüber hinaus alle der kulturellen Hegemonie christlicher Kirchen
Unterworfenen (und das sind weit mehr als alle Gläubigen) übernehmen
diese Moral insoweit, als sie ihnen zu ihren aktuellen Interessen
passt. Wo sie dann doch nicht passt, finden sich Wege, die Vergebung
der Sünde zu suchen (Hahn 2000: 197 ff.). Code und Praxis differieren
also in unterschiedlichen Graden. Der Code motiviert die Akteure und stattet sie mit den Mitteln aus, ihr Begehren auf eine verstehbare Weise zu symbolisieren. Er gibt dem Affekt einen aussprechbaren Namen und macht ihn zum kommunikablen Gefühl. Diskurs, Norm und Gesetz regeln und reglementieren
die Praxis. Aber weder Diskurs, noch Norm, noch Gesetz beherrschen
vollends die Praktiken derer, die einander begehren und sich als
Liebende sprechen. Es ist genau die Differenz von Code und Praxis, die
Literatinnen und Literaten, Komponisten, Musiker und darstellende
Künstler/innen animiert und den kulturellen Streit um die Bedeutungen
der Liebe in Gang hält.
Im Namen der Liebe fordern die Liebenden voneinander Unterwerfung, aber
auch Solidarität, Fürsorge und Schutz. Doch erfolgt dies nie in
völliger Absehung vom Geschlecht. Bis ins späte 20. Jahrhundert ist es
immer der Mann, der die geliebte Frau schützt, und es ist immer die
Frau, die dem geliebten Mann dient. Dem romantischen Liebesverhältnis
werden also patriarchaler Schutz und patriarchale Herrschaft
eingeschrieben. Der Mann kann dies um so effizienter leisten, je höher
sein Ansehen im sozialkulturellen Milieu, in der Berufsgruppe, in der
Nachbarschaft, in der Öffentlichkeit des Dorfes, der Region, der Stadt
oder des Staates ist. Selbst das Motiv der guten Kommunikation wird im
Bürger- und Kleinbürgertum patriarchal gefärbt. Das bürgerliche Paar
soll „sich verstehen“, hätte es sich doch sonst nach der zunehmenden
Separierung seiner Arbeits- und Lebenswelten nur wenig zu sagen. Und
auch die Kommunikation des Paares erfolgt nicht geschlechtsneutral: Die
Frau erfährt die Welt aus dem Munde des Mannes. Die Kommunikation
produziert Machtdifferenz. Der bürgerliche Mann bringt das in der
Öffentlichkeit, im Amt oder im Kontor seines Unternehmens erworbene
Wissen nur insoweit und dergestalt in die Kommunikation des Paares ein,
als es ihm hier nützlich ist und seine Machtstellung legitimiert. Die
Maxime der romantischen Liebe ist zwar, dass nichts aus der
Kommunikation des liebenden Paares auszuschließen wäre. Doch diese
Vorstellung einer ‚totalen‘ Kommunikation ist eine zweckmäßige
Illusion. Wie die Fallstudien in den folgenden Kapiteln zeigen werden,
bleiben vor allem in Gründungs- wie in Trennungskrisen Motive, Entwürfe
und Interessen der Partner im Dunklen. Andererseits steigert sich die
Maxime der guten Kommunikation in den Anfängen einer Liebe in
schwindelnde Höhen. Die Verschmelzung der Liebenden, so die zentrale
Metapher aus diesem Liebeskonzept, findet im Sexualakt ihren
psychosomatischen Gipfel, womit der Sexus durch Liebe geheiligt
erscheint. Psychoanalytische TheoretikerInnen halten die romantische
Liebe deshalb alles in allem für ein illusionäres Programm zur
Aufhebung der Einsamkeit des Menschen. Der Lernprozess eines Lebens
bestünde folglich darin, den illusionären Charakter dieser Hoffnung
nach und nach anzukennen und mit dieser Einsicht leben zu lernen
(Holzhey-Kunz 2005).
Der kulturelle Code der romantischen Liebe ist keineswegs universal,
sondern spezifisch für die Geschichte des Westens. Auffälligerweise
fallen die ‚Erfindungen‘ der Nation, des bürgerlichen Individuums und
der romantischen Liebe in einer Epoche zusammen: in der Zeit um 1800,
als Ideen der Aufklärung, der Französischen Revolution, der deutschen
Romantik und des christlichen Kults um die Heilige Familie aufeinander
treffen und partiell in Übereinstimmung treten. Meine These ist, dass
ein fortan zunehmend sich selbst überantwortetes,
selbst-diszipliniertes und selbst-reflexives Individuum, das sich in
eine immer konkurrenzhafter werdende kapitalistische Welt verschlagen
findet, sehnsüchtiger wird nach einer bergenden und heilenden Liebe.
Erhoffte der Mensch vor dieser Epochenschwelle seine Erlösung noch
durch einen personalisierten Erlöser im Jenseits herbei, wird diese
Hoffnung im Lauf der letzten zweihundert Jahre zusehends
„innerweltlich“ (Max Weber). Geliebte Frauen und Männer sowie Kinder
ziehen sie jeweils eine Zeit lang auf sich. Neben ihnen werden
Einkommen und Vermögen, Dinge und diverse Liebhabereien affektiv
besetzt.
Im Licht soziologischer Modernisierungs- und
Individualisierungstheorien erscheint die Liebe schon als „galante
Liebe“ des höfischen Adels im 17. Jahrhundert, dann als „romantische
Liebe“ im Bürgertum wie auch in deren mehrfachen Recodierungen im Lauf
des 19. und 20. Jahrhunderts als ein komplementäres Gegenstück der
„Zweckrationalität“. An die Stelle von Affekten und Traditionen treten
die verhandelten und legitimen Zwecke. Gab es eine Rationalität der
Mittel auch in vormodernen Gesellschaften, scheint für moderne
Gesellschaften kennzeichnend, dass auch die Zwecke zunehmend rational
werden, sowohl im Hinblick auf die Unterwerfung der Natur als auch im
Hinblick auf die Gestaltung der Gesellschaft und der öffentlichen, der
halböffentlichen (innerbetrieblichen etc.) und der privaten
Beziehungen. Kurz, die westliche Rationalität wird, so Max Weber
(1922), zunehmend „innerweltlich“. Sie beruft sich immer weniger auf
Transzendenz, etwa auf einen göttlichen Sinn der Schöpfung oder ein
ewiges Leben. Den Menschen wird zunehmende Selbstbeherrschung und
Selbstgestaltung aufgegeben. Die disziplinierenden und bedrohenden
Instanzen sind immer weniger übergeordnete Instanzen wie Gott oder
König. Der gesamte historische Prozess der Verschulung
(Scholarisierung) steht im Dienst dieser Selbstbeherrschung, in deren
Verlauf, wie Norbert Elias (1976) formuliert, „die Schamgrenze“ steigt.
In den letzten Jahren haben Soziologinnen und Soziologen – Max Weber
folgend – die Liebe als eine letzte Bastion mythischen Denkens oder
Glaubens in der westlichen Moderne bezeichnet (Beck u. Beck-Gernsheim
1990; Giddens 1993; Burkart 1992, 1998, 2005). Die Liebe fülle, so
Ulrich Beck, eine „Sinnlücke“, die im westlichen Modernisierungsprozess
entstanden sei. Doch ist sie nicht das Relikt
eines vormodernen Zeitalters, was manche Formulierungen bei den
genannten Autorinnen und Autoren suggerieren. Seit der Epoche der
Empfindsamkeit war und ist sie stets auf eine zeitspezifische Weise
modern, da sie immer wieder an die Verhältnisse angepasst wird. Die
romantische Liebe verzaubert die sonst zunehmend zweckrational
agierenden Männer und Frauen in ihrer ‚entzauberten‘ Lebenswelt und
macht sie dazu bereit, eine auf Dauer angelegte Ehe oder
Lebenspartnerschaft einzugehen und sich auf eine Elternschaft
einzulassen. Alle Umfragen zeigen, dass Frauen und Männer dauerhafte
und verlässliche intime Beziehungen zu Wege bringen wollen. Dass sie
darin immer öfter scheitern, wird zu erklären sein.
Die wachsende Zweckrationalität und der Glaube an die Liebe bringen
einander, so absurd dies zunächst scheinen mag, hervor. Das Imaginäre
hinter und zwischen den Symbolisierungen der Liebe gibt den Akteuren
die Energie, die politisch-ökonomischen Verhältnisse nicht nur zu
ertragen, sondern auch weiterzutreiben. Dennoch verhalten sich die
Liebe und die Ökonomie nicht wie die nächstliegenden Elemente eines
gesellschaftlichen Puzzlespiels. Im Gegenteil: Der Beginn einer neuen
Liebe wie auch die Trennung eines Paares (im Namen der Sehnsucht nach
Liebe oder im Namen einer neuen Liebe) führen zu vorübergehenden
Störungen der sozialen und der ökonomischen Ordnung und lösen Krisen in
den Akteuren aus. Sie erzeugen Einbrüche in ihrer Arbeitsfähigkeit, in
ihrer Zuverlässigkeit als Eltern und nicht zuletzt im Wohlbefinden und
in den Schulleistungen der Kinder. Verliebungen, Trennungen und
Scheidungen erfordern körperliche und psychische Energie und erzeugen
soziale und ökonomische Kosten. Sie erhöhen einerseits den Konsum (etwa
durch die Erfordernis, einen Haushalt neu einzurichten) und schlagen
andererseits als Kaufkraftverluste bzw. als Verluste investierten
Kapitals zu Buche. In viel ärmeren Gesellschaften war dies über
Jahrhunderte Anlass dazu, die Freiheit der Paarbildung einzuschränken:
mit Heiratsverboten, durch die Mitsprache der Eltern bei der
Partnerwahl, die christliche Sexualmoral u.a.m. Doch ab dem späten 19.
Jahrhundert nimmt der manifeste
Einfluss von Autoritäten (Eltern, Clan-Chefs, Gemeinden, Kirchen u.a.)
auf die Liebeswahl der Partner ab. In der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts ist die Liebeswahl in den westlichen Gesellschaften
bereits weitgehend ‚privatisiert‘ und ‚individualisiert‘. Niemand
anderer soll über die Bildung eines Paares entscheiden als die
Verliebten selbst. Wie aber kann hier der Liebe (und ihren Illusionen)
freier Lauf gelassen werden, während ost- und südosteuropäische wie
auch viele außereuropäische Gesellschaften daran festhalten, die
Partnerwahl nach sozial-kulturellen, konfessionellen, politischen und
ökonomischen Kriterien zu arrangieren oder gar Zwang auf die Akteure auszuüben?
Offenbar sorgen in rezenten westlichen Gesellschaften andere
Mechanismen dafür, dass Liebes-Bindungen, die jeder sozialökonomischen
Vernunft widersprechen, eher selten sind. Dazu gehört, dass die meisten
Männer und Frauen einen Partner wählen, dessen sozialkulturelles
Herkunftsmilieu sie mehr oder minder gut kennen. Viele wählen ihren
Partner aus derselben Region, aus derselben sozialen Klasse, oft auch
aus derselben Konfession oder aus derselben Freizeitgesellschaft. Je
höher die Übereinstimmung der Herkunft, der Bildung oder der
Freizeitinteressen, desto höher erscheint die subjektive Sicherheit,
Werte, Symbole und Modelle für die Gestaltung des Lebens zu teilen und
daher keinen besonderen Aufwand der Einigung treiben zu müssen.
Insbesondere einer annähernd gleichrangigen Bildung
widmen Frauen und Männer in den letzten Jahrzehnten erhöhte
Aufmerksamkeit. Dies erklärt sich daraus, dass die gute Kommunikation
des Paares umso wichtiger wird, je weniger der Arbeitsalltag durch die
Routinen gemeinsamer Arbeit bestimmt ist. Die Soziologie beschreibt das
Ergebnis dieser Suche nach sozial-ökonomischer und kultureller
Übereinstimmung der Partner als ein hohes Niveau der sozial-kulturellen
Homogamie (Burkart 1998; Klein 2001; Hassebrauck u. Küpper 2002; Lenz
2003). Der Volksmund bespricht die meist ‚spontan‘ oder ‚intuitiv‘
hergestellten Übereinstimmungen in seiner proto-soziologischen Art:
„Gleich und gleich gesellt sich gern“, womit er in diesem Fall recht
hat. Hohe sozialkulturelle Homogamie kann jedoch, wie alle Daten
zeigen, ein Gelingen der Ehe bzw. der Familie nicht garantieren. Sie
gewährleistet nicht, dass sich das Paar in den umkämpften Bereichen der
Elternschaft, der Sexualität und der alltäglichen Hausarbeit einig ist.
Und sie erspart es den Partnern nicht, sich damit auseinanderzusetzen,
Divergenzen anzuerkennen, mit Kompromissen leben zu lernen und, wenn
sie zu sehr frustriert oder verletzt sind, auch eine Trennung in
Erwägung zu ziehen.
Mit der Eheschließung wird eine frische Liebe in die Verfassung des
(klein)bürgerlichen Hauses und der Familie gezwungen. Sie verpflichtet
Mann und Frau in den letzten zweihundert Jahren in patriarchaler,
geschlechterspezifischer Weise und gelangt so zu einer Doppelmoral.
Um Niklas Luhmanns Formulierung zu wiederholen: Der Mann liebt das
Lieben, die Frau liebt ihren Mann (Luhmann 1982). Doch das ist bei
aller Übertreibung keine überzeitliche, universale Wahrheit, sondern
die mentalitätsgeschichtliche Folge von (klein)bürgerlichen
Familienverhältnissen, in welche die romantische Liebe eingezogen ist.
Der Mann geht in die Welt und begegnet ab und zu einer romantischen
Liebe, manchmal ist es auch nur ein ‚sexuelles Abenteuer‘, das ihm in
einer kurzlebigen Fehldeutung als ‚Liebe‘ erscheint. Die Frau bleibt zu
Hause und wartet auf die Heimkehr jenes Mannes, der neben den Kindern
ihre einzige Liebe (gewesen) ist. Von künstlerischen und
intellektuellen Avantgarden im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert
abgesehen, ändert sich dies erst ab den 1970er und 1980er Jahren, als
Frauen – auch unter dem Einfluss der zweiten Frauenbewegung –
ausziehen, das Liebesregime der Moderne in Frage zu stellen (s. u.) und
damit auch diesbezüglich den Beginn einer ‚zweiten‘ oder ‚reflexiven‘
Moderne einzuleiten.
2.2 Pragmatische Liebe
Die romantische Liebe steigert die Sehnsucht nach dem abwesenden Geliebten und den Wunsch nach dem Ende der Einsamkeit in der Verschmelzung
des Paares. Dieses Konzept trifft viele Männer und Frauen der
westlichen Moderne, vornehmlich in den bürgerlichen Milieus, in ihrem
kollektiven Imaginären. Doch ist dies nicht das einzige Liebes-Konzept.
Andere Konzepte resultieren aus den Hindernissen und Störungen, die
eine konkurrenzhafte, kriegerische, kapitalistische und patriarchale
Welt der Sehnsucht nach Liebe entgegenstellt. Bis um den Ersten
Weltkrieg ist ein Teil der Frauen und Männer in Westeuropa über
Jahrzehnte oder für das gesamte Leben von Heirat und Ehe ausgeschlossen
(s. Anmerkung 1; Mitterauer u. Sieder 1977; Mitterauer 1979; Mitterauer
u. Sieder 1982; Ehmer 1991; Harmat 1999 u. a.). Städte und Gemeinden,
die für die Ernährung und Versorgung der Alten, Kranken und Obdachlosen
sorgen müssen, erklären Armut zum wichtigsten Ehehindernis.
Besitzlose Frauen und Männer leben daher oft in informellen
Lebensgemeinschaften. Doch auch dazu benötigen sie Nahrung, Einkommen
und Behausung. Unstete und unsichere Arbeits-, Wohn- und
Lebensverhältnisse machen zwar eine sexuelle Affäre oder eine kurze
Beziehung nicht unmöglich, doch hindern sie viele, dauerhaft
als Paar und mit ihren Kindern in einem Haushalt zusammenzuleben. Hat
also der patriarchale Code der romantischen Liebe nur für die
besitzenden Bürgerinnen und Bürger Relevanz?
2.2.1 Die Liebe der Ledigen auf dem Land
Auch
für die Dienstboten auf dem Land, die mit ihren wenigen Habseligkeiten
ein- oder zweimal im Jahr oder auch alle paar Jahre den Arbeitsplatz
wechseln, hat Intimität – psychische, körperliche und soziale
Geborgenheit in der nächsten Nähe eines begehrten Anderen – hohe
Bedeutung. Ja oft ist sie es, die diese Arbeits-Nomaden für ein paar
Jahre an einen Ort binden kann, obgleich sie dafür nicht den Segen der
Kirche erhalten. Bauer und Bäuerin, der Gutsverwalter des Grundherrn
oder der Abt einer Klosterwirtschaft müssen darum wissen. Denn als um
1800 durch die Sogkraft der neuen Industrien in vielen Regionen der
Mangel an Dienstboten drückend wird, müssen sie das Begehren der
Ledigen nach Intimität in ihre Personalpolitik einbeziehen. So trachtet
beispielsweise ein obersteirischer Bauer in der Nähe des Erzberges zu
erfahren, wer gerade die Geliebte eines besonders tüchtigen Knechts
ist, den er einstellen möchte. Er richtet es ein, dass das
(zwangsläufig unverheiratete) junge Paar auf seinem Hof Arbeit findet,
weil dies am ehesten garantiert, dass er den tüchtigen Knecht auch für
mehrere Saisonen auf dem Hof halten kann. So sehr dieses
stillschweigend geduldete, ja sogar unterstützte „Liebesverhältnis“ (so
die Wortwahl eines herrschaftlichen Beamten, der 1803 darüber
berichtet) der christlichen Sexualmoral widerspricht, nützt es doch
allen Beteiligten. Staatliches und kirchliches Gesetz, christliche
Sexualmoral, regionaler Code und die Praxis des ledigen Paares
differieren auch hier. Die Protagonisten wissen es und gehen je nach
ihren Interessen damit um (1). Doch um welche Art von
„Liebesverhältnis“ handelt es sich? Wer codiert diese verbotene und
doch geduldete Liebe? Und mit welchen symbolischen Mitteln wird sie
kommuniziert?
Die Besitzlosen – die Mägde und Knechte auf den Bauernhöfen und auf den
Gutshöfen der adeligen und klösterlichen Herrschaft, die Tagelöhner und
auch die Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter der „Protoindustrie“ – sie
alle sind des Lesens und Schreibens meist unkundig oder darin nicht
geübt. Literarische
Codierungen der Liebe rezipieren sie kaum, es sei denn in mündlichen
Erzählungen, Redewendungen und Liedern: „Die Liebe und der Husten
lassen sich nicht verheimlichen“ heißt es in Katalonien, im Limousin
und im Val d’Aoste. „Wer nicht verliebt ist, muss krank sein“ sagt man
in der Provence (Segalen 1990: 164 f.). Aus kastilischen Dörfern kennen
wir die frivolen Wechselgesänge der Burschen und Mädchen, die sich beim
Schlachtfest (kastil. matanza) wechselseitig zusingen, was sie
einander an körperlichen Lüsten zu bieten haben (Aichinger 2001: 55).
Innerhalb der begrenzten Räume des Landes, deren Maßstab noch die
Fußwanderung ist, sind also vornehmlich orale Codierungen
wirksam. Geronnene Sprache drückt Erfahrungen aus, bezeichnet das
Legitime und das Illegitime und orientiert die Praxis. Übrigens auch
noch in jenen städtischen Vierteln, in die viele Jugendliche und junge
Erwachsene vom Land zuwandern, in der Hoffnung auf eine besser
entlohnte Arbeit und ein bescheidenes häusliches Glück.
Die Art und Weise, wie orale Codes gebildet und verbreitet werden,
unterscheidet sie deutlich von literarischen Codes. Es sind die
männlichen Jugendlichen und die ledigen Männer, die ihren Umgang mit
Mädchen und Frauen codieren. Das komplementäre, kulturell ‚richtige‘
Verhalten der Mädchen und Frauen codieren sie ganz eigennützig
mit. Bei welchen Gelegenheiten ledige Burschen an das Fenster eines
Mädchens treten dürfen und wie sie Einlass begehren, dass der Sieger
eines Wettkampfes den gewonnenen Preis dem von ihm begehrten Mädchen
überreicht und die Aufforderung zum Tanz unter der Linde für die
Anbahnung einer Intimbeziehung symbolhaft ist, all das regeln ihre
Codes, die sie der jeweils nächsten Generation weitergeben. Sind es
symbolische Handlungen ohne Worte, ist der Körper das Kommunikationsmedium (2). Geflügelte Worte werden über das Sprechen und Singen in Umlauf gehalten. Teils
überlieferte und teils neu gereimte Verse bereiten den Akteuren
ästhetischen Genuss. Der Reim erleichtert ihnen das Memorieren. Rügerituale
machen öffentlich sichtbar, dass gegen Regeln verstoßen wird, und
halten die Normen im kollektiven Gedächtnis. So rügen die ledigen
Burschen ältere Männer oder Witwer, die ein junges Mädchen begehren
oder verführt und geschwängert haben. Sie ziehen nachts vor das Haus
des Rivalen, lärmen mit Töpfen, Schellen und Kuhhörnern und fordern den
Beklagten mit ihren Spottversen heraus (dt. Katzenmusik, frz. charivari, kast. cencerrada, engl. rough music).
Rüge-Rituale der Burschen richten sich aber auch gegen Mädchen, die
sich auf dem Kirchtag (Kirchweihefest) weigern, mit den Burschen zu
tanzen oder es an Witz und Schlagfertigkeit fehlen lassen. Aus dem
Kärntner Gailtal ist bekannt, dass sie noch in den 1970er Jahren von
Burschen umzingelt und mit Urin bespritzt werden (3). Sexuelles
Begehren und dörfliche Macht verbinden sich mit körperlicher Gewalt.
Bis heute halten die Burschen und ledigen Männer im Dorf und in der
Pfarre mit diesen und ähnlichen Mitteln ihre symbolische Ordnung
aufrecht. Sie verteidigen sie auch gegen Carabinieri, Guardia Civil und
Gendarmen, die längst staatlichen Rechtsordnungen verpflichtet sind
(Thompson 1980).
Wir sehen: Auch auf dem Land, bei den Ledigen und den Besitzlosen und
auch ohne (schriftliche) Literatur wird der legitime Ausdruck des
sozial-sexuellen Begehrens codiert. Doch verglichen mit den großteils
literarischen Codierungen der Liebe im Adel und im Bürgertum ist die
mündliche Rede über die Liebe und das verschlüsselte körperliche Gehabe
in den Wettkämpfen, Ritualen und Tänzen auf dem Land weniger euphorisch
und noch kaum individualisiert. Hier entsteht keine differenzierte und
reflektierte Sprache, die das Einzigartige des Geliebten rühmen könnte.
Die gesprochene Sprache ist nicht introspektiv, sie blickt nicht in die
„Tiefe der Seele“, sondern haftet an der Oberfläche der Körper, die
nicht als individuelle, unverwechselbare oder einzigartige, sondern als
Gattungs-Körper besprochen werden. Mädchen und Frauen werden zum Objekt
eines pragmatischen, ironischen und oft sarkastischen ‚männlichen‘
Tons. Wir wissen nur wenig über die Gegenrede der Mädchen, die das
Treiben der Burschen kommentieren, aber auch oral tradiertes Wissen
über „die Liebe“ austauschen: in der Mädchenkammer, in der Spinnstube,
beim Federnschleißen, auf dem Weg zur Kirche. Es ist ganz undenkbar,
dass sie keinerlei Einfluss hätten auf die Rede und Wahrnehmung der
Burschen, doch bleibt er eher diskret.
Die Redeweise der Burschen hingegen ist laut, milieutypisch und
inklusiv, und so wird sie auch von „Volkskunde“ und Ethnologie
archiviert: Sie schließt alle ein, die der regionalen ländlichen
Gesellschaft angehören. Und sie lässt in ihrer spezifischen Ironie
niemanden daran zweifeln, dass die Liebe des Paares, so euphorisch sie
auch hier oft beginnen mag, nur kurze Zeit dauert und bald den
Beschwernissen des Lebens unterliegt.
Als im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts christliche Kirchen,
staatliche Behörden und politische Parteien beginnen, das in die Städte
zugewanderte Proletariat zu ‚zivilisieren‘, versuchen sie die „wilde“
rhetorische und körperliche Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen
zurückzudrängen. Sie mahnen zur Mäßigung bei Alkohol und Nikotin und zu
verantwortlicher Elternschaft. Auch dass Kinder so schmutzig und frei
auf den Gassen und Straßen der Großstädte herumlaufen wie in den
Dörfern und hier vermeintlich nur Gefährliches lernen, scheint den
Pädagogen, Priestern, Politikern und Polizisten inakzeptabel. Die
Gefahren erscheinen in den Diskursen der sich professionalisierenden
Fürsorge, der Pädagogik und des polizeilichen „Jugendschutzes“
geschlechterspezifisch: Burschen unterliegen demnach typischerweise der
Verführung zur Eigentumskriminalität, Mädchen den Gefahren der
sittlichen Verwahrlosung. Im eugenischen Diskurs werden ihre Umtriebe
zu einer Gefahr für die Reinheit des Blutes im „Volkskörper“. Dagegen
setzen politische Instanzen und christliche Kirchen den Aufbau der
Kinder- und Jugendfürsorge, die Einrichtung von Kindergärten und
Horten, den kommunalen Wohnungsbau, den „Normalarbeitstag“ und diverse
Sozialgesetze (Pirhofer u. Sieder 1982). Im Lauf von einigen
Jahrzehnten rückt dann das Leben der ‚Proleten‘ (der in die Städte
zugewanderten Nachfahren der Besitzlosen auf dem Land) auch tatsächlich
näher an die kleinbürgerlichen Sozialmilieus heran. Doch wirken die
knappen Ressourcen weiterhin dämpfend und der pragmatische und
ironische Ton in der Rede über die Liebe und das Sexuelle bleibt
dominant. Er findet sich noch in den Erzählungen aus den 1920er und
1930er Jahren. Junge Mädchen und Frauen versuchen, dem typischen
Schicksal besitzloser Frauen auf dem Land durch ihre Zuwanderung in die
Stadt zu entgehen. Das folgende Zitat aus der mündlichen Erzählung
eines vom Dorf in die Großstadt zugewanderten Dienstmädchens zeigt, wie
die Differenz von Stadt und Land zum Lernpotenzial wird und zur
allmählichen ‚Verstädterung‘ der Hoffnungen und Lebensentwürfe führt:
„Soll ich ihn nehmen? Er ist ein Angestellter in der Molkerei, verdient
schön. Aber er ist schon so alt. Na ja, wenn er auch älter ist als ich,
deshalb kann er doch auch anständig sein. Vielleicht wird er mir nicht
so rapid an die Brust greifen. Vielleicht ist das sogar gescheiter als
bei Vater und Mutter. Dann werde ich nicht so viele Kinder kriegen.“
(Josepha „Fini“ Neumann, geb. 1902, zit. n. Sieder 2008) So belegen
mündliche Erzählungen und literarische Texte, dass in den Städten und
Industriezentren im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts der pragmatische und der spät-romantische Code der Liebe kollidieren.
Arbeiter/innen, Dienstmädchen und (kleine) Angestellte nehmen – wie
Josepha Neumann – beide Codes wahr und räsonnieren einigermaßen
unsicher darüber, welcher vorzuziehen sei: Sollen sie an soziale und
materielle Sicherheit (an den Haushalt, an die Wohnung, an das
Einkommen, an die Begrenzung der Zahl der Schwangerschaften und der
Kinder) denken und ihre Partnerwahl danach ausrichten? Oder sollen sie
ihrem sexuell-erotischen Begehren folgen, auch wenn der Begehrte ein
armer Prolet ist oder vielleicht gerade – wie Kasimir in Horváths
Volksstück „Kasimir und Karoline“ – seine Arbeit verloren hat? Wie aber
finden romantische Kriterien der Partnerwahl Eingang in diese
armseligen Lebenswelten? Sie werden eher mit allen Sinnen erlebt als
erlesen. Kriterien weiblicher und männlicher Schönheit, erotischer
Attraktion und modischen Schicks finden Mädchen und Burschen in den
Häusern ihrer bürgerlichen und adeligen Arbeitgeber, in den ersten
Kinofilmen, im Varieté und in der Unterhaltungsmusik, in den Schlagern
der 1910er und 1920er Jahre, in den illustrierten Zeitungen, in den
Schaufenstern der Einkaufsstraßen und in den Vergnügungsvierteln der
Stadt. Hier setzt eine kommerzielle Bebilderung der erotischen und
sexuellen Phantasien ein. Pragmatik und Romantik mischen sich neu.
Allerdings findet sich bei Arbeitern und kleinen Angestellten bis heute
öfter ein nüchterner und pragmatischer Ton, der dem romantischen Code
Grenzen der Bedeutsamkeit setzt, wie auch zwei Fallstudien (s. Kapitel
6 und 8) zeigen werden.
2.2.2 Die Vermeidung der Leidenschaft In seinem Buch Männerphantasien
erklärt Klaus Theweleit (2000) die auffällige Vermeidung der Liebeswahl
bei Offizieren und Soldaten des Ersten Weltkriegs und der folgenden
Jahre, insbesondere bei einem Typus des ‚faschistischen Mannes‘, der im
Lauf seiner Jugend einen „Körperpanzer“ ausgebildet hat, da er sich
über Jahre an die Zucht des Militärs gewöhnt und sie auch nach dem
Kriegsende nicht entbehren kann. Er integriert sich in
„Frontkämpfer“-Vereinigungen, „Heimwehren“ und anderen
paramilitärischen Gruppen. Viele Männer dieses Typs plagt die Angst,
ihren Phantasien von soldatischer Größe und Stärke im Augenblick der
sexuellen Begegnung nicht zu entsprechen. Dies könnte ein unbewusstes
Motiv ihrer besonderen „Heimattreue“ sein. Sie neigen zu einer
besonderen Partnerwahl: Der sexuell und erotisch anziehenden, aber
bedrohlich fremden Frau ziehen sie die Schwester des Freundes oder die
Kameradin aus der Jugendgruppe vor. Sie wählen also Verlässlichkeit,
Vertrautheit und Nähe. Auch für Jugendliche und junge Männer, die sich
in der Hitlerjugend und danach in Verbänden der SS, der Deutschen
Wehrmacht, der Marine oder der Luftwaffe engagieren, wird ähnliches
berichtet. Soldatisch streng erzogene Söhne von Offizieren des Ersten
Weltkriegs fürchten sich vor dem Sexuellen und sublimieren es in ihren
physischen und psychischen Härte-Ritualen. Ihre Ängste vor sexueller
Bedrohung projizieren sie zum einen auf ‚die Juden‘. Der
Antisemitismus, den sie sich im Lauf ihrer Kindheit und Jugend zueigen
machen, erhält dadurch eine Komponente der Sexualangst. Zugleich
schreiben sie „den Juden“ eine besondere sexuelle Gier nach „blonden
arischen Mädchen“ zu. Zum anderen wählen Hitlerjungen informelle
Jugendgruppen zum Gegner, denen sie sexuelle Zügellosigkeit und
‚Asozialität‘ unterstellen: „Stenzen“ (Bayern), „Swing-Heinis“
(Norddeutschland) und „Schlurfs“ (Wien). Psychoanalytisch gesprochen,
spalten viele Hitlerjungen ihr sexuelles Begehren ab und projizieren es
auf ‚rassisch‘ (rassistisch) definierte Gegner („die Juden“) und auf
sozial-politisch definierte Gegner: („die Schlurfs“). Beide Gruppen
bekämpfen sie mit soldatischen und para-militärischen Mitteln (Gerbel,
Mejstrik, Sieder 2002).
Die Annäherung an einen potenziellen Ehe- oder Lebenspartner möglichst
leidenschaftslos und asexuell zu halten ist allerdings nicht auf die
politische Rechte und die skizzierten Gruppen von ‚faschistischen‘
Jugendlichen und jungen Männern aus bürgerlichen und kleinbürgerlichen
Herkunftsmilieus beschränkt. Auch unter Arbeitern und auch in der
politischen Linken findet sich Vergleichbares bis in die 1950er Jahre.
Der Wiener Facharbeiter Franz Potensky, 1903 geboren, bleibt bis zu
seinem dreißigsten Lebensjahr ohne Freundin. Sein Beruf als
qualifizierter Facharbeiter in einer Fabrik für optische Geräte, sein
Engagement in der Sozialistischen Arbeiterjugend
(SAJ) und im Betriebsrat der Firma lassen ihm nach seinem Dafürhalten
gar keine Zeit. Noch wirksamer aber ist gewiss die völlige Tabuisierung
des Sexuellen in seiner Kindheit und Jugend in einer
Facharbeiterfamilie und auch die Abschottung vor dem Sexuellen in der
Jugendgruppe der SAJ. Diese bildet eine kulturelle Avantgarde der
Arbeiterbewegung und hält ihre eigenen Werte und Normen für
zukunftweisend. Auch hier dominiert das Interesse der Kameraden, die
Bildung von Liebespaaren im Interesse der politischen Jugendgruppe
möglichst lange hinauszuzögern. Das sexuelle Moratorium wird nur
gelegentlich durch sexuelle Kontakte mit (meist älteren) Frauen
durchbrochen. Die Dissoziation von Sex und Liebe begünstigt die auch
für bürgerliche Jugendliche beschriebene Spaltung des Frauenbildes in
das Bild der guten Frau und Mutter („Madonna“) und der sexuell
willfährigen Frau („Hure“), die für eine Ehe oder Lebenspartnerschaft
gar nicht in Frage kommt (Bernfeld 1974; Fischer 1984; Sieder 1986;
Blaumeiser u. Sieder 1988). In deutlicher Differenz zu proletarischen
und subproletarischen Milieus sind die Jugendjahre des politisch und
gewerkschaftlich aktiven Facharbeiters durch schulische, berufliche und
politische Leistungen charakterisiert. Der spätromantische Liebes-Code,
in bürgerlichen und kleinbürgerlichen Milieus der 1920er und 1930er
Jahre längst vertraut und verfügbar, ist zwar auch hier bekannt,
scheint aber (noch) nicht zu den sozialökonomischen Verhältnissen zu
passen: „Wir,
meine Braut und ich, haben uns vertragen, das Kind war auch auf dem
Weg. Ich hab meine Ordnung gehabt, die ich als Lediger nicht gehabt
hab. Also alle diese Gründe.“ (Franz Potensky, geb. 1903, zit. n. Sieder 2008).
Die ‚Ordnung‘ ist die häusliche Ordnung des verheirateten Mannes. Sie
wird vornehmlich von der Ehefrau hergestellt durch regelmäßige
Mahlzeiten, die Reinigung und Ausbesserung aller Kleider, das
samstägige Vollbad im Waschtrog, wo sich der Mann von der Frau den
Rücken schrubben lässt, körperliche und psychische Erholung. All das
hätte er „als Lediger“ nicht haben können, sagt Herr Potensky. Es ist
ein (westlich-)patriarchal geordnetes und reglementiertes Zuhause, das
den Bedürfnissen und Interessen des leistungsorientierten Facharbeiters
und Gewerkschafters vollends entspricht. Das Vorbild kleinbürgerlicher
Häuslichkeit wird annähernd realisiert, ohne
auch den Code der romantischen Liebe mit zu übernehmen. Das von der
Frau gestaltete Zuhause ermöglicht dem Mann sich zu regenerieren, den
Anforderungen der qualifizierten Lohnarbeit zu genügen und auch noch
Energie für politische und gewerkschaftliche Arbeit aufzubringen. Die
Erfolge der Arbeiterbewegung in den 1920er Jahren gründen letztlich –
wie schon zuvor jene des Bürgertums – in einem patriarchal geordneten
Familienleben ihrer Eliten. Nicht romantische Liebe motiviert den strebsamen, politisch und gewerkschaftlich engagierten Arbeiter dazu, sondern sein pragmatischer
Sinn, die Arbeitskraft seiner Frau zu konsumieren, um seine eigene
Arbeitskraft täglich wieder herzustellen und bestmöglich zu verkaufen.
Der romantische
Code der Liebe zieht zuerst in jene sozial-kulturellen Milieus der
städtischen Arbeiter und Angestellten ein, in denen ein eminenter
Leistungs- und Aufstiegswille auf die ausgeprägte Neigung zu
bürgerlichen Bildungsinhalten trifft: bei einigen Gruppen der
sozialdemokratischen Erziehungsbewegung. Auch hier wird der romantische
Code allerdings milieuspezifisch rezipiert und – unter den besonderen
Bedingungen einer Selbst-Erziehung der angehenden Erzieher –
umformuliert. Das sexuell Drängende wird im Modell der Kameradschaft
von Bursch und Mädchen weitgehend ‚entspannt‘. Maria Cerwenka,
Arbeitertochter und Schülerin einer Schule für „sozialistische
Erzieher“, die Anfang der 1920er Jahre – emblematisch nach dem
Zusammenbruch der Monarchie – im ehemals kaiserlichen Schloss von
Schönbrunn untergebracht ist (Kottlan-Werner 1982), erinnert sich an
die ausgeprägte Tendenz in ihrer Jugendgruppe, das Sexuelle in der
“Kameradschaft” von “Bursch und Mädel” resp. von Mann und Frau sowie in
Naturverehrung zu sublimieren: „Wichtig ist die Erotik, die Erotik
kam in diesen Jahren viel besser, wie ich den Kanitz verstanden hab,
wichtig ist also das erotische Moment, nicht die Sexualität, das
Hand-in-Hand-gehen, das Einander-Ansehen und irgendwie Gedichte machen,
das Singen und das Romantisieren, das gehört zur Erotik. (…) und sich aufzusparen, ja, das ist vielleicht das richtige Wort, sich aufzusparen für das große Erlebnis.“ – Interviewer: „auf
eine Zukunft, ja das könnte man auch auf die politische Ebene
übertragen, da war ja auch die Hoffnung auf den Sozialismus…“ – „Ja ja,
mit den neuen Menschen auf eine neue Form der Liebe.“ (Maria Cerwenka, geb. 1905, im Gespräch mit dem Verfasser, zit. n. Sieder 2008)
2.3 Romantische Liebe als Konsumangebot
In
diesen 1920er Jahren, in denen sozialdemokratische Massenparteien wie
jene im „Roten Wien“ noch emphatisch auf die „Erziehung zum
Sozialismus“ setzen, ihren Jugendavantgarden aber auch bürgerliche
Grundwerte nahebringen, schlagen die expandierenden
Unterhaltungsindustrien Gewinn aus der grassierenden Sehnsucht nach
Liebe. Billigromane, Stummfilme, ab 1927 auch populäre Tonfilme und
populäre Musik (Kabaret, Operette, Schlager u.a.) machen ihr rasch
wachsendes Publikum mit einem ‚entdramatisierten‘, leicht
konsumierbaren Code der romantischen Liebe vertraut: Die Liebenden
finden nach der Überwindung einiger Schwierigkeiten zueinander und das
Happy End lässt offen, wie es ihnen weiter ergeht. Nur intellektuelle
Avantgarden fragen, ob romantische Liebe in der Ehe gut beheimatet sei.
Die notorische Krise der bürgerlichen Ehe führt zu verschiedenen
Rettungsversuchen: So soll das Versiegen der erotisch-sexuellen
Attraktion durch sexuelle Aufklärung hintangehalten werden (van de
Velde 1923). „Freie Liebe“, „offene Ehe“, „Partnertausch“ u. a. werden,
nicht zum letzten Mal, von Literaten, Psychoanalytikern und
Intellektuellen als Auswege diskutiert (6) und von kleinen Minoritäten
ausprobiert (7). Nach der Epoche des Faschismus in Europa, die den
Liebesbeziehungen wie den Ehen und Lebenspartnerschaften mit Millionen
Toten, Verletzten, Vermissten und Entwürdigten das Äußerste abverlangt,
wird in den späten 1940er und 1950er Jahren mit kriegsbedingter
Verspätung gegenüber den USA die Arbeits- und Lebensweise der
Lohnarbeiter und Angestellten ‚fordistisch‘ reformiert (Sieder,
Steinert, Tálos 1995: 9 ff.). Auf einem noch weitgehend ungesättigten
Markt dynamischer Bedürfnisse bewirbt man nun selbst die trivialen
Dinge des täglichen Lebens mit Erotik: Transistor-Radios, Mopeds und
Autos, Staubsauger und Waschmaschinen. Die den Zeitgeist ausdrückenden
und verbreitenden Texte des Swing, des Rock n’ Roll, des deutschen
Schlagers, des französischen Chansons und des englischen Beat und die
expandierende Werbeindustrie greifen nichts so häufig auf wie ‚die
Liebe‘ (Raeithel 2005). „All you need is love.“ / „Es gibt nichts,
was Du nicht tun könntest. Alles was Du brauchst ist Liebe.“ / „Ich
brauche jemanden um ihn zu lieben. Glaubst Du an die Liebe auf den
ersten Blick? Ja, ich bin sicher, dass das immer wieder passiert.“
(John Lennon u. Paul Mc Cartney 1967; gesungen auch von Joe Cocker 1969
in Woodstock) Ein Millionen-Publikum hört diese (neo-)romantischen
Texte über die Liebe, lernt sie und summt sie mit. Es versucht, ihre
‚Stimmung‘ in die eigene kleine Wohnwelt zu übertragen, freilich nicht
ohne manches an ‚der Liebe‘ dann doch anders zu erleben als es besungen
wird. Codierung, Decodierung und Recodierung: die Endlosschleife
kultureller Produktion. Die sexuelle und erotische Pose wird zur
Attraktion einer schnell wachsenden Bild- und Filmindustrie. Davon
unterscheidet sich die Pose der Liebenden, die sich in der Regel
weniger als Überschreitung der Keuschheit, denn als Überschreitung der
kapitalistischen Ordnung inszeniert. Viele, wenn nicht die meisten
Bilder von der romantischen Liebe sind Bilder aus den Peripherien der
Leistungsgesellschaft: die Umarmung der Liebenden am Strand, in den
Bergen, oder am Rande der Großstadt. Oft ist es Abend und die Arbeit
getan. Liebe ist hier nicht Sex, sondern sublimiertes Verlangen, eine
Gegenreligion zur Religion des Profits. Und doch wird sie zum
wichtigsten Marker der Konsumgesellschaft (Illouz 2003). Illustrierte,
Filme und Fernsehen liefern Vor-Bilder für das Rendezvous, den
Honeymoon und auch für die erotischen Phantasien derer, die schon
verheiratet oder irgendwie all zu fest gebunden sind.
Die recodierte Rede über die Liebe ist zwar noch immer
‚spätromantisch‘, doch spaltet sie den zusehends warenförmigen Sex von
Liebe ab. Das Pendel schwingt zurück: Nach etwa zweihundert Jahren
ihrer nie vollends gelungenen Zähmung im Namen der Liebe des
(Ehe-)Paares wird sexuelle Lust wieder unabhängiger von Liebe und als
eigenständiger Konsumwert erlebbar gemacht (Schmidt 1996). Die billigen
Pin-ups hängen in den Spinden der Rekruten und der Arbeiter, die teuren
Herrenmagazine liegen in den Schreibtischen der Manager und leitenden
Angestellten. Dort wie da wächst die ästhetische Diskrepanz zwischen
den professionell zur Schau gestellten Körpern und den Körpern jener,
mit denen man wohnt, isst und schläft. Zwangsläufig lernen die
Konsumenten mit der notorischen Differenz zwischen dem Hipen
und dem Erschwinglichen und Vertrauten umzugehen. Diese Differenz
bindet sie weitaus stärker in den kapitalistischen Arbeitsprozess ein,
als es Armut oder polizeiliche Mittel in früheren Zeiten jemals
konnten: Sie laufen fleißig zur Arbeit, um ihre nächsten
Konsumhoffnungen zu realisieren. Immer mehr Frauen und Männer sind auch
zur schweißtreibenden Trimmung ihrer Körper bereit. Eine boomende
Schönheitschirurgie korrigiert vornehmlich die Brüste, Lippen und
Falten der Frauen. Die Konsumentinnen nehmen all die Kosten und Mühen
auf sich, weil sie sich sonst in ihren Körpern nicht wohlfühlen, aus
einem Versuch der Selbstliebe also, und oft auch in der Hoffnung auf
besseren Sex oder ein romantisches Liebesglück. Die Maxime des
fordistisch reformierten Kapitalismus lautet längst nicht mehr „Lebe,
um zu arbeiten!“, sondern: „Arbeite, um zu konsumieren!“ Das bedeutet
auch: „Arbeite an deinem Körper und investiere Zeit, Energie und Geld,
um ihn konsumfähig, attraktiv und sexuell konsumierbar zu machen!“
Die Illusionen des fordistischen Kapitalismus rufen freilich auch
Kritik auf den Plan. Ende der 1960er Jahre beginnen studentische und
akademische Eliten in kleinen Zirkeln „die Sexualfrage“ zu debattieren
und mit psychoanalytischem Wissen zu verknüpfen. Die kulturelle
Transversale der Schüler, Studenten und Intellektuellen um „1968“ setzt
– nahezu gleichwertig mit den weltpolitischen und historischen Themen
(Vietnamkrieg, Prager Frühling, die Vergangenheit der eigenen Eltern im
Dritten Reich, im faschistischen Italien, in Vichy-Frankreich, nach dem
Tod Francos 1975 auch im postfaschistischen Spanien) – auch die
„sexuelle Befreiung“ auf die Agenda. Autoritäre Erziehung wird – wie
schon in den autonomen Schulgemeinden der 1920er Jahre (Bernfeld 1974)
– an den Pranger gestellt. Avantgarden entwerfen eine hedonistische Konsummoral:
Als legitime Konsumenten hätten Mann und Frau gleichermaßen Anspruch
auf Genuss und seien nicht mehr zu Leid und sexueller Askese verdammt.
Im Nachklang der kulturellen Transversale um „1968“ entsteht in einigen
westeuropäischen Ländern (deutlich später als in Nordamerika) die
zweite Frauenbewegung. Eines ihrer zentralen Themen ist die
Abtreibungsfrage, das „Recht auf den eigenen Bauch“ (Cyba 1996).
Experimente mit „Kommunen“, „freier Liebe“ und „offener Ehe“ bleiben –
wie schon in früheren Perioden (Linse 1985) – intellektuellen und
studentischen Minoritäten vorbehalten. Allgemeinere Bedeutung aber
erlangt, dass der überkommene und den Frauen eher aufgezwungene denn
jemals mit ihnen ausgehandelte ‚Geschlechtervertrag‘ (Frauen
verpflichten sich vor allem der Reproduktion der Männer und Kinder –
Männer gehen einer Erwerbsarbeit nach und finanzieren den Haushalt)
aufgekündigt wird. Der Kampf der Frauenbewegung um das Recht der
Frauen, aus dem Haus zu gehen um zu lernen und einen Beruf oder andere
Tätigkeiten auszuüben, ist insgeheim immer auch ein Kampf um die
Möglichkeit zu neuen Liebesbeziehungen und hetero- wie homosexuellen
Affären. Was hier nachhaltig demontiert wird, ist die patriarchale
Doppelmoral mit samt ihren sozialen und materiellen Fundamenten. Doch
ein soziales Konstrukt, das darauf zurückgeht, bleibt dennoch hoch im
Kurs: die ‚Kleinfamilie‘. Als Ideal bleibt sie weitgehend intakt, die
ihr eingeschriebene patriarchale Doppelmoral aber wird obsolet. Dass
vor allem studierende junge Frauen und gut ausgebildete und verdienende
Frauen in den letzten Jahren ebenso häufig Sexualpartner wechseln oder
sich sogar öfter „Seitensprünge“ erlauben als annähernd gleich
situierte Männer (Schmidt, Dekker u. Matthiesen 2000: 44; Schmidt u. a.
2002: 145 ff. ), lässt Ausmaß und Geschwindigkeit dieser Veränderung
erahnen.
Mit der sukzessiven und relativen Befreiung des Sexuellen aus der Zucht
staatlicher und kirchlicher Autoritäten und mit mehr
Gestaltungsfreiheit für die Frau und den Mann verliert „Sex“ allerdings
seinen ‚alten‘ Nimbus des Rauschhaften und der Ekstase. Aus dem
unerreichbar Fernen wird die Banalität einer Möglichkeit. Für viele ist
Sex nicht mehr die große Metapher für Lust und Glück. Im öffentlichen
Diskurs wird er beinahe öfter mit Gewalt, Missbrauch oder
lebensbedrohender Infektion (AIDS) verbunden. Unlust, Potenzstörungen
oder Enthaltsamkeit werden zu möglichen Haltungen. Die Häufigkeit des
heterosexuellen Koitus soll in den letzten Jahren abgenommen, Praktiken
der Masturbation – keineswegs nur als ‚Ersatz‘ für fehlende
Intimpartner – sollen zugenommen haben (Schmidt, Dekker, Matthiesen
2000). Zugleich erfolgt eine Virtualisierung des Sexuellen (Žižek 2001:
81 ff.). Die Medienkonsumenten sehen Pornographie und Gewalt im Kino,
auf ihren PCs, im Internet und zuletzt auch schon auf den Displays
ihrer Handys. Nicht nur das Sehen sexueller Bilder und das sexuelle
Körpererleben werden auf diese Weise entkoppelt (dissoziiert), womit
die Verhandlung der verunsicherten Gefühle nur noch wichtiger
wird. Auch das körperliche Geschlecht und die sexuelle Orientierung
treten potenziell auseinander. Das symbolisierte Geschlecht wird
(potentiell) unabhängig vom physischen und selbst das köperliche
Geschlecht kann, freilich mit erheblichen Schwierigkeiten, operativ
umgestaltet werden (Lindemann 1999). Auch hier also weniger
„Triebschicksal“, mehr Entscheidung und mehr Gestaltung, oder anders
gesagt: kulturelle Produktion, immer verquickt mit wirtschaftlichen
Interessen. Diese Teilprozesse resümierend, spricht der Sexualforscher
Volkmar Sigusch von einer „neosexuellen Revolution“ in den reichen
Gesellschaften des Westens seit den 1980er Jahren (Sigusch 2005).
Anders als die lautstark verkündete „sexuelle Revolution“ um 1968,
deren Aufgabe es war, das Sexuelle erstmals weithin hörbar zu
thematisieren, verlaufe sie eher leise und schleichend, erfasse aber
wohl auch deshalb weitaus mehr Frauen und Männer (Sigusch 2002: 12 f.).
Was diese Entwicklungen, wenn sie denn zutreffend empirisch erfasst und
erläutert werden, für die Gestaltung der Lebensprozesse bedeuten, kann
nicht unabhängig von Theorien entschieden werden. Während
psychoanalytisch orientierte Theoretiker in der Nicht-Anerkennung der
Geschlechterdifferenz und in der Möglichkeit, auch in sexueller
Hinsicht eine „Bastelexistenz“ zu führen, sich die eigene Sexualität
wie in einem Kinderspiel zurecht zu legen, eine Verschiebung von
„Normalneurosen“ zu „Normalperversionen“ (8) sehen (Oberlehner 2005)
und darin kaum eine Befreiung entdecken können (9), heben
anti-psychoanalytisch eingestellte Sexualforscher wie Volkmar Sigusch
den emanzipatorischen (d. h. aus dem zugewiesenen Schicksal
befreienden) Gehalt dieser Entwicklung hervor. Welcher Theorie und
damit welcher Interpretation man auch zuneigt, mit der offenkundig
ambivalenten Recodierung des Sexuellen in jüngster Zeit muss auch das
Konzept der romantischen Liebe reformuliert werden, soll es weiterhin
glaubhaft sein.
2.4 Skeptisch-romantische Liebe
Etwa
seit den 1980er Jahren beginnt sich die Rede über die romantische Liebe
neuerlich zu ändern. Frauen und Männer sprechen ironischer,
vorsichtiger, weniger pathetisch und doch oft immer noch liebesverliebt
über die Liebe. Ich nenne dies den Code der skeptisch-romantischen
Liebe. Die Veränderung ist an den Redeweisen im Alltag der
Jugendlichen, an den Texten der Popsongs, in den Dialogen und Bildern
des Kinos und des Fernsehens, aber auch in Partner-Annoncen in
Zeitungen oder an den Partnerbörsen im Internet nachzuvollziehen
(Hochschild 1990; Gern 1992; Illouz 2003; Hausen 2006). Der Brief als
Medium des Sprechens über das innere Erleben der Liebe wird abgelöst
durch Handy, SMS und Email. In diesen neuen elektronischen Medien der
Kommunikation herrschen andere Bedingungen und flinkere Redeweisen,
beinahe in Echtzeit, doch in sehr beschränkter Zeichenzahl. Das Display
reduziert die privaten Texte der Liebe auf das elektronische
Taschenformat. Die Partner sind stets füreinander erreichbar. Das macht
ältere Formen ihrer schwärmerischen Sehnsucht und damit ein Merkmal der
alten romantischen Liebe: die Unerreichbarkeit des/der Geliebten,
obsolet. Angesichts der neuen Unsicherheiten wollen sie umgehend die
Rückmeldung haben, wo sich der geliebte Andere im städtischen
Verkehrsgewirr gerade befindet. Das Maß der Kontrolle nimmt weiter zu.
Aus sehnsüchtigen Schwärmern sind Standortfunker im neuerlich
beschleunigten Kapitalismus geworden.
Der Grad der Skepsis gegenüber romantischer Liebe variiert nach
sozialkulturellen Milieus und verändert sich überdies meist im Lauf des
Lebens. Oft schätzen Frauen die Qualität ihrer intimen Beziehung
kritischer ein als ihre männlichen Partner. Weitaus öfter reichen
verheiratete Frauen die Scheidung der Ehe ein als verheiratete Männer.
Frauen scheinen sich der Problematik ihres Familien- und
Beziehungslebens eher bewusst zu werden als Männer und auch eher
Konsequenzen zu ziehen, die in einer Trennung resp. Scheidung bestehen
können. Nur einige Ursachen dieser Differenz sollen hier kursorisch
angesprochen werden: Nach 1950 geborene Frauen, die bereits vom Ausbau
des öffentlichen Bildungssystems in den 1960er und 1970er Jahren
profitieren, verschieben ihren Kinderwunsch, weil sie eine bessere
Bildung und Ausbildung und zumindest einige Berufsjahre vor dem ersten
Kind beanspruchen. Halten Frauen in den 1970er und 1980er Jahren noch
zwei Kinder für wünschenswert, sinkt auch die gewünschte
Kinderzahl zuletzt auf 1,7. Die Zahl der Ein-Kind-Familien wächst und
immer mehr Frauen bleiben letztlich kinderlos. Frauen im deutschen
Sprachraum bilden diesbezüglich eine Avantgarde in Europa; Frauen in
Italien und Spanien folgen ihnen (Goldstein, Lutz, Testa 2003). Die
geringe Kinderzahl, ein eigenes Einkommen, erhöhte Bildung und
Ausbildung, eine darüber verstärkte Identifikation mit dem Beruf, der
leichtere Zugang zu Miet- und Eigentumswohnungen, Autos und
Konsumgegenständen und die ambivalente Entmythisierung und
Kommodifizierung des Sexuellen (s. o.) erhöhen die relative Autonomie
vieler Frauen. Sie beobachten die Qualität ihrer intimen Beziehungen
weitaus genauer als viele Männer und stellen sie in einen Vergleich der
Möglichkeiten. Die Recodierung der romantischen Liebe verbindet sich
mit dem neuen, seit den 1980er Jahren erheblich intensivierten
Trennungs- und Scheidungsdiskurs. Und auch daran sind Frauen maßgeblich
beteiligt, als sich Trennende, die aus eigenen Erfahrungen sprechen,
als journalistische oder wissenschaftliche Beobachterinnen, als
Psychotherapeutinnen u.a.m. Immer seltener nehmen sie den Verfall einer
intimen Beziehung als unabänderlich und schicksalhaft hin. Im Namen
einer erlebten oder auch nur vorgestellten neuen Liebe, aber auch im
Zeichen gewachsener Skepsis beenden sie Ehen, Lebenspartnerschaften und
Intimbeziehungen, in denen sie nicht mehr zufrieden sind. Und sie
nützen ihre rechtlichen Möglichkeiten und die Eigenlogik des
juristischen Scheidungsverfahrens oft viel besser aus als ihre
(Ex-)Partner. Aus ihren eigenen Erfahrungen in den Ehen und
Lebenspartnerschaften widersprechen sie, implizit und explizit,
dem immer noch patriarchalisch imprägnierten Code der romantischen
Liebe. Bis herauf in die 1970er Jahre sollte er die Frauen dazu
verführen, sich früher oder später ganz in den Dienst eines geliebten
Mannes und der eigenen Kinder zu stellen. Doch auch was unter dem
Postulat einer egalitären Partnerschaft von Mann und Frau ‚Liebe‘ sein
könnte, ist nicht klar und jedenfalls nicht ohne Schwierigkeiten, macht
doch die Idealisierung des romantisch geliebten Partners tendenziell
blind für den Verlust an Autonomie. Dagegen formulieren beruflich
orientierte und gebildete Frauen eine Art Mentalreservation: „Ja, ich
bin dabei, mich zu verlieben, und ich liebe diesen aufgeregten Zustand,
der hoffentlich noch eine Weile anhalten wird. Aber ich bin aufgeklärt
genug, darüber meine beruflichen Interessen und die von mir erreichte
Autonomie nicht aufzugeben.“ Der verschlingende, totale Anspruch auf
den geliebten Anderen gerät in Verdacht, der Restposten einer sonst
weitgehend entlegitimierten Lebensweise nach der Ideologie des
west-christlichen Patriarchats zu sein.
Überblickt man all diese Veränderungen, entsteht der Eindruck, dass es
sich erstmals seit zweihundert Jahren nicht nur um eine weitere
Adaption, sondern um einen Geltungsverlust des romantischen
Liebes-Codes handeln könnte. Die normative Bindung der romantischen
Liebe an das heterosexuelle Paar, an das verheiratete Paar und an das dauerhaft unter einem Dach zusammenlebende
Paar löst sich augenscheinlich auf. Nichteheliche Lebensgemeinschaften
werden in den meisten westlichen Gesellschaften ohne weiteres
akzeptiert. Paare ohne gemeinsamen Haushalt entkräften den Mythos, dass
‚Liebesglück‘ nur unter einem gemeinsamen Dach möglich wäre. Intime
Beziehungen neben einer Ehe oder einer offiziellen Beziehung
sind nicht mehr die gefährliche Ausnahme, sondern fast schon die Regel.
Gleichgeschlechtliche Paare präsentieren sich offener und
selbstbewusster denn je. Sie sind gewiss die Avantgarde der
Sexualpolitik in den letzten Jahrzehnten. Dieser Befund gilt freilich
weit mehr für die großen Städte als für das Land, doch ist das Land
dabei, die Entwicklung in den Städten in erstaunlichem Tempo
nachzuvollziehen. Dort wie da heiligt die romantische Liebe nicht
länger den Zweck, in Ehe, Familie und Häuslichkeit zu gelangen. Auch
wenn das Paar keine Kinder hat oder haben will, wird es als legitime
Lebensform anerkannt. Viele Paarbeziehungen und Ehen werden im Namen
der Liebe eines sich neu bildenden Paares getrennt und geschieden.
Kurz: Liebe wird in ihren möglichen Formen und Bedingungen pluralisiert
und Mann und Frau erleben sie nicht nur einmal, sondern einige Male im
Leben. So gesehen, hat das Konzept Liebe sogar gesiegt – über die Ehe,
über die Monogamie, über die christliche Sexualmoral, und zuletzt auch
über die normative Heterosexualität („Heteronormalität“). Doch wurde es
zugleich auch ‚entzaubert‘. Die alte Hoffnung, dass ‚Liebe‘ ein
sicheres und hinreichendes Gefühlsfundament für eine dauernde
Lebenspartnerschaft oder eine Ehe abgeben könnte, scheint weniger
angemessen denn je. Romantische Liebe hat kein Monopol mehr in der Ehe
oder in der anerkannten Lebenspartnerschaft. Längst wird erfahren und
anerkannt, dass sich Frauen und Männer in ihrem Leben mehrmals
verlieben können. Dass man auch gleichzeitig mehr als einen Menschen
lieben kann, ist zur Zeit erst das Postulat kleiner Minoritäten, doch
seine weitere Verbreitung ist nicht auszuschließen. Seit kurzem werden
wieder, nicht zum ersten Mal, Konzepte diskutiert, die romantische
Liebe aus den Fesseln der Monogamie zu befreien. So wird unter dem
Schlagwort „Polyamory“ behauptet, dass Mann und Frau zwei oder
mehr Menschen zur gleichen Zeit lieben könnten, allerdings nur in
Offenheit und Ehrlichkeit. Damit bricht eine kleine subversive Bewegung
mit dem Postulat der “einen und einzigen” Liebe. „Insbesondere soll das
fatale Vorurteil aufgehoben werden, wonach eine neu entstehende
Beziehung eine alte bestehende Beziehung unbedingt zerstören muss.
Angestrebt wird der Aufbau relativ stabiler Netze von treuen,
verbindlichen Liebesbeziehungen, die sich nicht gegenseitig
ausschließen, sondern unterstützen, und bei denen die Grundlage das
gegenseitige Einverständnis und Vertrauen darstellt“ (10). Es geht also
darum, wie man aus dem „Ehekäfig zum Intimnetzwerk“ (11) gelangen
könnte. Diese kleine Utopie mag an Fehleinschätzungen leiden, etwa was
die Fähigkeit zu Offenheit und Ehrlichkeit in intimen Beziehungen
betrifft. Doch macht auch sie deutlich, dass das Konzept der
romantischen Liebe in Zweifel geraten ist. Romantische Liebe verliert
nach und nach den (typisch romantischen) Ruf, das Natürlichste von der
Welt zu sein. Sie wird zunehmend erkannt als das, was sie freilich
immer war: eine spezielle kulturelle Symbolisierung der Sehnsucht, in
der nächsten Nähe eines Anderen körperlich erregt und sozial geborgen zu sein.
Nach
der bislang erreichten und wohl noch nicht abgeschlossenen
Pluralisierung der legitimen Liebes- und Beziehungsformen ist mit einer
einzigen und dauerhaft festgelegten Moral nicht mehr auszukommen.
Freilich ist Moral für die Regelung allen Zusammenlebens weiterhin
unverzichtbar, doch unterliegt sie einer Entkonventionalisierung. Was
richtig ist und was falsch, müssen die Intimpartner in ihrer aktuellen
Lage aushandeln und vorläufig festlegen. Gunter Schmidt spricht von
„Verhandlungsmoral“ (Schmidt 2004), Volkmar Sigusch von „Konsensmoral“
(Sigusch 2001a). Die Lebensgeschichte des Einzelnen zerfällt zusehends
in verschieden gestaltete Lebensabschnitte. Alte Lebensabschnitte
werden abgeschlossen und neue eröffnet, wenn ein neuer Intimpartner
zentrale Bedeutung erlangt. Die Trennung und das Ende einer intimen
Beziehung erhalten damit eine neue Bewertung. Sie gelten weniger als
ein Scheitern, das ein Leben lang bedauert und betrauert wird, und mehr
als die Eröffnung eines nächsten und neu zu gestaltenden
Lebensabschnitts. Allerdings stellt sich Paaren mit Kindern die nicht
geringe Anforderung, ihre Elternschaft in zwei Haushalten zu
organisieren. Davon wird in den folgenden Kapiteln ausführlich die Rede
sein.
Auch die Frage, wie das Paar seine Intimität, d. h. seine sexuelle
Anziehung, seine umfassende Solidarität und gute Kommunikation bewahren
kann, gewinnt in diesem trennungsfreundlichen Umfeld neue Brisanz.
Entscheidend wird die fortgesetzte, aktive Bezogenheit
aufeinander (Jaeggi 1999). Die intime Beziehung muss fortlaufend
verändert werden, um erhalten zu bleiben. Auch die in sie gesetzten
Ansprüche sind wie alle Ansprüche dynamisch. Dass sich die anfänglich
noch vielfach romantische oder auch skeptisch-romantische Liebe mit der
Zeit in eine Gefährtenliebe verwandeln kann, wird in verschiedenen
Begriffs-Systemen ausgedrückt. So spricht Bernard Murstein von drei
aufeinander folgenden Stadien: Die erste „Stimulus“-Phase sei davon
gekennzeichnet, die aus Liebe eingegangene Beziehung zu stabilisieren
und zu institutionalisieren; in der zweiten Phase verliere die
romantische Liebe an Bedeutung und gemeinsame Werte der Partner (wie
der materielle Wert eines gemeinsamen Haushalts oder der ideelle Wert
einer Elternschaft) und darauf bezogene mittel- und langfristige
Planungen träten in den Vordergrund. Darauf folge eine dritte Phase, in
der die Partner ihre Arbeitsteilung routinisiert haben und sich
aufeinander verlassen können, wozu jedoch weiterhin anhaltende Lern-
und Anpassungsbereitschaft erforderlich ist. Gelingt dies nicht, wird
sich die Qualität der Beziehung vermindern und irgendwann die Option
einer Trennung aktuell (Murstein 1976). Recht ähnlich spricht die
Soziologin Constantina Safilios-Rothschild von der Anforderung, die
romantische Liebe im Lauf der Jahre in eine „reifere Beziehung“ zu
verwandeln, was zunehmend mehr Gestaltungswillen der Akteure
erforderlich mache (Safilios-Rothschild 1977). Diese frühen, explizit
handlungstheoretischen Modelle, die im Unterschied zu noch älteren
soziologischen Modellen (wie der wheel-theory (12) von Ira L.
Reiss, 1960) keinerlei innere Gesetzlichkeit der Liebe und somit auch
kein quasi natürliches Ablaufdatum mehr unterstellen, scheinen heute im
Licht der Individualisierungs-Theorie immer noch plausibel.
Individualisierung der intimen Beziehung bedeutet nichts anderes als
die zunehmend erforderliche Gestaltung der Beziehung durch eigenes und
selbstverantwortetes Handeln der Partner. Die Häufigkeit der Trennungen
und Scheidungen ist in dieser Sicht weder Ausdruck eines
schicksalhaften Misslingens noch einer sozialkulturellen
‚Fehlkonstruktion‘. Sie indiziert vielmehr die in einem Teil der Fälle
nicht hinreichend gelingende Gestaltung und fortlaufende Umgestaltung der intimen Beziehungen in Ehen und Lebenspartnerschaften bei einem dynamisierten Maßstab für deren Qualität.
Woran messen die Partner die Qualität ihrer sexuell-erotischen,
sozial-solidarischen, kommunikativen Bezogenheit? Wie in anderen
Lebensbereichen sind die Kriterien keineswegs beliebig, aber deutlich
vielfältiger geworden. So kommt es in der westlichen Gesellschaft zu
einer Gemengelage von verschiedenen Motiven und ideologischen
Elementen. Die Liebe bzw. die liebevolle Intimbeziehung werden offen codiert, sodass
ein sich veränderndes Spiel des Paares mit Motiven historisch
ungleichzeitig entstandener Codes möglich wird. Dieses rückbezügliche
Spiel mit heterogenen Elementen bei wachsender Bewusstheit des Vorgangs
(Reflexivität) kann in einer Analogie zu Architektur, Philosophie und
Literatur (Welsch 1991) eine postmoderne Codierung genannt werden.
Die zunehmend offene Codierung erhöht den Druck zur
selbstverantwortlichen Gestaltung. Sie erfordert, den gewonnenen
Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsspielraum erfolgreich zu nutzen.
Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, am eigenen Anspruch zu scheitern.
Doch was ist ein Scheitern und was ist eine erfolgreiche Neu- oder
Umgestaltung des eigenen Lebens? Gilt der Abbruch einer unglücklichen
oder auch nur unbefriedigenden Intimbeziehung inzwischen nicht in
ähnlicher Weise als ein erfolgreiches Lebensmanagement wie der gut
überlegte Wechsel des Arbeitsplatzes? Tatsächlich ‚surfen‘ immer mehr
Männer und Frauen zwischen verschiedenen Beziehungsformen: zwischen der
romantischen Lust, sich zu verlieben und der ironischen Distanz zu
einem solchen Triumpf des Gefühls, zwischen monogamen Phasen und
peripheren sexuellen Begegnungen, zwischen hetero- und homosexuellen
Lieben, zwischen dem temporären Rückzug in die Enthaltsamkeit und
permissivem Urlaubs-Sex, zwischen der ernsthaften Anstrengung, einer
intimen Beziehung mit therapeutischer Arbeit mehr Stabilität zu
verleihen, und der kurzen Affäre eines Sommers.
Was moralisch, ethisch oder auch geschlechter- und familienpolitisch
richtig ist, wird von den Akteuren nicht gänzlich autonom ausgehandelt.
Sie nehmen dabei auf hegemoniale Diskurse Bezug. Seit den 1970er Jahren
opponieren einander im europäisch-nordamerikanischen Westen zumindest
drei mächtige Diskurse: Erstens der schon ältere Diskurs um
‚Patriarchat und Mutterschaft‘ mit der expliziten Anforderung an die
Frau, sich „für die Familie“ aufzuopfern und an den Mann, alles für
seine Frau und seine Kinder zu leisten. Zweitens der jüngere, seit den
1970er Jahren geführte Diskurs um Partnerschaft und Gleichberechtigung
der Frau mit der ausdrücklichen Anforderung an Frauen, sich aus dem
Patriarchat „zu emanzipieren“ und an Männer, diese Emanzipation aktiv
zu fördern und sich als Väter und im Haushalt zu engagieren. Drittens
der in den 1970er Jahren in Westeuropa (gegenüber den USA verspätet)
begonnene Diskurs einer fordistischen Arbeits- und Konsummoral mit der
Anforderung, sich physisch und psychisch fit zu halten für den Konsum
und den Arbeitsprozess. Die allermeisten Lebens- und Liebesgeschichten
sind in dieser diskursiven Triangel aufgespreizt. Und viele scheitern
daran, ihr Beziehungsleben an den Normen und Motiven dieser drei sich
zum Teil widersprechenden Diskurse zu orientieren.
Drei Haupttypen der dauerhaften Intimbeziehung können für westliche
Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten unterschieden werden:
Erstens, strikte Monogamie
mit dem höchstmöglichen Grad an Institutionalisierung: mit weltlichem
Trauschein und kirchlichem Segen, gemeinsamem Haushalt und Vermögen,
absolutem Treuegebot, hoher materieller und sozialer Abhängigkeit der
Frau vom Ehemann. Strikte Monogamie zeigt im 20. Jahrhundert,
verglichen mit dem Jahrhundert zuvor, zwar deutlich gemäßigte, aber
immer noch unverkennbar westlich-patriarchale Züge: Der Mann
repräsentiert die Familie nach außen und sichert den Unterhalt ‚seiner‘
Angehörigen. Die Frau wird vom Vermögen und Lohneinkommen des Mannes
abhängig. Dieser Typus der Intimbeziehung ist weniger
‚individualisiert‘ als andere, vor allem was den Lebensentwurf und die
Handlungsautonomie der Frau betrifft, die sich aus ihrer Bezogenheit
auf den Ehemann und die Kinder entwirft und diszipliniert.
Zweitens, die monogame Ehe oder Lebenspartnerschaft mit heimlichen Nebenbeziehungen und kurzen Sexualaffären.
Dieser Typus wird überaus variantenreich realisiert. Fast alle
Fallstudien, die ich im Folgenden vorstellen werde, sind vor der
Trennung des Paares durch eine ‚durchbrochene‘ Monogamie
charakterisiert. Viel Energie fließt hier in Täuschung und Tarnung und
doch besteht immer die Gefahr entdeckt zu werden, was dann auch der
Anlass, selten aber die ‚tiefere‘ Ursache der Trennung ist. Einiges
deutet darauf hin, dass die Abfolge von Erfahrungen aus mehreren
Lebens(abschnitts)partnerschaften oder Ehen die Skepsis gegenüber
romantischer Liebe erhöht. Doch bedeutet dies nicht die völlige Aufgabe
des Konzepts, sondern führt einerseits zu ‚Basteleien‘ an und zwischen
den Codes, und andererseits zur rückblickenden Um- und Abwertung
früherer Partnerschaften und Ehen (s.u. Kapitel 10.5.5.1).
Drittens können schwach institutionalisierte Intimbeziehungen
unterschieden werden. Sie sind im Jugendalter typisch, in Schüler-,
Studenten- und Lehrlingsmilieus. Wir finden sie auch immer öfter nach
dem Scheitern von festen Beziehungen und nach Trennungen und
Scheidungen. ‚Schwach institutionalisiert‘ meint, dass eine
zivilrechtliche Bindung (wie die Verheiratung) und vertraglich
geregelte Besitzgemeinschaft bzw. Gütertrennung fehlen. Eventuell wohnt
das Paar gar nicht dauerhaft unter einem gemeinsamen Dach, weil einer
der Partner auch in einer anderen Ehe oder Lebensgemeinschaft lebt,
oder weil die Partner ihre Wohnungen nicht aufgeben wollen. Die Partner
verabreden sich immer aufs Neue. Das bietet ihnen die Möglichkeit,
Phasen des Zusammenlebens mit Phasen des Alleinlebens abzuwechseln (living apart together).
So hoffen sie, den Verschleiß der Beziehung hinauszögern oder
verhindern zu können. Zu diesem Typus zähle ich auch Intimbeziehungen,
in denen sexuelle Treue und Exklusivität nicht beansprucht werden.
Schließlich können ihm auch die Intimbeziehungen von Frauen zugerechnet
werden, die nach Trennung und Scheidung zwar einen oder auch mehrere
Intimpartner haben, diese jedoch nicht in den Alltag der Folgefamilie
(und in das Zusammenleben mit ihren Kindern) integrieren. Wie eine
Fallstudie (Kapitel 7) zeigen wird, setzt dies patriarchale Motive
weitgehend außer Kraft und ermöglicht der Frau ein ‚postmodernes‘ Spiel
mit Nähe und Ferne des Intimpartners.
Romantische Liebe in ihren emphatischen wie in ihren
ironisch-skeptischen Versionen ist in eine prekäre Lage zwischen dem
Wunsch nach Autonomie und der Sehnsucht nach Gemeinsamkeit und
Geborgenheit geraten. Das häufige Ende von Ehen und
Lebensgemeinschaften macht die Fragilität romantischer Liebe
unübersehbar. Es erhöht auch die individuell und kollektiv zu tragenden
Folgekosten. Eine neue Kompetenz ist gefragt: die Fähigkeit, Trennung
und Scheidung so zu gestalten, dass niemand dauerhaft zu Schaden kommt.
Folgt auf die Illusion vom dauerhaft und allseits glücklichen Eheleben
die Illusion von der glückenden Trennung? Davon wird in den folgenden
Kapiteln die Rede sein.
Anmerkungen:
(1)
Eine genauere Analyse in Sieder 2004b: 95 ff.; die kulturelle und
biopolitische Verwaltung der Differenz von Code, Diskurs, Norm und
Gesetz lässt sich auch an der hohen Zahl außerehelich geborener Kinder
in alpinen Regionen studieren, s. Mitterauer 1979.
(2) Entgegen der Auffassung Luhmanns (1984: 334), der Körper wäre nur
Gegenstand der Kommunikation im sozialen System, ist also festzuhalten:
Der Körper ist in den Face-to-face-Kommunikationen ein Medium der
Kommunikation. Alle Interaktionen sind hier an wechselseitige
Leiblichkeit („Zwischenleiblichkeit“ nannte es Merleau-Ponty, s.
Merleau-Ponty 1966) gebunden. Alfred Schütz fasste dies im Zusammenhang
seiner Phänomenologie der für den Akteur fraglos gegebenen Lebenswelt
folgendermaßen: „Zu allererst gibt es einen privilegierten Gegenstand
in dieser Welt, der zu jedem Augenblick meines bewußten Lebens präsent,
wenn nicht appräsentiert ist: nämlich mein Leib. (…) Ich bin mein Leib
(…) Mein Leib ist die Form, in der mein Selbst sich in der Außenwelt
manifestiert.“ (Schütz 1971: 213 f.)
(3) Mündliche Mitteilung von Dr. med. Andrea Olinovec.
(4) Die hier entworfenen Konzepte einer ‚sozialistischen Erziehung‘ in
den Kindergärten, Horten und Tagesheimen, in den Kinder- und
Jugendgruppen der „Kinderfreunde“, der „Roten Falken“ und der „SAJ“
etc. sind vor allem der Zeitschrift „Die Sozialistische Erziehung.
Reichsorgan des Arbeitervereines ‚Kinderfreunde‘ für Österreich“, 15.
Mai 1921 ff., zu entnehmen.
(5) Otto Felix Kanitz, Leiter der Schule für sozialistische Erzieherinnen, s. Kottlan-Werner 1982.
(6) Beispielsweise in Arthur Schnitzlers Komödie „Reigen. Zehn Dialoge“
(1896/97) oder in dem satirischen Roman „Fabian. Die Geschichte eines
Moralisten“, von Erich Kästner (1931), München 1989 (dtv), eine der
brillantesten Satiren auf die Krise des Ehe- und Beziehungslebens im
Berlin der 1920er und 1930er Jahre.
(7) Aus dem einzigen „Einküchenhaus“, das in Wien errichtet wurde,
berichten ehemalige Bewohner, dass einige der MieterInnen mit Formen
des „Partnertauschs“ experimentiert hätten, Sieder 2008.
(8) Diese psychoanalytische These setzt voraus, dass jeder Mensch einem
Trauma ausgesetzt wird, das sich aus der Wahrnehmung der
Geschlechterdifferenz ergibt, also aus der Empörung, dass ein Mann
nicht auch eine Frau, eine Frau nicht auch ein Mann sein kann. Genau
dies werde durch diverse Neosexualitäten (transgender u. a.) in Abrede
gestellt. Die Geschlechterdifferenz habe in allen Kulturen vielfältige
Abwehr-, Ersatzbefriedigungs- und Reparaturvorgänge zur Folge, die auch
den Umgang mit äußeren und inneren Objekten mit bestimmen. Die These,
dass in rezenten westlichen Gesellschaften – noch außerhalb des
Pathologischen – eine Verschiebung von der „Normalneurose“ zur
„Normalperversion“ stattfinde, behauptet eine Veränderung im Modus der
Abwehr: ein perverser Modus der Abwehr trete an die Stelle eines
neurotischen. Beide Abwehrformen seien zwar immer schon vorhanden
gewesen (Freud 1938), doch habe der perverse sichtbar zugenommen
(Oberlehner 2005). Kritisch dazu Robert Pfaller 2005.
(9) Der Philosoph Slavoj Žižek dazu in einem Essay zum Film „Matrix“:
„Der enge Zusammenhang von Perversion und Cyberspace ist heute ein
Gemeinplatz. Perversion kann als Verteidigung gegen das Motiv ‚Tod und
Sexualität‘ verstanden werden, gegen die Gefahr der Sterblichkeit
ebenso wie gegen die zufällige Verhängung sexueller Unterschiede. Der
Perverse schafft sich eine Welt, in der, wie in Cartoons, ein Mensch
jegliche Katastrophe überleben kann, in der die erwachsene Sexualität
zu einem kindlichen Spiel reduziert worden ist; in der niemand
gezwungen ist, zu sterben oder zwischen den beiden Geschlechtern zu
wählen. So gesehen ist die Welt des Perversen eine Welt der reinen
symbolischen Ordnung, in der das Spiel des Signifikanten seinen Lauf
nimmt, ungehindert durch die Realität menschlicher Begrenztheit. Der
einen Betrachtungsweise nach scheint unsere Erfahrung von Cyberspace
perfekt dazu zu passen: Ist nicht auch der Cyberspace eine Welt, die
nicht durch die Trägheit des Realen eingeschränkt und nur durch
selbstgesetzte Regeln bestimmt wird? Und verhält es sich nicht ebenso
mit der Virtuellen Realität in ‚Matrix Die ‚Wirklichkeit‘, in der wir
leben, verliert ihren unerbittlichen Charakter, sie wird ein Bereich
der willkürlichen (von der Matrix erlassenen) Regeln, die man mit
ausreichend starker Willenskraft jedoch verletzen kann… Was allerdings
diese Standardinterpretation nicht in Betracht zieht, ist gemäß Lacan
die einzigartige Beziehung zwischen dem großen Anderen (der virtuellen
symbolischen Ordnung, welche die Welt für uns strukturiert, RS) und dem
Genuß der Perversion. Hier liegt der Schlüssel zum richtigen
Verständnis von Matrix: in seiner Gegenüberstellung von zwei Aspekten
der Perversion. Einerseits die Reduzierung von Wirklichkeit zu einem
virtuellen Reich, bestimmt durch willkürliche, aber verletzbare Regeln;
andererseits die versteckte Wahrheit dieser Freiheit, die Reduzierung
des Subjekts zu vollkommen instrumentalisierter Passivität.“ (Žižek
2006)
(10) www.polyamory.at
(11) Michael Schmidt-Salomon, Vom Ehekäfig zum Intimnetzwerk?
Anmerkungen zur Politik der Geschlechter, in. Aufklärung und Kritik 2
(2001), auch http://www.polyamory.at/de/index.html , Zugriff 02.04.2004
(12) Die wheel-theory unterstellte – auch deshalb die Metapher des
Rades – einen gleichsam unvermeidlichen Ablauf jedweder Intimbeziehung
in vier Stadien oder Stufen: ‚rapport’ (enges Verhältnis, Harmonie),
‚self-revelation’ (Selbst-Offenbarung), ‚mutual dependency’
(wechselseitige Abhängigkeit) und ‚personality need fulfillment’
(Erfüllung persönlicher Bedürfnisse); die Laufrichtung dieses ‚Rades’
könne sich auch umkehren und dies würde das Ende der intimen Beziehung
bedeuten.
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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlages
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