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systemagazin special: "Das erste Mal"
Jürgen Hargens: Angefangen hat es als Idee während der Arbeitslosigkeit

Lang, lang ist’s her, kann ich nur sagen. Es ist deshalb eine Geschichte. Und zwar eine, die eine ziemliche Zeit umfasst. Mein Studium schloss ich 1971 ab. Und, wie ich heute sagen kann, mit relativ wenig praktischem Wissen. Statistik, Theorie und – außerhalb der regulären Angebote der Uni – ein paar Grundkurse in klientenzentrierter Gesprächspsychotherapie, die gerade neu an die Uni kam und begeistert aufgenommen wurde, weil sie das Versprechen gab, praktische Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen…
So gesehen, war ich auf meinen ersten Job nicht besonders vorbereitet – die Stelle eines Diplom-Psychologen in der öffentlichen Ersatzerziehung, damals freiwillige Erziehungshilfe (FEH), die ein freier Träger durchführte. Meine Zuständigkeit erstreckte sich mit jeweils einer halben Stelle auf ein Wohnheim für Mädchen und eines für Jungen. Die Aufgaben waren nicht sehr klar definiert, denn die Stelle war erst neu geschaffen worden. Also machte ich das, von dem ich dachte, ein Psychologe macht das: ich schaffte Testmaterial an, das ich dann allerdings, wie sich später zeigte, so gut wie nie benutzen würde.
Die Arbeit drehte sich um andere, handfeste Dinge – wie sollten Erzieher und Erzieherinnen sich verhalten, wie „erziehen“, wie Dienstpläne entwickeln, wie mit den Jugendlichen der Umgebung, die ins Heim kamen, umgehen und und und?
Ich war darauf nicht vorbereitet, und so blieb mir kaum etwas anderes übrig als an, in und durch die Praxis zu lernen. Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von den Mädchen und Jungen, einfach von allem und jedem, was sich anbot.
Das führte weniger zu einer therapeutischen Praxis als zu einer kontinuierlichen Reflexion dessen, was geschah und zwar immer in hautnahem Kontakt mit der „sozialen Wirklichkeit“ – Schule schwänzen, Abhauen, Polizei, Nachbarschaft, Jugendamt.
Genau das war mein Lernfeld – und was ich lernte, war spannend, interessant und hilfreich, auch wenn ich damals keine klare Vorstellung davon hatte.
Ein zweiter „Sprung in die Praxis“ war eine Lehrerausbildung, ein Referendariat, das ich durchlief und abschloss.
Und da aller guten Dinge drei sind – eine längere Zeit der Arbeitslosigkeit führte mich wieder dahin zurück, Ideen zu entwickeln, Nischen zu (er-)finden und an, in und durch die Praxis zu lernen.
„Klassisch therapeutisch“ hatte ich in all dieser Zeit nicht gearbeitet, so dass sich die Eröffnung der eigenen Praxis dementsprechend anschloss.
Dies alles legte die Basis, irgendwie das Zutrauen, „es zu schaffen“. Und dann kam es: das erste Mal „richtig therapeutisch“… ist meist nur eine Erinnerung, von der ich heute nach über 25 Jahren keine unmittelbaren Bilder mehr habe. Es handelt sich also um (m)eine Geschichte, wie ich „mehr und mehr“ gelernt habe, mich im systemischen und dann im lösungsorientierten und heute im ressourcenorientierten Bereich zu orientieren.
Angefangen hat es als Idee während der Arbeitslosigkeit. Ein Kollege und ich hatten in den siebziger Jahren WATZLAWICKs Menschliche Kommunikation sowie Lösungen gelesen und dann das Buch der von ihm erwähnten SELVINI-PALAZZOLI Paradoxon und Gegenparadoxon.
Ich meine mich zu erinnern, dass SELVINIs Buch uns nicht nur begeisterte, sondern uns überaus „natürlich“ vorkam – gewissermaßen die einzige Art zu arbeiten. Wir waren fasziniert und gingen einfach daran, unsere Faszination umzusetzen.
Ich eröffnete meine Praxis im Jahre 1979 – zunächst als einen Kleinstbetrieb mit zwei Tagen Öffnungszeit – und wir suchten Kontakt zu Familien, um mit ihnen so zu arbeiten.
Drei Dinge waren in meiner Erinnerung hilfreich und nützlich:
  1. Da es zu jener Zeit keine Vorbilder (und keine Ausbildungen) gab, waren wir auf uns angewiesen. Also experimentierten wir, um uns unserem Vorbild SELVINI anzunähern. Wir nahmen jede Sitzung auf Tonband auf und hörten sie anschließend ab. Dies dauerte oft länger als die Sitzung. Wir wollten immer das herausarbeiten, was SELVINI als „positive Konnotation des Symptoms“ beschrieb – wie trug jedes Familienmitglied zum Erhalt des Systems bei?
  2. Wir arbeiteten konsequent zu zweit und folgten dem Format mit der Beratungspause. Das gab uns Zeit und schuf irgendwie Sicherheit. Es war leichter, sich auf die Unsicherheiten der Arbeit einzulassen, da wir nicht allein waren, sondern immer die Unterstützung eines Kollegen hatten.
  3. In unserer Region gab es zwar Interesse an der Familientherapie, auch die systemische Familientherapie war im Gespräch, doch war das Ganze relativ fremd und ungewohnt, so dass wir in unserem Enthusiasmus des öfteren Stellung beziehen mussten, was wir wieso auf solche Weise taten. Das half, den eigenen Standort zu präzisieren.
Was weiter half, waren Kontakte über das unmittelbare Umfeld hinaus. Wir waren neugierig und kontaktierten deshalb KollegInnen, deren Adressen wir ausfindig machen konnten. Einige reagierten, andere nicht und so lernten wir etwas über die „Gemeinschaft der SystemikerInnen.“
Was folgt für mich daraus – aus heutiger Sicht:
Die anfangs oft ermüdende und kleinlich wirkende Nachbereitung jeder Sitzung mit dem Fokus darauf, die – oder überhaupt eine – positive Konnotation zu erarbeiten, zeigte Wirkung, indem sie uns half, eine immer stärker wertschätzende Perspektive zu verinnerlichen. Das war nicht immer einfach.
Die relative Isolation half uns, uns klarer über das zu werden, was wir weshalb taten und führte uns dazu, unseren Blick zu erweitern, indem wir nach Leuten suchten, die auch so arbeiteten. Kongresse, Workshops, Korrespondenz und Gespräche bestärkten uns darin, unseren Weg weiterzugehen. Nicht die eher kleinliche und einschränkende Diskussion, was denn „wirklich richtig“ ist, lief ab, sondern die Ermunterung „weiter so“. Insbesondere die offene und unterstützende Reaktion ausländischer Kollegen und Kolleginnen, die wir nur aus der Literatur kannten, tat einfach gut. Das war eine persönliche Erfahrung, was positive Resonanz und Wertschätzung bewirken kann.
So entwickelten wir uns gemeinsam (ganz wichtig!) über die Praxis und über die Reflexion über die Praxis. Es ging uns darum, unsere Neugier aufrechtzuerhalten – uns faszinierte der Ansatz und wir bemühten uns, ihn umzusetzen, egal, was die Familien taten.
Das war anfangs harte und sehr schwere Arbeit. Wir fragten nicht nach Fehlern, sondern orientierten uns an dem, was die Familien taten und uns sagten, wie daran, in welcher Weise wir von anderen lernen konnten und wie andere uns unterstützten.
Diese Begeisterung der ersten Jahre hat es uns ermöglicht, immer wieder so weiterzumachen. Und sie hat sich ausgezahlt – auch wenn heute vieles von dem, was damals neu und ungewöhnlich war, einfach zum Alltag und zum beinahe Selbstverständlichen gehört.
Die Arbeit zu zweit, das Miteinander-Ringen, um Positives zu erkennen, die Ermunterung von KollegInnen und die Disziplin, die eigenen Sitzungen konsequent nachzuarbeiten waren und sind für mich das, was geholfen hat, die Lehrzeit durchzustehen und durchzuhalten.
Nur – heute ist der Stand der Kunst ein ziemlich anderer:
Der psychotherapeutische Bereich ist nicht zuletzt durch das Psychotherapeutengesetz geregelt; Raum zum verantwortungsvollen Experimentieren wird kaum eingeräumt; die Finanzen drücken und beschränken das Mögliche. Anders gesagt, der Weg, den ich gegangen bin, ist heute so (und darauf liegt meine Betonung) kaum nachzugehen. Und dennoch oder gerade deshalb möchte ich eine Lehre daraus ziehen – (a) den Mut zu haben, sich und Dinge auszuprobieren, (b) verantwortungsbewusst, mit der Möglichkeit der solidarisch-konstruktiven Reflexion Dinge infragezustellen, zu hinterfragen und abzuklopfen und (c) neugierig und respektvoll mit KundInnen zu interagieren.



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