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Neuvorstellung zur Übersicht
10.05.2012
Adrienne Harris & Steven Botticelli (Hrsg.): First Do No Harm. The Paradoxical Encounters of Psychoanalysis, Warmaking, and Resistance
Harris Botticelli: First Do No Harm Routledge, New York/London 2010

393 S., broschiert

Sprache: Englisch

Preis: 33,99 €

ISBN-10: 041599649X
ISBN-13: 978-0415996495
Verlag Routledge





Michael B. Buchholz, Göttingen:

Adrienne Harris und Steven Botticelli haben 2010 ein Buch heraus gebracht, dessen Titel mitten ins klinische Herz trifft: „First Do No Harm". Der Untertitel macht jedoch sofort noch eine andere Dimension klar: „The Paradoxical Encounters of Psychoanalysis, Warmaking, and Resistance".

Da ist nicht nur das klinische Herz getroffen, sondern auch das politische. Widerstand gegen Kriegstreiberei, darum geht es ebenso wie um die heilende Hilfe bei der Verarbeitung von Kriegsfolgen. Die beiden Herausgeber sind in der amerikanischen Psychoanalyse als Vertreter der relationalen Richtung wohl bekannt und geschätzt. Sie laden ein, mit dem zwischen klinischer und politischer Verwendung schillernden Begriff des „Widerstands" etwas zu spielen. Aber was man dann zu lesen bekommt, ist wahrlich kein Spiel, sondern es sind Berichte von großem Ernst und vom Einsatz mit sehr viel Mut. Und mit einer großen integrativen Kraft; nicht nur Vertreter aller psychoanalytischen Richtungen haben Beiträge geliefert, sondern auch französische Autorinnen und Autoren.

Dass man „wenigstens nicht schaden" solle, war die einst selbstverständliche Maxime ärztlichen Handelns, an die Helmut Thomä in der lateinischen Fassung des nil nocere verschiedentlich erinnert hat. Das Buch besteht aus 4 großen Teilen: „Psychoanalysis and antiwar work: Healing", „The paradox: Psychology‘s militarism", „War and militarism deconstructed" – der vierte Teil heißt einfach „Resistance". Wie kann man im politischen Feld Widerstand leisten auf eine politische Weise? Wie verknüpfen sich psychoanalytische Bedeutungen von Widerstand mit einer politischen? Was bedeuten solche überlegungen in der konkreten amerikanischen Politik? Welche seelischen Beschädigungen resultieren aus politischer Widerständigkeit? Man merkt sofort, hier schreiben Psychoanalytiker, die sich keineswegs am Rande sehen. Sie greifen ein und geraten sofort ins Zentrum. Was sie dort entdecken und mitteilen, ist teils wirklich schockierend!

Ich lese mich fest an dem Beitrag von Stephen Soldz „Psychologists defying torture: The challenge and the path ahead". Sein Ausgangspunkt ist die sichere und mittlerweile unumstrittene Feststellung, dass die Autorisierung, bei Gefangenen in Guantanamo und andernorts Folter zu erlauben, aus dem Zentrum des Weißen Hauses kam.

Diese Entscheidungen verstießen und verstoßen nicht nur klar gegen völkerrechtliche Vereinbarungen der UN, sie verstoßen auch gegen ethische Codices der APA, der „American Psychological Association". Mit dieser Abkürzung ist also nicht die „psychoanalytical association" gemeint. Aber die APA hat einen Unterverband, in dem die Psychoanalytiker sich organisiert haben.

„As information about this policy and its implementation has gradually emerged, it became clear that military and Central Intelligence Agency (CIA) psychologists played central roles in the development and implementation of these abusive tactics" (S. 67).

Mir bleibt das Herz stehen: Die immer mehr durchsickernden Informationen über die Politik des Weißen Hauses haben klar erkennen lassen, dass bei der CIA angestellte Psychologen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Implementierung solcher missbräuchlichen Taktiken gespielt haben! Soldz schreibt weiter:

„Simultaneously, the American Psychological Association (APA), while publicly opposing torture, took extraordinary measures to encourage and protect psychologist involvement in U.S. national security interrogations at the sites where abuses were rampant" (ebd.)

Während die APA also öffentlich gegen Folter Stellung nahm, wurden zugleich außergewöhnliche Maßnahmen zur Ermutigung und zum Schutz von Psychologen ergriffen, die bei "Sicherheitsbefragungen" involviert waren, wobei der Missbrauch steil anstieg. Gegen diese fürchterliche Nachricht vom Reden mit gespaltener Zunge entwickelten sich in der APA Widerstandsbewegungen, die der „pro-interrogations policy" einen Riegel vorschieben wollten; „prointerrogation" bezeichnet diejenige politische Seite, die für „peinliche" Befragungen war, wie das zu Inquisitionszeiten hieß. Welche Belege gibt es für die Beteiligung von Psychologen an den entsprechenden Programmen?

Soldz listet die Belege auf; sie reichen von der Errichtung geheimer Gefängnisse über Guantanamo zu den Befragungen in Afghanistan und während des Irakkrieges, von den taktischen Befragungen während militärischer Operationen durch niedere, unausgebildete Militärränge über die Verschleppung einzelner Personen bis zu den Kooperationen der Geheimdienste verschiedener Länder. Wer in Deutschland regelmäßig Zeitung liest, weiß darüber natürlich Bescheid.

Was man nicht weiß, ist die Beteiligung von Psychologen und Psychiatern. Unter Hinweis auf zahlreiche Quellen nennt Soldz Namen. Ein Team von Befragern in einem Geheimgefängnis der CIA ist vom Psychologen James Mitchell (S. 70) geleitet worden und dessen Kollege Bruce Jessen war Psychologe des militärischen SEREProgramms (Survival, Evasion, Resistance and Escape). Diese beiden supervidierten zahlreiche Befragungen und stützten sich dabei auf die Theorie der erlernten Hilflosigkeit des früheren Vorsitzenden der APA, Martin Seligman (S. 71). Sie alle wurden von der CIA an die Marineschule des SERE-Programms eingeladen, Seligman soll bestritten haben, etwas vom Anlass dieser Einladungen gewusst zu haben.

Es ging um die Entwicklung von „Befragungsmethoden", die keine Spuren hinterlassen. Dazu gehören totale Isolation über einen Zeitraum von bis zu 4 Monaten, wobei der Gefangene nur maskierte Wärter zu sehen bekommt, die kein Wort mit ihm sprechen; es geht um Praktiken des Schlafentzugs, was ein schönfärberischer Ausdruck ist, denn der Gefangene steht auf Zehenspitzen, während seine Hände hoch über ihm aufgehängt sind. Jeder Versuch sich zu entspannen und sich fallen zu lassen, erhöht den Schmerz in Armen, Schultern und Handgelenken unerträglich – und dies über mehrere Tage. War von Gefangenen bekannt, dass sie unter phobischen Zuständen litten, versuchte man das auszunutzen, gab Fehlinformation etwa von der Art, seine Familie habe ihn vergessen – alles mit dem Ziel, seine psychosoziale Abhängigkeit vom Befrager zu erhöhen. Der 2008 für Ethikfragen zuständige Direktor der APA, Stephen Behnke bezeichnete öffentlich die mittlerweile vorliegenden Berichte als Beleg dafür, dass die eingesetzten Psychologen dem Missbrauch wehrten, während in den Berichten vom genauen Gegenteil die Rede war; Psychologen waren an der Entwicklung solcher „Befragungsmethoden" führend beteiligt.

Als ich als Schüler noch im Zuhörerraum des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses saß, verteidigten sich einige der Angeklagten, indem sie behaupteten, bei der Selektion an der Rampe hätten sie geradezu Leben gerettet, indem sie nämlich verhinderten hätten, dass auch diese Menschen gleich ins Gas geschickt wurden. Genau diese befremdliche Selbstverteidigungslogik begegnet also hier nun auch wieder. Während die Psychologen aktiv an der Entwicklung von „Befragungsmethoden" beteiligt waren, wird offiziell verkündet, sie hätten dem Schlimmsten gewehrt. Schon seltsam, wie sich diese Dinge ähneln.

Während die Vereinigung der amerikanischen Psychiater und die AMA (American Medical Association) sich vollkommen klar, und vor allem sehr rasch gegen Beteiligungen ihrer Mitglieder an solchen Praktiken aussprach, weil sie die Rolle des Arztes als Heiler unterminiere, reagierte die APA anders:

„The American Psychological Association (APA), in contrast, initiated a process to protect the involvement of psychologists in interrogations at Guantanamo and elsewhere. APA officials appointed a Presidential Task Force on Psychological Ethics and National Security (PENS Taskforce), allegedly to examine whether participation in national security interrogations was ethical" (S. 75).

Das ist jetzt also die neue Strategie: die Psychologen wurden, so heißt es offiziell, beteiligt, um zu prüfen, ob ihre Beteiligung an nationalen Sicherheitsbefragungen „ethisch" sei. Dazu wurde eine Arbeitsgruppe gegründet zu Klärung der Frage, ob die Teilnahme von APA-Psychologen ethisch vertretbar sei oder nicht. Die Zusammensetzung dieser Arbeitsgruppe spricht Bände. Von den 10 Mitgliedern waren 6 aus dem Kreis der „military intelligence", 5 von ihnen hatten sich bereits an den Praktiken in Guantanamo oder andernorts beteiligt. Einer war ein APA-Offizieller, dessen Frau sich an den Guantanamo-Befragungen beteiligt hatte usw. Der „Do No Harm"-Standard wurde, kein Wunder, von einem solcherart besetzten Komitee schlichtweg aufgegeben. Keine einzige der ethischen Fragen wurde geklärt, vielmehr gab ein militärischer Offizieller schlankweg zu, dass es sich natürlich um einen „legitimization process" handele!

Aber mehr als erstaunlich waren die Worte von Gerald Koocher, der als nächster APAPresident gewählt werden sollte. Er, Verfasser von Texten über psychologische Ethik und Herausgeber einer Zeitschrift Ethics & Behavior, schrieb an die Mitglieder der PENS-taskforce in einer bekannt gewordenen Email, in diesem Fall hätten Psychologen es nicht mit Klienten im gewöhnlichen Sinne zu tu, sondern Klient sei die Administration der Regierung, die daran arbeite, Schaden von anderen, „innocent people" abzuwenden. Dann heißt es in dieser Email weiter:

„The goal of such psychologists work will ultimately be the protection of others (i.e. innocents) by contributing to the incarceration, debilitation, or even death of the potential perpetrator, who will often remain unaware of the psychologists‘ involvement" (S. 76).

Das ist ein Hammer! Die Aufgabe der sich an solchen „Befragungen" beteiligenden Psychologen sei letztlich der Schutz unschuldiger Anderer – durch Einkerkerung, Schwächung und sogar Tod potentieller Täter, die oft von der Rolle der Psychologen nichts ahnen. Niemand der Task Force widersprach dem, es gab keine Diskussion darüber. Die offizielle Stellungnahme der APA aber blieb dabei, dass es die Aufgabe der teilnehmenden Psychologen sei, die Beachtung ethischer Standards zu gewährleisten (S. 79).

Gegen diese Politik formierte sich innerhalb der APA erheblicher Protest, einige gaben verliehene Auszeichnungen zurück. Am Protest waren Psychoanalytiker wie Neil Altman, Steven Reissner und natürlich Stephen Soldz selbst beteiligt. Ein entsprechendes Referendum konnte schließlich durchgesetzt werden. Aber das war auch deshalb möglich, schreibt Soldz, weil eben die ganze Welt mittlerweile das Ende der Bush-Regierung sah und überall die extreme Fragwürdigkeit und ethische Verwerflichkeit der von ihr eingesetzten Praktiken erkannte. Obwohl dieser ganze negative Prozess von Persönlichkeiten wie Gerald Koocher vorangetrieben worden war, zu deren Spezialgebieten Ethikfragen gehörten, bot die Beschäftigung damit keinerlei Gewähr, dass auch unter ethischen Perspektiven entschieden wurde. „The Dark Side Remains" beschließt Soldz deshalb etwas resigniert seinen Beitrag. Obwohl Psychologen die Milgram-Experimente kennen sollten, scheinen sie von der Möglichkeit, selbst zu Komplizen zu werden, wenn nur ein mächtiger Versuchsleiter, nämlich die Bush-Administration, entsprechendes verlangt und/oder dafür bezahlt, ahnungslos überrascht worden zu sein. Vielleicht ein Beispiel dafür, welche Dimensionen es annehmen könnte, wenn Psychoanalytiker ein Reflexiv-Werden der Psychologie fordern.

Der Beitrag von Steven Reissner „From resistance to resistance. Narrative of psychoanalytic activism“ setzt direkt den von Soldz fort. Er geht davon aus, dass er gerade als Psychoanalytiker die bislang bekannt gewordene Geschichte von den beteiligten Psychologen habe kaum glauben können.

„It wasn‘t that it was ethically suspect, even though that played a role. It was that, for me at least, the story aroused skepticism and curiosity as a psychoanalyst. I found myself listing clinically to the material that the government and the APA were presenting, much as I listen to my patients‘ stories. I found myself listening for the hidden story…" (S. 106 f.).

Es gab eine "hidden story", aber die war ganz anders als das klinische Zuhören hätte erwarten lassen. Im Watergateskandal der Nixon-Regierung gab es eine Quelle, die sich als „Deep Throat" bezeichnete. Und damit setzt die Reissner-Story nun ein:

„If this story was being presented as part of a thriller, it would begin in April 2007, with the following scene. I received a call from our deep throat (I‘ll call him Morty)" (S. 109).

Morty überreicht das sog. Brunswick-Memo, das die offiziellen Verlautbarungen, an den Praktiken in Guantanamo seien nur ein paar "bad apples" beteiligt, die man inzwischen aussortiert habe, radikal Lügen straft. Dies Memo war natürlich geheim. Jetzt versuchten Reissner und seine Gruppe die Presse dafür zu interessieren. Die Presseleute recherchierten, stießen auf sehr hochrangige Befehlsketten und bestätigten alle Befunde. Sie wollen an die öffentlichkeit gehen. Morty erklärt, dass die entsprechenden Befehle von sehr weit „oben" gekommen sein müssen. Als er sich vom Meeting verabschiedet, überreicht er Reissner wortlos ein T-Shirt mit Dustin Hoffman und Robert Redford aus dem Film „All the president‘s men". Das ist ein brisantes Symbol.

Bereits 2003 hatten geheime Operationen stattgefunden, Agenten hatten die Kinder von einem arabischen Verdächtigen entführt, und „Health professionals appeared to be colluding with the military to describe imprisonment as a kind of mental health treatment, complete with group therapy sessions to treat depression" (S. 113). Suizidversuche junger Leute in Guantanamo und andernorts wurden als Folgen frühkindlicher Traumata verstanden – so der führende Psychiater Brian Grady (S. 113), der verlautbaren liess, die meisten derer in Guantanamo, die dort depressiv reagierten, hätten die Depression schon mitgebracht. Es handele sich um frühkindliche Traumata oder Neurosen, nicht um Reaktionen auf die aktuellen Umstände in den Lagern.

Auch diese merkwürdige Theorie erinnert an schon Gehörtes. Im Jahr 1963 hatte Kurt Eissler in einem bewegenden Psyche-Aufsatz die Frage gestellt: „Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muß ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?". Damit hatte er auf die unsägliche Gefühlskälte und Ignoranz von damaligen deutschen Psychiatern geantwortet, die vielen KZ-Häftlingen die Zuerkennung einer Rente verweigerten mit dem Argument, schon vorher seien sie irgendwie psychopathologisch erkrankt gewesen und deshalb bestehe kein ursächlicher Zusammenhang zwischen den Symptomen (v.a. Schlaflosigkeit) und der Inhaftierung in den Vernichtungslagern. Auch das findet man also jetzt wieder.

2004 erschien in der New York Times ein Bericht des Internationalen Roten Kreuzes, der belegte, an den längst bekannten Folterpraktiken seien auch medizinisches Personal und Psychologen beteiligt. Es gäbe ein Behavioral Science Consultation Team, abgekürzt BSCT und deshalb im Jargon als „Biscuit" bezeichnet. Schnell reagierten ärzte und medizinische Gesellschaften der ganzen Welt und forderten die Einhaltung ethischer Standards. Nicht aber die APA. Reissner schreibt, er sei Mitglied der APA gewesen wegen der „Division 39", der „division of psychoanalysis". Die Psychoanalyse sei, so habe er es bis dahin geglaubt, eine Insel „off the coast of the APA" (S. 115), eine Insel also, weit außen vor der Küste, eben – am Rande.

Hier begegnen wir also einem Autor Steven Reissner, der die randständige Position der Psychoanalyse als eine Phantasie zu entdecken beginnt, als eine Phantasie vom Widerstand gegen die Realität. „I found myself, as I often do, discovering my views as I debated this issue …" (S. 116). Jemand also, der offen darüber spricht, wie schwierig es ist, die eigenen Ansichten überhaupt erst einmal zu entdecken! Zu bemerken, dass man sie hat! Ein Ergebnis solcher inneren Reflexion wie äußeren Debatten mit Freunden wie Neil Altman war, dass die Division 39, also die Psychoanalytiker zusammen mit der APA-Division of Social Justice erfolgreich einige Resolutionen in die Meetings der APA einbrachten und diese verabschiedet wurden – gegen die Beteiligung von Psychologen an den geheimdienstlichen Praktiken.

Aber die gewonnenen Schlachten besagten noch nichts über gewonnene Kriege. 2006 gab es neue Berichte in der Presse. Die APA verhielt sich doppelzüngig (S. 117). Der schon erwähnte Stephen Behnke, Direktor des APA-Ethik-Komitee, fragte scheinheilig in einer Stellungnahme, man könne nicht generell behaupten, dass Isolation schon Folter sei; wenn man jemanden 5 min allein lasse, das sei doch wohl keine Folter, oder? Es ging um „torture that left no marks" (S. 118). Neue Texte machten klar, dass Psychologen nicht einfach beteiligt waren, sondern weit mehr: „psychologists were the essential overseers of the abuse and torture" (S. 118)! In einem Artikel der New York Times wurde sogar gezeigt, dass die Offiziellen des Pentagon lieber Psychologen als Psychiater in solchen Positionen sahen, weil deren professionelle Gruppen – also v.a. die APA – weniger Schwierigkeiten bereiteten. Stephen Reissner, Ghislaine Boulanger und weitere Mitglieder der Division 39 schrieben Protestbriefe an den APA-Präsidenten Gerald Koocher unter Verweis darauf, dass andere nationale und internationale Organisation klar Position bezogen hätten. Sie forderten eine Stellungnahme der APA. Was schrieb Koocher?

Noch am gleichen Tag antwortete er per Email:

„Please recognize that interrogation does not equate to torture and that many civilian and military contexts exist in which psychologists ethically participate in information gathering in the public interest without harming anyone or violating our ethical code. Please also examine press reports with healthy skepticism and seek facts, rather than reflexively engaging in letter-writing campaigns predicated on inadequate access to the data‖ (zitiert in Reissners Beitrag, S. 119).

Befragungen seien also nicht mit Folter gleichzusetzen und es gäbe außerdem viele militärische und zivile Zusammenhänge, bei denen Psychologen an der Sammlung von Informationen im öffentlichen Interesse beteiligt seien, ohne dass irgendjemand zu Schaden käme oder ethische Codices verletzt würden. Außerdem seien Berichte der Presse mit Skepsis zu betrachten; Faktensuche seien das Wichtigste, nicht Kampagnen.

Bald wurde Koocher im Ton sehr viel schärfer. Er forderte die Mitglieder der Division 39 auf, nicht wie Psychoanalytiker sonst (!!) die Fakten zu übersehen:

„Would you offer an interpretation to an analytic patient without carefully assessing all the facts? I doubt it. So please do try to get the facts straight and ask your Division 39 colleagues to do likewise‖ (S. 119).

Nun, das ist auch eine Lektion für all diejenigen, die in ganz anderen Zusammenhängen reichlich polemisch mit dem Ruf nach den Fakten ihre Interessen bemänteln. Welche Seiten Koocher vertritt, dürfte klar geworden sein.

Er erhielt mehr als 300 Emails und schimpfte über die „organisierte Kampagne" – wie das solche Leute dann gern tun. Irgendwie kamen diese Emails und seine Antworten in eine Fernsehshow und innerhalb einer Woche musste sich Koocher einer Fernseh-Diskussion mit Stephen Reissner stellen. Reissner erklärt sein Engagement: Seine Eltern haben den Holocaust überlebt, seine Mutter verlor in Auschwitz alle ihre Angehörigen, sein Vater verlor seine Angehörigen im Warschauer Ghetto. Wer auch nur einmal den „Bericht an die Welt" von Jan Karski in den Händen gehalten hat, hat eine Ahnung, unter welchen Umständen Menschen dieser Zeit überlebten, wenn sie denn überlebten. Der Vater wurde auf geheimen Wegen mit anderen aus dem Ghetto befreit, musste sich an die Rote Armee anschließen und war Befehlen ausgesetzt, Gefangene zu erschießen, denen er sich widersetzte. Seine Geschichte bzw. die seiner Familie, schreibt Reissner, sei durchzogen von Viktimisierung und dem gleichzeitigen Begehen schwerer Gewalttaten – diese Art der Verstrickung ist jedem, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht nur wie ein Schüler den Fakten nach kennt, unauslöschlich in die Seele tätowiert.

Die öffentliche Diskussion mit Koocher entfaltet Wirkungen in den ganzen USA.

Dabei finden die Autoren des hier besprochenen Bandes u.a. heraus, dass die Namen der Mitglieder des PENS-Komitee („Psychological Ethics and National Security") auf der APA-Website publiziert worden waren, auf der Seite der Division 48; das war die für „Peace Psychology"! Der Klarstellung halber: Die Forderung nach Offenlegung der Mitglieder desjenigen Komitees, das sich für die ethischen Fragen zu interessieren hatte und dessen Mitglieder erheblich verstrickte – an der Entwicklung der „Befragungs"-Methoden beteiligte Personen waren, kam man nach, indem man einerseits zunächst den „Persönlichkeitsschutz" dieser Leute verteidigte, sie aber andererseits, nachdem der Druck zu groß geworden war, dann doch offenlegte. Aber auf der Webseite der Abteilung für „Friedenspsychologie". Ein raffinierter Schachzug, nicht?

Nun, in diesem Zusammenhang gab es noch manche Vertuschungen zu entdecken. Die Conclusio lautet: APA-Psychologen waren im Dienst der Bush-Administration; sie wussten, dass ihre Tätigkeiten gegen Ethik-Konventionen verstießen, weshalb sie es zu vertuschen versuchten und hohe APA-Funktionäre sorgten dafür, dass es keinen Zusammenprall zwischen solcher Tätigkeit und der offiziellen APA-Politik gab.

Die Bush-Administration habe es geschafft, dass das Paradigma der Kultur neu gedacht werden müsse, schreiben die Autoren. Man konnte eine Gesellschaft in der Analogie zu neurotischen oder narzisstisch bzw. soziopathischen Kräften denken, solange man sah, dass es stille, „unbewusste― Kräfte gab, die etwas taten, was von der offiziellen Ebene einer Gesellschaft nicht anerkannt werden konnte. Jetzt aber seien wir in eine „culture of exceptionalism" eingetreten, in eine Kultur des Außergewöhnlichen. Die Bush Administration habe die „social psyche" (S. 136) so verändert, dass sie ein soziopathisches Modell der Autorität eingeführt habe: niemandem keiner bisherigen Tradition von Recht und Gesetz verpflichtet, habe sie von Anfang an klar gemacht, dass sie selbst über die Legalität der von ihr eingesetzten Mittel und ihrer Ziele entscheide und niemand sonst. Wie kann die Arbeit der eigenen Gruppe dann eingeschätzt werden? Mich erschüttert etwas, was ich da lese, gerade weil ich es für richtig empfinde. Reissner schreibt:

„Although we may not have been conscious of what we were doing, our group‘s aim could be seen as an attempt to restore the neurotic position, vis-à-vis government and the APA. Our aim was to reintroduce a sense of guilt and responsibility, by reinvoking the obligation to legal and ethical standards outside of the leadership" (S. 137).

Die Wiederherstellung einer neurotischen Position gegenüber einer Administration, die sich soziopathischem Agieren in Selbstherrlichkeit – sprich: ohne Gewaltenteilung und Erhaltung von Rechtspositionen ergeben hatte, das sind in der Tat bescheiden klingende Ziele. Und so schwer zu erreichen. Hier ahnt man, dass es tatsächlich eine gewisse Analogie gibt zu manchen klinischen Behandlungserfahrungen mit Patienten, die auf ein neurotisches Niveau gleichsam erst einmal verpflichtet werden müssen, also verbindlich anzuerkennen, dass man nicht einfach die Fragen von Schuld und Verantwortung außen vor lassen kann. Und man beginnt zu ahnen, dass ein solcher Prozess in Europa noch bevorstehen könnte. Hier haben wir es auch mit Prozessen zu tun, bei denen manche Schuld und Verantwortung hemmungslos anderen aufbürden und meinen, sich davon stehlen zu können. Wenn das aufgedeckt wird oder auffliegt, kann es kaum anders werden als depressiv. Das Wort „Depression" hat zu Recht nicht nur klinische Bedeutung.

Reissner überschreibt sein Schlusskapitel mit den Worten „Love, Work, Resist, Act" und formuliert die letzten Sätze so:

„I‘ve come to believe that the final stage of psychoanalysis is action. Analysis, when all is said and done, is a process of progressive rupture: internal rupture, in that habitual resistance to full experience and cognizance is progressively undermined; and external rupture, in that the analysand becomes progressively adept at resisting the manipulations of personal and political power narratives. Psychoanalysis can be seen as the progressive undermining of internal resistance in order to foster external (or political) resistance. To Freud‘s dictum that psychoanalysis frees the analysand to love and to work, I would add that to complete the process, it is also necessary to find the freedom to resist and act" (S. 138).

Eine Psychoanalyse, die nicht zum Handeln befreien würde, was würde sie taugen? Ist hier vielleicht einer der geheimen Gründe in aller Frische beschrieben, warum die Psychoanalyse sich so an den Rand manövriert hat? Käme sie wieder mehr ins Gespräch, würde sie wieder mehr nachgefragt, wenn sie nicht nur ständig dokumentierte, wie hilfreich sie „Störungen" beseitigt? Sondern Menschen hilft, zu handeln, ihren Einsichten zu folgen, soweit sie sie eben im Behandlungsprozess erworben haben.

Viele Autoren haben die „subversive" Kraft der Psychoanalyse – nun, beschworen. Wenn man jung ist, glaubt man das. Wo ist dies Potential heute? In jenen jungen Jahren setzt man das subversive mit dem triebhaften Potential in eins und da war die Triebtheorie ja irgendwie auch eine willkommene Rationalisierung. Man opponierte triebmotiviert gegen manche Einschränkungen. Aber mit wachsender Kenntnis mancher Details auch aus dem psychoanalytischen Feld wachsen auch die Zweifel, ob es sich hier nicht um einen fragwürdigen Euphemismus gehandelt haben könnte? Eine Schönfärberei?






Eine weitere Rezension auf der website der American Psychological Association von Stephen Hartman

Die Einleitung der HerausgeberInnen Adrienne Harris und Steven Botticelli (PDF)

Das Kapitel von Stephen Soldz:
Psychologists defying torture The challenge and the path ahead (PDF), das auf www.ethicalpsychology.org online gestellt ist.





Verlagsinformation:

At the outset of World War I - the "Great War" - Freud supported the Austro-Hungarian Empire for which his sons fought. But the cruel truths of that bloody conflict, wrought on the psyches as much as the bodies of the soldiers returning from the battlefield, caused him to rethink his stance and subsequently affected his theory: Psychoanalysis, a healing science, could tell us much about both the drive for war and the ways to undo the trauma that war inherently breeds, but its principles could just as easily serve the enemy's desires to inculcate its own brand of "truth." Even a century later, psychoanalysis can still be used as much for the justifications of warfare and propaganda as it is for the defiance of and resistance to those same things. But it is in the investigation of the motives and methods behind these uses that psychoanalysis proves its greatest strength. To wit, this edited collection presents published and unpublished material by analysts, writers, and activists who have worked at the front lines of psychic life and war from various stances. Set at a point of tension and contradiction, they illustrate the paradoxical relation of psychoanalysis as both a site of resistance and healing and a necessary aspect of warmaking, propaganda, and militarism. In doing so, we venture from the home front - from the trauma of returning veterans to the APA's own complicity in CIA "black sites" - across international borders - from the treatment of women in Latin American dictatorships to the resistance to occupation in Palestine, from mind control to an ethics of responsibility. Throughout, a psychoanalytic sensibility deconstructs the very opposition that it inhabits, and seeks to reestablish psychoanalysis as the healing discipline it was conceived to be.


Inhalt:

Harris, Adrienne & Steven Botticelli: Editor‘s Introduction. S. XIX-XXXII.

McGoldrick, Tom: Where Is the “Post” in Posttraumatic Stress Disorder? First Impressions Working With Iraq and Afghanistan Soldiers. S. 3-14.

Gaudilliére, Jean-Max: Men Learn from History that Men Learn Nothing from History. S. 15-27.

Boulanger, Ghislaine: The Psychoanalytic Politics of Catastrophe. S. 29-43.

Thomas, Nina: Whose Truth? Inevitable Tensions in Testimony and the Search for Repair. S. 45-63.

Soldz, Stephen: Psychologists Defying Torture: The Challenge and the Path Ahead. S. 67-105.

Reisner, Steven: From Resistance to Resistance: A Narrative of Psychoanalytic Activism. S. 107-141.

Altman, Neil: Torture and the American Psychological Association: A One-Person Play. S. 143-152.

Summers, Frank: Violence and American Foreign Policy: A Psychoanalytic Approach. S. 153-174.

Zaretsky, Eli: Psychoanalysis, Vulnerability, and War. S. 177-200.

Davoine, Françoise: Casus Belli. S. 201-221.

Grand, Sue: Combat Speaks: Grief and Tragic Memory. S. 223-241.

Moss, Donald: War Stories. S. 243-250.

Stein, Ruth: Notes on Mind Control: The Malevolent Use of Emotion as a Dark Mirror of the Therapeutic Process. S. 251-277.

Hollander, Nancy Caro: The Gendering of Human Rights: Women and the Latin American Terrorist State. S. 279-301.

Rozmarin, Eyal: Living in the Plural. S. 305-326.

Botticelli, Steven: The Politics of Identification: Resistance to the Israeli Occupation of Palestine. S. 327-347.

Harris, Adrienne: Dread is Just Memory in the Future Tense. S. 349-358.

Layton, Lynne: Resistance to Resistance. S. 359-376.


Über die HerausgeberInnen:

Adrienne Harris, Ph.D., is Clinical Associate Professor at the New York University Postdoctoral Program in Psychotherapy and Psychoanalysis, and an Associate Editor of Psychoanalytic Dialogues and Studies in Gender and Sexuality.

Steven Botticelli, Ph.D., is adjunct faculty, City College, CUNY. He is a contributing editor for Studies in Gender and Sexuality and maintains a private practice in Manhattan.



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