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Neuvorstellung zur Übersicht
07.07.2005
Wolfgang Hagen (Hrsg.): Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann. Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann
Hagen: Fernseher Kulturverlag Kadmos

2004, 144 S., fester Einband

Preis: 16,90 €
ISBN: 3931659593
Kulturverlag Kadmos





Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

„Es gibt immer eine andere Seite, die nicht berichtet wird“, sagt Luhmann an einer Stelle (S.82) und hätte somit vielleicht ein Leitmotiv angesprochen, das dieses handliche Bändchen so interessant macht. „Die andere Seite“ – in diesem Fall übersetzt in die Frage: Wer sagt das, was er da gerade gesagt hat? Luhmann schimmert durch als jemand, der von sich spricht, und das ist ein anregendes Vergnügen. In zwei Radiointerviews mit dem Herausgeber, sowie in einem Fernsehgespräch mit Alexander Kluge äußert sich Luhmann sowohl zu einigen Bestimmungsstücken seines Theoriengebäudes als auch zu einigen Ereignissen und Zügen seiner Biographie. Zwar ist das Kernthema dieses Buches die (vermeintliche) Erfahrung der „Welt“ auf dem Wege der Massenmedien, sowie diesbezügliche Paradoxien und andere Konsequenzen – und auch die abschließende Diskussion des Herausgebers mit Dirk Baecker und Norbert Bolz thematisiert dies – das eigentliche Lesevergnügen besteht für mich jedoch darin, wie Luhmann das sagt, was er sagt. Und auch die Möglichkeit, sich anhand der Äußerungen einige Vorstellungen zu machen, was Luhmann bewegt haben könnte, ist spannend. Wie sich etwa das Motiv, „Ordnung zu schaffen“ in der Folge von Erfahrungen in der Kriegsgefangenschaft zur Wahl des Jurastudiums auswirkt (S.17) und später im Bereich der Soziologie wach hält angesichts „des zentral-sozialen Problems – viele Menschen erleben und handeln gleichzeitig (...) Und da gibt es keine Ordnung in der Gleichzeitigkeit“ (S.45). Die Frage des Ausgeschlossenen und der Wille, sich darüber klar  sein zu wollen, „was ich ausschließen will“ (S.53) korrespondieren wie von selbst mit der Frage der persönlichen Verantwortung, und das gerade weil eine einseitige Klärung von Ordnung nicht möglich erscheint. Auf dem Buchdeckel wird Baecker zitiert, der Luhmann als den wahrscheinlich „größten Humoristen seiner Zunft, wenn nicht der Wissenschaft überhaupt“ bezeichnet. Da könnte etwas dran sein, auf jeden Fall zeigt sich ein ausgeprägt trockener Humor, eine Bereitschaft zur selbstironischen Relativierung, manchmal entsteht der Eindruck einer beinahe skurillen Lebenstüchtigkeit. Das ist ja das Tolle: Da mag die Luhmann-Rezeption zu noch so verstiegenen Sprachungetümen herangewachsen sein, die einem manchmal die eigene professionelle Erfahrung fremd reden könnte, Luhmann selbst spricht so, dass es zum Zuhören vollständig einlädt. Auch Baecker und Bolz vermögen intelligent und witzig zu unterhalten, aber während sie vor Wissen und Querverbindungen überzuquellen scheinen (so dass man manchmal lieber „mal einen Punkt machen“ möchte), versprödet Luhmann sein Weltwissen auf dermaßen witzig-lakonische Art, dass es einen geradezu reinzuziehen vermag. Man wünschte sich ihn irgendwie als Berater, obwohl er sich genau dagegen entschieden wehren würde. Befragt nach seiner Präferenz hinsichtlich Faust und Mephisto: „Also meine Partie ist immer beim Teufel. Der unterscheidet am schärfsten und sieht am meisten“ (S.77). Und seine Haupteigenschaft: Neugier? Nein: „Bockigkeit“. Eine empfehlenswerte, kurzweilige Lektüre, nicht nur für zwischendurch!

(mit freundlicher Genehmigung aus systhema 3/2004)


Zitate:

"Also, der Liebesbeweis ist dann eben das Sicheinlassen auf das, was man in den Augen des anderen ist. - Und das auch zu wissen. Also, nicht einfach sich zu fügen, sondern das auch zu wollen und der sein, den der andere oder die andere erwartet, dass man es ist.

Sagen Sie das einmal szenisch an einem Beispiel.

Man tritt ins Haus ein, dreht den Hausschlüssel um, die Frau ist in der Küche. Man möchte jetzt natürlich erst einmal zum Schreibtisch gehen und sehen, was die Post gebracht hat. Aber wenn man das tut, weiß man genau, dass sie darin eine Vernachlässigung sieht. Also geht man in die Küche. Sie aber weiß, dass man deswegen in die Küche geht, weil sie andernfalls annehmen würde, sie würde vernachlässigt werden"(54).


"einerseits entsteht Moral ja aus dem Streit; denn wenn man sich sowieso verständigt, braucht man ja nicht zu moralisieren" (58).


"Ich würde … sagen, dass man die Gegenwart nicht überlasten soll. Dass man also in Bezug auf Studenten zum Beispiel, oder bei einem Vortrag nicht so vorgehen darf: Jeder Satz ist gesagt, er kommt nie wieder, jetzt muss ich es verstanden haben, oder ich werde abgehängt und verstehe dann überhaupt nichts mehr, wenn ich das hier nicht verstanden habe. Sondern dass man Wiederholungsaufwand und Arbeitsaufwand einplanen muss, weil man noch Zeit hat, sich damit gründlicher zu beschäftigen" (61).


"Wenn Sie nach Ihrer Neugierde gehen, würden Sie sich da für den Faust interessieren? Würden Sie sich für die Lemuren interessieren, für den Götterhimmel zum Schluss, oder für den Mephistoteles?

Wahrscheinlich für Mephistoteles. Also, meine Partie ist immer beim Teufel. Der unterscheidet am schärfsten und sieht am meisten.

Was würden Sie als eine Ihrer Haupteigenschaften bezeichnen? Neugier?


Bockigkeit" (77).






Weitere Rezensionen im Internet von

Thorsten Stegemann für heise.de

Klaus Taschwer für falter.at

Oliver Pfohlmann für literaturkritik.de

Ein kurzer Hinweis in der Hauspostille der Universität Witten/Herdecke, deren Professor Dirk Baecker auch an den Buch mitgewirkt hat.

Die Website von Herausgeber Wolfgang Hagen





Verlagsinfo:

"Niklas Luhmann ist eine feste Größe in der geistigen Landschaft der Bundesrepublik Deutschland und mit seinen Werken weit über deren Grenzen hinaus bekannt. Drei der letzten Interviews mit dem 1998 verstorbenen Wissenschaftler gewähren dem den Lesern ungewöhnliche Einblicke in seine Biografie und sein Wirken. So lesen sich etwa die kritische Haltung zu den ersten Studentenprotesten oder die Äußerungen zu seinen verschrobenen Arbeitstechniken wie persönliche Offenbarungen. In einem den Band ergänzenden Gespräch zwischen Dirk Baecker, Norbert Bolz und Wolfgang Hagen steht neben dem Spannungsverhältnis zwischen Soziologie und Massenmedien die Persönlichkeit Luhmanns im Vordergrund. Ein Buch, das mit Schlagfertigkeit und Präzision an einen großen Denke des 20. Jahrhunderts heranführt".



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