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Veranstaltungsbericht zur Berichtsübersicht
12.07.2011
Neurobiologie der Psychotherapie – Der Kongress 2011 in Salzburg


Ein Tagungsbericht von Andreas Manteufel, Bonn




„Gehen‘s auch zum Ärztekongress?“, fragt mich die freundliche Pensionswirtin bei meiner Ankunft in der Mozartstadt. Ich vermute, dass sie eine andere Veranstaltung meint und erkläre, dass ich an einer Tagung über Gehirnforschung und Psychotherapie teilnehme, die viele Berufsgruppen zusammenführt, neben Ärzten auch Psychologen, Philosophen, Sozialwissenschaftler, und neben Wissenschaftlern auch viele Psychotherapeuten. „Das ist uns egal, wir sagen Ärztekongress, das ist einfacher“, unterweist sie mich darin, dass es sich keineswegs um ein Missverständnis, sondern eher um eine verständliche Komplexitätsreduktion handelt. „Neurobiologie der Psychotherapie – Perspektiven und systemtherapeutische Innovationen“ ist für Nichteingeweihte ja auch ein bisschen sperrig.
Nicht aber für den Präsidenten der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Felix Unger, der sich an der beispielhaften Interdisziplinarität der Tagung erfreute. Auf ihn wirkte „allein der Titel Neurobiologie der Psychotherapie wie Nitroglycerin bei Angina Pectoris“, schwärmte der gelernte Herzchirurg, ehe er den Kongress eröffnete („Plenum apertum!“). Tatsächlich spielte die berufliche Herkunft bei dieser Veranstaltung, die über 400 Personen aus dem deutschsprachigen Umland besuchten, überhaupt keine Rolle. Günter Schiepek, dessen Forschungsarbeiten zur synergetischen Psychologie und Psychotherapie an der Paracelsus Privatuniversität in Salzburg angesiedelt sind, Christian Schubert, Christoph Stuppäck und Michael Zaudig hatten die wissenschaftliche Leitung inne. Neben den zwanzig Hauptvorträgen wurden an den drei Nachmittagen vertiefende Workshops angeboten und Gert Scobel, bekannt von 3sat, moderierte eine Podiumsdiskussion mit Referenten zum Tagungsthema. Die Abendangebote, ein Empfang in der Residenz und ein zünftiger Grillabend, rundeten die Tage ab. Man fühlte sich von den Veranstaltern und der Stadt richtig
nett aufgenommen.


Viele Vorträge widmeten sich aktuellen Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung. Noch immer findet man an den Forschungsinstituten Neues zur Lokalisierung von Hirnaktivitäten bei bestimmten therapierelevanten Funktionen. Entsprechendes wurde zu den Themen Entspannung und Meditation, Schmerz und Gedächtnis, Essstörungen und  Halluzinationen berichtet. Oft boten die PowerPoint-Folien auch bei maximaler Raumaufteilung einfach nicht genügend Platz, um die vielen Informationen unter zu bringen, mit denen die Forscher zur Tagung gekommen sind. Kein Wunder, dass immer mehr Zuhörer auf den Auslöser ihrer Digitalkamera drücken, statt mitzuschreiben.
Von wissenschaftstheoretischer und methodischer Seite wurde aber, etwa von Westmeyer, Fuchs und Schubert, sehr deutlich auf den begrenzten Erkenntnisgewinn solcher Forschung hingewiesen. So beeindruckend die Fakten über Zusammenhänge zwischen Verhalten auf der einen und nachweisbarer Aktivität in bestimmten Zonen des Gehirns auf der anderen Seite auch sind, immer wird über Korrelationen, nicht über Kausalitäten gesprochen. Auch die sprachlichen Konstrukte der Neurobiologie einmal genauer zu hinterfragen gewinnt unter dem Namen Neurophilosophie an Boden und bekam auf der Salzburger Tagung angemessenen Raum. Dies versöhnte einen, nachdem man Sätze gehört hat wie: „Gefühle sind auch nichts anderes als Gehirnvorgänge“ (Birbaumer). Vor allem Thomas Fuchs gewann die Herzen der Zuhörer, als er den Einzug der Phänomenologie in die Welt der „kalten Laborforschung“ ebnete. Seine Stilmittel waren, ähnlich wie bei Hans Westmeyer, ebenso „konservativ“ wie ansprechend: Klare Begrifflichkeiten, logische Argumentationsstränge und eine lebendige, engagierte Sprache. Fuchs argumentierte gegen die Zentrierung auf das Gehirn als „Träger“ aller seelischen Vorgänge und die Degradierung des Körpers als bloßen „Trägerapparat“ des Hirns. Das Gehirn ist für Fuchs insofern ein „Beziehungsorgan“, als es zwischen dem subjektiven Bewusstsein und der Welt vermittelt, mit der sich der Mensch in Bewegung, Handlung und Interaktion auseinandersetzt. 
Aus allen Beiträgen der so hochkarätig besetzten Rednergruppe wurde letztlich deutlich: Das wirklich spannende an der Hirnforschung sind ihre unbeantworteten Fragen. Ihnen zuliebe müssen die Grenzen zwischen den Disziplinen aufgestoßen werden. Plötzlich erweitert sich dann der persönliche Horizont von Wissen, Fragen und Suchen. Die Schaufenster in der Stadt verkünden es, und die Tagung trug dazu bei.



Mit größtem Respekt vor seiner wissenschaftlichen Lebensleistung wurde Hermann Haken begrüßt, der bereits in den 70er Jahren die Synergetik entwickelte und in den 80er Jahren das Gehirn als Prototyp eines selbstorganisierenden Systems modellierte. Hakens Vortrag zu den synergetischen Grundgedanken war ebenso transparent wie seine bewährten Klarsichtfolien, die er sicher nicht mehr gegen digitale PowerPoint-Bilder eintauscht. Seine Sichtweisen sind mittlerweile in der modernen Hirnforschung, die ja weit über den Stand der 80er Jahre hinausgeht, Konsens. Immer mehr geht es in der Neurobiologie daher um Fragen der dynamischen Vernetzung im Gehirn, immer weniger um einfaches Lokalisieren im Hirn („Schrebergärtnermentalität“ sensu Detlev Linke). Wolf Singers Beitrag über dynamische Koordinationen im Gehirn thematisierte nicht nur Hypothesen über die Schizophrenie als kortikale Vernetzungsstörung, sondern gab auch Einblick in eine neurobiologische Besonderheit während der Pubertät. In dieser Entwicklungsphase bricht der sonst so stetige Ausbau von Netzwerkstrukturen über synchronisierte Oszillationen, manchmal über weite Teile des Gehirns hinweg, vorübergehend ab, freilich nur, um einer Neuorganisation Platz zu machen. Vielleicht macht das so manche plötzliche Veränderung junger Menschen zu Beginn, aber auch am Ausgang der Pubertät verständlich.

Die zentrale Frage der Synergetik ist die nach Ordnungsbildung und Ordnungswandel in Systemen. Sie leitet auch die Praktiker: „Wie ist in einer Therapie Veränderung möglich?“ Jeder weiß, dass das sukzessive Abfeuern von Standardinterventionen noch nichts mit gelungener Therapiegestaltung zu tun hat. Veränderungen vollziehen sich häufig spontan, überraschend, in sensibler Abhängigkeit von den Startbedingungen („Schmetterlingseffekt“), häufig sogar, bevor der Therapeut eine Intervention setzt und damit glaubt, gezielt Veränderung zu induzieren („sudden gains“, „presession change“). Wie kein anderer verfolgt Schiepek die Anwendung der Synergetik in Psychologie und Psychotherapie. Mittlerweile entwirft er eine neue Psychotherapiepraxis und Therapeutenausbildung. Schiepek hat keine Probleme damit, Technologien der Gehirnforschung, etwa die desynchronisierende Hirnstimulation bei Parkinson und Tinnitus, über die Tass referierte, in seinen Entwurf einzubauen, so psychotherapiefern dies auch intuitiv klingen mag. Psychotherapie als bio-psycho-soziales Gesamtprojekt wird in der Schiepekschen Vision sowohl alle praktikablen neurobiologischen Instrumente von der Molekulargenetik bis zur Bildgebung mit einbeziehen, als auch Anwendungstechniken wie Echtzeit-Neurofeedback (Mathiak) und nichtinvasive Desynchronisation (Tass).
Aber es geht auch um die individuelle Erfassung eines Behandlungsverlaufs auf allen möglichen therapierelevanten psychologischen Ebenen. Der „synergetische Navigator“ erlaubt computergestützt die fein getaktete, z.B. tägliche, Erhebung entsprechender Verlaufsdaten. Ziel ist es, der Selbstorganisation des Systems Therapie auf die Spur zu kommen und z.B. kritische Fluktuationen, Instabilitäten oder Ordnungsübergänge zu identifizieren. Diese Daten werden visuell nachvollziehbar aufbereitet und im ständigen Dialog mit den Klienten zurückgemeldet und in ihrer Bedeutung diskutiert. Das Ergebnis („Wo stehen wir?“) dient der weiteren Therapiegestaltung und dadurch fungiert dieses Prozessmanagement selbst als ein Beitrag zur Veränderungsdynamik.
Evidenzbasierung, so folgert Schiepek, wird in Zukunft neben der Nähe zur wissenschaftlichen Studienlage ebenso über den sinnvollen Handlungs- und idiographischen Bezug therapeutischer Entscheidungen definiert werden. Die Auswahl an psychotherapeutischem Handwerkszeug wird sich am Nutzen für den synergetischen Gesamtrahmen der Behandlung messen lassen. Zukünftige Therapeutengenerationen müssen sich nach diesem Modell auf den Erwerb von naturwissenschaftlichen Kompetenzen einschließlich nichtlinearer Mathematik einstellen, genauso aber auf die philosophische und gesellschaftswissenschaftliche Reflexion ihres therapeutischen Handelns. Manche rümpfen da die Nase. Andere begrüßen die Idee, Therapie noch mehr in die komplexe Lebenswelt ihrer Klienten ein zu betten. Führt man die Welten der Laborforschung und der Therapiepraxis zusammen, entsteht irgendwo in der Mitte eine forschungsgeleitete Praxis bzw. lebenspraktische Forschung. Schiepek spricht vom „scientist-practitioner-Modell“. Schubert und Fuchs machten sich in ihren Beiträgen für die qualitative Einzelfallforschung stark, gemäß der systemtheoretisch plausiblen, von Kurt Lewin vor Jahrzehnten bereits „Handlungsforschung“ genannten Grundidee, dass man ein komplexes soziales System erst verstehen kann, wenn man mit ihm in Beziehung tritt. Für die auf das SNS (synergetisches Navigationssystem) basierende Psychotherapie heißt das: Man kann psychotherapeutische Prozesse erst richtig verstehen, wenn man an therapeutischen Veränderungsprozessen beteiligt ist. Alle bewährten therapeutischen Tugenden, alle kreativen Zugänge zu den Patienten sind willkommen, Phantasie ist gefragt. Was dagegen nicht mehr gebraucht wird, ist der alte Schulenstreit darüber, welche Therapie für sich beanspruchen kann, die erfolgreichste oder die „wissenschaftlichste“ zu sein.



So führte der Kongress durch viele, sehr unterschiedliche Bereiche und Stile, weckte die Lust Neues zu lernen und Bekanntes einmal in einen neuen Rahmen zu stellen. Diese Tagung vermittelte alles andere als eine Vormachtstellung der Neurobiologie gegenüber der Psychotherapie, wie manche befürchten. Neurobiologen führte auch die Frage nach Salzburg, was sie von der Psychotherapie lernen können. Und obwohl man sich für den Kongress noch mehr kontroverse Diskussion und Auseinandersetzung vorstellen kann (die „Workshops“ waren letztlich auch Vorträge, der Podiumsdiskussion fehlte das Feuer und am Ende auch die Zeit), verließ ich Salzburg mit neuen Impulsen. Wer neugierig geworden ist, findet übrigens in dem Buch „Neurobiologie der Psychotherapie“ von Günter Schiepek (2. Auflage, Schattauer-Verlag, im systemagazin rezensiert) auch die schriftliche Vertiefung des Tagungsthemas.

In zwei Jahren soll der nächste Kongress zur Neurobiologie der Psychotherapie stattfinden. Sobald der Termin bekannt ist, werde ich in meiner Pension anrufen und ein Zimmer reservieren. Stichwort: „Ärztekongress 2013“.





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