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Vorabdruck aus > Therese Steiner: Jetzt mal angenommen...: Anregungen für die lösungsfokussierte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Steiner: jetzt mal angenommen… Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2011 (März)

248 S., kartoniert

Preis: 27,95 €

ISBN-10: 9783896707666
ISBN-13: 978-3896707666

Verlagsinformation: Wer in Therapie oder Beratung mit Kindern und Jugendlichen lösungsfokussiert arbeitet, hat die Aussicht, vergleichsweise schnell zu guten und dauerhaften Ergebnissen zu kommen. Zu den Voraussetzungen gehören handwerkliches Können, Geschick und Fantasie, besonders wenn es um schwierige Fälle oder unvorhergesehene Situationen geht. Therese Steiner, langjährige Weggefährtin von Insoo Kim Berg und Steve de Shazer, den Pionieren der Lösungsfokussierung, stellt in diesem Buch die besondere Art der Kommunikation dieser Methode in den Mittelpunkt. Neben den Grundannahmen des „Milwaukee-Ansatzes“ vermittelt sie anschaulich, wie man ein therapeutisches bzw. pädagogisches Gespräch lösungsorientiert aufbaut, den Therapieprozess gestaltet und zum Erfolg führt. Im Kernkapitel des Buches stellt die Autorin die „Frequently Asked Questions“ aus ihrer Praxis zusammen: Wie hält man einen Therapieprozess am Laufen? Wie geht man mit Eltern um, die versuchen, den Therapeuten oder Berater auf ihre Seite zu ziehen? Was tun, wenn ein Jugendlicher Regeln missachtet oder aus der Therapie aussteigen möchte? Aus den Antworten auf diese Fragen entsteht ein alltagstauglicher Führer durch die lösungsfokussierte Arbeit, der in seiner Vielfalt und Praxisnähe nichts zu wünschen übrig lässt.


Über die Autorin:
Therese Steiner, Dr., Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie FMH, ist in eigener Praxis in Embrach/CH tätig. Ausbildung in lösungsorientiertem Denken und Handeln, in Hypnose und in Paar- und Familientherapie. Sie unterrichtet im In- und Ausland die Anwendung des lösungsfokussierten Ansatzes besonders bei Kindern und arbeitet für terre des hommes in Afrika und in Mittelamerika, dort vor allem mit Jugendlichen mit Gewalterfahrungen. Veröffentlichungen u. a.: Handbuch Lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern (5. Aufl. 2011, 15.000 verkaufte Exemplare).

Kapitel 9: Spielen


»Show me and I will forget.
Tell me and I will not remember.
Involve me and I will understand.«

Indianische Weisheit

Allgemeine Bemerkungen

Für Kinder ist Lernen durch Spielen von großer Bedeutung. Vieles können sie im Spiel besser oder überhaupt nur durch das Spiel lernen und erfassen. Sie können sich spielend Kompetenzen und Fähigkeiten aneignen, Haltungen trainieren und Erfahrungen machen. Daher sollte das Spiel bei der Arbeit besonders mit jüngeren Kindern als äußerst wichtig angesehen werden, wichtiger sogar als das Gespräch (vgl. Vogt u. Burr 1999).
Ich möchte hier das Wort Spiel in einer umfassenden Bedeutung verstanden wissen. Bei den nachfolgenden Anregungen wird vor allem spielerisches Tun beschrieben. Es werden Aktivitäten beschrieben, die eine bestimmte Erfahrung ermöglichen und das Erreichen eines bestimmten Zieles erleichtern helfen.
Mit dem Wort »spielen« wird normalerweise Leichtigkeit, Spaß und Freude assoziiert. Dies trifft bei erstaunlich vielen Kindern und Erwachsenen nicht zu. Häufig steht das Sichmessen und damit der Konkurrenzkampf im Vordergrund. Dabei verliert das Spiel schnell an Leichtigkeit und wird bitterer Ernst; ganz besonders bei Kindern mit geringer Frustrationstoleranz kann das Spiel so zu einer Belastung werden.
Soll Spielen dafür genutzt werden, neue Erfahrungen zu generieren, muss der Berater deshalb Rahmenbedingungen schaffen, die gewährleisten, dass das Spiel seine Leichtigkeit behält, und sicherstellen, dass das Kind das Spiel als positiv erleben kann. Am besten lernt das Kind, wenn es, vertieft in seine Tätigkeit, in eine Art Trancezustand kommt, wie wir ihn von der Hypnotherapie her kennen (vgl. Signer-Fischer, Gysin u. Stein 2009). Um dies zu ermöglichen, muss der Berater achtsam die Bedürfnisse sowie die Eigenheiten jedes einzelnen Kindes beobachten und in die Spielvorbereitung einbeziehen.
Das Spiel, das wir dem Kind anbieten, damit es eine bestimmte Erfahrung macht, und mit dem wir im besten Fall einen Kompetenzzuwachs initiieren, muss also in die Welt dieses spezifischen Kindes passen, seinen Fantasien und Neigungen entgegenkommen. Es ist eigentlich wie im lösungsfokussierten Gespräch mit Erwachsenen, bei dem wir die Schlüsselworte des Klienten aufnehmen, um besser verstanden zu werden und eine therapeutische Basis zu finden: Wir beachten im Spiel die Neigungen und Vorlieben des Kindes.

Auswahlkriterien für ein Spiel
  • Was tut das Kind gerne?
  • Bei welcher Tätigkeit stellt sich mit großer Wahrscheinlichkeit ein Erfolgserlebnis ein?
  • Wo liegen die Stärken, und welche bereits vorhandene Stärke könnte beim Erlernen der neuen Fertigkeit utilisiert werden?
  • Wie groß ist die Frustrationstoleranz?
  • Welche Themen, Helden und Interessen bewegen das Kind?
Einem Kind, das gerne zeichnet und malt, bietet man eine gestalterische Tätigkeit an, Kindern, die gerne etwas herstellen, können etwas nähen oder etwas aus Holz basteln, Kindern, die das Wasser lieben, werden Erfahrungen mit diesem Element ermöglicht.
Zum Nähen: Bereits sieben- bis achtjährige Kinder können mit der elektrischen Nähmaschine umgehen. Das Nähen bietet eine gute Gelegenheit zu lernen, verschiedene Arbeitstempi einzuhalten. Auf Anweisung näht das Kind schnell oder muss das Tempo reduzieren oder sogar die Maschine anhalten. Geschieht dieses » Spiel« auf weißem Stoff mit farbigem Faden, so entsteht ein Nähbild , auf das das Kind stolz sein kann.
Erst im Verlauf meiner Erfahrung bei der Arbeit mit Kindern habe ich begonnen, der sehr individuellen Anpassung vermehrt Beachtung zu schenken. Zuvor war meine Spielauswahl vor allem bestimmt durch die Fähigkeit, die mit dem Spiel gefördert werden kann. Seit ich den individuellen Bedürfnissen mehr Beachtung schenke, habe ich erfahren, dass die Kinder erstaunlich oft die von mir angebotene spielerische Tätigkeit wiederholen wollen und auch mit eigener Initiative weiterentwickeln. Außerdem tritt beim Beachten der Vorlieben der Kinder viel eher ein nützlicher tranceartiger Zustand ein.

Beispiel 1: Unbeliebte Aufforderungen erfüllen

Ausgangslage
Ein 14-jähriges, leicht lernbehindertes Mädchen, war bei mir in Therapie wegen starker Verhaltensauffälligkeiten. Selma zeigte eine ausgesprochene Eigenwilligkeit. Ihre Fähigkeit, sich auf gestellte Aufgaben einzulassen, war gering. Dinge, die sie selbst als wichtig erachtete, erledigte sie dagegen mit großer Präzision. In Hinblick auf eine Berufsausbildung war es dringend notwendig, dass sie in ihrem Verhalten flexibler wurde und auch unbeliebten Aufforderungen Folge leisten konnte.

Verlauf
Selmas Fähigkeits- und Interesseprofil: Selma liebte es, andere zu überraschen und selbst überrascht zu werden, sie liebte es, andere auszufragen. Sie beobachtete gerne und hatte großes Interesse, sich zu zeigen und zu schminken. Sie liebte Obst, sie zündete gerne Kerzen an und knetete gerne weichen Wachs.
Selma hatte einen sehr guten Ordnungs- und Gerechtigkeitssinn. Sexualität, Schwangerschaft und Geburt standen im Vordergrund ihrer Interessen. Die Frustrationstoleranz war sehr gering. Insgesamt handelte es sich also um eine Jugendliche, mit einem sehr divergierenden Entwicklungsprofil.
Aufgrund der Zusammenstellung der Interessen und Fähigkeiten, die ich von Selma machte, nutzte ich vor allem ihre Neugierde und die Tatsache, dass sie sich gerne überraschen ließ.
Ich baute folgende spielerischen Aktivitäten in den Therapieprozess ein: Zu Beginn versteckte ich Gegenstände, von denen ich annehmen konnte, dass sie Selma erfreuten und welche sie dem zufolge gerne suchen würde: ein Bild eines Babys, eine Frucht, Kerzen, die sie anzünden durfte …
Die sehr einfache Tätigkeit des Versteckens und Suchens faszinierte sie.
In einem zweiten Schritt begann ich anstelle von Gegenständen Zettel zu verstecken, auf denen Aufgaben notiert waren. Zunächst wählte ich nur Aufgaben, die sie mit Sicherheit gerne erfüllen wollte: ein Baby- oder ein Aufklärungsbuch ansehen, sich schminken, für ihre Lehrerin eine Überraschungszeichnung machen etc.
Nach kurzer Zeit wurde für Selma das Suchspiel bei mir zur zentralen Tätigkeit. Oft stürmte sie zu Beginn der Therapiestunde in mein Zimmer und fragte sofort: »Wie viele Zettel hast du heute versteckt«? (Zum Zettelverstecken siehe Kap. 9, Abschn. »Versteckte Zettel«.)
Mit der Zeit begann ich, die an sie gerichteten Aufforderungen zunehmend schwieriger zu gestalten. Ich schrieb zum Beispiel auf einen Zettel: »Spiel mir vor, was dir in der letzter Woche gelungen ist, und ich muss raten, was es war.« Auf diese Art konnte ich ihre Erfolge explorieren. Sie konnte bei dieser Art der Exploration kooperieren, da ihr Interesse, sich zu zeigen, beachtet wurde. Nach einer gewissen Zeit bat ich sie, ihre Erfolge zu zeichnen, etwas später forderte ich sie auf, die Erfolge auf Zettel zu schreiben, und zuletzt war es möglich, dass sie auf meine Frage direkt Antwort gab.
Mit all diesen spielerischen Tätigkeiten erreichte Selma ihr Ziel, und der Übertritt in die Anlehre gelang ihr gut.

Beispiel 2: Mutiger werden

Ausgangslage
Die elfjährige Laura war mit Anomalien zur Welt gekommen, die besonders im Kleinkindesalter viele Hospitalisationen erforderten. Sie war ein sehr ängstliches Kind und zeigte ein niedriges Selbstwertgefühl. Sie fiel in der Klasse immer wieder durch Verhaltensweisen auf, die sie zur Außenseiterin stempelten: So hatte sie eine ausgeprägte Abneigung gegen verschiedenste taktile Reize, zeigte oft, bevor sie eine Tätigkeit in Angriff nahm, flatternde Bewegungen mit den Armen, und bei Anspannung bediente sie sich einer kleinkindlichen Sprache. Lauras Ziel war, sich möglichst so zu verhalten wie alle anderen Mädchen in ihrer Klasse. Sie musste ihre taktile Abwehr überwinden und ihre Erwartungsspannung regulieren lernen und auch mutiger werden.

Verlauf
Lauras Fähigkeit- und Interessenprofil: Laura bewegte sich sehr gerne, liebte es, zu zeichnen und zu gestalten, sie wurde gerne angeleitet, spielte gerne mit Wasser, liebte das Geheimnisvolle. Sie konnte gut singen und war begeisterungsfähig.
Die Frustrationstoleranz war altersgemäß. Ihre Themen: Geheimsprache, Freundschaften.
 
Über folgende Spiele konnte Laura ihre Kompetenzen erweitern:
  • Zum Thema Mut und Vertrauen: führen und blind geführt werden, dies zum Teil auch über Hindernisse.
  • Tandemzeichen (siehe Kap. 9, Abschn. »Tandemzeichnen«).
  • Zum Thema taktile Erfahrungen: Fensterscheibe bemalen mit Fingerfarben, Spiegel mit Rasierschaum einsprühen und mit den Fingern Bilder malen.
  • Taktiles Memory herstellen: Ungefähr 20 Gegenstände, die sich untereinander bezüglich ihrer Oberflächenstruktur deutlich unterscheiden, werden zusammengestellt, von jeder Sorte zwei Stück: Schleifpapier, Pelz, Samt, Hülle von Edelkastanien, Knetmasse, Bürstchen, Seife etc. Die Gegenstände werden wie bei einem Memory auf einem Tisch ausgelegt. Das Spiel muss mit verbunden Augen durchgeführt werden, damit nur der taktile Sinn zum Einsatz kommt. – Zunächst war Laura nur bereit, ein Tastmemory zu spielen, das sie selbst zusammengestellt hatte, bei dem sie also wusste, was sie berühren wird. Später machte es ihr auch Spaß, überrascht zu werden, und sie stellte auch für mich ein solches Spiel zusammen.
  • Backen: Brotteig kneten und Brot backen. Laura fand Gefallen am Backen. Für ihre Schulklasse erfand sie den  Zettelkuchen, d. h. sie arbeitete in den Teig Zettelchen ein, auf denen sie entweder ein Rätsel oder Teile eines Puzzles aufklebte. Dieser Kuchen fand großen Anklang in ihrer Klasse und brachte ihr die Erfahrung, einmal im Mittelpunkt des Interesses zu sein.
Spielbälle

Manfred Vogt (Dr. med., Kinderpsychiater vom Norddeutschen Institut für Kurzzeittherapie in Bremen) hat eigens einen Spieleverlag gegründet und bietet viele Spiele an, welche in der Kinder- und Familientherapie sehr nützlich sind (…).
Unter anderem werden geniale Bälle angeboten, auf denen lösungsorientierte Fragen aufgedruckt sind. Diese Bälle werden zwischen dem Interviewer und dem Kind bzw. allen Anwesenden der Sitzung hin- und hergeworfen, und die Frage, die am nächsten zum rechten Daumen steht, wird von der Person, die den Ball gefangen hat, beantwortet.
Diese Bälle sind in meiner Praxis bei den Kindern sehr beliebt. Da ich relativ viel reise, musste ich Wege finden, diese sehr gute Idee leicht transportfähig zu machen. Ich begann, zunächst die Fragen, die auf den Originalbällen standen, mit Kugelschreiber auf Luftballons zu schreiben.
Im Zusammenhang mit der starken Individualisierung des Spielmaterials fing ich etwas später an, Luftballons mit Fragen und Aufforderungen zu beschriften, die sehr spezifisch auf ein einzelnes Kind abgestimmt waren. Da dies relativ einfach zu bewerkstelligen ist, kann vor jeder neuen Begegnung ein neuer Ballon beschrieben werden. Dies ermöglicht es, erfolgte Fortschritte zu berücksichtigen und neue Aspekte aufzunehmen.
Ähnlich wie bei den Zetteln, die gesucht werden müssen, können die Ballone dafür benutzt werden, das Kind spielerisch auf positive Veränderungen zwischen zwei Sitzungen zu fokussieren. Bei den Originalbällen werden verschiedene Bereiche unterschieden: der Bewegungsball, der Ich-du-wir-Ball etc. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass sich Fragen gut mischen lassen. Bewährt hat sich, je jünger die Kinder, umso mehr Bewegungsaufforderungen müssen eingebaut werden. Diese Spielidee ist auch für Gruppen und Schulklassen geeignet.
Im Nachfolgenden einige Beispiele von Fragen, die nach Kategorien geordnet sind und, wie erwähnt, sinnvoller Weise gemischt werden.

Fragen nach positiven Veränderungen
  • Was würde dein Papi sagen, was du letzte Woche gut gemacht hast?
  • Wofür wurdest du in letzter Zeit gelobt?
  • Rate mal, was ich denke, was du gut gemacht hast?
  • Wie ist es dir gelungen, den Mädchen Eindruck zu machen? Zeig vor, wie sie geguckt haben.
  • Wie hast du deine Mutter positiv überrascht?
  • Was ist dir besser gelungen als erwartet?

Aktivitäten

  • Hüpfe durch den Raum.
  • Nimm eine Handpuppe, und spiel kurz etwas vor.
  • Verstecke mir einen Gegenstand.
  • Verbinde meine Augen und führe mich herum.
  • Mach ganz laute Geräusche.
  • Schließ die Türe mit einem Knall, und danach ganz leise.
  • Bewege dich wie ein bestimmtes Tier, und lasse mich raten, welches Tier du nachahmst.
  • Baue ganz schnell einen Turm mit 10 Klötzen.
  • Rufe laut die drei schlimmsten Schimpfworte, die du kennst.
  • Bring die andern zum Lachen.
  • Wähle ein Bilderbuch, das ich dir am Ende der Stunde erzähle.
  • Rülpse, so laut du kannst.

Fragen nach Ressourcen
  • Nenne drei Fähigkeiten, die du hast.
  • Was tust du, damit die Kinder dich mitspielen lassen in der Pause?
  • Wie gelingt es dir, dem Lehrer zu zeigen, was du in Mathe draufhast?
  • Was hat dir geholfen, im letzten Streit mit deinem Bruder die Faust im Sack zu behalten?

Veränderungswünsche

  • Was sollte sich möglichst schnell verändern?
  • Was sollte Mami, was Papi anders tun?
  • Was soll geschehen, wenn jemand dich hänselt?
  • Welche Strafe möchtest du nie mehr bekommen?
  • Du darfst drei Befehle erlassen, was befiehlst du wem?

Fragen nach der Befindlichkeit

  • Was macht dir zurzeit Freude?
  • Was macht dir am meisten Kummer?
  • Was soll unbedingt so bleiben, wie es ist?
  • Wann ist es wichtig, dass du wütig wirst?
  • Was ärgert dich ganz besonders?
  • Was möchtest du schon lange jemandem antun?
  • Über was willst du gar nicht sprechen?
  • Angenommen, ein Zauberer rächt sich für dich bei Peter, der dich verpetzt hat, was wird er tun?

Das Unerlaubte

Nach meiner Erfahrung ist es bei der Arbeit mit Kindern wichtig, Raum für Regungen und Handlungen zu geben, die von der Umwelt meist negativ wahrgenommen werden. Zum Beispiel rülpsen, sich rächen, Schimpfworte  nennen etc. Besonders im zielorientierten Vorgehen ist es wichtig, für die Kinder Möglichkeiten zu schaffen, spielerisch innerhalb des Therapie- oder Beratungsrahmens solche Seiten ausleben zu können – zum Beispiel während fünf Minuten abwechslungsweise möglichst viele verschiedene oder möglichst originelle Schimpfwörter nennen. Und dies, nachdem man das Bilderbuch Du hast angefangen! Nein, du! (McKee 2006) vorgelesen hat. Das streng fokussierte Vorgehen kann für die Kinder nämlich schnell zur Überforderung werden.
Außerdem gilt die Aussage: was wir bekämpfen, verstärken wir.

Kinder entwickeln Spiele

Individualisierte Spiele animieren Kinder und Jugendliche, angebotene Aktivitäten weiter zu entwickeln, oder neue zu erfinden.


Beispiel: Ein Spielball löst Lernprozess aus


Ausgangslage
Ein 13-jähriger Jugendlicher war wegen eines ADHS und einer ausgeprägten Selbstwertproblematik in Behandlung. Der Junge machte sich durch ein unangenehmes Prahlen und spöttische, meist entwertende Bemerkungen in der Klasse zum Außenseiter.

Verlauf
Er fand Gefallen an den individualisierten Luftballons. Eines Tages schlug er mir vor, dass er in der nächsten Therapiestunde für mich einen Ballon beschriften wolle. Die meisten Aufforderungen, die er auf dem Ballon notierte, waren für mich nicht erfüllbar. So wollte er, dass ich einen Kopfstand mache, mit fünf Bällen jongliere, voraussage, was auf Seite 17 eines bestimmten Buches steht etc. Ich versuchte, jede dieser Forderungen, so gut ich konnte, zu erfüllen, obschon ein Gelingen unmöglich war. Mein Versagen nahm der Jugendliche mit großer Genugtuung zur Kenntnis. Nach dem dritten im ähnlichen Stil beschrifteten Ball meinte er, es sei langweilig, er wolle das nächste Mal keinen Ball mehr beschriften. Ich schlug ihm vor, das nächste Mal noch einmal einen Ball zu beschriften, jedoch so, dass wir gemeinsam Spaß haben können. Ganz bewusst vermied ich eine Reflexion des bisherigen Geschehens, da ich eine Veränderung rein über das Erleben und Gestalten initiieren wollte.
Es gelang ihm in der darauffolgenden Stunde, witzige und angemessene Forderungen zu formulieren. Sein Kommentar: »Es hat mir gutgetan, Sie so hilflos zu sehen, aber mit der Zeit hatte ich genug davon, ich glaube, ich habe etwas begriffen.« Ich nahm diese Bemerkung mit Gefallen zur Kenntnis. Ich sagte einfach »Das freut mich« und verzichtete darauf, im Detail darüber zu sprechen. In der nächsten Stunde bereitete ich einen Ballon vor mit der Frage: »Wo und wie hast du das, was du letzte Stunde verstanden hast, genutzt?«
Er berichtete, dass er sein Verhalten in der Pause geändert habe, da es ja eigentlich auch dort langweilig sei, wenn nur immer er das Sagen habe.

Der Wirkung des Spiels vertrauen
Beratende haben oft die Tendenz, nach dem Erzählen von Geschichten, nach dem Gestalten und Spielen die Erfahrungen mit den Kindern zu reflektieren. Aus meiner Sicht ist diese Reflexion nur bedingt nützlich. Sie bedient vor allem das Bedürfnis des Beratenden, verbal zu überprüfen, ob das Kind eine Einsicht gewonnen hat. Für Kinder steht jedoch das Handeln im Vordergrund. Um das Vertrauen des Beraters in die Handlungsebene  zu stärken, hilft es, sich zu erinnern, dass Kinder mehrheitlich über das Tun lernen und trial and error das häufigste Lernprinzip darstellen.

Versteckte Zettel

Ziel
Das Verstecken von Zetteln, auf denen Fragen und kleine Aufgaben aufnotiert sind, bietet eine Möglichkeit, Kinder in eine Tätigkeit zu involvieren und gleichzeitig auf ein bestimmtes Thema fokussiert zu halten. Diese Aktivität ist bei vielen Kindern sehr beliebt und wird von ihnen einer reinen verbalen Befragung vorgezogen.
Mit dieser Methode können Fortschritte zwischen zwei Sitzungen exploriert werden, es können Fragen nach Ausnahmen gestellt oder zum Beispiel auch Drittmeinungen exploriert werden.

Vorgehen
Auf Zettel werden spezifische Fragen geschrieben, die für das jeweilige Kind oder auch die Familie relevant sind. Die Zettel werden versteckt. Die Klienten werden danach aufgefordert, die Zettel zu suchen, wobei unter Umständen mit »warm« und »kalt« eine Hilfestellung gegeben werden kann. Je nach Bedürfnis können zuerst alle Zettel gesucht und danach erst die Fragen beantwortet werden, oder aber jede Frage wird sofort nach dem Finden des Zettels beantwortet. Je nach Alter des Kindes können fünf bis zehn Zettel versteckt werden.

Zettelfragen
  • Zeichne den Ort, an dem du besonders erfolgreich warst.
  • Welches Tier passt am besten zu deinen Fortschritten? Gehe wie dieses Tier durch den Raum.
  • Mache vor, wie dir etwas Schwieriges gelungen ist.
  • Stell dir vor, du bist deine Lehrerin: sie stuft dich auf der Skala von 0 bis 10 ein, wo sieht sie dich bezüglich: Ordnung, Pünktlichkeit und Leistung in Mathe? Schreibe die drei Zahlen auf einen Zettel auf, und ich muss raten, welche Stufe du in den einzelnen Fähigkeiten erreicht hast.
  • Gehe durch den Raum, so wie du es getan hast, als dir etwas gelungen ist. Wie hast du geschaut? Wo in deinem Körper hast du den Erfolg gespürt?
  • Sing (erfinde) ein Lied, das zu deinem Erfolg passt.
  • Gib deinem Erfolg einen Fantasienamen.

Tandemzeichnen


Ziel
Das Tandemzeichnen gibt dem Klienten eine Möglichkeit, die Erfahrung zu machen, was es braucht, um zu führen oder sich führen zu lassen. Das Erlebnis auf der körperlichen Ebene gibt Anhaltspunkte dafür, wie es einem ergeht, wenn man fremdbestimmt ist, und auch dafür, was nützlich sein kann, damit der andere einem folgt. Es werden beim Führen wie auch beim Geführtwerden Emotionen erlebbar gemacht, die mit Worten nur schlecht beschrieben werden können.

Anwendung und Material
Diese Erfahrung auf der zeichnerischen Ebene setze ich unter anderem ein, wenn Kinder und Jugendliche sehr dominant sind, oder auch in der Beratung mit Eltern und unter rivalisierenden Partnern.
Großes Zeichenblatt, Stift.

Ausführung
Die Person, die geführt wird, hält den Stift und schaut vom Zeichenblatt weg. Die andere Person nimmt die Hand des Stifthalters und zeichnet etwas aufs Blatt.
Je besser sich der Stifthalter führen lässt, umso leichter gleitet der Stift über das Blatt, und es kann eine Zeichnung entstehen. Je mehr Widerstand geleistet wird, umso härter und krampfhafter ergreift der Führende die Hand des Stifthalters, und es wird schwierig, etwas Erkennbares zu zeichnen.

Variation
Das Tandemzeichnen kann variiert werden, indem man die Person, deren Hand geführt wird, auffordert zu erraten, was sie mithilfe der Drittperson gezeichnet hat. Durch diese kleine Veränderung der Anweisung wird der Beobachtungsfokus jedoch komplett verschoben, und aus dem Tandemzeichnen wird primär ein Ratespiel, bei dem der Ratende auch noch geführt wird.


Wegwerfgeschichten


Ziel
Das gemeinsame Erfinden einer Geschichte kann einerseits Lust am Fabulieren und sich Überraschen erlauben, andererseits gibt es die Möglichkeit, eigene Verhaltensmuster in der Interaktion zu variieren.

Anwendung
Ich konstruiere Geschichten mit Kindern und Jugendlichen, wenn die Antwort »Ich weiß nicht« sich häuft und es angezeigt ist, die Art der Kommunikation zu wechseln. Für den Klienten kann es auch nützlich sein, verschiedenes Verhalten in der Interaktion zu erproben.

Erfahrungen die gemacht werden können:
  • mitgehen, indem auf den Miterzähler gehört wird und der von ihm angefangene Gedanke weitergesponnen wird
  • aktiv sein und etwas Neues einbringen
  • aktiv die Geschichte vorantreiben (Tempo bestimmen)
  • Füllsätze bilden und es der anderen Personen überlassen, für die Geschichte relevante Entscheidungen zu treffen
  • oppositionellen Geist einbringen und der Geschichte wiederholt eine neue Wende geben
  • sich die Freiheit geben, die Geschichte zu beenden.
Vorgehen
Gemeinsam wird eine Geschichte konstruiert, wobei jede Person jeweils nur einen Satz aufs Mal anfügen darf. Nicht selten schlage ich dieses Spiel vor, nachdem ich mit dem Kind geschnörkelt habe. Ausgangspunkt für die Geschichte kann in diesem Fall eines der Schnörkelbilder sein, welches das Kind auswählt. Die Geschichte wird so lange weiterentwickelt, bis eine Person mit einem Satz das Ende markiert.


Kommunikation mit dem Stift oder Pinsel


Ziel
Die verbale Ebene verlassen und eine Kommunikation zum Beispiel mit dem Zeichenstift initiieren.

Anwendung und Material
Dieses Vorgehen kann gewählt werden, wenn die verbale Exploration stockt und der Beratende häufig die Antwort erhält: »Ich weiß nicht.«
Großes Zeichenblatt, Buntstift oder Malkasten und Pinsel.

Vorgehen
Die Beteiligten malen gemeinsam und gleichzeitig ein Bild, das gegenständlich oder auch abstrakt sein kann. Wichtige Bedingung: während des Malens wird nicht gesprochen oder, wie ich es rahme: »Wir malen ein Bild, und die Pinsel sprechen miteinander.«

Variation
Es werden auf dem Zeichenblatt Bereiche ausgeschieden, in denen nur eine bestimmte Person malen darf, und es gibt andere Bereiche die für alle Malenden zugänglich sind.
Diese Variante eignet sich zum Beispiel ausgezeichnet, will man das Thema »Respekt/Respektieren von Grenzen« in einer Familie erfahrbar machen.


Kommunikation mit der Stimme oder mit Instrumenten

Ziel
Verbale Ebene verlassen. Mit Tönen interagieren und dadurch gewisse Dynamiken erlebbar machen, die sich abwechseln, aufeinander eingehen, aufeinander hören, Raum einnehmen.

Material
Instrumente wie Trommeln, Triangeln, Glocken, Pfeifen, Klangstäbe sind gut geeignet.

Vorgehen
Die beteiligten Personen singen oder spielen auf einem Instrument eine Grundmelodie oder geben einen Grundrhythmus an. Abwechslungsweise improvisiert eine Person zu dieser Grundmelodie und gibt ihre Eigenheit ein. Reihum kommt jede Person, die an der Beratung teilnimmt, zum Einsatz und kann sich ihren Raum nehmen.

Variation
Jeder Beteiligte singt seinen Namen zu einer Grundmelodie, die von den anderen gesummt wird.
Es können sich Gruppen bilden und gegeneinander ansingen oder anspielen.
Jede Person erhält ein verschiedenes Instrument, und gemeinsam wird gespielt. Dabei versuchen die Einzelnen, aufeinander zu hören und ein gemeinsames Spiel zu finden. Das Ende des musikalischen »Dialogs« muss über das Spielen der Instrumente gefunden werden und darf nicht verbal abgesprochen werden.


Modelliermasse


Ziel
Auf gestalterischer Ebene sich mit gewissen Themen auseinandersetzen und Kompetenzen entwickeln.

Anwendung
Kinder, besonders aber auch Jugendliche arbeiten gerne mit Modellierton. In Folgesitzungen kann dieses Material gut gebraucht werden, will man Kinder und Erziehende auf der Handlungsebene involvieren.

Vorgehen
Der Modellierton kann zum freien Gestalten angeboten werden, oder es kann themenfokussiert modelliert werden:
  • Form finden, die zum momentanen Zeitpunkt passt (Tagesform).
  • Form gestalten, die zu einer guten Situation passt; unter Umständen beschreibt der Berater, was er sieht, und lässt danach den Klienten ergänzen.
  • Modellieren von Gegensatzpaaren: Heimweh – Trost, Hunger – Sättigungsgefühl, Angst – Zuversicht/Mut, Vertrauen – Misstrauen, ausrufen – zuhören.
  • Familienskulpturmachen
  • Als Gruppe zum Beispiel einen Spielplatz modellieren oder ein Haus möblieren.
  • Modellieren auf Befehl, wobei zum Beispiel abwechslungsweise jeder befehlen darf, was geformt werden muss.


Das Wasserexperiment

Ziel
Beim Wasserexperiment wird die Kontrolle von Impulsen visualisiert, und es bietet die Möglichkeit, mit Grenzen zu experimentieren.

Anwendung
Besonders bei Jugendlichen, die sehr risikofreudig sind und häufig auch über Grenzen hinausgehen, kann auf diese einfache Weise Risikoverhalten visualisiert werden (Risiken sind z. B. Alkoholkonsum, verminderte Nahungsaufnahme bei anorektischem Essverhalten). Je nach Situation bietet das Experiment einen guten Ausgangspunkt folgende Frage zu stellen: »Wie, wann und in welchem Kontext wählst du im jetzigen Leben das richtige Ausmaß an Risiko, welches du eingehen willst?«
Das Wort »wählen« ist in diesem Zusammenhang wichtig, da es impliziert, dass der Klient seine Handlung bewusst steuert.

Material
Eine größere Schüssel mit Wasser; darin ein kleineres Gefäß, das ebenfalls mit einigem Wasser gefüllt ist. Eine PET-Flasche, gefüllt mit Wasser.

Vorgehen
Aus der PET-Flasche wird Wasser ins innere Gefäß gegossen, in dem sich schon eine kleine Wassermenge befindet. Ziel ist es, nur so viel Wasser in das innere Gefäß zu gießen bzw. zu tröpfeln, dass es nicht absinkt. Dabei muss der Klient sehr aufmerksam sein. Sobald nämlich das Gewicht des kleineren Gefäßes inklusive der darin enthaltenen Wassermenge größer wird als das Gewicht des Wassers, das durch dieses Gefäß verdrängt wird, sinkt es, dem archimedischen Prizip folgend, ab. Das Absinken des Gefäßes visualisiert dem Klienten, dass er ein zu großes Risiko eingegangen ist. Also zum Beispiel zu viel getrunken hat oder zu wenig Nahrung zu sich genommen hat, um das erforderte Körpergewicht zu halten.


Literatur:

McKee, D. (2006): Du hast angefangen! Nein, du! Aarau (Sauerlaender).
Signer-Fischer, S., T. Gysin u. U. Stein (2009): Der kleine Lederbeutel mit allem drin. Hypnose mit Kindern und Jugendlichen. Heidelberg (Carl-Auer).
Vogt, M. u. W. Burr (Hrsg.) (1999): Kinderleichte Lösungen. Lösungsorientierte kreative Kindertherapie. Dortmund (borgmann).
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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Carl-Auer-Verlages



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