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Vorabdruck aus Fritz B. Simon, Margarete Haaß-Wiesegart & Zhao Xudong, »Zhong De Ban« oder Wie die Psychotherapie nach China kam. Geschichte und Analyse eines interkulturellen Abenteuers

Fritz B. Simon, Margarete Haaß-Wiesegart & Zhao Xudong, »Zhong De Ban« oder Wie die Psychotherapie nach China kam. Geschichte und Analyse eines interkulturellen Abenteuers Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2011 (September)

250 S., kartoniert

Preis: 24,95 €

ISBN-10: 3896707914
ISBN-13: 978-3896707918

Verlagsinformation: Die Veränderungen Chinas nach der Kulturrevolution überforderten viele Menschen in ihrer Integrationsfähigkeit. Der Zerfall der familiären und traditionellen Strukturen verlangte neue Antworten psychologischer Beratung und Behandlung. Das hier beschriebene Psychotherapie-Projekt entwickelte vor diesem Hintergrund eine institutionelle und organisatorische Infrastruktur für die Ausbildung und Anwendung psychotherapeutischer Methoden. Über eintausend chinesische Psychiater und Psychologen wurden bis heute in deutsch-chinesischer Zusammenarbeit in psychodynamischer Therapie, Verhaltenstherapie oder systemischer Familientherapie ausgebildet. Die „Zhong De Ban“ (deutsch-chinesische Klasse) hat diese Entwicklung wesentlich mitgetragen. Dadurch erlangte sie in chinesischen Fachkreisen einen legendären Ruf. Die drei Autoren dieses Buches entführen ihre Leser auf ein interkulturelles Abenteuer in einem sich politisch und kulturell rasch verändernden Land. Praxis- und erlebnisnah vermitteln sie aus der Sicht von unmittelbar Beteiligten, auf welche Schwierigkeiten und Hindernisse sie bei der Arbeit in interkulturellen Kontexten gestoßen sind und welche Lösungsmöglichkeiten es geben kann. Zahlreiche Interviews ergänzen die aus systemisch-organisationstheoretischer Perspektive analysierte Zusammenarbeit.



Über die Autoren:
Fritz B. Simon, Dr. med., Professor für Führung und Organisation am Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke. Systemischer Organisationsberater, Psychiater, Psychoanalytiker und systemischer Familientherapeut. Mitbegründer der Management Zentrum Witten GmbH und der Simon, Weber and Friends, Systemische Organisationsberatung GmbH. Autor bzw. Herausgeber von ca. 240 wissenschaftlichen Fachartikeln und 26 Büchern, die in 13 Sprachen übersetzt sind.

Margarete Haaß-Wiesegart, Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie und systemische Paar- und Familientherapie; seit ihrem ersten Studienaufenthalt 1976–1978 aktiv in der Kooperation deutscher und chinesischer Psychiater und Psychologen, Mitbegründerin und langjährige Präsidentin der Deutsch-Chinesischen Akademie e. V. für Psychotherapie.

Xudong Zhao Prof. Dr.; Professor an der Tongji Universität, Chefarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Shanghai East Hospital; Präsident der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie auf chinesischer Seite sowie Vorsitzender des Komitees für Psychotherapie und Beratung der Chinesischen Gesellschaft für Geistesgesundheit. 1990–1993 Gastwissenschaftler und Doktorand an der Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie der Psychosomatischen Klinik an der Universität Heidelberg, danach Aufbau eines familientherapeutischen Instituts in China. Mitorganisator und Lehrtherapeut des Deutsch-Chinesischen Ausbildungsprojekts für Psychotherapie in China seit 1997.



Kapitel 10: Konflikte


10.1 Konfliktvermeidung

Wo Menschen zusammen arbeiten, sind Konflikte unvermeidbar. Wo immer Entscheidungen getroffen werden müssen, gibt es Konflikte. Doch der Umgang mit Konflikten ist kultur- und persönlichkeitsbedingt. Es gibt die (im Westen) so viel gepriesenen (aber auch nur selten gut funktionierenden) »Streitkulturen« als das eine Extrem und »Konfliktvermeidungskulturen« auf der anderen Seite.

»Im Taoismus wie auch im Konfuzianismus herrscht zu allen Zeiten ein Geist der Versöhnung, wie eine eklektische Einstellung auch dann noch die Regel bleibt, als beide zu orthodoxen Systemen degeneriert waren, und sogar dann noch, als die Interessen von Sekten oder Kasten doktrinäre Strenge zu erfordern schienen.«
Marcel Granet

Dies sind – das sollte in Erinnerung gerufen werden – Charakterisierungen von Beobachtern, die implizit immer ihre eigenen Vorstellungen davon haben, welches Maß der Konfliktkommunikation funktionell ist. Wenn man versucht, nüchtern und unvoreingenommen aus einer Außenperspektive auf soziale Systeme im Allgemeinen zu schauen, so erscheint diese Unterscheidung zu digital (im Sinne des Entweder-oder). Denn auch in kulturellen Kontexten, die eher Konflikte vermeiden, kommt es immer wieder zu Konflikten – und die werden dann oft sehr verbissen, ja blutig ausgetragen. Und auch in Kulturen, die sich nach dem Prinzip »Nur keinen Streit vermeiden!« organisieren, wird nicht jedes konfliktträchtige Thema in die Kommunikation eingebracht. Es geht also wahrscheinlich eher um quantitative Differenzen oder auch um sehr spezifische, von der aktuellen sozialen Situation abhängige Muster. So kann innerhalb des Systems, dem man sich zugehörig und von dem man sich emotional oder ökonomisch abhängig fühlt, durchaus ein Muster der Konfliktvermeidung vorherrschend sein, während man Fremden gegenüber, d. h. denen, die nicht zum Heimatsystem gehören, alles andere als ein konfliktvermeidendes Verhalten zeigt.

Dass die deutschen Trainer im ersten Durchgang der Zhong De Ban im Blick auf fachlich-sachliche Fragestellungen ein Beispiel für die Pseudoharmonie eines konfliktvermeidenden Kommunikationsmusters (und dessen Funktionalität) darstellen, ist bereits angesprochen worden. Doch im Laufe des Projektes – mit den nächsten Durchgängen – änderte sich dies. Zum einen gab es bei den beteiligten Dozenten nicht mehr das Gefühl der Erstmaligkeit, d. h. das Bewusstsein, einer Gruppe von Pionieren anzugehören, die gemeinsam eine abenteuerliche Expedition durchzustehen haben. Zum anderen stieg mit der Öffnung und wirtschaftlichen Entwicklung Chinas auch die Konkurrenz zwischen den unterschiedlichen Anbietern von Psychotherapie auf dem sich entfaltenden chinesischen Markt – nicht nur innerhalb der Deutsch-Chinesischen Akademie, sondern auch in der Beziehung zu anderen internationalen psychotherapeutischen Organisationen und Institutionen.

Konflikte waren also zunehmend wahrscheinlich, und sie ereigneten sich auch. Wenn man Konflikte als Ausdruck einer Entscheidungsmöglichkeit oder -notwendigkeit (…) versteht, dann stellt sich die Frage, um welche Art von Entscheidungen es dabei in den meisten Fällen ging: Waren es Sachfragen, die zur Entscheidung standen (Inhaltsebene oder Sachdimension der Kommunikation), oder waren es Konfrontationen, die den Persönlichkeiten der Beteiligten ursächlich zuzurechnen sind (Beziehungsebene oder Sozialdimension der Kommunikation)?

So war es in den ersten Jahren sehr schwer, in den Seminaren eine kritische Auseinandersetzung auf der Sachebene zwischen den deutschen Dozenten und den chinesischen Teilnehmern des Seminars zu ermöglichen. Denn es war ein Aspekt der noch in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre geltenden sozialen Erwartungen in China, dass Autoritäten (z. B. Lehrer) nicht offen kritisiert werden (…).

Beispielhaft hierfür war ein Seminartag nach einem öffentlichen Familiengespräch in Shanghai im Jahre 1998.

Interviewt wurde eine Familie, bestehend aus Mutter, Vater, der erwachsenen Tochter und dem Ehemann der Tochter. Die Tochter war wegen starker Suizidalität und Wahnvorstellungen in die geschlossene psychiatrische Abteilung eingeliefert worden.

Das Gespräch führte F. B. Simon, Gunther Schmidt und Jochen Schweitzer fungierten als »Reflecting Team«, d. h., sie kommentierten das Interview und das, was sie von der Familie und über die Familie gehört hatten, in regelmäßigen Abständen.

Im Laufe des Gespräches wurde klar, dass die Patientin eine große Liebe hatte (und das war nicht der Ehemann). Die Eltern hatten aber verboten, dass aus dieser Beziehung eine Ehe wurde. Stattdessen hatte die Mutter einen ihrer Arbeitskollegen, den sie besonders gern mochte, für die Tochter als Ehemann ausgesucht. Seither zeigte sich die Tochter eher depressiv und äußerte auch immer wieder Selbstmordabsichten.

Am Ende des etwa zweistündigen Gesprächs gab der Therapeut (F. B. Simon) einen Schlusskommentar ab, der – zukunftsorientiert – aus einer eher positiven Prognose und Suggestionen, wie man mit der Situation lösungsorientiert umgehen könne, bestand. In einem Nachsatz fügte er an, dass – wenn all dies nicht helfen sollte – immer noch die Möglichkeit bestünde, dass das Paar (die Patientin und ihr Ehemann) sich trennt, was auch zu einer guten Lösung führen könne …

Als am nächsten Tag die Teilnehmer des Familientherapieseminars wieder zusammenkamen, herrschte eine merkwürdige, gedämpfte Atmosphäre. Es wurde wenig gesprochen, alle schienen bedrückt zu sein und sich nicht wohl in ihrer Haut zu fühlen.

Als dieses Klima vom Seminarleiter (F. B. Simon) angesprochen wurde und von ihm die Frage gestellt wurde, ob dies etwas mit der Sitzung vom Vorabend zu tun habe, thematisierten einige der Teilnehmer sehr vorsichtig, dass sie seinen Schlusskommentar für schlimm, falsch, gefährlich und unverantwortlich hielten (wenn auch nicht genau mit diesen Worten). Er habe »die Familie kaputt gemacht«. So habe die Patientin keine Chance mehr im Leben, weil die Familie der einzige Ort sei, an dem psychisch Kranke eine zuverlässige Fürsorge erwarten können.

Dies war der Startpunkt für eine nützliche Diskussion über die Rolle und Funktion des Therapeuten und die erkenntnistheoretischen Vorannahmen der Teilnehmer. Sie zeigte, dass sie die Rolle des Therapeuten und seine Macht sehr hoch einschätzten: »Wenn er sagt, das Paar könne sich trennen, dann werden sie das auch tun.« Aus westlicher, vor allem aus systemtheoretisch-konstruktivistischer Sicht eine maßlose Überschätzung der Macht und des Einflusses des Therapeuten bzw. seiner Interventionen. Und ein Hinweis auf die den Status quo erhaltende, d. h. Veränderungen verhindernde Rolle und Funktion des Psychiaters oder Psychologen im damaligen China. Außerdem wurde deutlich, dass die Institution Ehe schon seit Jahren in China im Wandel war. Während bis dahin »high-stability, low-quality marriages« die Regel waren, hatte in den letzten Jahren die Zahl der Scheidungen rasant zugenommen und die Möglichkeiten, als Single zu leben, ebenfalls (wenn auch wahrscheinlich nicht für psychiatrische Patienten).

Rückblickend dürfte diese Intervention für die Familie wohl weniger »therapeutisch« wirksam gewesen sein als für das Seminar bzw. seine Teilnehmer (s. Interview mit Liu Dan S. 97, die Teilnehmerin an diesem Seminar war). Denn die anschließende Auseinandersetzung über die Sinnhaftigkeit dieser Intervention, die auf einer Sachebene, d. h. auf Augenhöhe zwischen den Teilnehmern und den drei Dozenten, ausgetragen wurde, hat ein Beispiel gesetzt, das für den weiteren Verlauf der Ausbildungsgruppe bestimmend war.

Im Laufe der Jahre wurde mit der Zunahme der Kompetenzen der chinesischen Kollegen das Potenzial für Konflikte generell zwangsläufig größer. Eigentlich nichts, was es zu bedauern gilt – falls die Beteiligten damit umgehen können …

»The principle of noncontradiction lies at the basis of propositional logic. The general explanation given for why the Greeks, rather than some other people, invented logic, is that a society in which debate plays a prominent role will begin to recognize which arguments are flawed by definition because their structure results in a contradiction. The basic rules of logic, including syllogisms, were worked out by Aristotle. He is said to have invented logic because he was annoyed at hearing bad arguments in the political assembly and in the agora! Notice that logical analysis is a kind of continuation of the Greek tendency to decontextualize. Logic is applied by stripping away the meaning of statements and leaving only their formal structure intact. This makes it easier to see whether an argument is valid or not. Of course, as modern East Asians are fond of pointing out, that sort of decontextualization is not without its dangers. Like the ancient Chinese, they strive to be reasonable, not rational. The injunction to avoid extremes can be as useful as the requirement to avoid contradictions.«
Richard Nisbett


Interview mit Fang Xin (…)

FBS: Du bist ja schon lange in dieses Projekt involviert, warst in Deutschland, hast unterschiedliche Dozenten in China erlebt und verschiedene Ausbildungen – auch unabhängig von der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie – absolviert, d. h., du hast einen guten Überblick über die Entwicklung. Was ich an deinen Diskussionsbeiträgen immer besonders geschätzt habe, ist, dass du die deutsch-chinesische Zusammenarbeit nicht idealisiert hast, sondern auch kritisch auf die Schwierigkeiten geschaut hast, die sich in der Zusammenarbeit ergeben haben. Deswegen würde ich in unserem Gespräch gern die Aufmerksamkeit auf die eher negativen Punkte und die Konflikte lenken …

FANG XIN: Ich halte Konflikte nicht prinzipiell für etwas Schlechtes. Allerdings: Wenn ich in einen verwickelt bin, dann habe ich trotzdem schlechte Gefühle. Kognitiv weiß ich, dass ich von vielen Konfliktlösungen profitiert habe. Es geht immer um Differenzen und wie sie gelöst werden. Da gibt es wenig Unterschiede zwischen den Konflikten, die ich mit meinem Mann habe, und denen mit den deutschen oder anderen ausländischen Dozenten. Ich denke, dass die Unterschiede der Persönlichkeiten wichtiger sind als die zwischen den Kulturen oder therapeutischen Ansätzen. Im Prinzip geht es immer darum, Personen und ihre Differenzen zu respektieren. Man muss sich als gleich akzeptieren und sich gegenseitig zuhören. Es geht nicht darum, wer recht hat oder unrecht, sondern herauszufinden, wie jeder denkt. Dann weiß man nachher mehr über die Welt …

FBS: Du hast Erfahrungen mit verschiedenen westlichen Therapieverfahren sammeln können …

FANG XIN: Verhaltenstherapie, Hypnotherapie und Traumatherapie. Ich habe die erste Ausbildung in EMDR organisiert in China und auch eine in dynamischer Paartherapie und eine schweizerische Jung’sche Ausbildung.

FBS: Du hast seit 2002 auch selbst als Dozentin gearbeitet. Was waren deine Erfahrungen in der Zusammenarbeit?

FANG XIN: Ich habe in einigen Projekten mit ausländischen Akademikern zusammengearbeitet. Wie zum Beispiel im Projekt EMDR und in der zweiten und dritten Zhong De Ban. Im Jahr 2002 habe ich mit Margit Babel beim Programm der Zhong De Ban zusammengearbeitet. Wir sind sehr gute Freundinnen und haben sehr gut zusammengearbeitet. Danach habe ich einen Kurs mit einer deutschen Kollegin gemacht, die sehr stark kontrolliert. Ich kann das akzeptieren, da es ihr immer um das sachliche Ziel geht. Der Kurs lief deshalb sehr erfolgreich.

FBS: Aber es gab und gibt noch andere Konflikte mit westlichen Trainern.

FANG XIN: Zwischen 2002 und 2005 habe ich das erste Trainingsprogramm für Psychotraumatherapie (EMDR) organisiert, wo ich zwei Sachen gelernt habe. Erstens: Wenn man die westlichen Methoden in eine unterschiedliche Kultur einführt, muss man seine Perspektive anpassen und Respekt für diese Kultur haben. Zweitens sollte man die Aspekte der regionalen Organisatoren ernst nehmen und auf sie hören, denn sie kennen die örtlichen Situationen besser (wie z. B. regionale Sitten, gesellschaftliche Regelungen). Drittens: Die westlichen und regionalen Organisatoren sollten gegenseitig Respekt füreinander zeigen. Wenn es Konflikte gibt, sollten sie miteinander diskutieren. Viertens: Die Entscheidungen, die eine Gruppe betreffen, sollten nicht von einem oder einer Einzelnen getroffen werden, sondern von einem Komitee.

FBS: Was ist der wichtigste Punkt, wo – nach deiner Erfahrung – die westlichen Modelle nicht zu China oder den chinesischen Modellen passen?

FANG XIN: Ich denke, es sind nicht die Theorie oder die Ideen, sondern es hängt von den Personen ab.

FBS: Hast du noch Ratschläge an künftige Dozenten, die jetzt nach China kommen?

FANG XIN: Ja, ihre Funktion ist jetzt anders. Früher hatten wir keine Erfahrung in diesem Feld. Aber jetzt ist das anders. Sie sollten nicht mehr die basalen Dinge lehren, sondern mit den erfahrenen Kollegen arbeiten. Als ich den Kurs gemacht habe, da habe ich meine Lehrer idealisiert. Jetzt sehe ich sie anders. Das ist wie mit Kindern, die heranwachsen und Adoleszenten sind. Die Eltern lassen sie gehen, sollen aber weiter für sie da sein. Wenn sie Hilfe brauchen, können sie zu Papa und Mama kommen. Aber Papa und Mama haben zu lernen, wie man als Eltern von Adoleszenten zu sein hat.


10. 2 Die Organisatoren als vermittelnde Dritte

In einem Projekt, in dem Angehörige verschiedener Kulturen aufeinandertreffen, kommt den Organisatoren eine besondere Rolle zu. Im Konfliktfall suchen sie stellvertretend für die Kontrahenten eine Lösung. Deren Erfolg hängt davon ab, ob die Organisatoren als Personen anerkannt werden. Da bzw. wenn sie beide Kulturen vertreten, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des Findens guter Lösungen. Es ist in China ein übliches Verfahren, im Falle eines Konflikts eine dritte Person einzuschalten. Junge Paare wenden sich daher oft an ihre Eltern, und in der Arbeit wird ein höherrangiger Kollege, dem man vertraut, um Vermittlung gebeten.

Diese »Dreieckskonfliktlösung« war vor allem in den ersten Jahren wichtig. Sie umfasste nicht nur organisatorische Fragen. Das Ansehen der Organisatoren führte zu vielen, von deutschen und chinesischen Lehrtherapeuten oder Teilnehmern erbetenen, privaten und persönlichen Gesprächen. Es gab z. B. chinesische Teilnehmer, die Wan Wenpeng anriefen, um ihn um seine Meinung zu ihren persönlichen Entscheidungen, ob sie ins Ausland gehen sollten oder eine bestimmte Arbeit annehmen sollten, zu bitten. Andere wiesen auf eine finanziell angespannte Situation hin, wenn sie ihnen die weitere Teilnahme an der Ausbildung erschwerte. Aber auch die chinesischen Lehrer, die für die Ausbildungsgruppen zuständig waren, alles angesehene Psychiater oder Psychologen, spielten eine wichtige Rolle. Sie hatten einen sehr persönlichen Bezug zu den Mitgliedern der Gruppe, die sie betreuten. Viele Konflikte wurden von ihnen abgefangen. Hier zeigte sich ein hoch funktioneller Aspekt, der generell hierarchisch organisierte soziale Systeme kennzeichnet: Hierarchie ist ein Mittel der Konfliktlösung und -prävention, da stets eine »höhere Macht«, eine übergeordnete Instanz, bereitsteht, die im Konfliktfall die Rolle des »Dritten« einnehmen und – wenn eine Vermittlung und/oder gütliche Einigung nicht zustande kommen sollte – eine Entscheidung treffen oder herbeiführen kann.

Diese besondere Stellung der Organisatoren hat sich im Laufe der Jahre relativiert. Aber nach wie vor erfüllen sie eine Brückenfunktion.


Interview mit Doris Biedermann

Doris Biedermann kennt China seit ihrem ersten Aufenthalt als Lehrerin am Fremdspracheninstitut der Nanjing-Universität 1977–1978. Sie ist eines der Gründungsmitglieder der Akademie. Seit 1994 ist sie in den Ausbildungsprojekten aktiv. Sie hat zunehmend mehr organisatorische Aufgaben übernommen, darunter auch die Leitung des Kongressbüros für die Kongresse der Akademie 2001, 2007 und 2011. Seit 1999 ist sie für die Organisation der Ausbildung in systemischer Familientherapie zuständig. Im Rahmen der Ausbildung bietet sie auch seit 1998 Selbsterfahrungssitzungen für chinesische Psychotherapeuten an.

MHW: Was sind bei der Organisation der Familientherapieseminare typische Fragen, die zu lösen sind?

DORIS BIEDERMANN: Zurzeit finden die Ausbildungskurse in Kooperation mit der Universität Peking, Institute for Mental Health, statt. Von dort ist eine chinesische Kollegin für die Organisation zuständig, mit der ich eng kooperiere. Die Zusammenarbeit mit ihr ist sehr gut, wir haben viel voneinander gelernt und unsere Arbeitsstile einander angepasst. Obwohl alle Vorbereitungen vor Beginn der Ausbildung von ihr gemanaged werden, gibt es dann bei der Durchführung eher die Erwartung, dass Entscheidungen und Aktivitäten von der deutschen Seite ausgehen. Auch, dass wir für die Einhaltung von Struktur und getroffenen Vereinbarungen zuständig sind. Es kommt mir vor, als ob die Verantwortung für die Ausbildung an die deutsche Seite delegiert würde.
So kann es sein, dass z. B. vereinbarte Hausaufgaben plötzlich verändert werden, bestimmte Vereinbarungen in Vergessenheit geraten oder Unklarheit herrscht über den genauen Inhalt der Vereinbarung. Regeln werden oft recht flexibel ausgelegt, auch die Rahmenbedingungen für die Ausbildung können plötzlich mal wieder unklar sein. Ich habe den Eindruck, dass die chinesischen Kolleginnen und Kollegen prozessabhängig die ein oder andere Entscheidung treffen, unabhängig davon, ob sie dem entspricht, was vereinbart war. Das ist mir ziemlich fremd, sodass ich mich öfter in der Situation sehe, auf die Einhaltung oder Erledigung von vereinbarten Aufgaben zu drängen, auch und besonders, um die Qualität der Ausbildung zu gewährleisten. Wenn man Formalien oder auch Inhalte als wichtig ansieht, muss man darauf achten, dass sie auch verbindlich werden.

MHW: Was ist »typisch deutsch« bei den deutschen Lehrtherapeuten?

DORIS BIEDERMANN: Alle, die mitkommen, sind fasziniert von der Offenheit und dem Interesse der Ausbildungsteilnehmer. Meistens kommen sie mit einem Chinabild, das von dem abweicht, was sie antreffen. Der erwartete höfliche, zurückhaltende, unter allen Umständen das Gesicht wahrende Chinese entpuppt sich als interessiert, offen und humorvoll, als jemand, der z. T. auch seine Emotionen offen zeigen kann. Unerwartet ist auch die große Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Was typisch für die Deutschen ist? Sie sind zum Teil strikter in der Durchsetzung von vereinbarten Regeln. Dass sie zum Beispiel nicht akzeptieren, dass Handys während des Seminars angeschaltet bleiben. Dies ist anders als bei den chinesischen Lehrern. Die deutschen Lehrtherapeuten halten sich stärker an ihre vorgefassten Konzepte.

MHW: Du meinst, Deutsche sind strukturierter und bevorzugen planbares Handeln?

DORIS BIEDERMANN: Ja, sie wollen nicht so schnell etwas situationsabhängig verändern. Andererseits sind in China Dinge möglich wie beispielsweise, dass in der Nacht ein Text übersetzt wird. Du kannst in Deutschland keinem eine Anweisung geben, über Nacht zu bleiben, um etwas zu übersetzen. Das chinesische System scheint flexibler für situative Veränderungen, die allerdings auch oft »von oben angesagt« sind.

MHW: Wie ist denn die Zusammenarbeit mit den chinesischen Kolleginnen und Kollegen?

DORIS BIEDERMANN: Gut, aber leider noch immer nicht gleichberechtigt. Sie nehmen eher die Rolle des Co-Therapeuten ein und bringen weniger eigene Ideen mit in die Ausbildung. Es fehlt noch das aktiv gestaltende Element, obwohl sie in anderen Zusammenhängen selbst Seminare und Kurse in systemischer Familientherapie geben. Sie selbst sagen, dass sie immer noch dazulernen, doch ich frage mich schon, welche Funktion das hat.

MHW: Was glaubst du, wie wird die Weiterentwicklung sein?

DORIS BIEDERMANN: Perspektivisch müssen die Ausbildungskurse stärker von den chinesischen Kolleginnen und Kollegen übernommen werden, das ist auch ihre Idee. Dazu braucht es ein Forum, um gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie die Struktur der Ausbildung in Zukunft sein soll. Welche Rolle die chinesischen Lehrer und welche die Deutschen haben. Angedacht ist bereits, eine Art Modulsystem zu schaffen, in dem die chinesischen Kolleginnen und Kollegen die Grundkurse und deutsche Lehrtherapeuten die Aufbaukurse übernehmen bzw. spezielle Themen anbieten.

MHW: Was würdest du mit deinen Erfahrungen jemandem raten, was er beachten muss, wenn er in China ein Projekt machen will?

DORIS BIEDERMANN: Darauf zu achten, dass Zuständigkeiten klar geregelt sind, und auch zu klären, was die Erwartungen der chinesischen Partner sind.

MHW: Glaubst du, man braucht einen chinaerfahrenen Organisator auf der deutschen Seite, der mitreist nach China?

DORIS BIEDERMANN: Vielleicht nicht unbedingt, aber der Organisator bildet eine Brücke zwischen den deutschen und chinesischen Lehrtherapeuten.

MHW: Wie wichtig ist diese Brückenfunktion?

DORIS BIEDERMANN: Ich glaube, dass es mehr Sicherheit gibt für beide Seiten, und es gibt eine definierte Ansprechpartnerin. Da alle Anfragen oder Beschwerden über mich laufen, können Konflikte oft leichter gelöst werden, oder sie entstehen gar nicht erst.


10. 3 Unentscheidbarkeit und Ausdifferenzierung

Zu Konflikten kommt es vor allem dann, wenn die Fragen, um die es geht, nicht durch irgendwelche objektivierende Verfahren entschieden werden können. Das betrifft all die Punkte, in denen es um erkenntnistheoretische und moralische, politische oder ästhetische Wertfragen geht. Hier gibt es nicht nur Geschmacksunterschiede, sondern auch Unterschiede – und damit potenzielle Konflikte – über das Verständnis von Wissenschaft. Im Bereich der Psychotherapie gibt es dabei nicht nur zwei Parteien, sondern Hunderte. Trotzdem kann man wohl generell zwei Enden eines Spektrums benennen: Auf der einen Seite stehen diejenigen Psychotherapeuten, die ihr Wissenschaftsverständnis an dem der »harten« Naturwissenschaften orientieren. Sie finden sich vor allem unter Verhaltenstherapeuten. Ihnen sind empirische Belege für die Wirksamkeit von therapeutischen Methoden wichtig, und alles andere scheint ihnen unwissenschaftlich – nicht »evidenzbasiert«. Auf dem anderen Ende des Spektrums finden sich die Psychoanalytiker, die einen hermeneutischen Ansatz vertreten, die sich mit subjektiver Bedeutungsgebung etc. beschäftigen, die Therapeut-Patienten-Beziehung in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit rücken und den therapeutischen Prozess für zentral halten.

Wo immer Ziele der Therapie unterschiedlich definiert sind, lassen sich unterschiedliche therapeutische Verfahren nur schwer miteinander vergleichen. Die Frage, was die »bessere« Methode ist, kann nicht entschieden werden, wenn die Kriterien der Bewertung durch die jeweiligen Beobachter gegensätzlich sind.

Das Konfliktpotenzial zwischen den Vertretern unterschiedlicher Schulen war (und ist) objektiv auch im Rahmen des China-Projektes sehr groß. Daher musste es früher oder später seinen Ausdruck finden. Und wie in sozialen Systemen auch andernorts, wenn Fragen objektiv unentscheidbar sind, wurde ein Weg gefunden (nicht bewusst gewählt, sondern er hat sich per Selbstorganisation so entwickelt), der Entweder-oder-Frage auszuweichen und eine Sowohl-als-auch-Antwort zu finden: Der Konflikt wurde »entfaltet«, es kam zur »Ausdifferenzierung« des Systems.

Mit dem Begriff der »Entfaltung« des Konflikts soll gesagt sein, dass eine unentscheidbare Situation dadurch bewältigt wird, dass es zur Differenzierung des Systems kommt und gegeneinander abgegrenzte, autonome Subsysteme gebildet werden.

In unserem Beispiel waren es die einzelnen Schulen – Verhaltenstherapie, systemische Familientherapie und Psychoanalyse –, die sich zunehmend gegeneinander abgrenzten und sich unabhängig voneinander weiterentwickelten. Konkret hieß das, dass die Kurse – wie bereits dargestellt – an getrennten Orten und zu unterschiedlichen Zeiten stattfanden und stattfinden. Vorreiter waren hier die Psychoanalytiker, die aufgrund ihrer internationalen Erfahrungen mit Abgrenzungsstrategien über entsprechende institutionalisierte Verfahrensweisen verfügten.

Aus der Außenperspektive betrachtet, ist solch eine Ausdifferenzierung ein intelligenter Entwicklungsschritt, weil er die Realisierung unterschiedlicher Modelle, die sich gegenseitig auf der Inhalts- wie der Beziehungsebene zu disqualifizieren drohen, ermöglicht. Die Konfliktvermeidung wird gewissermaßen durch Organisationsbildung bzw. Subsystembildung realisiert. Der Vorteil solch einer Konfliktentfaltung ist, dass innerhalb der dabei gebildeten Subsysteme relativ konfliktfrei agiert werden kann (zumindest, was die grundlegenden erkenntnistheoretischen und Wertprämissen angeht). Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist immer eine Begrenzung des Horizonts, nicht nur im Blick auf die Bekanntheit mit den beteiligten Personen, sondern auch im Blick auf die mögliche Unkenntnis der anderen Methoden. Dass die Fiktion der Einheit der westlichen Psychotherapie dabei auf der Strecke blieb, ist von der Sache her wohl nicht wirklich ein Verlust – auch wenn dies von manchen der deutschen Trainer mit Bedauern betrachtet wird.

Anders als in Deutschland, wo die rechtliche und wissenschaftliche Akzeptanz von Therapieschulen immer auch gegen die bestehenden Schulen erkämpft werden musste und muss, befinden sich die Akteure verschiedener Richtungen in China noch gemeinsam in den entscheidenden Gremien. Es geht um die Entwicklung von psychotherapeutischer Behandlung im Allgemeinen, weniger um die Verankerung einer Schule. Doch dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Wie er ausgehen wird, ist offen. Nüchtern betrachtet ist zu erwarten – siehe die Studienreise der Kommission des Gesundheitsministeriums 2008 –, dass die internationalen Trennlinien zwischen konkurrierenden Professionen (Ärzte/Psychologen) auch in China wirksam werden.


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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Carl-Auer-Verlages



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