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Vorabdruck aus Mechthild Seithe & Corinna Wiesner-Rau: "Das kann ich nicht mehr verantworten!" Stimmen zur Lage der Sozialen Arbeit

Seithe & Wiesner-Rau: "Das kann ich nicht mehr verantworten" Paranus-Verlag, Neumünster 2013 (Herbst)

232 S., Broschiert

Preis: 21,95 €

ISBN 978-3-940636-28-7


Verlagsinformation: Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter berichten in diesem Buch, was sie heute im Alltag ihrer Profession an Zumutungen und Halbheiten erleben. Unter dem Diktat eines angeblich alternativlosen Sparens verkümmert ihr Einsatz immer mehr zu einer „Fast Food-Sozialarbeit“, die Schritt für Schritt ihre Fachlichkeit und ihre ethischen Werte einbüßt. Soziale Arbeit wird im Kontext neoliberaler Politik gegängelt. Hilfe wird oft gar nicht mehr gewährt oder billigere, aber weniger sinnvolle Hilfen werden der notwendigen vorgezogen. Und den Klientinnen und Klienten wird, statt sie sozialpädagogisch zu begleiten, häufig längst mit Druck und Sanktionen begegnet. „Das kann ich nicht mehr verantworten!“ Immer wieder werden Empörung und Ohnmacht darüber deutlich, als Teil einer menschenfeindlichen Sozialpolitik selbst zu Mittäterinnen und Mittätern zu werden oder die Entwürdigung der Klientel tatenlos hinnehmen zu müssen. Dieses Buch will das Schweigen über oft skandalöse Zustände in der Sozialen Arbeit von heute endlich brechen. Mit kritischen Berichten aus den Arbeitsfeldern: Allgemeiner Sozialer Dienst, Ambulante Psychiatrie, Arbeit mit Asylbewerberinnen und Asylbewerbern, Arbeit mit behinderten Menschen, Berufsberatung, Einzelhilfe mit behinderten Erwachsenen u.a., Erziehungsberatung, Jugendamt, Kinderschutzarbeit, Krisenwohnung, Migrationsberatung, Mobile Jugendarbeit, Randgruppenarbeit, Schulsozialarbeit, Soziale Gruppenarbeit, Sozialpädagogische Familienhilfe, Sozialpsychiatrie, Stationäre Unterbringung von Kindern und Jugendlichen, Suchtberatung, Wohnungslosenhilfe, Zugehende Berufsberatung.



Über die Herausgeberinnen: Mechthild Seithe: Dipl. Psychologin, Dipl. Sozialarbeiterin; 18 Jahre Praxis in der Sozialen Arbeit, seit 1993 Hochschullehrerin (FH Jena), 2011 emeritiert, Schwerpunkte: Beratung, Hilfe zur Erziehung, Kritik der Sozialen Arbeit in der 2. Moderne, Autorin u.a. des Buches „Schwarzbuch Soziale Arbeit“, Mitgründerin des „Unabhängigen Forums kritische Soziale Arbeit“.
Corinna Wiesner-Rau: Dipl. Psychologin, Sozialarbeiterin (BA); bis 1998 Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Psychologisches Institut, FU-Berlin), seitdem in verschiedenen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit tätig. Schwerpunkte: Praxisforschung, Rassismus / Diskriminierung, Migration, aktiv im „Unabhängigen Forum kritische Soziale Arbeit“.

Vorwort (S. 6-9)

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Sammlung von ca. 60 aktuellen Texten aus dem Alltag in der Sozialen Arbeit. Diese Erfahrungsberichte wurden uns anvertraut, um endlich die Zumutungen öffentlich zu machen, denen die Erzählerinnen und Erzähler bei ihrer Arbeit alltäglich ausgesetzt sind.
 
Dieses Buch richtet sich an alle Vertreterinnen und Vertreter der Sozialen Arbeit, seien sie in der Praxis, in der Wissenschaft oder auch in der Leitung von Einrichtungen tätig. Es wendet sich außerdem an die Studierenden, die mit den Problemen, wie sie die Praktikerinnen und Praktiker in den Texten beschreiben, schon morgen konfrontiert sein werden.

Darüber hinaus ist das Buch für alle diejenigen von Interesse, die im Sozialen, im Gesundheitsbereich, in der Bildung oder im Pflegebereich arbeiten und in der einen oder anderen Art von den Folgen der neoliberalen Umsteuerung der früheren Nonprofit-Bereiche betroffen sind.

Nicht zuletzt aber möchten wir diesen Band und seine Botschaft jenen vor Augen halten, die in Verwaltung und Politik die Soziale Arbeit steuern. Die Wirklichkeit hinter den Kulissen der neoliberal gewendeten Sozialen Arbeit sollte zu denken geben.

Die Idee zu diesem Buch entstand bei einem Gespräch von Praktikerinnen und Praktikern mit einer Journalistin darüber, wie die Öffentlichkeit endlich darauf aufmerksam gemacht werden könne, was in den einzelnen Arbeitsfeldern hinter den Kulissen passiert. Der Journalistin waren einige Beispiele geschildert worden, ganz alltägliche Beispiele, die die Anwesenden am gleichen Tag erlebt und die sie empört hatten. „Schreiben Sie das auf, was Sie eben erzählt haben, genau so, so konkret und so spontan. Das ist die einzige Möglichkeit, dass Sie gehört werden und dass man Ihnen auch glauben wird“, war die Antwort.

Die vorliegenden Texte entstanden über einen Zeitraum von etwa einem Jahr. Einige wurden uns zugeschickt, nachdem wir in verschiedenen Gruppen, Organisationen und Initiativen darum gebeten und für dieses Buch und seine Entstehung geworben hatten. Ein besonderer Dank gilt den Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus dem Unabhängigen Forum kritische Soziale Arbeit (UFo) [1] und dem Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (AKS) Berlin [2]. Ein Dank gebührt an dieser Stelle auch der Gewerkschaft ver.di, die uns einige von ihnen gesammelte Berichte, insbesondere zu prekären Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit, zur Verfügung gestellt hat.

In den meisten Fällen jedoch führten wir mit Kolleginnen und Kollegen auf deren Wunsch hin ausführliche Interviews. Viele erzählten zunächst nur zögernd von ihren Erfahrungen. Man merkte, dass sie es ganz und gar verlernt hatten, offen über ihre Situation am Arbeitsplatz zu sprechen und ihre Kritik laut zu äußern. Aber je länger wir sprachen, umso offener wurde das Gespräch und umso mehr gaben sie von den eigentlichen Problemen ihrer Arbeit preis.

Im Anschluss an das Interview stellten wir dann aus Ausschnitten des Erzählten einen Text zusammen und schickten ihn an die Erzählerinnen und Erzähler. Diese gaben uns dann die von ihnen verbesserten und ergänzten Texte für die Veröffentlichung frei. An dieser Stelle bedanken wir uns bei all jenen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, die mit ihren mutigen und kritischen Texten zur Entstehung dieses Bandes beigetragen haben!

Während die Mehrheit der Praktikerinnen und Praktiker der Sozialen Arbeit sich vielleicht ärgert und leidet, aber schweigt, waren die, die im vorliegenden Buch berichten, zu einem Gespräch oder der Einsendung eines Textes bereit, weil sie das Bedürfnis hatten, endlich die Wahrheit zu sagen, im Sinne des Buchtitels „Ich kann das nicht mehr verantworten!“ Klartext zu reden und ihr Schweigen zu brechen. Es gibt sehr wohl kritische Sozialarbeiterinnen und -arbeiter an der Basis. Und wir hoffen, dass es immer mehr werden.

Bei den Texten handelt es sich nicht um einen wissenschaftlichen Ansatz. Die Texte sind subjektiv geprägt, sie entsprechen dem jeweils ganz persönlichen Erleben der oder des Einzelnen. Sie sind konkret und unmittelbar. Und genau das sollen sie sein.

Um den Leserinnen und Leser die Texte besser zu erschließen, haben wir sie in Kapitel eingeteilt und bestimmten Themen oder Problemstellungen zugeordnet. Die Kapitelthemen sind aber nicht als trennscharfe wissenschaftliche Kategorien zu verstehen. Tatsächlich überschneiden sich die Themen, hängen zusammen und mancher Text würde zu Recht auch in einem anderen Kapitel stehen können, weil er die andere Thematik genauso berührt.

An das Ende jedes Kapitels haben wir einige Informationen und Anmerkungen gestellt, die für das Einordnen der Texte und das Verstehen der Zusammenhänge wichtig sein können. Außerdem wird versucht, die im Kapitel im Vordergrund stehende Thematik beziehungsweise Problematik und ihre Hintergründe noch einmal zusammenfassend zu erläutern.

Alle Geschichten und Berichte sind von uns anonymisiert oder auch pseudonymisiert worden. Dass zu tun, war der ausdrückliche Wunsch der meisten Befragten. Ohne eine vollständige Anonymisierung beziehungsweise Pseudonymisierung hätte man uns höchstens eine Handvoll Texte zur Verfügung gestellt. Unter den Praktikerinnen und Praktikern der Sozialen Arbeit herrscht eine große Angst, dass sie selbst, ihre Träger oder gar ihre Klientinnen und Klienten erkannt werden könnten. Nur wenigen wäre es egal gewesen, wenn auch ihr Name genannt worden wäre. Das hat damit zu tun, dass im Rahmen dieser Erzählungen tatsächlich Tabubrüche stattfinden. „Eigentlich dürfte man darüber gar nicht reden“, wurde oft gesagt.

Sozialarbeitende müssen sich heute mit ihrem Träger identifizieren, denn ihr persönliches Schicksal hängt vom Schicksal des Unternehmens ab. Wenn das Unternehmen Personalkosten sparen muss, also Lohnkürzungen, Stellenstreichungen oder eine noch schlechtere Bezahlung einleitet, um auf dem Markt zu überleben, wird dies notgedrungen hingenommen. Wird nach außen so getan, als wäre alles wunderbar und die Arbeit, die geleistet wird, in hohem Maße professionell, müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schweigen, um ihrem Träger keinen Schaden zuzufügen, denn dieser befindet sich stets in existenzieller Konkurrenz zu anderen Anbietern. Wenn die anderen billiger sind oder er in Misskredit gerät, hat er keine Chance mehr, Aufträge zu bekommen.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Sozialen Arbeit nehmen diese Situation seit Langem auf sich ohne zu protestieren und oft auch, ohne zu erkennen, was hier passiert. Oft halten sie sich selbst für diejenigen, die versagen und die nicht stark genug sind, all das auszuhalten, was ihnen und der Klientel zugemutet wird. So erzählte uns eine Sozialarbeiterin, die in der stationären Arbeit mit alten Menschen tätig ist, dass sie seit einem Jahr eine Zuspitzung ökonomisch orientierter Effizienzmechanismen beobachte. Diese sollen sie und ihre Kollegen zum einen zu mehr Output ihrer Arbeit bewegen und sie zugleich kontrollieren. Alle würden zunehmend darunter leiden, dass die eigentliche fachliche Arbeit erschwert werde und gleichzeitig die Verwaltungstäti gkeiten unter Verweis auf eine zukünftige Erleichterung der Arbeit stetig anwachsen würden.

Nun aber sei sie für sich zu einer guten Lösung gekommen: Sie habe eine neue Psycho-Methode gefunden, die ihr dazu verhelfe, diese Prozesse gelassener zu betrachten und sich von den negativen Gefühlen besser distanzieren zu können.
Auf unsere Nachfrage, was sie und ihr Team denn vorhätten, um sich gegen die dargestellte Negativentwicklun g zu wehren, war ihre Antwort: „Ich bin einfach zu müde, um mich über meinen Arbeitsauftrag hinaus noch mit solchen Dingen auseinanderzusetzen.”

Diese und ähnliche Fluchten nach innen, ein Psychologisiere n und Individualisier en sozialer Verwerfungen, aber auch eine massive Erschöpfung durch die Arbeit, scheinen uns ein Hintergrund für das Schweigen vieler Kolleginnen und Kollegen zu sein und durchaus gewollt im Sinne derer, die diese Gesellschaft entpolitisieren und ökonomisieren wollen.

Dass die Erzählerinnen und Erzähler trotz ermüdender Arbeitsbedingungen und eines „verordneten Schweigens“ zu reden anfangen, hängt damit zusammen, dass in vielen Fällen inzwischen die Schmerzgrenze der eigenen Belastbarkeit erreicht ist. Und so manchem und mancher wird immer deutlicher, für eine Soziale Arbeit missbraucht zu werden, die sich fachlich wie ethisch weit von den eigenen Ansprüchen entfernt hat und die sie nicht mehr verantworten wollen.
Vielleicht kann dieser Band dazu beitragen, dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen aus der Sozialen Arbeit ihr Schweigen brechen und wir gemeinsam Wege finden, uns gegen die neoliberalen Zumutungen zu wehren.

Mechthild Seithe und Corinna Wiesner-Rau

PS: Natürlich freuen wir uns über Ihre Rückmeldungen und weitere Erfahrungsberichte im Sinne einer Vernetzung. Ihre Nachrichten richten Sie bitte an: mech.seithe@googlemail.com
Vielen Dank!



Wellenbewegung mit Rückstoß (S. 114-118)

Auch in der Erziehungsberatung ist nicht mehr erwünscht, dass nachhaltige, qualifizierte Arbeit geleistet wird

Wieso ich unzufrieden bin mit meiner Arbeit, obwohl ich im durchaus privilegierten Jugendhilfebereich „Erziehungsberatung“ arbeite? Ganz einfach: Weil ich nicht mehr gut arbeiten kann. Meine gefühlte Effektivität, sagen wir lieber Wirksamkeit, liegt nur noch bei 30%. Es geht darum, dass ich unter den chronisch unzureichenden fachlichen Bedingungen nicht so arbeiten kann, dass ich den Problemen der Klientinnen und Klienten angemessen gerecht werde. Meine Möglichkeiten werden nicht abgefragt. Stattdessen werde ich unter Druck und Stress gesetzt und darf diese Unzufriedenheit in mich hineinfressen. Das ist wie Perlen vor die Säue werfen. Und die Säue, vor die ich meine Perlen werfen muss, die sitzen ganz oben, in den Politiker- und auf den Verwaltungssesseln.

Meine Güte, ich bin wirklich ein Mensch, der gerne arbeitet, der Freude daran hat, anderen Menschen bei der Bewältigung ihrer Probleme zu helfen. Und bis so etwa vor acht Jahren habe ich meine Arbeit bei uns in der Erziehungsberatung mit hoher Zufriedenheit gemacht. Wir hatten immer eine eher knapp unter der Mindestgrenze für Erziehungsberatungsstellen liegende Personalausstattung und damit recht angespannte Arbeitsverhältnisse – aber, um es auf den Punkt zu bringen: Wir hatten damals durchaus noch die Möglichkeit, Beratungsprozesse qualitativ gut zu gestalten. Wir konnten so arbeiten, wie wir es gelernt hatten, nämlich prozessorientiert. Wir konnten über den Aufbau vertrauensvoller Beziehungen zu unseren Klienten Veränderungen herbeiführen. Und das hieß auch, dass wir in den Fällen, bei denen eine tiefere Problematik zu erkennen war, so viele Termine machen konnten, wie nötig waren. Oft waren unsere Beratungen mit zwei, drei und manchmal auch schon nach einem Termin beendet. Aber manchmal mussten und konnten wir mit Familien eben auch einen Prozess über ein halbes Jahr und länger gestalten. Diese Perspektive, also Prozesse gestalten zu können, gab uns in unserer Arbeit die nötige Ruhe und die Zufriedenheit. Und wir konnten unser Bestes für die Klientinnen und Klienten geben.

Heute schaffen wir nur noch dünne, zerfaserte Prozesse, punktuelle Unterstützungen. Wir müssen die Klienten mit guten Ratschlägen wegschicken und dann alleine lassen. Oder wir können nur einen Einstieg leisten und die Leute dann überweisen.

Aber das wirklich Schlimme ist, dass dieses Überweisen nicht funktioniert.
Die Therapeuten sind voll ausgelastet, die Kinder- und Jugendtherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiatrien und ihre Ambulanzen und andere Kinder bzw. Familien unterstützende Institutionen ebenfalls. Nicht selten kommt außerdem von dort die Aussage, der Fall hätte eine absolut ungünstige Prognose und so etwas würden sie nicht mehr übernehmen. Oder wir erreichen mit viel Mühe, dass die Leute bereit sind, beim Jugendamt einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung zu stellen, und erfahren Monate später, dass noch immer absolut nichts passiert ist. Die allgemeine Überlastung des Kinder- und Jugendhilfesystems und auch die langen Wartezeiten sind verantwortlich für etwas, was ich seit einiger Zeit beobachte und was mir große Sorgen bereitet: Ich nenne es Wellenbewegung mit Rückstoß. Wir arbeiten mit Klienten in relativ kurzer Zeit und versuchen mit ihnen, einen Weg in die Zukunft zu finden, versuchen sie zu den Institutionen weiterzuleiten, die ihnen weiterhelfen könnten. Aber sie kommen nach einiger Zeit zurück, weil ihnen nicht geholfen wurde, weil einfach nichts passiert ist. Und wir haben dadurch auf einmal einen richtigen Fall-Stau bei uns, mit dem wir einfach nicht fertig werden.
Abgesehen von diesen „Wiederanmeldern“ kommen seit einigen Jahren insgesamt auch deutlich mehr schwere, hoch problematische Fälle zu uns als früher, also Familien, die deutlich mehr Zeit bräuchten, wenn man ihnen wirklich wirksam helfen wollte. Das sind nicht mehr die „normalen“ Probleme von Familien, die mit ihren pubertierenden Kindern nicht klarkommen oder die mit typischen Erziehungsproblemen oder Sorgen um die Entwicklung der Kinder Beratung suchen. Was ich immer mehr sehe, sind zutiefst erschöpfte Eltern, Eltern, die von Konflikten, von beruflichen Sorgen oder psychischen Erkrankungen ausgebrannt sind, Eltern mit schweren Depressionen, mit schwersten Verwerfungen durch Trennungs- und Scheidungsprobleme.

Mir fällt da gerade ein Junge ein, den ich versuche zu betreuen: Die Eltern leben getrennt, sind aufgrund verschiedener Schicksalsschläge in den vergangenen Jahren zermürbt, beide Eltern haben neue Partner und der Junge ist am Ende: er hat den Glauben an seine Eltern verloren, seine Familie ist zerbrochen und jetzt verliert er auch noch sein Zuhause. So was sind existenzielle Probleme, die eine massive Unterstützung und eine langfristige Begleitung erfordern. Das kann ich in unserer angespannten Situation nicht leisten und muss zusehen, dass dieses Kind immer verstörter wird. Angesichts der vielen Wartefälle ist aber gar nicht daran zu denken, mehr zu tun, als die Mutter (der Vater ist nicht zur Mitarbeit bereit) mit dem Kind alle paar Wochen einzubestellen.

Und dazu kommt: Selbst wenn wir die Zeit irgendwie aufbringen könnten, hat man uns mittlerweile verboten, kindertherapeutische Arbeit zu leisten. Diese Aufgabe soll heute ganz und gar der Gesundheitsbereich übernehmen, der, wie ich es bereits angesprochen habe, selbst vollkommen überlastet ist. Der Jugendpsychiatrische Dienst beispielsweise vergibt von vorneherein für solche Familien nur einen Termin pro Quartal. Ich frage mich: wer kümmert sich wirklich um diese Kinder?

Auch wir schaffen es nicht mehr, die Termine für eine Familie dicht genug zu vergeben. In der Regel liegen statt der idealen 14 Tage vier, manchmal sogar sechs Wochen zwischen den Terminen und dann kann man wieder ganz von vorne anfangen.

Außerdem sind auch die sogenannten „Multiproblemfamilien“ mehr geworden, zum Teil vom Jugendamt geschickt, zum Teil durch unsere Kooperation mit dem Stadtteilzentrum eines sozial massiv belasteten Quartiers im Ort zu uns gekommen. Auch hier können wir wenig machen. Die Familien bräuchten eine andere Art von Hilfe. Die meisten kommen nach dem einen Mal gar nicht wieder. Hier ist Erziehungsberatung die falsche Maßnahme gewesen und das Jugendamt hat sich die Sache zu leicht gemacht, hat einfach Familien auf Verdacht zu uns geschickt, obgleich sie bei einer angemessenen sozialpädagogischen Diagnostik hätten wissen können, dass die Familie mit der Erziehungsberatung nicht zurechtkommen wird. Man will so also einfach nur die Warteschleife ausnutzen, um Zeit zu gewinnen, das Jugendamt zu entlasten und Geld zu sparen.

Das alles zusammen heißt für unsere Beratungsstelle: wir bekommen immer mehr Multiproblemfamilien, die aber eigentlich ganz falsch bei uns sind, wir bekommen auch sonst immer mehr schwer belastete und belastende Fälle und dazu noch die schon abgeschlossenen, die wieder zu uns kommen, weil die Hilfen außerhalb der Beratungsstelle nicht funktioniert haben oder zu dürftig blieben.

Das alles hat natürlich weitere Folgen für unsere Arbeit:

Wegen der allseitigen und allgemeinen Überlastung des Kinder- und Jugendhilfesystems ist inzwischen das eigentlich gute Kooperationsnetzwerk praktisch zusammengebrochen. Sprechstunden im Jugendamt sind oft nicht besetzt. Dadurch muss Kommunikation über Mails laufen, was sich bei diffizilen Zusammenhängen nicht ohne Verlust machen lässt. Die Fallreflexion klappt nicht mehr. Vorbereitungszeit für ein Gespräch ist schon lange utopisch. Aber auch Nachbereitung und Reflexion sind nur noch selten möglich. Und das wöchentliche Fallteam kann nur einen Bruchteil all der schwierigen Fälle supervidieren. Für Präventionsarbeit genehmigen sie uns jetzt nur noch 5% der Arbeitszeit. Früher waren das 25% und wir haben zum Beispiel intensiv mit Kindergärten gearbeitet, waren auf Elternabenden anwesend, haben Themenabende oder Elternseminare angeboten, haben Erzieherinnen und Erzieher mit pädagogischer Fachberatung unterstützt usw.

Was mich am meisten fertig macht, ist aber nicht die starke Arbeitsbelastung, die wir aushalten müssen. Am schlimmsten ist die Tatsache, dass wir nicht so arbeiten können, wie wir es aus fachlichen Gründen könnten und müssten. Meine Fallarbeit erlebe ich als zerfasert, als etwas, das auseinanderfällt, als zersplissen, als nicht tragfähig, nicht als etwas, was Halt, Struktur oder Kraft geben kann, sondern als ein scheinheiliges, dürftiges auf jeden Fall unzureichendes Angebot, das kaum etwas nutzt. Ich habe inzwischen keine Hemmungen mehr, ganz laut zu sagen: „Ich bin einer, der nicht gut arbeitet“, obwohl meine Vorgesetzten wie meine Kollegen bestürzt sind, wenn ich solche Äußerungen mache. Denn sie alle halten den Schein aufrecht und erzählen die Mär von der intakten Arbeit, der leistungsfähigen Kinder- und Jugendhilfe, den erfolgreichen Beratungsabschlüssen. Aber das stimmt einfach nicht. Tatsächlich können und dürfen wir unter diesen Bedingungen keine angemessene und keine fachlich gute Arbeit leisten. Das ist für mich Absurdistan. Mein gefühlter Wert von Wirksamkeit liegt bei 30% von dem, was möglich wäre.
Seit sechs Jahren weigere ich mich deshalb, mein Recht auf regelmäßige Fortbildung wahrzunehmen. Ich bin einfach nicht mehr bereit, bei diesem Possenspiel mitzumachen: Ich lerne da die spannendsten, tollsten Methoden für eine gute Beratungsarbeit kennen und weiß doch genau, dass ich diese nie werde anwenden können, weil dafür überhaupt keine Rahmenbedingungen gegeben sind.

Wir überlegen seit Langem hin und her, ob und wie wir diese Probleme lösen können. Entweder, wir nehmen uns die fachlich notwendige Zeit und lassen den Rest der Klientinnen und Klienten einfach hinten herunterfallen, um wenigstens für einige sinnvolle Arbeit zu leisten und wenigstens diesen wenigen richtig zu helfen. Aber dann lassen wir viele vor verschlossenen Türen stehen und sehen tatenlos zu, wie sie leer ausgehen. Oder wir machen so weiter und beschränken uns auf oberflächliche Prozesse, auf bloße Anstöße und aufs Weiterleiten in eine Hilfewelt, die verstopft ist und wo überall nur noch der Sand im Getriebe steckt. Und helfen damit niemandem wirklich, nur denen, die sich dann mit unseren Fallzahlen brüsten können und erzählen, wie viel ihre Einrichtung leistet. Wie wir auch entscheiden, es ist ein falscher, verlogener Weg. Wir können nicht die richtige Entscheidung treffen, sondern wie immer nur zwischen schlechten Alternativen wählen.

Und wenn mir der Leiter unseres Trägers, ein Pfarrer und ein eigentlich freundlicher Mensch, auf meine Beschreibung dieses Dilemmas antwortet: „So ist das eben. Dann bleiben die anderen eben draußen“, dann weiß ich langsam nicht mehr, ob ich hier noch bleiben kann.




„Es wird eigentlich immer schlimmer.“ (S. 118-122)

Bilanz nach fünf Jahren Familienhilfe

Als ich vor fünf Jahren als Familienhelferin anfing, hatte man gerade die wöchentliche Stundenzahl für eine Familie von acht auf sechs heruntergeschraubt. Wenige Jahre davor waren es noch zwölf Stunden pro Familie gewesen. Heute sind es nur noch ganze drei Stunden im Schnitt, es gibt auch Fälle, in denen nur eine oder zwei Stunden gewährt werden. So etwas ist heute also ganz normal, bedeutet aber inklusive Vor- und Nachbereitungszeiten und Schreibtischarbeit gerade noch mal einen richtigen Termin mit der Familie pro Woche.
Der Reduktion der Stunden steht die Intensität der Probleme in den Familien jedoch diametral entgegen. Heute wird Sozialpädagogische Familienhilfe sowieso fast nur noch in Kindesschutzfällen durchgeführt. Während die Stunden immer mehr reduziert wurden, haben sich die Problemlagen in den Familien in den letzten Jahren zugespitzt.

Unter diesen schlechten Rahmenbedingungen werden unsere Handlungsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Genügend Zeit für psychosoziale Beratung und für den Beziehungsaufbau gibt es in der Sozialpädagogischen Familienhilfe kaum noch. Gerade aber in Fällen mit Sucht- oder Vernachlässigungsproblematik braucht es Zeit, bis eine Beziehung entsteht.
Es geht in unserer Arbeit langsam aber sicher nicht mehr um Lernen, Entwickeln, Aushandeln, Bewusstmachen, Reflektieren, Stabilisieren, Probieren, Selbständigmachen. Es gibt eine Tendenz hin zum bloßen Case Management [3]. Tatsächlich wird uns von Vorgesetzten gesagt, wir sollen bei den Familien vorbeigehen, schauen, dass sie sich vernetzen, dass sie Termine wahrnehmen, hier bei der Beratungsstelle, dort bei der Sozialberatung. Und wir sollen dann die Termine koordinieren.
Diese Rechnung aber geht überhaupt nicht auf. Unsere Familien nehmen solche „Überweisungen“ meist nicht wahr, und wenn wir sie fragen, ob sie dort waren, dann fangen sie an zu lügen, zu schummeln, sich rauszureden oder sie leugnen ihre Probleme. Sie möchten einfach nicht dorthin, ihnen fehlt das Vertrauen oder der Antrieb. Da muss man erst mal mitgehen, bis sie dort Fuß gefasst haben. Wenn das klappt, geht das oft durchaus gut. Aber alleine trauen sie sich nicht. Leute mit solchen Hemmschwellen kann man nicht einfach irgendwo hinschicken oder vermitteln. Und deswegen geht das nicht mit dem Case Management.

Ich weiß aus Erfahrung, dass Klientinnen und Klienten nur durch Beziehungsarbeit Vertrauen entwickeln können. Anweisungen, Ratschläge und Verordnungen, von Fremden für sie schon ausgedachte Lösungen und Wege lassen aber kein Vertrauen wachsen, weder in die Helfer, noch zu sich selber. Nur aber, wenn Vertrauen im Spiel ist, wenn man zusammen Lösungen entwickelt, lassen Klienten sich wirklich auf uns Familienhelferinnen und -helfer ein, nehmen ernst, was man sagt, fangen an sich damit auseinanderzusetzen. Die Handlungsschritte müssen für sie persönlich umsetzbar sein, da gibt es keine Pauschallösungen, die für alle gelten. Mit der individuellen Arbeit beginnt auch Entwicklung und Veränderung. Aber es bedarf dieser Vertrauensbasis auf Gegenseitigkeit und ich muss dafür als Helferin einiges tun.
Aber das kann ich mit nur drei Stunden pro Woche für Familien, die sich üblicherweise in multiplen Problemlagen befinden, schlicht nicht leisten.

Dabei fehlt die Zeit nicht nur für die direkte Arbeit mit den Klientinnen und Klienten. Ich muss in diesen drei Stunden auch noch die fachlich notwendige Kooperation mit Schule, Kindergarten und weiteren Einrichtungen leisten. Die meisten der Kinder, die wir betreuen, haben große Probleme in der Schule. Die Eltern wiederum weichen aus Überforderung nicht selten einer Konfrontation mit den Lehrkräften aus. Eine gestörte oder abgebrochene Kommunikation mit der Schule sollte mit Hilfe der Familienhilfe überbrückt werden, sodass neue Abmachungen getroffen und Lösungen gefunden werden können. Auch diese Prozesse brauchen aber ihre Zeit.
Es finden Sitzungen statt, Telefonate müssen geführt werden. Und meistens sind in einer Familie mehrere Kinder betroffen. Auch der Austausch und die Vermittlung zwischen den betroffenen Familien und Ärzten, Therapeuten und Freizeiteinrichtungen spielen eine Rolle.
Die Arbeit im Sozialraum, also das Einbeziehen des sozialen Umfeldes der Familie, gehört mit zum Wichtigsten in der Familienhilfe. Will man Hilfe zur Selbsthilfe leisten, muss die Familie wieder in ihr Umfeld eingebunden werden.

Das alles ist aber mit drei Stunden die Woche wohl kaum möglich, und so wursteln wir alle vor uns hin und versuchen Prioritäten zu setzen. Aber das ist schwierig, denn „wenigstens ein bisschen Hilfe“ ist oftmals eher kontraproduktiv.
Die Familien leiden unter Mehrfachbelastungen. Hat eine Familie zum Beispiel existenzielle finanzielle Probleme, werden sich die Eltern in der Regel nicht ausgiebig der Schulproblematik widmen können. Für das Jugendamt ist die Schulproblematik jedoch oftmals vordergründig. Im Rahmen der Familienhilfe müssen hier sinnvollerweise beide Problematiken gleichzeitig oder mindestens im gleichen Umfang angegangen werden, erst wenn das gelungen ist, stellt sich meiner Erfahrung nach eine Beruhigung und Entlastung ein. Die Eltern fühlen sich unterstützt, beginnen an sich zu arbeiten und stellen sich zum Beispiel auch mal einer schwierigen Sitzung mit einer Lehrkraft.
Mit mangelnden Zeitressourcen kann auch das für das Jugendamt oft vordergründige Ziel, Kindeswohlgefährdung abzuwenden, nicht erreicht werden – auch dann nicht, wenn es hier fünf Stunden gibt – ganz zu schweigen von nachhaltigen Zielen und Veränderungen. Teilweise enden diese Hilfen in einer Art Alibiübung. Offiziell steht der Familie eine Hilfe zur Seite, aber genau genommen hat man nur noch einen Kontrollauftrag.

Ich versuche, mich nicht mit diesen Entwicklungen abzufinden, und habe damit sogar einigermaßen Erfolg. Das verlangt von mir enorm viel Kraft und geht in etwa so:
Ich kündige bei Fallübernahme im Jugendamt gleich an, dass ich angesichts der Problemlagen und der gesteckten Ziele mehr Stunden brauchen werde. Das Jugendamt sagt dann, o.k., ich solle zusätzliche Stunden beantragen. Das mache ich dann auch und versuche, diese Stunden durchzukämpfen. Hin und wieder gelingt das. Aber allein das Verfassen der Anträge, die ich stellen muss, um an mehr Stunden zu kommen, ist ein großer zusätzlicher Aufwand. Man muss haarklein und haarscharf fachlich begründen, warum und wofür man die Stunden braucht, möglichst mit Zeit- und Detailangaben, was man tun will, fast so wie in der ambulanten Pflege. Aber nicht nur das. Man muss es dann wirklich auf sich nehmen und sagen: ‚Wenn ich das und das nicht leisten kann, weil mir die Zeit dafür fehlt, dann kann die Kindeswohlgefährdung nicht eingedämmt werden‘. Wenn Jugendamtsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter dann eine solche „Androhung“ schriftlich vor sich liegen haben, trauen sie sich in der Regel nicht, den Antrag abzulehnen, weil sie damit nachweislich eine Gefährdung des Kindes in Kauf genommen hätten. Mit Hilfe dieser schriftlichen Anträge klappt die Bewilligung oftmals, aber das ist in jedem einzelnen Fall aufs Neue ein Kampf. Ich merke allerdings, dass auch ich selbst inzwischen schon die Schere im Kopf habe und zum Beispiel nur fünf Stunden beantrage, obwohl ich aus fachlichen Gründen sicher bin, dass ich acht oder auch zehn Stunden brauchen würde. Aber ich wage es dann doch nicht, so viel zu beantragen, und mache den Rest dann eben wieder mal ehrenamtlich, damit es wirklich etwas werden kann.
Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben die neuen Bedingungen wohl oder übel akzeptiert. Das ist auch verständlich, denn um Stunden zu kämpfen kostet richtig Kraft. Sie verstehen ihre Arbeit immer mehr als eine Art Dienstleistung. Sie sagen: „Das Jugendamt ist mein Auftraggeber und zahlt mir eben nur drei Stunden. Gut, dann kann ich eben nicht mit zur Schule und zum Jobcenter gehen.“ Und oft sagen sie sogar: „Ich kann bei dem bisschen Zeit auch nicht zu den Familien nach Hause.“ Sie machen die Gespräche dann im Büro des Trägers und bestellen sich die Familien ein, wie in alten Fürsorgezeiten. Ich dachte immer, das Vor-Ort-Arbeiten sei das ganz Besondere der Sozialpädagogischen Familienhilfe, sozialpädagogisch gesehen sozusagen das methodische Highlight der Alltagsorientierung [4].

Der Druck auf die Familienhelferinnen und -helfer wird ständig erhöht, sie betreuen zahlenmäßig immer mehr Familien und, im Vergleich zu früher, viel mehr Kinderschutzfälle. Aufgrund der steigenden emotionalen und auch physischen Belastung und des gleichzeitig immer mehr eingeschränkten Handlungsspielraums nimmt die Gefahr auszubrennen zu. Auch für die betroffenen Familien muss dies alles frustrierend sein. Will man ihnen wirklich Hilfe anbieten, sollte man das auch ernst meinen und angemessene zeitliche und professionellen Ressourcen zur Verfügung stellen.




„Wozu habe ich eigentlich studiert?“

Was im Studium gelernt wurde, wird gar nicht gebraucht

Rückblickend auf mein Studium der Sozialen Arbeit, das ich vor fünf Jahren abgeschlossen habe, erinnere ich mich an die Vermittlung eines breiten Fächerkanons, vieler unterschiedlicher Methoden, theoretischer Konstrukte und eines politischen, soziologischen und rechtlichen Hintergrundwissens. Viel war die Rede von Professionalität, Fachlichkeit, aber auch von Grenzen der Arbeit. Im Rahmen dieses Wissens um Theorien, Methoden und Zusammenhänge und im Kontext dieser erworbenen Kompetenzen würde ich mich, so dachte ich damals, in meinem zukünftigen Arbeitsleben gut bewegen können, und das würde mir eine gewisse Sicherheit vermitteln. Ich ging davon aus, dass mir innerhalb dieser Jahre ein Gerüst, eine Stütze und eine wichtige Orientierung an die Hand gegeben worden war, um meine zukünftige Arbeit fachlich fundiert meistern zu können und dafür dann natürlich auch Akzeptanz und Wertschätzung zu erlangen.

Nach meiner Ankunft in der Praxis wurde mir ziemlich schnell klar, dass leider nicht viel von diesem Gerüst übrig geblieben war, das grundlegend für meine Arbeit sein und mich zugleich schützen würde. Der notwendige Rahmen, innerhalb dessen ich mein an der Hochschule erworbenes, wissenschaftlich anerkanntes, evaluiertes Wissen umsetzen und anwenden könnte, wurde aufgrund von Einsparungen einfach abgeschafft. Trotzdem wird auch von mir täglich verlangt, die Arbeit qualitativ genauso gut auszuführen, „als wenn alles noch dastünde“. Ich muss meine Arbeit unter den verschärften Bedingungen leisten, wohl wissend, dass ich so nicht wirklich gut, eigentlich gar nicht richtig sozialpädagogisch arbeiten kann. Ich frage mich, wozu wir studiert haben, wenn uns in der Praxis nur eingeengte Bedingungen erwarten und von uns verlangt wird, Soziale Arbeit als „fast food“ zu verabreichen und sie dann noch als „Delikatesse“ oder „nahrhafte Speise“ verkaufen zu müssen. Das ist so, als ob ein Bäckermeister, der in der Lage wäre, wirklich gutes Brot zu backen, in einer Brotfabrik arbeiten muss, die klumpiges, wenig nahrhaftes Brot produziert, und seine Aufgabe nur noch darin besteht, die Mehlabfüllmaschine zu überwachen.
Das ist Verschwendung von menschlichem Wissen und Betrug an denen, die auf die Leistungen der Fachleute angewiesen sind.
Und es ist gegenüber uns als studierten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern eine unglaubliche Herabwürdigung.


Anmerkungen:

[1]  Das UFo ist ein Zusammenschluss von Vertreterinnen und Vertretern der Sozialen Arbeit aus Praxis und Hochschule (weitere Informationen unter www.einmischen.com).

[2]  Der AKS Berlin ist einer von ca. 20 Arbeitskreisen kritischer Sozialarbeit in Deutschland (weitere Informationen unter www.berlin-aks.de).

[3] Case Management bedeutet die Organisation und Vermittlung von Hilfen an Klientinnen und Klienten und die weitere Kontrolle des Falles. Sie schließt keine Beziehungsarbeit und sozialpädagogische Beratung ein.

[4] Alltagsorientierung ist eine spezifische Ausrichtung des sozialpädagogischen Handelns. Probleme werden nicht im Rahmen von künstlichen, z.B. therapeutischen „Räumen“ angegangen, sondern unmittelbar im Alltag der Klientinnen und Klienten. Dadurch enthält diese Ausrichtung einen sehr konkreten und direkten Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen.



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