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Vorabdruck aus Louis Sander: Die Entwicklung des Säuglings, das Werden der Person und die Entstehung des Bewusstseins

Sander Entwicklung des Säuglings Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2009 (September)

329 S., 6 Tabellen und 22 Abb., gebunden

Preis: 39,90 €

ISBN-10: 3608945253
ISBN-13: 978-3608945256

Verlagsinformation: Louis Sander gilt als der »grand old man« der modernen Säuglings- und Kleinkindforschung. Dieser Band stellt seine wichtigsten Untersuchungen aus der Frühphase bis heute zusammen, mit denen er weltweit bekannte Forscher wie Daniel Stern und T. Berry Brazelton ebenso beeinflusst hat wie die jüngere Generation um Beatrice Beebe, Karlen Lyons-Ruth und Frank Lachmann.


Über den Autor:
Louis W. Sander war bis zu seiner Emeritierung Prof. für Psychiatrie an der Abteilung für Child Psychiatry der University of Colorado, dem Wirkungsort von Robert Emde und René A. Spitz, und gehört der renommierten von Daniel Stern initiierten Boston Process of Change Study Group an.

Kapitel 12: Anders Denken. Prinzipien des Prozessverlaufs in lebenden Systemen und die Spezifität des Erkanntwerdens*

Ein erster Blick auf den Titel dieses Symposiums »Die Organisation von Komplexität in der Psychoanalyse: Zur inneren Integration emergierenden Wissens über Entwicklungsprozesse, biologische Systeme und therapeutische Prozesse« legt die Vermutung nahe, das Ziel bestehe darin, Anregungen dafür zu geben, wie sich »alles zusammenfüge«. Sobald wir nach der Bedeutung und den Bedeutungsebenen dieser einzelnen Worte fragen – Organisation, Komplexität, biologische Systeme, Entwicklungsprozess, therapeutischer Prozess, Psychoanalyse –, sind wir mit der Notwendigkeit konfrontiert, die Bedeutungsvielfalt von Worten und Begriffen einzuräumen oder zumindest die vielfältigen Möglichkeiten ins Auge zu fassen, wie eine solche Aufgabe der Integration in der Einschätzung jedes Einzelnen zu bewerkstelligen sei. Die notwendigen Einschränkungen dieses Beitrags erlauben mir lediglich eine skizzenhafte Vorstellung dessen, wie eine solch schwierige Aufgabe bewältigt werden könnte.
Aus meiner Sicht muss mit dem weitest möglichen Blickwinkel begonnen werden, ein Blickwinkel, der die genannten fünf Bereiche von Anfang an einschließt. Die Herausforderung der Integration bestünde dann darin zu erarbeiten, wie sich innerhalb dieser Sichtweise die einzelnen Bereiche zueinander ins Verhältnis setzen lassen. Für mich wäre die umfassendste Sichtweise das Leben selbst – das Leben, das wir meist für selbstverständlich halten, aber gleichwohl ein Mysterium bleibt. Des Weiteren sind wir, sobald wir über das Leben und den Verlauf des Lebens nachdenken, nicht nur mit einem einzelnen Widerspruch, sondern mit vielen Widersprüchen konfrontiert. Im Folgenden soll nach Prinzipien im Prozess des Lebens gesucht werden, die auf eine Lösung einiger seiner Rätsel zielen. Vorausgesetzt, dass sich ebendiese Prinzipien auf allen der im Titel des Symposiums genannten Ebenen anwenden lassen – auf die biologische Ebene, die Entwicklungsebene, die Ebene der Bewusstseinsorganisation oder die Ebene des therapeutischen Prozesses –, haben wir bereits mit dem Integrationsprogress, nach dem wir suchen, begonnen. Es dürfte evident sein, dass wir, wenn wir die umfassendere Perspektive von Prinzipien ins Auge fassen, die unser Leben als Prozess steuern, die biologische Ebene als Ausgangspunkt wählen, auch wenn wir auf derselben Ebene den Entwicklungsprozess reflektieren müssen. Sollten wir herausfinden, dass dieselben Prinzipien ebenso auf der psychischen Ebene wirksam sind, ist der Weg frei, die Ebene des therapeutischen Prozesses zu integrieren. »Emergierendes Wissen« in den im Titel dieses Symposiums genannten Bereichen könnte die notwendige neue Bedeutung hinsichtlich dessen liefern, wie sich der Begriff der Integration auf das Zusammenfügen jener Bereiche anwenden ließe.
Das Leben jedes Einzelnen weist ein jeweils eigenes Muster auf – einer der Gründe, weshalb so unendlich viele Anstrengungen unternommen werden, eine Sprache zu finden, die uns bei aller Vielfalt dennoch miteinander kommunizieren lässt. Mein Anliegen ist es, ein wissenschaftliches Spektrum heranzuziehen, das durchschlagende, die Übertragung erleichternde Begriffe auszuwählen erlaubt. Zum Beispiel verwende ich den Begriff der Kohärenz zur Beschreibung der Ganzheit in der Organisation komplexer Einzelkomponenten, die auf hierarchischen Ebenen im Leben der Organismen existieren und die für deren Kontinuität wesentlich sind. Der Zustand der Kohärenz, also der Ganzheit, lässt sich als Ziel oder als motivierende Kraft verstehen, um das zu erreichen, was Regulierung bedeutet – auf der Ebene des individuellen Organismus wie auf der Ebene der lebenserhaltenden ökologischen Umwelt. Dies impliziert eine zugrunde liegende Richtung (direction) zwischen Säugling und Umwelt, die eine größere beidseitige Verknüpfung einräumt, während der Entwicklungsprozess seine komplexen Funktionen erweitert.
Die Spezifitätserfahrung von Interaktionsund Bindungsverläufen auf der Stufe des Bewusstseins entspricht dem von mir so genannten Rekognitionsprozess. Ich betrachte diesen Prozess als Brücke, der – auf der Stufe des Menschen – Grundprinzipien des biologischen Prozesses mit dem Entwicklungsprozess verbindet – mittels Aushandlung einer Folge komplexer fortschreitender Anpassungsaufgaben – des Fitting-together – zwischen Kind und fürsorgender Umwelt während der ersten Lebensjahre. Ebendiese Sequenz stufenweiser Aushandlungen der interaktiven Bindung zwischen Kind und Mutter konstruiert die zur Ebene psychischer Organisation überleitende Brücke. Bei psychischer Organisation denke ich an die Möglichkeiten des Gewahrseins unseres Selbst innerhalb des Gewahrseins unserer Umwelt. Das aufgrund der empirischen Bezogenheit des Kindes auf seine Welt als selbst-initiierender Urheber unablässig sich weiter entwickelnde Gehirn wird als eine Funktion verstanden, die neue Integrationsstufen in den Anpassungsprozess einbringt (vgl. Freeman 1995). Als Beispiel einer neuen Integrationsstufe könnte die fortschreitende Kohärenz der »Selbst«-Empfindung innerhalb des lebenserhaltenden Kontextes genannt werden.
Die Reihung adaptiver Aufgaben, die wir als eine Sichtweise des frühkindlichen Entwicklungsablaufs vorschlagen, illustriert die graduelle Erweiterung des »Erlebens von Rekognition« (die Spezifität des Augenblicks, in dem erkannt wird, von einem »Anderen« »erkannt« zu sein), wenn sich das Kind allmählich in Richtung wachsender komplexer Funktionen fortbewegt. In einer intakten Umwelt erlaubt das expandierende Erleben von Rekognition das Auftauchen spontaner Initiativen des Kindes, insofern die kindlichen Anpassungsstrategien bei ihrer Verknüpfung mit der Umwelt wie mit dem signifikanten »Anderen« eine relative Harmonie konstruieren. Gleichwohl steht in einem gesunden Kind-Bezugsperson-System (in dem das Fitting-together zunehmend schwieriger wird) ein Spektrum an Austauschweisen zur Verfügung, die sich nicht nur als förderlich, sondern auch als hemmend entpuppen mögen.
Ähnlich lässt sich das Ziel des therapeutischen Prozesses als eine Förderung fortschreitender Kohärenzgrade konzeptualisieren – als Organisation individuellen Bewusstseins aufgrund der Erfahrung expandierender Spezifität der Rekognition, ko-konstruiert zwischen Patient und Therapeut, wodurch sich das individuelle Bewusstsein des Selbst-als-Urheber innerhalb des Bewusstseins vom eigenen Tun in der therapeutischen Interaktion und in der Außenwelt verändert.

Der Prozess des Lebens: Widersprüche

In dem Moment, in dem wir das Leben und das Mysterium des Lebensprozesses zu reflektieren beginnen, konfrontieren wir uns mit einer ganzen Reihe von Widersprüchen. Zum Beispiel kommen wir, wenn wir über lebende Organismen bis hin zur kleinsten Mikrobe reflektieren, nicht umhin, eine Umwelt mit einzubeziehen, in der sich ebendiese Organismen in fortwährenden Interaktionen befinden. Wenn wir also über das Leben nachzudenken beginnen, ist der Ausgangspunkt nicht allein der Organismus, sondern ein »System«: der Organismus und seine Umwelt. Wählen wir nun das System als Ausgangspunkt – den Organismus im stetigen endlosen Austausch mit seiner Umgebung –, dann betrachten wir einen Prozess, einen kontinuierlichen Prozess mit vielen gleichzeitig existierenden Komplexitätsstufen. Ein solcher Prozess paralleler Komplexitätsstufen ist ein offensichtlicher Widerspruch, denn der Lebensprozess erfordert ununterbrochene Kontinuität sowie ununterbrochenen Wandel (…). Scheinbar stabile materielle Körper erweisen sich als fließende Materie in stetigem Wandel und Wechsel. Die Moleküle, die heute den Körper bilden, sind andere als jene, aus denen dieser einen Monat zuvor bestand. Paradoxerweise müssen diese fließenden Veränderungen die Ganzheit des Organismus bewahren, während seine Komponenten durch Desorganisation, Aufhebung und Austausch vorwärts treiben – all dies bei Aufrechterhaltung der vitalen Kohärenz des Organismus, essentiell für kontinuierliches Leben. Wie kann das gelingen? Wie können Kontinuität, Diskontinuität und Ganzheit gemeinsam voranschreiten? Was wir bisher als permanente »Struktur« zu denken gewohnt waren, müssen wir nun als ein fortlaufendes Prozessgeschehen verstehen, als einen Prozess, der Komplexität organisiert. Mit Blick auf die Chaostheorie (oder Komplexitätstheorie) sollen diese Zusammenhänge weiter unten erneut aufgriffen werden. An dieser Stelle gilt unsere Aufmerksamkeit zunächst noch dem Paradox: dass wir, wenn wir das Leben als Prozess ins Auge fassen, uns einen Organismus vorstellen müssen, der aktiv und ohne Unterlass in einer komplexen Rangordnung an seine ökologische Umwelt gebunden ist. Anders: wir müssen System-Funktionen reflektieren und nicht das Leben als Eigenschaft allein des Organismus.
Beginnen wir mit Websters Definition des Begriffs System: eine Sammlung von Objekten, vereint durch eine regelmäßige Interaktion oder Interdependenz, oder »eine Gruppe verschiedener Einheiten, die so kombiniert sind, dass sie ein integrales Ganzes bilden.« Soll Leben im Verlauf der Zeit von Bestand sein, muss der Zusammenbau der mannigfachen Einheiten, die ein integrales Ganzes bilden, im Zeitverlauf ebenso von Bestand sein. Zerbricht eine kohärent organisierte Einheit, zerbricht das Leben. Werden Prozesse beendet, wird das Leben beendet. Ebenso wie wir wissen, dass Leben in lebenden Systemen abbricht, wissen wir, dass Neues in Erscheinung tritt. Somit sind Prozesse als ein Fließen zu verstehen, ein Strömen zwischen System-Input und -Output durch stetige, übergreifende Organisationsprozesse, die, bei fortlaufender Interaktion zwischen Organismus und Umgebung, trotz Diskontinuität beständig Kontinuität erreichen. Die Kontinuität des Lebens ist nicht im Sinne einer gegebenen Permanenz zu fassen. Auf allen Komplexitätsstufen, vom Molekül bis hin zur Ökologie unseres Sonnensystems, sind Prozesse genötigt, die unvorstellbare Vielheit an Einzelteilen zu halten und das »integrale Ganze« lebender Systeme zu erhalten (1).

Allgemeine Systemtheorie: Ein Ausblick auf das Problem von Leben

Wie bereits ausgeführt, habe ich meine Untersuchung über Prinzipien des Prozessverlaufs in lebenden Systemen im Zusammenhang meiner Bemühungen begonnen, die empirischen Beobachtungsdaten von Säuglingen und Kleinkindern sowie ihren Familien im Verlauf der ersten drei Lebensjahre einer Langzeituntersuchung über die frühe Persönlichkeitsentwicklung zusammenzufügen (siehe Teil I). Ich wandte mich den Schriften jenes Biologen zu, der die allgemeine Systemtheorie vor etwa einem halben Jahrhundert vorangetrieben hat: Ludwig v. Bertalanffy (1949). Er stellte zur Sicherung von Leben zwei Grundprinzipien auf: »Organisation« und »primäre Aktivität«. Mit dem Begriff der Organisation bezog er sich auf das »integrale Ganze« (nach Websters Definition) – das Zusammenhalten oder die Kohärenz innerhalb der komplexen Vielheit der Bestandteile, die den lebenden Organismus bilden. Angesichts der mannigfachen Möglichkeiten, den Begriff der Organisation zu reflektieren, habe ich diese Arbeit mit den Worten »Anders denken« eröffnet. Die Bedeutung, die ich dem Begriff der Organisation zuschreibe, und die Art, wie dieser auf lebende Systeme angewandt wird, schließt Konzepte eines stetigen Prozesses ein – ein ständiger Energiestrom, der, in einem gesunden System, die verblüffende Komplexität der Organismen zu einer Kohärenz hinleitet, einer Ganzheit oder Vereinheitlichung innerhalb der interagierenden Komponenten, die von einer essentiellen Spezifität der Verbindungen (connections) untereinander herrührt.
Mit dem Begriff »primäre Aktivität« bezog sich v. Bertalanffy auf eine innere oder endogene Quelle des Organismus, Handlung einzuleiten, so dass die Integration jener Komplexität erlangt und gewahrt werden kann. Eine kohärente Organisation lebender Organismen entspringt dem Inneren, wird nicht von Außen erzwungen. Ausnahmslos jedes lebende System – jeder Organismus – ist somit als selbst-organisierendes, selbst-regulierendes und selbst-korrigierendes System innerhalb seiner Umwelt zu betrachten. Ein erster Schritt, das Biologische, die Entwicklung und das Therapeutische zu integrieren, bestünde darin herauszufinden, auf welche Weise biologische Grundprinzipien wie »Organisation« und »primäre Aktivität« auf die jeweils höhere Stufe bezogen werden können. Zum Beispiel betrachten wir die Ingangsetzung selbst-organisierender, selbst-regulierender, selbst-korrigierender Bewegungen als Widerschein individueller Wirkmächtigkeit. Das Erreichen eines kohärenten Empfindens des Selbst-als-Urheber – differenziert, zuverlässig und kompetent innerhalb des Kontextes eigener Lebenssicherung – führt uns zum zentralen Ziel sowohl des Entwicklungsprozesses wie des therapeutischen Prozesses. Ich gehe davon aus, dass der Prozess, ein kohärentes Empfinden des Selbst-als-Urheber zu erlangen, ein Beispiel dafür ist, wie »Prinzipien des Prozessablaufs in lebenden Systemen« auf die Aufgabe der Integration biologischer, entwicklungsbedingter sowie therapeutischer Ebenen bezogen werden können.

Das nichtlineare dynamische System

Das lebende System wird hier als nichtlineares System beschrieben, ein von einem Gleichgewicht weit entferntes System (in der Terminologie von Prigogine [1997]), versehen mit Merkmalen der Empfänglichkeit gegenüber Anfangsbedingungen, der Unsicherheit potentieller Gabelungen sowie der Endlosigkeit seiner Bewegungsbahn. Die Blickweise nichtlinearer dynamischer Systeme hilft uns zu verstehen, dass sowohl das Neue und Schöpferische wie auch das Desorganisierte und Destruktive Potentiale ein und desselben Systems darstellen. Innerhalb eines solchen Rahmens müssen selbst-organisierende, selbst-regulierende Prozesse auf hierarchischen Komplexitätsstufen fortdauernd sein, so dass die grundlegende Einheit oder kohärente Ganzheit des Organismus gewahrt bleibt, die für die Dauerhaftigkeit von Leben notwendig ist. Selbst bis heute ist in der Biologie, wie Paul Weiss (1970) hervorhob, nicht geklärt, wie das Prinzip der Ganzheit, der Einheit oder Kohärenz, begrifflich gefasst als Organisation, durch »Selbst-Organisation« vollzogen und gewahrt wird. Wie dieses Prinzip der Ganzheit, der Kohärenz vor sich geht, bleibt im Prozess des Lebens ein Rätsel, mit dem uns zu konfrontieren wir meist vermeiden – oder dessen wir uns nicht bewusst werden – aus lauter Selbstverständlichkeit, erst gar nicht darüber nachzudenken. Es ist zu hoffen, dass dieses Prinzip, während der Plan menschlicher Genome seinen Fortgang nimmt, sich langsam klärt und verstanden wird, wie das dauerhafte Fließen von Austauschweisen zwischen Genen und Umwelt ebendiese grundlegende Erfordernis allen Lebens zustande bringt. Jedoch ist dieser Parameter auf allen Stufen komplexer lebender Systeme involviert, der, wie gezeigt werden soll, hinsichtlich der psychischen Ebene von besonderer Relevanz ist – jener Ebene der Bewusstseinsorganisation, auf der sich der therapeutische Prozess bewegt. Beginnen wir mit einem Blick auf die Organisation – das »integrale Ganze« –, beginnen wir mit der Zelle.

Kohärenz – Auf der Ebene der Zelle

Mit seinem im Jahr 1998 eingeführten Konzept der Tensegrität (2) beschreibt D.E. Ingber, wie es dazu kommt, dass die strukturelle Ganzheit der Zelle selbst dann gewahrt bleibt, wenn sie dem Druck verändernder dynamischer Kräfte ausgesetzt ist. Zwar bezog sich Ingber auf die Architektur, die mechanische Struktur der lebenden Zelle, aber ich schlage vor, den Begriff »Tensegrität« – gespannte Einheit – als Metapher für die Konzeption der schwer fassbaren Kohärenz auf der Ebene psychischer Organisation zu nutzen. Verweilen wir einen Moment bei Ingbers Beschreibung der Tensegrität als Prinzip des Prozessablaufs in lebenden Systemen:
„Leben ist ein elementares Beispiel für fortwährende Komplexität. Dies legt die Vermutung nahe, dass allgemeine Regeln des Zusammenbaus durch die Wiederkehr bestimmter Muster – von molekularen bis hin zu makroskopischen Größen – inbegriffen sind. Solche Muster treten sowohl als Strukturen auf, die sich von höheren regelmäßigen Kristallen bis hin zu unregelmäßigen Proteinen erstrecken, wie auch als Organismen so verschieden wie Viren, Plankton und Menschen. Dieses Phänomen, wonach Komponenten sich verbinden, um größere, stabile Strukturen mit neuen Eigenschaften zu bilden, die von den Merkmalen ihrer individuellen Bestandteile her nicht vorausgesagt werden könnten, wird als Selbst-Zusammenbau (self-assembly) verstanden – ein in der Natur auf vielen Stufen zu beobachtendes Phänomen. Im menschlichen Körper zum Beispiel organisieren große Moleküle sich selbst zu Zell-Komponenten, bekannt als Organellen, die sich wiederum selbst zu Zellen organisieren, diese dann zu Gewebe und letzteres schließlich zu Organen. Das Ergebnis ist ein Körper, hierarchisch organisiert als Systemreihe innerhalb von Systemen. Wollen wir also vollkommen verstehen, wie Lebewesen sich formieren und wie sie funktionieren, müssen wir diese Grundprinzipien aufdecken, die die biologische Organisation steuern.
Eine erstaunliche Zahl natürlicher Systeme, einschließlich Kohlenstoffatome, Wassermoleküle, Proteine, Viren, Zellen, Gewebe und selbst Menschen und andere Lebewesen, verfügt über eine Konstruktion, der zufolge alle eine gemeinsame Architektur benutzen, bekannt als ›Tensegrität‹. Der Begriff bezieht sich auf ein System, das sich selbst mechanisch durch die Form stabilisiert, in der Spannungsund Komprimierungskräfte innerhalb einer Struktur verteilt und ausgeglichen werden. Da Moleküle und Zellen, die unser Gewebe bilden, beständig entfernt und ersetzt werden, liegt dem, was wir Leben nennen – so meine Annahme –, eine Aufrechterhaltung von Mustern und Bauweisen zugrunde. Strukturen der Tensegrität sind mechanisch stabil, nicht aufgrund der Stärke individueller Einzelteile, sondern aufgrund der Art und Weise, wie die Struktur als Ganzes es bewerkstelligt, Stressfaktoren zu verteilen und auszugleichen. Spannung wird ununterbrochen quer durch alle strukturellen Teile hindurch übermittelt. Diese gegensätzlichen Kräfte, die die Struktur durchgehend im Gleichgewicht halten, sind dafür verantwortlich, dass sie sich selbst zu stabilisieren vermag“ (1998, S. 48–49).
Ich gehe davon aus, dass die Konzeption Ingbers eine Brücke schlägt, eine Metapher für unser Denken bereit stellt, nämlich dass ein Prinzip des Gleichgewichts gegensätzlicher Kräfte innerhalb der hierarchischen Komplexität psychischer Organisation beschreibt, wie ein relativer Ordnungsoder Unordnungsgrad kohärenter Organisation oder funktioneller Ganzheit der Persönlichkeit eines spezifischen Individuums auf den Weg gebracht wird. Zum Beispiel (ohne darzulegen, wie dies geschieht) ist es kein großer Schritt zu der Annahme, dass ein Wechselspiel gegensätzlicher Kräfte notwendig ist, damit ein kohärentes individuelles Identitätsempfinden gewahrt bleibt. Dies träfe teilweise zu, wenn die Unvorhersagbarkeit von Konflikten zwischen gegensätzlichen Kräften im individuellen dynamischen System der Lebenssicherung herangezogen wird. Während Weiss (1970) seine Aufmerksamkeit auf die Biologie richtete, müssen wir nunmehr für die psychische Ebene definieren, wie Kohärenz in unserem Identitätsempfinden operiert und wie sie vermittelt wird.
Kohärenz im Sinne individueller Identität leitet zum nächsten Widerspruch über, mit dem uns der Prozessverlauf in lebenden Systemen konfrontiert. Wie gelingt es dem einzigartigen selbst-organisierenden Individuum, vom Anderen unterschieden zu sein und gleichzeitig mit dem Anderen zusammen zu sein, so dass das »System« – das Leben gewährleistet – seine unentbehrliche Kohärenz und Ganzheit aufrechterhält? (Benjamin 1995; Seligman & Shanok 1995).

Zwei weitere Prinzipien: Spezifität und Rhythmizität

Zwei weitere Prinzipien biologischer Systeme – Spezifität und Rhythmizität – geben Hinweise darauf, wie Lebensprozesse dieses schwierige Paradox lösen: die Art und Weise, wie Komplexität, bewirkt durch die Einzigartigkeit selbst-organisierender Individuen, dennoch die notwendige Ganzheit oder kohärente Organisation eines größeren Systems ermöglicht, dem jeder Einzelne als ein erreichbarer und aufrecht zu erhaltender Bestandteil angehört.

Spezifität

Das erste dieser Prinzipien, Spezifität, habe ich unter Rückgriff auf die Arbeiten des Biologen Paul Weiss (1947) zu einer Zeit eingeführt, als ich mit dem Werk von Ludwig v. Bertalanffy (1949) bekannt geworden war. Weiss betonte die entscheidende Signifikanz dessen, was er »das Motto der Spezifität« nannte, indem er jene Verknüpfungen begründete und bewahrte, auf denen die rätselhafte Kohärenz oder Vereinheitlichung lebender Organisation beruht. Er betonte, dass die determinierende Spezifität ein in der lebenden Welt universell verwendetes Prinzip darstellt, das für Kommunikation, Rekognition, Affinität, Selektivität etc. von grundlegender Bedeutung ist. Als Grundprinzip erörterte Weiss (1970) das Prinzip abgestimmter Spezifitäten – »eine Art Resonanz zwischen zwei Systemen, die durch korrespondierende Eigenschaften aufeinander abgestimmt sind« (S. 162) – und zeigte anhand zahlreicher Beispiele, wie das Prinzip der Spezifität in einem lebenden System operiert, beginnend mit der Embryologie und dem Immunsystem bis hin zu den Funktionen von Hören und Sehen.

Das »Motto der Spezifität« – ein Beispiel

Lässt sich erkennen, wie Spezifität bei der Verknüpfung von Komponenten funktioniert, wenn die essentielle Kohärenz des Systems konstruiert wird? Die rätselhafte Weise, nach der das Weiss’sche »Motto der Spezifität« zur Konstruktion von Organisation bzw. Vereinheitlichung im lebenden System auf der höchsten Komplexitätsstufe operiert, ist mir vor vielen Jahren mit aller Macht nahe gelegt worden, als Daniel Stern mir Gelegenheit gab, einige jener Filme über Neugeborene, die wir während unser Langzeituntersuchung aufgenommen hatten, per Einzelbild-Projektion zu prüfen. Bei der Szene handelte es sich um den Ausschnitt aus einem dreiminütigen Film, den unser Beobachtungsteam bei einem Hausbesuch eines unserer Neugeborenen am achten Tag nach der Geburt aufgenommen hatte. In dieser Szene ist ein kleines Mädchen auf dem Arm ihres Vaters zu sehen, der auf dem Rasen steht und sich mit anderen Teammitgliedern unterhält, aufgenommen in normaler Filmgeschwindigkeit von 30 Bildern pro Sekunde – das ist alles, was man sieht (…).
Im Laufe derselben wenigen Minuten, nun im Einzelbild-Ablauf, sieht man den Vater, der einen kurzen Moment hinunterblickt in das Gesicht des Babys. Seltsamerweise schaut das Baby in demselben Bild hinauf in das Gesicht des Vaters. Dann beginnt der Arm des Säuglings, der über den linken Arm des Vaters herunter hing, sich aufwärts zu bewegen. Wiederum in denselben Bildern beginnt der Arm des Vaters, der rechts seitlich herunter hing, sich aufwärts zu bewegen. Bild für Bild bewegen sich die Hand des Babys und die Hand des Vaters gleichzeitig nach oben. In dem Augenblick schließlich, als sich die Hände vor dem Bauch des Babys treffen, ergreift die linke Hand des Babys den kleinen Finger der väterlichen rechten Hand. In ebendiesem Moment schließen sich die Augen des Babys und es schläft ein, während der Vater sich weiter unterhält, offenbar komplett unwissend gegenüber dem kleinen Mirakel von Spezifität in Zeit, Raum und Bewegung, das gerade in seinen Armen stattgefunden hatte.
Wie lässt sich eine solche Spezifität der Verknüpfung zwischen Vater und Baby begründen? Gab es im Gehirn des neugeborenen Mädchens eine »Repräsentation« des väterlichen kleinen Fingers? Wusste es, »wo« es diesen zu greifen habe? Als sich die Hand auf den Körper des Babys legte, spreizte der Vater den kleinen Finger, trennte ihn von den anderen Fingern, denn sonst hätte das Baby ihn nicht greifen können. Woher wusste er, das das Baby den Finger greifen wollte? Wie konnten die Bewegungen von Vater und Baby acht Tage nach der Geburt dermaßen präzise in Zeit und Raum übereinstimmen? Betrachten wir hier ein Ganzheitsprinzip – ein Prinzip, das auf ein darunter liegendes Spezifitätsprinzip in Zeit, Raum und Bewegung aufbaut, das Richtungsverläufe zwischen Subsystemkomponenten verbindet? Eine notwendige Verbindung, um die kohärente Ganzheit in einem »System« zu konstruieren, von dem angenommen werden kann, das es »lebt«? Könnte Tensegrität eine Illustration dieses Prinzips der Ganzheit sein? Könnte dasselbe Prinzip, Richtungsverläufe zu verbinden, auch dem Begriff der Abstimmung Daniel Sterns (1985), dem Konzept der Kommunikation von Gehirn zu Gehirn Trevarthens (1979) oder unserem zunehmend angewandten Konzept der Intersubjektivität zugrunde liegen?

Selbst-Zusammenbau auf psychischer Ebene

Wenn wir das Konzept der Spezifität auf die Interaktion zweier Menschen erweitern, bauen wir eine Brücke zwischen Prinzipien des Prozessverlaufs auf der Molekular-Ebene und jenen Prinzipien auf individueller Ebene. Wie Menschen sich finden und miteinander verbinden ist in der Psychoanalyse von aktuellem Interesse. Damit können wir uns auf unserer Suche nach Prinzipien des Prozessablaufs bei der Organisation von Kohärenz oder Einheit in lebenden Systemen der Bewusstseinsorganisation zuwenden.
In der Arbeit »Dyadisch erweiterte Bewusstseinszustände und der Prozess des therapeutischen Wandels« von Tronick et al. (1998), in der auch das Still-face-Paradigma vorgestellt wird (siehe Kap. yyy), finden wir genau jene Prinzipien wieder, die Ingber (1998) beschrieben hat. Bei Tronick et al. (1998, S. 296) heißt es:
Jedes Individuum ist als selbst-organisierendes System zu verstehen, das seine eigenen Bewusstseinszustände erschafft – Zustände der Organisation des Gehirns –, die zunehmend kohärente und komplexe Zustände in Zusammenarbeit mit einem anderen selbst-organisierenden System entwickeln. Ist die [Spezifität der] Zusammenarbeit zwischen zwei Gehirnen erfolgreich, vollbringt jedes einzelne systemische Prinzip die Ausdehnung seiner Kohärenz und Komplexität – das Kind zur Handlungsperformanz im dyadischen System befähigend, zu der es allein nicht in der Lage wäre.
Tronicks Beispiel beschreibt die Art und Weise, wie ein Verlaufsprinzip von Prozessen in lebenden Systemen, ähnlich dem Konzept des Selbst-Zusammenbaus von Ingber, auf der höchsten menschlichen Komplexitätsstufe – auf der Stufe des menschlichen Bewusstseins – bezogen werden kann. Wie wir noch sehen werden, bildet das Spezifitätsprinzip der Verbindung, erforderlich für die Selbst-Zusammensetzung von Komponenten zu größeren Ganzheiten auf der Stufe des Bewusstseins, die Grundlage des von uns so genannten Rekognitionsprozesses – ein Prozess, der zwei Bewusstseinszustände in einem Moment der Entsprechung zusammenfügt.
Gleichwohl bleibt ein Widerspruch ungelöst. Die Spezifität der Verknüpfung muss aus einer Aufhebung von Stressfaktoren zwischen gegenläufigen Kräften entstehen, bewirkt durch den stetig fließenden Wandel von Zeit, Raum und Bewegung innerhalb der Komponenten, die die hierarchischen Komplexitätsstufen bilden. Sind vielleicht noch andere Mechanismen im Spiel, durch die Verbindungsspezifität zustande gebracht wird? Zur Beantwortung dieser Fragestellung könnte die Weiss’sche Fassung des Mottos der Spezifität nützlich sein und diese erweitern. Wir nehmen an, dass die Ausdehnung der Verbindungen durch ein zweites Prinzip erreicht: das Prinzip der Rhythmizität. Wenden wir uns nun dem Beitrag zu, den das Thema der Rhythmizität zur Frage der Erweiterung der Verknüpfungen zwischen Säugling und seiner Welt zu leisten vermag.

Rhythmizität

Ein relativ stabiler, aber elastischer Zusammenhalt von Komplexität im biologischen System wird durch Kopplung und Synchronisierung biologischer Rhythmen herbeigeführt. Das lebende System lässt sich als eine Symphonie biorhythmischer Systeme innerhalb von Systemen begreifen. Eine schlichte Metapher von Komplexität oder Chaostheorie gibt einen Überblick über den Konstruktionsprozess von Rhythmen in einem nichtlinearen dynamischen System: »Wenn ein Energiestrom in eine Matrix von genügender Komplexität einfließt, die durch gewisse Parameter begrenzt wird, tritt dieser als ein Strom wiederkehrender Muster in Erscheinung, wobei jedes wiederkehrende Muster durch Merkmale von Selbst-Ähnlichkeit wie auch Singularität gekennzeichnet ist.« Jedes sich wiederholende Muster ähnelt also vorherigen Mustern und ist gleichwohl auf seine Art einzigartig. Das kreative Potential eines solchen Energiestroms lässt sich unter Rückgriff auf die Welt der Mathematik anhand der wiederholten Iterationen einer simplen Formel der fraktalen Geometrie illustrieren, die die Schönheit und Komplexität der als Mandelbrot-Menge bekannten Darstellung konstruieren (Mandelbrot 1982).
Selbst-Ähnlichkeit bei sich wiederholenden Mustern führt unverzüglich zum Thema der Rhythmizität – und im biologischen System zur biologischen Rhythmizität, ein Grundmerkmal lebender Systeme auf allen Komplexitätsstufen vom Dinoflagellaten bis hin zum Menschen. Es handelt sich um ein Merkmal der Natur, das die Lösungssuche eines dem Leben zugrunde liegenden Widerspruchs unterstützt – die Art und Weise, wie eine Komplexität verschiedenartiger selbstorganisierender Komponenten aufgrund ihres Zusammenseins Kohärenz oder Einheit zu erreichen vermag.

Expansion der Rhythmizität

Fahren wir fort mit unserem Thema der Rhythmizität als Bestandteil einer basalen Maschinerie des Selbst-Zusammenbaus, durch die Kohärenz in lebenden Systemen erlangt wird. Die Rhythmen oszillierender Systeme werden gekoppelt, wenn sie ein Signal miteinander teilen. Kopplung vervielfältigt das Signal und verstärkt die Inklusion sowie den Kohärenzgrad der Gemeinschaft der Oszillatoren. Der Energiestrom wird angereichert. Deshalb lässt sich die Konstruktion einer neuen Spezifität der Verbindung, die die Inklusion zweier sich miteinander verbindender Bewusstseinszustände erweitert, als motivational verstehen. Ein einfaches Beispiel ist das nächtliche Einsetzen der Leuchtrhythmen in Gemeinschaften von Glühwürmchen (Strogatz & Mirollo, zit. nach Peterson 1991). Die Rhythmen gestalten sich, je tiefer die Nacht fällt, zunehmend einheitlich, bis schließlich die ganze Gemeinschaft synchron leuchtet.
Eine faszinierende Entdeckung geht auf Young (1998) zurück, der herausfand, dass in jeder einzelnen Komponente des Körpers einer Fruchtfliege – Thorax, Rüssel, Fühler – biologische Uhren eingebaut sind, so dass die Phasen-Verschiebung und Phasen-Synchronisierung von endogenen Rhythmen sich für die Modifizierbarkeit, benötigt für ihre Anpassung, als ebenso zentral erweisen wie für ihre Kohärenz als Fruchtfliege. Wesentlich für die Kopplung zwischen rhythmisch oszillierenden Systemen ist die Spezifität des geteilten Signals, mit anderen Worten: das Timing und die Konfiguration des Kopplungssignals. Im Fall des Jet Lags erleben wir beispielsweise einen Bruch der Kopplung mit der Desorganisation, die mit der temporalen Fehl-Synchronisierung zwischen unseren inneren Rhythmen und jenen unserer Umgebung einhergeht. Die Phasen-Verschiebung von Rhythmen ist notwendig, um die Verbindungsspezifität zu rekonstruieren, die für die Wiederherstellung unseres Empfindens von kohärenter Organisation innerhalb des Timings in einem neuen Umfeld benötigt wird. Innerhalb eines beide Interaktionspartner steuernden Rhythmizitätsprinzips wird Kontinuität aufrechterhalten, da Losgelöstsein, Abkoppeln (disengagement) nicht Abbruch (disconnection) bedeutet.
Eine nochmals provokantere Perspektive von Rhythmizität in der biologischen Organisation bezieht sich darauf, in welcher Form jedes Gehirn einheitliche Szenen und Bedeutungen eigener weit verbreiteter Areale der Sinnesverarbeitung zusammenfügt. Gray, Singer et al. (zitiert in Bower 1998) gehen von der Annahme aus, das synchronisierte Rhythmen von Neuronenfeuern die anatomische Verbindung und die chemischen Prozesse auslösen, die für Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache und gar Bewusstsein benötigt werden. Rhythmischer elektrischer Output unter weit verstreuten neuronalen Gruppierungen liegt im Zentrum der visuellen Wahrnehmung und möglicherweise auch anderer Aspekte des Denkens – all dies lenkt unsere Aufmerksamkeit hin zu einem verbindenden Schlüssel der Integration des Biologischen, der Entwicklung und des Psychologischen: zum Gehirn.

Das Gehirn und der Prozess von Entwicklung

Eine wichtige Brücke, die die Integration neuer Erkenntnisse über biologische Prozesse mit neueren Perspektiven des Entwicklungsprozesses erweitert, bildet unser verändertes Verständnis der Hirnfunktionen. Als besonders bedeutungsvoll gilt das Zusammenspiel zwischen einer Erfahrung des Kindes und der sich entwickelnden Morphologie des kindlichen Gehirns. Zum Beispiel lernen wir, dass das frühe Erleben des Babys die Morphologie seines Gehirns formt und modifiziert. Damit wird ein Zugang zu einem neuen Verständnis langzeitlicher Auswirkungen bestimmter negativer frühkindlicher Erfahrungen geschaffen, wie Traumata und wiederkehrende pathogenetische Begegnungen, aber auch, positiv betrachtet, eine vielfältigere Entwicklung des Gehirns.
Gehirn und Wahrnehmung
Eines der grundlegendsten und für mich höchst erstaunlichen Ergebnisse der letzten Jahre besteht darin, dass das Gehirn in seiner Wahrnehmungsfunktion zuerst seinen sensorischen Input in Einzelteile dekonstruiert, die die Wahrnehmung ausmachen. Das Gehirn platziert jede einzelne Sinneskomponente des Input in eine Kategorie – Linie, Farbe, Tiefe, Kontur, Bewegung –, die es dann verarbeitet, jede Kategorie in einem unterschiedlichen Hirn-Areal. Anschließend wird die Karte dieses weit verteilten Prozesses erneut zusammengefügt, um die Gesamtwahrnehmung zu konstruieren, einschließlich relevanter affektiver oder emotionaler Kategorien (die Werte des limbischen Systems, Edelman [1992]), und anhand dieser Kategorien wird die Bedeutung der Wahrnehmung für den Wahrnehmenden konstruiert (3).
Die Integrationsfunktion des Gehirns, das Ganze aus einer Wahrnehmung komplexer Inputs zusammenzusetzen, ist als eine Funktion zu betrachten, die die grundlegende Motivation bereitstellt, im Fluss unseres Bindungskontextes alles zusammenzufügen, jeder auf seine individuelle Art und Weise. Diese integrierende Funktion des Gehirns befähigt uns nicht nur, idiosynkratische basale Anpassungsaufgaben auszuführen, sondern stellt zudem eine organisierende Kraft auf den komplexesten Stufen menschlicher Erfahrung dar. Es genügt, einen Blick auf die Bücherflut zu werfen, die auf den Gebieten der Physik und Mathematik erscheinen, um sich ein Bild davon zu machen, wie Wissenschaftler auch in diesen Bereichen versuchen, durch die Integration neuer Theorien der Kosmologie, des Chaos, der Komplexität und nichtlinearer Systeme alles zusammenzufügen (4).
Wir bereits erwähnt, findet sich ein Beispiel dafür, wie das Gehirn einen Stufenbau von Subsystemen zwecks Formung eines integralen Ganzen integriert, in der machtvollen, häufig ignorierten Hexerei der »Gestaltwahrnehmung«. Verwiesen sei hier auf Heinz Pechtl (1990) und dessen Verwendung der Gestaltfunktion (…).
Die Bedeutsamkeit der Hervorhebung ebendieser Hirnfunktionen liegt in ihrem Bezug zur Rolle der Erwartung im Prozess des Fitting-together, also der Anpassung. Denn lange bevor Sprache und Worte zur Verfügung stehen, werden adaptive, interaktive und interpersonale Strategien organisiert: »Formen des Zusammenseins« (Stern 1985b) und »implizites relationales Wissen« (Lyons-Ruth 1999).

Anders denken

Will man mit einer Integration auf der Ebene weitestmöglicher Perspektiven beginnen, stellt man fest, dass in vielen Kulturen das Rekognitionsprinzip und die Erfahrung des Erkanntseins von Anfang an als wesentlich betrachtet wurde, wesentlich im Sinne einer Vitalisierung individuellen Erlebens in Momenten des Zusammenseins mit einem größeren, inklusiveren Ganzen. »Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir [...] Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge – du, Herr, kennst es bereits«, heißt es im Psalm 139.
Wenn ich die Vorstellung eines anderen Denkens zum Ausgangspunkt nehme, frage ich gleichzeitig: »Warum nicht beginnen mit dem zentralen Prinzip der Organisation lebender Systeme: dem Aspekt der Einzigartigkeit?« Des Weiteren gehe ich davon aus, dass die Rekognition von Einzigartigkeit – in einem interaktiven System – den Schlüssel zu einem Organisationsprozess liefert, der auf der Konstruktion einer grundlegenden Spezifität der Verbindung zwischen Komponenten basiert, die notwendig ist, um die Kohärenz oder Ganzheit des Systems zu erlangen, erforderlich für die Kontinuität von Leben. Dasselbe Spezifitätsprinzip der Verbindung, wesentlich für den von Ingber (1998) beschriebenen Selbst-Zusammenbau auf biologischer Ebene – »Hospitalismus« in der Begrifflichkeit von Spitz (1945) –, ist eine Beschreibung dessen, was geschieht, wenn in der frühkindlichen Entwicklung eine solche Spezifität in Systemen fehlt. Auf der Stufe, zu der uns die Komplexität individuellen Bewusstseins hinführt, scheint die jeweilige Einzigartigkeit bei der Organisation individueller Aufmerksamkeit und Wahrnehmung offenkundig zu sein.
Wo also beginnen angesichts dieser fortschreitenden komplexen Rekognition von Einzigartigkeit? Ausgangspunkt unserer Untersuchung der Integration war Websters Definition des Systems als »integrales Ganzes« sowie v. Bertalanffys Prinzip der Organisation als wesentliche Beschreibung von Systemen, die als lebend bezeichnet werden können. Die Richtlinie, die uns einen Zugang zur Operationalisierung (oder zur Beobachtung) der Rekognition des integralen Ganzen des Organismus innerhalb seines Systems erlaubt, bietet das Konzept des Zustands. Zustand ist ein Begriff mit einer spezifischen, empirisch validen Definition als Deskriptor von Komplexität und Einheitlichkeit eines lebenden Systems. Zustand ist definiert im Sinne einer Konfiguration der Werte eines VariablenSets, das die Funktionen des Gesamtsystems in einem bestimmten zeitlichen Moment charakterisiert, eine Konfiguration, die wiederkehrt und die erkannt werden kann, wann immer sie erneut erscheint. Ein Beispiel auf der Stufe des Neugeborenen bildet die Reihe von (Erregungs)Zuständen im Schlaf-WachKontinuum, mit hoher Reliabilität beobachtbar. Zu einem etwas späteren Zeitpunkt im Entwicklungsprozess findet sich eine Reihe emotionaler Zustände, die Gefühle, das heißt Affekte ausdrücken. Affekte sind beobachtbare Zustände, deren Spezifität der Rekognition den Schlüssel zu Regulation, Anpassung und Kommunikation bereitstellt. Es ist faszinierend zu beobachten, dass die grundlegende Rolle des Anpassungsprozesses, ermöglicht durch die Fähigkeit, den Zustand des »Anderen« wahrzunehmen, von der Fähigkeit des Gehirns auf der oben genannten Gestaltwahrnehmung abhängt. Wir können davon ausgehen, dass sich beides gleichzeitig entwickelt hat.
Zudem gewährleistet eine regelmäßige Wiederholung infantiler Zustände innerhalb der basalen 24-Stunden-Periodizität größerer Systeme einen Rahmen – einen Hintergrund – für die zeitliche Organisation – ein wesentlicher Aspekt im Prozess der Anpassung. Wie in dem Beispiel weiter oben geschildert, wiederholen sich Austauschweisen zwischen Kind und Bezugsperson. Dies schafft die Voraussetzung für wiederkehrende Gestaltwahrnehmungen, die die Interaktionen einrahmen – ein für jedes System charakteristischer Konfigurationsprozess. Wir vermuten, dass das Kind – innerhalb dieses vertrauten Rahmens, in dem unerwartete Perturbationen und deren Reparatur bei der Rückgewinnung neuer Verknüpfungsmomente den Strom wiederkehrender Folgen von Harmonie zu Disharmonie und wiederum zu Harmonie konstruieren –, dass also hier das Kind beginnt, sich seines eigenen Zustands bewusst zu werden. Unsere Fähigkeit zum Selbst-Gewahrsein erlaubt uns, eine Lösung für das Paradox zu finden, mit dem wir unsere Ausführungen begonnen haben. Innerhalb des Selbst-Gewahrseins vertrauter Zustände in wiederkehrenden Erwartungsmustern in fließenden Abläufen von Sequenz und Konsequenz kann Kontinuität oder Dauer bei gleichzeitiger Diskontinuität erlebt werden. Erwünschte Zustände des Kindes entwickeln sich zu motivationalen Zielen. Der eigene erwünschte Zustand übernimmt die Rolle, die Richtung zu organisieren, die die Einleitung der nächsten Bewegung im Anpassungsprozess nehmen wird.
Zudem wird mit der sich wiederholenden Rekognitionsspezifität, die für die Regulierung des infantilen Zustands notwendig ist, der Rahmen für die Wiederholung eines höchst vitalen Ereignisses sichergestellt – für den »Begegnungsmoment« zwischen Säugling und Bezugsperson in Zuständen mutueller Bereitschaft. Die regelmäßige Wiederkehr einer Begegnung in Zuständen wechselseitigen Bereitseins ist eine grundlegend andere Erfahrung als jene des kindlichen Hervorlockens einer Reaktion bei der Bezugsperson oder vice versa. Das Erlangen eines Anpassungszustands bedeutet zwar eine grundlegende Entlastung und Unterstützung, wird aber gleichzeitig auch als etwas »Naturgegebenes« erlebt.
Der Entwicklungsprozess konstruiert für die Regulierung eines jeden Systems von Anbeginn eine Organisationslogik (Sander 1985) der je einzigartigen Muster, die das charakteristische Gleichgewicht im Sinne dessen, was gegeben ist und was erworben werden muss, definiert. Das Empfinden von Befriedigung und Erfüllung, das dem System Kohärenz oder Ganzheit zuführt und eine stabile Zustandsregulierung gewährleistet, kann für beide Partner eine Quelle der Motivation sein, den nächsten interaktiven Schritt zu steuern. Da der Entwicklungsprozess als ein ständiges Fließen von Veränderungsprozessen zu verstehen ist, muss selbst schon die Rekognition des Zustands ein sich entfaltender Prozess sein, der die Spezifität der Begegnung in neuen Konfigurationen fortschreitender Komplexität im Laufe des Entwicklungsprozesses konstruiert.
Wie (in Kapitel 4) ausgeführt, beinhalten die ersten fünf Anpassungsstadien, an denen das Kind und sein fürsorgendes Umfeld in den ersten 18 Lebensmonaten teilhaben, eine direkt zu beobachtende fortschreitende Komplexität des Verhaltens und der Handlungsinitiative seitens des Kindes. Am Anfang des zweiten Lebensjahres durchlebt das Kleinkind ein neues Stadium entwicklungsbedingter Komplexität, ein emergierendes Gewahrsein seiner inneren Empfindung von Intentionalität, prägnant beschrieben von Spitz (1957) am Beispiel des »Nein-Kopfschüttelns« (S. 86) im Alter von etwa 15 Lebensmonaten. Hier lässt sich unmittelbar die sechste Anpassungsstufe der »Rekognition« erkennen, mit ihrem profunden Fortschritt der Bewusstseinsorganisation – dem Gewahrwerden des eigenen Zustands und der Rolle als Initiator eigener Handlung. Wir denken an die Fähigkeit des Gehirns, Erwartungsmuster zu konstruieren inmitten wiederkehrender affektiv positiver Begegnungsmomente wie auch affektiv negativer Erfahrungen bezüglich erneuter Einschränkungen spontanen initiativen Verhaltens. Dieser auftauchende Entwicklungsschritt eines inneren Gewahrseins eigener Intentionen durch den Anstoß von Handlung schafft die Voraussetzungen für das Erleben des Kindes, das dem »Anderen« gewahr ist, dessen es in sich selbst gewahr ist – seiner Zustände, Erlebnisweisen und der Richtung seiner Ziele und Intentionen. Die Voraussetzungen sind geschaffen, dass die Erwartung die Initiative gestaltet, noch bevor es zur Handlung kommt.
Somit kann festgehalten werden, dass gegen Ende der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres oder in den ersten Monaten des dritten Lebensjahres der Anpassungsprozess auf der Stufe inneren Gewahrseins und der Sequenz-KonsequenzErwartung ausgetragen wird. In diesem Alter taucht im Kleinkind die Fähigkeit auf, spontanes Handeln zu zügeln und Handlungsintentionen zu verbergen. Die wechselseitigen Modifikationen und Angleichungen des Anpassungsprozesses werden auf der Grundlage beider Empfindsamkeit gegenüber dem eigenen Selbst und gegenüber dem Anderen konstruiert. Die Rekognitionsspezifität ist ein Anhaltspunkt im Hinblick auf Erfolg oder Misserfolg des Anpassungsprozesses oder – falls Disruptionen nicht repariert werden konnten – im Hinblick auf eine Schieflage der systemischen Organisation in Richtung Projektionen und Fehlabstimmungen.
Gleichzeitig aber gewährleisten Befriedigungsgefühle (Tronick et al. 1998) oder erhöhte Affektmomente (Beebe & Lachmann 1996) die grundlegende positive Motivation, in dem von beiden konstruierten nichtlinearen dynamischen System den jeweiligen Partner dazu zu bewegen, die positive affektive Begleiterscheinung des Zusammenseins anzustreben. Es handelt sich lediglich um eine minimale (Fort)Bewegung, im Sinne eines gemeinsamen Grundprinzips, beginnend bei den von Ingber (1998) angeführten Beispielen des Selbst-Zusammenbaus auf biologischer Ebene bis hin zum Selbst-Zusammenbau auf psychologischer Ebene – zwei einzigartige Organisationen des Gehirns von Mutter und Kind, die sich selbst zu einer zunehmend größeren, inklusiveren Kohärenz der Bewusstseinsorganisation im gemeinsamen Tun zusammenfügen. Mit der Spezifität der Verschränkung dehnt sich der Energiestrom aus, da die Zustände der Organisation des Gehirns beider Partner ihre Komplexität in Richtung neuer und umfassenderer Zustände kohärenter Organisation erweitern, wodurch das Kind befähigt wird, etwas zu tun, was es allein zu tun nicht vermöchte. Hier begegnet uns ein weiteres Mal die Überlegung von Tronick et al. (1998): die »dyadische Erweiterung der Bewusstseins«.

Der psychotherapeutische Prozess

Wir haben in diesem Beitrag mit der Herausforderung einer Integration auftauchenden Wissens auf biologischer, entwicklungspsychologischer und psychotherapeutischer Ebene begonnen und versucht, drei Grundprinzipien des Prozessablaufs in lebenden Systemen herauszuarbeiten, der sich auf alle drei Ebenen anwenden lässt. Betrachten wir nun die psychotherapeutische, insbesondere die psychoanalytische Ebene, so lässt sich der therapeutische Prozess im Wesentlichen als ein Prozess begreifen, der Wandel in die Bewusstseinsorganisation einführt, eine Veränderung bezüglich der Art und Weise, wie wir im Kontext der Geschehnisse um uns herum unserer selbst gewahr werden, was uns wiederum befähigt, eine neue und inklusivere Selbst-Kohärenz innerhalb unserer lebenserhaltenden Umwelt zusammenzufügen. Vor dem Hintergrund der Progression interaktiver Ereignisse, die die fließenden Prozessverläufe auf biologischer Ebene wie auf der Ebene frühkindlicher Entwicklung konstruiert, stellt sich folgende Frage: Wie gestalten sich diese Prinzipien auf der therapeutischen Ebene? Bei der Integration des Biologischen mit Entwicklungsprozessen haben wir, ausgehend vom Aspekt der Organisation über jenen der Ganzheit bis hin zum Zustand, eine Übertragung versucht, beginnend mit der von uns aufgestellten Liste adaptiver Problemstellungen in der frühkindlichen Entwicklung hinsichtlich der Regulierung fließenden Wandels infantiler Zustände innerhalb des 24-stündigen Zyklus von Tag und Nacht.
Ein Beispiel für die Wirksamkeit der Rekognition des Zustands im Bereich der Psychoanalyse findet sich in der Beschreibung des psychoanalytischen Hörens bei Schwaber (1983) (…). Die Autorin richtet ihre Wahrnehmung und ihr Einfühlungsvermögen im Verlauf der Stunde auf die fließenden Zustände und Zustandswechsel im Patienten wie in sich selbst. Jeder Wechsel bietet ihr Gelegenheit, zu prüfen und ihrem eigenen Gewahrsein von Wandel nachzugehen, dieses mit jenem seitens des Patienten im beidseitigen Interaktionsfluss zusammenzufügen und schließlich einen neuen Moment der Begegnung zu erreichen, wenn »Richtung« und »Intention« sich zu klären beginnen.
Die beschriebene Anpassungsaufgabe, die vom Erkennen einer Veränderung des Zustands zum Erkennen eines Prozesses der »Ausbettung«, der Lösung des »Selbst« aus dem »Anderen« führt, illustriert die fortschreitende Komplexität der Rekognitionsspezifität im Entwicklungsverlauf. Die Art und Weise, wie die Spezifitätserfahrung, erkannt zu werden, übermittelt wird, liegt offensichtlich im Zentrum dessen, was eine effektive Deutung bewirkt: neue »Momente der Begegnung« zwischen Patient und Analytiker, die Inklusion neuer erweiterter Zustände bewusster Verknüpfungen.
Ich möchte mit einer klinischen Vignette von Lyons-Ruth (2000) schließen. Die Autorin schildert einen kurzen Austausch mit einer selbst-destruktiv agierenden Adoleszentin in den ersten Behandlungsmonaten der Vertrauensbildung. In der besagten Stunde listete die Patientin wütend ihre Enttäuschung über all jene Personen auf, die ihrer Behandlung beigeordnet waren. Lyons-Ruth schreibt: »Die Patientin sah mich zweifelnd an und schwieg. Ich fragte, worüber sie nachdenke, warum sie verstummt sei. Sie sagte: ›Man weiß nie, was diese Leute denken. Es sind ja auch nur Menschen. Wahrscheinlich überlegen sie, was sie noch alles zu erledigen haben, zur Reinigung gehen müssen oder ähnliches‹« (S. 92–93).
Die Autorin merkt an, dass die Wahrnehmung der Patientin, von wichtigen Anderen übergangen zu werden, bereits Bestandteil des Dialogs war, so dass ein möglicher Kommentar gegenüber der Patientin, diese habe sich in der Therapie wohl nicht wahrgenommen gefühlt, in ihr, der Analytikerin, ein steriles und abstraktes Empfinden ausgelöst habe. Anschließend reflektiert sie kurz ihr eigenes Erleben und merkt an, dass sie sich in diesen ersten Monaten der Therapie von der Patientin angegriffen und entleert gefühlt habe. Daraufhin sagt sie zu ihrer Patientin: »Wollen Sie wissen, was ich gedacht habe, als ich Ihnen zuhörte?« Die Patientin nickte und die Therapeutin fuhr fort: »Ich habe gedacht, welch schwere Widersacherin Sie sich selbst gegenüber sind. Sie sind sehr achtsam, diszipliniert und empfindsam (alles offenkundige Züge dieser hervorragenden Studentin), aber in diesem Augenblick sind all diese Kräfte gegen Sie gerichtet, statt im Dienst lebensbejahender Weiterentwicklung zu stehen« (S. 93). Daraufhin äußerte sich die Patientin das erste Mal in bedeutsamer Weise über ihr eigenes inneres Erleben: dass sie sich wie eine missbrauchte Ehefrau fühle, die sich von ihrem Ehemann nicht trennen könne, der »Ehemann«, der ihr selbst-destruktives Verhalten verkörpere, weil sie glaube, dass er der einzige sei, der sie liebe.
Diese Episode nutzt die Autorin, um auf die multiplen Kommunikationsebenen hinzuweisen, die einem solchen therapeutischen Austausch innewohnen:
„Nach meinem Verständnis hatte das, was zwischen uns durchgesickert war, mehr mit einer Theorie komplementärer Handlungsabläufe und Rekognitionsprozesse gemein als mit einer Theorie der Deutung. Sie hatte ein zentrales ›Zusammensein‹ mit in das Behandlungszimmer gebracht, das eine zornige Opposition gegenüber den ›blinden Anderen‹ einschloss. Aber in diesem Moment ging es in ihrem Entwicklungsprozess um einen Widerstand: Sie wandte sich von den wichtigen Anderen in ihrem Leben ab und bewegte sich in Richtung ihrer selbst. Ich improvisierte so gut ich konnte, um implizit eine Reihe ihrer Kommunikationsebenen mir gegenüber zu erkennen und so neue Wege der Zusammenarbeit zu eröffnen, ohne dabei ihre Abwehren niederzukämpfen oder ihr Selbstwertgefühl zu unterwandern. Im Laufe dieses Austauschs zeigte sich bei ihr eine tiefere Bereitschaft, ihre innere Welt mit mir zu teilen, eine Bereitschaft zu einer für uns beide wahrnehmbaren Welt. Gleichwohl verbalisierten wir unsere geteilte Wahrnehmung dieses Moments erst sehr viele Sitzungen später“ (S. 93).
Es war lediglich das Geschehen eines Moments – ein Moment allerdings, der unvergessen blieb.
Dieses Beispiel illustriert die Spezifität oder Übereinstimmung therapeutischer Rekognitionsmomente, in denen eine komplexe Konfiguration interaktiver Elemente zwischen PatientIn und TherapeutIn zu einem spezifischen Zeitpunkt genügend abgeglichen sein muss, sollen neue Möglichkeiten eröffnet und beider Tun miteinander gestaltet werden.

Zusammenfassung

Die Annahme ist, dass Elemente des Modells des Rekognitionsprozesses mit seiner simplen Kernaussage und Kulmination der Vorstellung einer Begegnungsstruktur, die sich um die Spezifitätserfahrung in Momenten geteilten Gewahrseins zentriert, der Komplexität der Bereiche der biologischen Organisation, des Entwicklungsprozesses sowie des therapeutischen Prozesses unterliegen und diese vereinfachen. Die Kernüberlegung ist schlicht: Sie beschreibt einen Schlüsselmoment der Verbindung oder Kopplung, der innerhalb eines Rahmens wiederkehrender Begegnungen stattfindet – ein »Jetzt«-Moment, der die Organisation verändert. Es ist ein Jetzt-Moment des Erkennens und Erkanntwerdens bei der Steuerung eines hierarchisch selbst-organisierenden Systemprozesses, der einem dyadischen System im Verlauf seiner Komplexitätsausdehnung Kohärenz oder Ganzheit verleiht. Zudem ist der Jetzt-Moment ein zentraler Moment der Regulierung, Anpassung und Integration: das Erleben seiner selbst und der Bezug dieses Erlebens zum Erleben des Anderen.

Anmerkungen

(*) Aus einem Vortrag gehalten am Division 39 Symposium der American Psychological Association (1998). Titel des Symposiums: »Organizing Complexity Within the Psychoanalytic Framework: Inward Integration of Emerging Knowledge of Developmental Process, Biological Systems, and Therapeutic Process.
(1) Beebe & Lachmann (1996) haben sich auf eine ähnliche Suche nach Prinzipien des Prozessablaufs in lebenden Systemen und auf der Ebene des Menschen begeben, indem sie drei herausgehobene Prinzipien beschrieben: Regulierung, Unterbrechung und Wiederherstellung sowie gesteigerte Affektmomente. Die Erfahrung gesteigerter Affektmomente gewährleistet die grundlegenden positiven Affekte bei der Erfahrung jenes »Zusammenseins« mit einem Anderen. Auf psychischer Ebene heißt das, dass jene Ereignisse, die das Erleben positiver Affekte bewirken, den essentiellen motivationalen Impetus hervorrufen, der uns vorantreibt, eine unterbrochene Verbindung zu reparieren, sie wiederherzustellen. Ohne diesen positiven Ausblick als Teil unserer Erwartungshaltung sind wir anfällig für Desorganisation wie auch Depression oder Krankheit.
(2) Eine von dem Architekten F. Buckminster Fuller geprägte Terminologie, die den Zusammenschluss von Spannung (tension) und Einheit (integrity) beschreibt [A.d.Hg.].
(3) Wahrnehmungsfunktion schließt das Wahrnehmen der »Richtung« eigener interaktiver Austauschweisen mit ein. Als Teil dieses Prozesses wird das kindliche Repertoire aktueller Verhaltensstrategien, mit signifikanten Anderen »zusammen zu sein« – Mutter, Vater etc. –, innerhalb der Idiosynkrasien des spezifischen Fürsorge-Systems konstruiert (siehe z.B. Stern 1985b).
(4) Zum Beispiel geleitet David Layzer (1990) den Leser vom Big Bang zur Organisation des Bewusstseins. Vgl. Stuart Kaufman (1995) vom Santa Fe Institute; Nobelpreisträger Murray Gell-Mann (1994); Ilya Prigogine (1997), der versucht, lineare, Newtonianische deterministische Physik und die kreative, offene, probabilistische nichtlineare Welt der Quantenmechanik zusammenzufügen, sowie schließlich Wilson (1999). Diese Literatur legt eine Integrationsstrategie des Denkens dar, die uns vom Hintergrund der weitestgefassten Perspektiven zum Vordergrund des Details führt, das ein bestimmtes Prinzip exemplifiziert – und vice versa.

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Mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlages



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