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Neuvorstellung zur Übersicht
11.01.2012
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit Fachhochschule Frankfurt am Main (Hrsg.): Grenzverletzungen: Institutionelle Mittäterschaft in Einrichtungen der Sozialen Arbeit
Grenzverletzungen Fachhochschulverlag, Frankfurt am Main 2011

207 S., kart.

Preis: 18,00 €

ISBN-10: 394008784X
ISBN-13: 978-3940087843
Fachhochschul-Verlag





Birgit Kreipe, Berlin: Institutionen als Mittäter – oder Täter

Die Fachhochschule Frankfurt am Main, Fachbereich soziale Arbeit und Gesundheit, hat 2010 eine Tagung „Grenzverletzungen – institutionelle Mittäterschaft in Einrichtungen der sozialen Arbeit“ ausgerichtet. Damit wandte sie sich einem Thema zu, dass durch die aufgedeckten Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule, im Canisiuskolleg und in der katholischen Kirche aktualisiert und auch in der Öffentlichkeit stark debattiert wird. Neben dem Elend, das sie für die betroffenen Kinder und Jugendlichen bedeuten, stellen Grenzverletzungen auch die integren Fachkräfte der Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, vor große Probleme. Die Tagungsbeiträge sind jetzt im Fachhochschulverlag als Buch erschienen.

Die insgesamt 15 Beiträge verteilen sich auf folgende Themenschwerpunkte:

1) Welche Institutionellen Bedingungen ermöglichen und erleichtern Grenzverletzungen?

2) Wie können Institutionen Grenzverletzungen durch organisatorische Maßnahmen aufdecken und ihnen entgegenwirken?

3) Wie gehen Fachkräfte und Institutionen ganz allgemein mit Machtbeziehungen, Körperlichkeit und Sexualität in der sozialen Arbeit um?

4) Wie kann in der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern für die Wahrnehmung von Grenzverletzungen geschult werden? Welche Indikationen können für ein QM – System entwickelt werden, das auch die Vermeidung von Grenzverletzungen zum Ziel hat?

Wirklich neu sind diese Fragen für Professionelle im pädagogischen Bereich nicht. Erfreulich ist, dass die Beiträge, auf fast durchweg hohem Niveau, sich um aktuelle Antworten bemühen, und sich nicht darauf beschränken, für erfahrene Pädagogen Altbekanntes zu wiederholen (wie etwa das Mantra: Transparenz! Supervision! Klare Grenzen für die Arbeit in pädagogischen Einrichtungen!). In die Arbeiten eingeflossen sind auch Neubewertungen verbreiteter Strategien zur Prävention, sind kritische Hinterfragungen und Analysen professioneller Haltungen, ist die Reflexion häufiger fachlicher Dilemmata in der Arbeit mit Traumatisierten. Ein Beitrag widmet sich den Vorgängen an der Odenwaldschule. Die dort massenhaft begangenen sexuellen Missbräuche, aber auch deren Vertuschung und Verleugnung, werden in ihrer Komplexität - sprich: Ungeheuerlichkeit - dargestellt. Dies ist naheliegend, denn sicher hat die Aktualisierung des Themas durch zahllose Aufdeckungen und Medienberichterstattungen ihren Anteil an der Wieder – und Neubewertung der bisherigen Bemühungen um Aufdeckung, Therapie und Prävention.

Stellvertretend für alle Beiträge des Buches, die hier nicht einzeln gewürdigt werden können, sollen drei der Beiträge herausgegriffen und näher skizziert werden.

Den Anfang macht Barbara Kavemann mit einer differenzierten Beschreibung typischer Dilemmata, vor denen Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, stehen. So benennt sie das Dilemma, zwar als von Missbrauch oder Gewalt Betroffene/r die Anerkennung des Opferstatus zu brauchen (i. S. einer Aufhebung der Verleugnung) - aber trotzdem nicht einseitig auf die Rolle des „Opfers“ festgelegt sein zu wollen. Sie verweist auf die Schwierigkeiten, die aus diesen teils widerstreitenden Bedürfnissen auch für die betreuenden Professionellen erwachsen, die einerseits Distanz, aber auch Schutz und Offenheit für die unterschiedlichen Bedürfnisse der ihnen Anvertrauten ermöglichen müssen. Dies schließt auch die Bereitschaft ein, sich mit den intimen Erlebnissen und quälenden Erinnerungen der Betroffenen auf eine Weise auseinanderzusetzen, welche nicht die Würde und Integrität der Opfer bedroht, sondern ihre Entwicklung fördert. Sie schließt mit einer Feststellung, die schon in den 80er Jahren galt und, so Kavemann, nichts von ihrer Aktualität verloren hat: Dass niemand allein, keine Person und keine Institution alleine, sexuellen Missbrauch aufdecken, ein Kind schützen und die Folgen tragen kann. Frau Kavemann war schon damals mit der Erforschung von sexuellem Missbrauch und Gewalt beschäftigt, gerade ihrem Beitrag merkt man sowohl die Erfahrung als auch die große Entwicklung, die es in diesem Bereich gegeben hat, sehr wohltuend an.

An den Beitrag von Kavemann schließt sich Ulrike Schmauch von der Fachhochschule Frankfurt am Main an. Sie stellt Alltagssituationen, in denen auf Grenzüberschreitungen Jugendlicher oder Kinder in professionell angemessener Weise reagiert wird, solchen gegenüber, in denen die pädagogische Intervention scheitert, bzw. weitere Grenzüberschreitungen nach sich zieht. Am Beispiel eines noch recht kleinen Jungen, der seinen Betreuer in einer sexualisierten Weise „anmacht“, stellt sie dar, wie eine gelungene pädagogische Antwort auf die vielschichtige und ambivalente Botschaft eines solchen „Anmachens“ aussehen kann. Der Betreuer sagt nach einer Weile der Reflexion, dass der Junge keine Angst zu haben braucht, in der Gruppe fänden keine sexuellen Kontakte zwischen Betreuern und Jungen statt. Der Junge reagiert erleichtert, weil der Erzieher in beruhigender Weise auf seine unterschwelligen Ängste reagiert: Der sexuelle Missbrauch der Vergangenheit könne sich wiederholen oder, auch schlimm, die Nähe zur erwachsenen Bezugsperson könne wieder verlorengehen. Anhand praktischer Beispiele werden „Sollbruchstellen“ und Fehlerquellen in der pädagogischen Arbeit analysiert. Aus den unterschiedlichen Fallbeispielen werden präventive Faktoren abgeleitet, mit großer Betonung auf Selbsterfahrung und Selbstwahrnehmung der BetreuerInnen und der „Fehlerfreundlichkeit“ der Institution.

Die institutionellen Ausblendungen im Fall der hessischen Odenwaldschule bzw. des dort grassierenden sexuellen Missbrauchs liefern schockierende Beispiele für die Macht der TäterInnen und der Institution gegenüber dem Opfer, wenn die Institution, ihre Leiter und ein großer Teil des Personals den Missbrauch nicht nur „übersieht“, sondern selber als Täter in den Missbrauch verstrickt ist. Claudia Burgsmüller gibt einen Überblick über die Geschehnisse und die Art und Weise, wie Gegenwehr unterbunden wurde. Auch wenn es sehr schwer ist, das Ausmaß der entstehenden Grausamkeit zu ertragen, wird gerade an diesem Beispiel die Wichtigkeit von klaren institutionellen Strukturen, Kontrollinstanzen, Öffnung nach außen, Beschwerdemanagement, und anderen Instrumenten der Prävention (noch einmal) verdeutlicht.

Auch in den anderen Beiträgen, die aus Platzgründen nicht einzeln erläutert werden können, bietet dieser lesenswerte Band Außenstehenden wie erfahrenen Fachkräften einen interessanten Einblick in die aktuelle Erforschung und Prävention institutioneller Mittäterschaft bei „Grenzverletzungen“.





Seite der FH Frankfurt zur Tagung mit Links zu weiterführenden Texten und Informationen





Verlagsinformation:

Der Band enthält Beiträge u.a. von Prof. Fegert, Prof. Kavemann, Prof. Zinsmeister, Rechtsanwältin Burgsmüller und anderen zur aktuellen Debatte um grenzverletzendes Verhalten von (sozial-)pädagogischen Fach- und Führungskräften – verbunden mit Vorschlägen zu dessen Vermeidung. Er versucht Antworten auf die Fragen zu geben: Welche institutionellen Bedingungen ermöglichen und erleichtern Grenzverletzungen? Wie können Institutionen Grenzverletzungen durch organisatorische Maßnahmen entgegenwirken? Wie gehen Fachkräfte und Institutionen mit Machtbeziehungen, Körperlichkeit und Sexualität um? Wie kann in der Ausbildung für die Wahrnehmung von Grenzverletzungen geschult werden? Wie könnten Qualitätssicherungssysteme aussehen, die als Ziel die Vermeidung von Grenzverletzungen einbeziehen?




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