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Neuvorstellung zur Übersicht
21.07.2011
Leo Gürtler, Urban M. Studer & Gerhard Scholz: Tiefensystemik. Band 1. Lebenspraxis und Theorie. Wege aus der Süchtigkeit finden
Tiefensystemik Verlag Monsenstein und Vannerdat
MV-Wissenschaft, Münster 2010

536 S., broschiert

Preis: 38,00 €

ISBN-10: 3869910305
ISBN-13: 978-3869910307
Verlag Monsenstein und Vannerdat





Rudolf Klein, Merzig:

Das Buch behandelt das Thema der abstinenzorientierten Therapie drogenabhängiger Menschen in einer stationären Drogeneinrichtung in der Schweiz. Das Buch gliedert sich in zwei große Bereiche und enthält zusätzlich einen Anhang. Der erste Teil ist mit dem Titel „Lebensgeschichten“, der zweite mit dem Titel „Theoretische Hintergründe“ benannt.

Im ersten Teil, der 216 Seiten umfasst, werden insgesamt fünf Fallgeschichten von drogenabhängigen PatientInnen der Therapieeinrichtung „start again“ präsentiert. Alle fünf KlientInnen leben inzwischen nahezu abstinent und galten als schwer drogenabhängig. Die Aufbereitung der jeweiligen Fälle erfolgt nach den Prinzipien der objektiven Hermeneutik. Sowohl die Bewerbungsschreiben der PatientInnen vor Beginn der Behandlung als auch die Genogramme werden sehr differenziert interpretiert. Die Ergebnisse sind jeweils unterschiedliche Arbeitshypothesen. Diese sind durch mehrere Besonderheiten ausgezeichnet, von denen zwei erwähnt werden sollen:
  • In überzeugender Art wird gezeigt, wie individuell unterschiedlich therapeutische Fokussierungen ausfallen können (und müssen!), obwohl es sich bei allen KlientInnen um Menschen mit dem gleichen Störungsbild handelt.
  • Bei allen Fällen – und das wiederum verallgemeinern die Autoren mit Recht – greift die Idee, dass das Beenden süchtigen Verhaltens als alleinige Maßnahme und anzustrebendes Ziel nicht ausreichend ist. Vielmehr berührt das Phänomen der Sucht immer auch existenzielle Fragestellungen und die Herausforderung, mit einer „beschädigten Autonomie“ (S. 232) umgehen und leben zu müssen.
Alle fünf Fallverläufe werden in ihrem therapeutischen Verlauf und über einen Katamnesezeitraum von teilweise mehreren Jahren dargestellt und dabei nicht etwa einseitig die gelingenden Entwicklungsschritte, sondern auch die kritischen Momente, der zwischenzeitlich erneute Drogenkonsum, das Hadern mit den Lebens- und Entwicklungsaufgaben beschrieben. Auch wird sehr realistisch präsentiert, wie unterschiedlich die Verbesserungen hinsichtlich des Drogenkonsums verlaufen, welche Vermutungen über nützliche therapeutische Ideen und welche z.T. zufälligen Lebensereignisse diese Wandlungsprozesse begünstigt haben mögen (Mutter zu werden, eine günstige Arbeitsstelle zu bekommen usw.).

Auch theoretisch ist dieser erste Teil lesenswert, weil die Autoren in die Fallverläufe theoretische Exkurs einarbeiten, die sie für die jeweiligen Entwicklungen als erklärend ansehen. Sie bearbeiten dabei Themen wie (unvollständige Aufzählung):
  • Delegation und Mehrgenerationenperspektive
  • Wurzeln der Drogenepidemie
  • Suchtbedingte Konstellationen in primär diffusen Sozialbeziehungen
  • Soziokulturelle und individualbiografische Aspekte von Sucht
  • Neurobiologische Erklärungsmodelle
  • Neue Suchtdefinition: Süchtig nach Sucht
  • Resilienz
  • Neue Sicht auf Sucht: Vipassana als Weg zu Achtsamkeit und Weisheit.
Hierbei deutet sich bereits an, dass sie dem letztgenannten Exkurs – Vipassana – eine besondere Bedeutung in ihrem suchttherapeutischen Ansatz und ihrem Modell der „Tiefensystemik“ zuweisen. Es handelt sich dabei um eine auf Buddha zurückgehende Meditationstechnik der Selbstbeobachtung. Da die Autoren Süchtigkeit als „Versuch des Entkommens von der aktuellen Realität hin zu einer gewünschten und imaginierten“ (S. 176) definieren, sehen sie in der meditativen Selbstbeobachtung eine Chance zum Ziel einer „geistige(n) Emanzipation, um nicht mehr von der Qualität fühlbarer Zustände abhängig zu sein, da im Rahmen einer solchen Abhängigkeit niemals vollkommene Zufriedenheit mit dem Ist-Zustand eintreten kann.“ (S. 174) Durch die zunächst eintägige Einführung in diese Technik mit einem wahlweise angebotenen 10-Tagesseminar im Rahmen der stationären Behandlung sollen die KlientInnen einen mental-somatischen Zugang zur Achtsamkeit und Weisheit bekommen, der ihnen helfen kann, „sich selbst schrittweise aus der eigenen Sucht zu befreien.“ (S. 175) Die Autoren weisen mehrfach darauf hin, dass dieses Zusatzangebot ein Teil des gesamten therapeutischen Angebots ausmacht und dass der Einführung immer eine Stabilisierung des psychischen Zustandes vorausgehen muss (S. 369).

Dieser Ansatz scheint durchaus interessant, wenn auch die Ideen von Achtsamkeit und Weisheit in der psychotherapeutischen Landschaft nicht ganz neu sind und es sicher auch andere Zugänge als die in diesem Buch vorgestellten Techniken geben mag.

Am Ende des ersten Teils werden die Fallverläufe zusammenfassend analysiert und sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede herausgearbeitet. Darüber hinaus bezeichnen sie zum einen die therapeutische Arbeit als eine „drei Schrittelogik“ und postulieren, dass es in der therapeutischen Arbeit mit schwer Drogenabhängigen weniger um das schnelle Erreichen von großen Veränderungen gehen kann. Stattdessen betonen sie: Minimale Schritte, minimale Veränderungen und das Nutzen ehemaliger Vulnerabilitäten als Ressourcen (S. 211-216). Weiterhin entwickeln sie hier ihr tiefensystemisches Modell, indem sie sich an bekannten systemischen Ideen orientieren und diese sowohl theoretisch als auch praktisch mit buddhistischem Denken verknüpfen. Folgende Ebenen werden dabei in der therapeutischen Arbeit mit KlientInnen berücksichtigt und miteinander verbunden:
  • Die Auseinandersetzung mit sich und dem Gegenüber im Kontext der eigenen Geschichte (rekonstruktive Arbeit)
  • Die Verknüpfung von Kooperation und Kompetition im Rahmen der Arbeit mit und in Selbsthilfegruppen sowie der therapeutischen Gemeinschaft (Coopetition)
  • Das Suchen nach und Finden von Fertigkeiten und Fähigkeiten im bisherigen Leben
  • Das Anbieten von Techniken zur Entwicklung von Konzentration, Achtsamkeit und Weisheit.
Damit endet der erste Teil und hier hätte man das Buch abschließen können – vielleicht sogar sollen. Denn nun folgt der zweite Teil mit insgesamt ca. 239 Seiten. Dieser behandelt eingehend die theoretischen Hintergründe der ersten 216 Seiten. Dieser Teil enthält folgende Abhandlungen:
  • Fallrekonstruktion und objektive Hermeneutik
  • Einführung in die Sozialisationstheorie
  • Suchttheorien
  • Die Struktur süchtigen Handelns
  • Neurobiologie der Sucht
  • Achtsamkeit und Weisheit
  • Tiefensystemik und ihr Potential.
Da hier überwiegend das erörtert und vertieft wird, was im ersten Teil bereits im Rahmen der Falldarstellungen präsentiert wurde, wiederholen sich viele Gedanken, was zu einer gewissen Redundanz führt und den Leser zu Gedanken verleitet wie: „Das habe ich doch schon mal gelesen“ bzw. „Das kenne ich doch bereits.“ Außerdem gehen manche Ausführungen vom Thema Sucht weg und reflektieren, bei welchen Problemlagen und Fragestellungen ein so definierter tiefensystemischer Ansatz noch nützlich sein kann.

Durchaus lesenswert hingegen ist die Abhandlung über „Neurobiologie der Sucht“. Einleuchtend wird darin dargelegt, was man von der modernen Hirnforschung erwarten darf – und was nicht. Allerdings erreicht dieser Abschnitt ein Abstraktionsniveau, das mich als ein Vertreter der auf dem Umschlagstext anvisierten Zielgruppe („Praktiker aus den Bereichen Drogensucht, Psychotherapie, Sozialarbeit, Lebensberatung und Coaching“) an den Rand meiner Möglichkeiten gebracht hat. Auch der Abschnitt Achtsamkeit und Weisheit ist interessant und lässt den Nutzen im Rahmen der Therapie erahnen. Aber auch dieser repräsentiert eine enorme Dichte und lässt mich, den Leser, nicht gerade gelassen zurück.

Das Buch endet mit einer Literaturliste und einem Anhang über verwendete Pali-Quellen und eine Darstellung der stationären Therapieeinrichtung „start again“.

Fazit:

Das Buch beeindruckt im positiven Sinn durch die Fülle der Informationen und durch sein z.T. hohes Abstraktionsniveau. Besonders herausstreichen möchte ich die Hinweise der Autoren, dass Süchtigkeit als ein die gesamte Existenz eines Menschen umfassendes Phänomen verstanden werden muss. Für nützliche therapeutische Angebote sollten Ansätze und Sichtweisen entwickelt werden, die bekannte methodisch-technischen Ansätze („Handwerkszeug“) zwar einbeziehen, sich jedoch auch den existenziellen Herausforderungen der Klienten zu stellen vermögen. Die Autoren versuchen dies durch ihren tiefensystemischen Ansatz mit dem zentralen Moment der buddhistischen Vipassana-Meditation.

Allerdings gibt es auch Kritisches anzumerken. Vier Punkte möchte ich erwähnen:

Zum einen sind die häufigen Wiederholungen zentraler Gedanken ermüdend. Das hätte man mit einer anderen Buchstruktur (oder gar mit zwei Büchern) besser lösen können.

Zum anderen fand ich die anfänglichen, hermeneutisch geprägten Hypothesenbildungen durchaus auch als problematisch. Manchmal wusste ich nicht so genau, ob die Hypothesen mehr über die Klienten oder doch mehr über die Interpreten aussagten. Das Risiko, doch irgendwann den eigenen Hypothesen zu glauben, schien mir nicht ganz ausgeschlossen zu sein.

Als Drittes war mir der Anspruch, mit einer enormen Informationsfülle das Phänomen der Sucht neu zu interpretieren, zu hoch gegriffen. Z.B. dann, wenn die Autoren schreiben: „Das Neuartige und Einzigartige“ bestehe darin, dass der Mensch nicht von Drogen abhängig sei, „sondern von den eigenen körperlichen Empfindungen, die durch die Drogeneinnahme entstehen und als feine oder intensive Schwingungen subjektiv wahrgenommen werden.“ (S. 166) Dieser Gedanke scheint mir nicht so ganz neu und überraschend. Und wenn man dann die Kernaussagen des Buches miteinander verknüpft und sie als eine zusammenhängende Geschichte schreibt, erfährt man ebenfalls eher das, was man gewusst, zumindest aber geahnt hat: „Süchtigkeit erweist sich als eine generalisierende, unbewusste habituelle Tendenz des Geistes, auf angenehme Empfindungen mit Verlangen und Haben-wollen bzw. auf unangenehme Empfindungen mit Ablehnung und Nicht-haben-wollen zu reagieren.“ (S. 165) Dabei erweist sich neurophysiologisch, dass nicht „das Gehirn oder eine bestimmte Hirnregion bzw. Vernetzungen von Hirnregionen süchtig (sind), sondern Süchtigkeit ist Ausdruck einer ganzheitlich beschädigten Lebenspraxis, die den Menschen als Ganzen umfasst. Sucht kann nicht auf einer isolierten physiologischen Ebene (z.B. Hirnareale) lokalisiert und reduziert erfasst werden.“ (S. 295) Daher stellt sich in der Therapie die Frage, wie der Mensch „aufgrund seiner/ihrer Geschichte und unter bestimmten Rahmenbedingungen mit einer Situation so (umgeht), dass dieses Handeln als transformatorische Lebenspraxis verstanden werden kann und sich zukünftig heilsam auch so auswirkt.“ (S. 198). Zentrale Fragen sind dabei: „Wie eignet sich ein Mensch im Laufe des Lebens Ressourcen an, und wie können diese gewinnbringend eingesetzt werden? Wie werden Ressourcen aktiviert, ausgebaut und wenn nicht vorhanden (mehr oder weniger mühsam) erarbeitet?“ (S. 144) Entsprechend geht es in der Therapie um drei Ziele: Zum einen werden „Unterschiede und Gegensätze (…) nicht aufgelöst, sondern durch deren integrative Vereinigung entsteht eine tiefere Selbst- und Welterkenntnis und damit eine Unabhängigkeit von dem Vorhandensein oder der Abwesenheit von Gegensätzen.“ (S. 201) Zum anderen geht es darum, im „aktuellen Moment konstruktiv zu handeln, um Zukunft heilsam zu gestalten“ (207). Und als letztes wird die „Sicherung oder Wiederherstellung der Autonomie einer Lebenspraxis in einer Situation, in der diese bedroht bzw. beschädigt ist“ (S. 233) angestrebt.

Mein letzter Kritikpunkt bezieht sich auf die Gestaltung des Buches. Ich hätte mir einen anderen Druck gewünscht. Die Schrift ist sehr klein, eng und arm an Kontrasten. Dadurch war es für mich mühsam, die insgesamt 512 Seiten inklusive der noch kleiner gedruckten 186 Fußnoten zu lesen.

Ich halte das Buch trotz der kritischen Anmerkungen für empfehlenswert, obwohl (besser: weil) es keine leichte Kost bereitstellt. Es werden interessante Verknüpfungen hergestellt, die wichtige Hinweise und Denkanstöße für die Therapie drogenabhängiger KlientInnen liefern können. Und letztlich bietet es eine sehr umfassende Materialsammlung, die immer wieder zum Nachschlagen genutzt werden kann.




Die website zum Buch

zur Online-Ansicht des Buches





Verlagsinformation:

Drogensucht gilt zu Unrecht als unveränderbar. Eine Heilung von Drogensucht bzw. von habitueller Süchtigkeit ist aus Sicht der Autoren jedoch möglich. Von Genesung und vom langfristigen Ziel Heilung von Süchtigkeit handelt dieses Buch. Ausgehend von den Grundsätzen systemischer Therapie und Beratung wird ein eigenes Modell entwickelt — die Tiefensystemik. Sie erweitert das klassische systemische Modell durch die "geistige" Dimension mental-somatischer Modelle. Kernpunkt der Arbeit mit Süchtigen ist die Auffassung, dass diese die Reorganisation ihrer eigenen Wahrnehmungs- und Kognitionsweisen selbst vollziehen müssen. Als Instrument zur Realisierung dieser Strukturtransformation dient Vipassana-Meditation, die ethische Lebensführung, Konzentration des Geistes und Arbeit an den eigenen mental-somatischen Modellen bedeutet.


Über die Autoren:

Leo Gürtler, Psychologe, Promotion in Erziehungswissenschaft, Systemischer Coach und Therapeut, Therapieforschung in "start again"
Urban M. Studer, Mathematischer Physiker (ETH Zürich), Systemischer Coach und Therapeut, Therapieforschung und therapeutische Leitung in "start again", Leiter Betriebliches Case Management der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB)
Gerhard Scholz, Soziologe, Systemischer Coach und Therapeut, Gründung und Geschäftsführung von "start again" und "mensch und organisation"



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