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Neuvorstellung zur Übersicht
31.05.2011
Hans Lieb: So hab ich das noch nie gesehen. Systemische Therapie für Verhaltenstherapeuten
Hans Lieb: So hab ich das noch nie gesehen Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2009

270 S., kartoniert

Preis: 29,95 €

ISBN-10: 9783896707017
ISBN-13: 978-3896707017
Carl-Auer-Verlag





Anne Lang, Bonn:

Vorspann:

Diese Rezension richtet sich an die LeserInnen der Familiendynamik, die als solche natürlich mit systemischem Denken vertraut sind. Das Buch selbst wiederum richtet sich speziell an die Zielgruppe der VerhaltenstherapeutInnen. Es geht also um ein Buch über Systemische Therapie für VerhaltenstherapeutInnen, rezensiert für SystemikerInnen von einer Systemikerin. Warum also empfehle ICH HIER das BUCH.

Schon im Buchtitel „So hab ich das noch nie gesehen“ schimmert systemische Qualität durch. Der Titel ist ein „Ausruf“ einer metaperspektivischen Erkenntnis, eines Aha- Erlebens! Menschen können mit Metablick auf Situationen schauen und dadurch erweiternde Erkenntnis und Bewältigungsimpulse erhalten, die dann zum anderen Tun führen. „So habe ich das noch nie gesehen“ heißt dann übersetzt: ich bin überrascht, dass es auch ganz anders gehen kann. Der Leser betritt eine höhere Ebene, erweitert den Fokus und damit ist die Situation bzw. die Wirklichkeit eine andere. Das erinnert an das Lernen 2ter Ebene von Gregory Bateson, das Deutero-Lernen. Im Unterschied dazu hieße z.B. eine Überschrift, die Expertenwissen „lediglich“ inhaltlich auf gleicher Ebene vermehrt: So wenden Sie bei Angststörungen als Verhaltenstherapeuten Systemische Therapieinterventionen an - Techniken 1-10.

Zunächst: Dem Autor gelingt in seinem Buch der Spagat zwischen notwendiger Unterschiedsbildung und gleichzeitigem Respekt für die beide Verfahren, das der Systemischen Therapie und das der Verhaltenstherapie. Das gelingt ihm auch authentisch, da er in beiden Verfahren als Praktiker und Lehrender tätig ist. Das Buch wirkt insgesamt als ein starkes Plädoyer, nicht zu schnell die Verfahren auf der Toolebene zu integrieren. Das ist allerdings der Regelfall in der Praxis, in der unbedarft in die Verhaltenstherapie integriert wird.

Dieses Buch beschäftigt sich aber mit den Unterschieden und das auch zweiebig:

1. Auf der Ebene der Hintergrundsphilosophie:

Im Kapitel 2 werden beide Verfahren anhand 10 Kernbereiche jeder Psychotherapietheorie gegenübergestellt. Geht es in der Verhaltenstherapie um die Arbeit mit Fakten d.h. um die Behandlung von Störungen, Diagnosen und Krankheiten mit Prognosen und ihrer Psychoedukationen als Fakten, dann geht es in der Systemischen Psychotherapie um einen ganz anderen Zugang zur Situation. Hier besteht die therapeutische Arbeit gerade darin, die vom Patienten mitgebrachte und von ihm als Faktum dargestellte Wirklichkeit mittels Unterschiedsbildungen zu erweitern und damit aufzulösen. Die mitgebrachte Störung wird nicht behandelt, sondern als zustande gekommenes, kommuniziertes, kommentiertes und zirkuläres Phänomen reflektiert, somit aufgelöst und so „behandelt“. Das heißt, hier werden Klassifizierungen betrachtet z.B. durch welche Einordnung kommt es zur Diagnose (welche Daten sind dabei berücksichtigt worden- welche nicht); hier werden Erklärungen betrachtet (welche sind erhoben - welche nicht?) und Perspektiven (wer hat das aus welchem Blickwinkel denn so in gesund und krank unterschieden und zu welchem Zeitpunkt, wer sieht es anders?); betrachtet werden die Verknüpfungen (welche werden womit gemacht und welche nicht und wozu führen sie jeweils?). Veränderung in der Therapie heißt dann hier, diese komplex verknüpfte Problem-/Störungs-/Krankheits-Wirklichkeit wieder auflösen zu helfen und in eine andere Wirklichkeit zu überführen. (Hier trifft sich Systemisches mit Eriksonschem).

Im praktischen Vorgehen heißt das dann: unterschiedliche Datenerhebung, andere Gesprächsinhalte, anderes Therapievorgehen, andere Effekte, andere Prozesse und auch andere Rollen für Therapeutin und Klientin. Systemische Therapie erhebt Daten, die Verhaltenstherapie nicht erhebt und - zudem Verhaltenstherapie erhebt anders Daten als die Systemische Therapie. Zwei verschiedene Modelle mit zwei verschiedenen Zugängen: einmal direkte Behandlung im medizinischen Modell und andererseits erkenntnisphilosophischer Diskurs, der Wirklichkeitsproblemgestaltung selbstorganisatorisch erweitert. Beides bewirkt etwas anderes. Das Buch zeigt diese Unterschiede auf und damit Nichtintegrierbares und ist darin klar und, überzeugend! Wie gezeigt wird, leitet sich ein Vorgehen eben aus den Prämissen der Hintergrundphilosophien ab. So kann man auf der Toolebene integrieren aber nicht auf der übergeordneten Erkenntnisebene. Wird z.B. in der Verhaltenstherapie der Versuch unternommen, systemische Konzepte zu integrieren wie z.B. in Form der Weisheits- oder Mentalisierungstherapie, geht das an systemischer Essenz vorbei und bleibt im Modellrahmen einer auf Fakten statt Unterscheidungsakten bezogenen Verhaltenstherapie. Fakten – oder Störungsbezug heißt dabei übrigens nicht schlecht oder gut, sondern es ist der im medizinischen Gesundheitswesen relevante Bezug. Das ist gut dargestellt. Das dürfte noch mutiger vorgetragen werden z.b. bei der angeschnittenen Diskussion des Störungsbezugs oder bei einer hervorgehobenen Differenzierung der Interventionen, die sich aus einer Systemik zweiter Ordnung ableiten und damit noch mehr systemischer Theorie entsprechen.

2. Die abgeleitete Praxis

Der Unterschied, der durch die Einführung der Systemtheorie in die Psychotherapie hineinkommt, zeigt Kapitel 3, das seitenstärkste, in seinen vielfältigen Facetten. Immer wieder Fallbeispiele bzw. Situationsaspekte, die gemäß dem Buchtitel „neu“ gesehen werden können. Ganz praktisch werden hier Herangehensweisen nebeneinander gestellt, so im Vorgehen bei Patienten-Fallbeispielen, im methodischen Vorgehen in der Supervisionen, im Vorgehen in der jeweiligen Aus- und Weiterbildung (Kapitel 6).

Man kann sich in dieser Synopse noch die tiefenpsychologische Vorgehensweise vorstellen. Psychotherapie noch mal anders, noch mal unterschiedlich, noch mal andere Effekte und auch andere iatrogene Effekte. Psychotherapie ist eben keine modellneutrale wahre Maßnahme, sondern steht im Zusammenhang der Modelle. Sie steht auch im Kontext eines Gesundheitswesens mit spezifisch eingeschränkt genormten Anforderungen an Richtlinien. Gerade hier könnte Systemisches Denken erweitern, da es diese Kontextprüfung und das Bewusstsein der Kontextabhängigkeit einführt und auch hier eine erkenntnistheoretische Diskussion einbringen könnte. In den letzten 10 Jahren war es der Schwerpunkt aller Verfahren die Anerkennung als wissenschaftliches Verfahren zu erreichen in einem evidenzbasierten Wissenschaftsparadigma in Bezug auf Krankenbehandlung. Hier konnte sogar die Systemische Therapie die wissenschaftliche Prüfung nach dem Störungsparadigma „bestehen“ und ist wissenschaftlich anerkannt. Was bei allen Anerkennungsbemühungen aber auf der Strecke blieb, war die eigentliche systemische Essenz weiterzutreiben. Dafür kann das Buch wieder einen Anfang machen. Es gibt weiterhin Bedarf an Praxiskonzepten z.B. auch zu einer Systemik zweiter Ordnung. Das Buch erweitert verhaltenstherapeutisches Denken und erinnert gleichzeitig Systemiker an die Prämissen der Systemtheorie, wenn diese Ihnen bei den Suggestionen des störungsbezogenen Kontextes verloren gingen.

Fazit:

Das vorliegende Buch ist also allen Psychotherapeuten zu empfehlen in zweierlei Hinsicht:

1. Das Buch ist eine sehr verständliche Reflexionshilfe dazu, wie Therapiemodelle glauben, Veränderung zu bewirken, und wie sie das Tun der TherapeutInnen bestimmen. Das bereichert alle psychotherapeutisch Tätigen, nicht zuletzt die Systemiker selbst. Es gilt für Praktiker, Lernende und Weiterbildner und Lehrende.

2. Das Buch liefert zudem im Kapitel 3 eine breite und verständliche Ansammlung der Veränderungen durch die Einführung der Systemtheorie in die Praxis. Es erfüllt hiermit einen großen Bedarf.

Sie haben schon längst gemerkt: ich mag das Buch, da es klar und deutlich geschrieben ist ohne zu vereinfachen. Es plädiert unaufdringlich für eine akademische Auseinandersetzung mit dem, was wir in der Praxis als Psychotherapeuten - vorgegeben vom Kontext- systemisch verantworten. Darin ist es nicht auf Verhaltenstherapie beschränkt; aber gerade mit diesem Verfahren ist der Unterschiedsabgleich sehr gewinnbringend! Ich werde es in beiden Punkten in meinen systemischen und verfahrensübergreifenden Weiterbildungen empfehlen.

(Mit freundlicher Genehmigung aus "Familiendynamik", Heft 3/2010

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Johannes Herwig-Lempp, Halle:

Hans Lieb ist sowohl in der Verhaltenstherapie als auch in der Systemischen Therapie zu Hause, als Therapeut, Ausbilder und Supervisor. Für ihn sind Therapieschulen „Denkwerkzeugkästen“ (S. 12). Um KollegInnen einer Schule zuordnen zu können, schlägt er vor sie fragen: „Was denkst du über das, was du tust?“ Und so legt er mit diesem Buch eine umfangreiche Antwort vor auf die an sich selbst gestellte Frage, was er denkt, wenn er systemisch arbeitet. Diese Antwort ist zunächst an Verhaltenstherapeuten gerichtet und möchte diesen das eigene Denken hinter dem Handeln verständlich machen – allerdings wird man auch als bereits systemisch geschulter Leser Gewinn aus diesem Blick um die Ecke ziehen.

Lieb startet mit zwei ausführlichen Praxisbeispielen – und erläutert die unterschiedlichen Herangehensweisen von Verhaltens- und systemischen Therapeuten. Er fährt fort mit zehn grundsätzlichen Unterschieden im Denken zwischen beiden Schulen, wobei er sich u.a. auf erkenntnistheoretische Grundlagen, die Fragen von Objektivität und Konstruktivismus, das Sprachverständnis, die Art und Weise, sich etwas zu erklären, sowie die Vorstellungen von Veränderung bezieht. Nachvollziehbar wird, dass die unterschiedlichen Denkansätze jeweils auch zu unterschiedlichen therapeutischen Haltungen führen. In einem weiteren Kapitel erläutert er die praktische Umsetzung systemtherapeutischer Konzepte und zeigt auf, wie sie in konkretes Handeln übersetzt werden können. Er schließt sein Buch mit Überlegungen zum Nutzen des systemischen Ansatzes für Patienten und Angehörige sowie zu Eigentherapie, Selbsterfahrung und Selbstreflexion.

Das Besondere dieses Bandes ist seine Doppelperspektive – auch wenn es sich vordergründig um eine Darstellung der Systemischen Therapie handelt, lässt sie sich auch als eine (selektive) Einführung in Verhaltenstherapie verstehen: sie bringt dem Systemiker verhaltenstherapeutische Denkwerkzeuge näher – ganz abgesehen davon, dass es eine frische und lebendige, von vielen Praxisbeispielen durchzogene Präsentation des systemischen Ansatzes ist, aus der man auch als SystemikerIn neue Anregungen für die eigene systemische Praxis ziehen und den eigenen „Denkwerkzeugkasten“ wieder ein wenig auffüllen kann.

(Mit freundlicher Genehmigung aus systhema 2/2010)





Zum ausführlichen Inhaltsverzeichnis

Eine weitere Rezension von Hans-Peter Heekerens für socialnet.de





Verlagsinformation:

Unter Verhaltenstherapeuten genießen die Methoden der systemischen Therapie schon länger hohes Ansehen. Was bislang fehlte, war ein fundiertes Buch, das die Quintessenz der systemischen Therapie für die Verhaltenstherapie aufbereitet und nutzbar macht. Der Autor dieses Buches ist in beiden Welten zu Hause: als Mitbegründer des Instituts für Aus- und Weiterbildung in klinischer Verhaltenstherapie in Bad Dürkheim und als Lehrtherapeut am Institut für Familientherapie Weinheim. Weil es ihm nicht um eine Integration der beiden Verfahren geht, macht er zunächst die Unterschiede in den Erklärungsmodellen, im Vorgehen und in der Haltung des Therapeuten deutlich. Im Hauptteil des Buches werden ausführlich die Rahmenbedingungen, Interview- und Interventionstechniken der systemischen Therapie erläutert. Anmerkungen zur Evaluation und zur Selbstreflexion des Therapeuten runden das Buch inhaltlich ab. Die ständige Verknüpfung von Theorie und Praxis ergänzt und erweitert das Repertoire von Psychologen, Pädagogen, Ärzten und Hochschullehrern, die verhaltenstherapeutisch arbeiten. Von der kompakten Einführung in die systemische Therapie profitieren aber auch Tiefenpsychologen und Vertreter anderer Schulen.


Über den Autor:

Hans Lieb Dr. phil., Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Lehrtherapeut und Lehrsupervisor in Systemischer Therapie (IFW, A&E und SG) und Verhaltenstherapie (IFKV Bad Dürkheim), Gesprächspsychotherapie, NLP. Psychotherapeut ECP. Langjährige Tätigkeiten in Sucht- und psychosomatischen Kliniken, zuletzt als leitender Psychologe. Praxis in Edenkoben (Rheinland-Pfalz) für Psychotherapie, Paar- und Familientherapie, Supervision (Ausbildung – Einzel – Gruppen – Team).



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