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Neuvorstellung zur Übersicht
06.03.2010
Manfred Lütz: Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen
Lütz Irre! Verlagshaus Gütersloh 2009 (12. Aufl.)

208 S., geb.

Preis: 17,95 €

ISBN-10: 3579068792
ISBN-13: 978-3579068794
Gütersloher Verlagshaus





Lothar Eder, Mannheim. Der Nabel des Psychiaters oder: Grawes Bumerang. Anmerkungen zum Buch "Irre! Wir behandeln die Falschen" von Manfred Lütz

Diejenigen aber, welche die
Regungender eigenen Seele
nicht aufmerksamverfolgen,
sind zwangsläufig unglücklich.
Marc Aurel; Selbstbetrachtungen

"Meister, kannst Du meine Seele heilen?"
"So geh und bring Deine Seele und ich mache sie heil"
Zen-Anekdote

Das seelische Instrument ist nämlich
nicht gar leicht zu spielen
Sigmund Freud; Über Psychotherapie

Manfred Lütz ist promovierter Psychiater, katholischer Theologe, ärztlicher Psychotherapeut und Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses. Zudem ist er durch seine zahlreichen Publikationen einem breiten Publikum bekannt; nicht zuletzt erhielt er für sein Buch "Gott. Eine kleine Geschichte des Größten" den Corine, ein bedeutender Literaturpreis.
Lützens Bücher sind oft gekennzeichnet von etwas, das man mit Sloterdijk als "Zorn und Zeit" bezeichnen könnte. Häufig wendet er sich gegen Zeiterscheinungen, so etwa den Diät- und Fitnesswahn. Er sucht den öffentlichen Auftritt und scheint dabei sehr von sich überzeugt. Sieht man sich den Werbeclip des Gütersloher Verlagshauses zu Irre! an, so blickt einem dort der Autor entgegen und empfiehlt sein Buch in die Hände aller 82 Mio. Deutschen, denn sie alle könnten davon profitieren. Das mögen manche lustig, andere hingegen die öffentlich vorgetragene Größenphantasie eines Psychiaters finden. Lütz wird gelegentlich auch als "Kabarettist" bezeichnet, was im Umfeld der fast allgegenwärtigen sogenannten "Comedy" und pappnasigen Ärzten, welche uns im Plauderton die Glückseligkeit näher bringen wollen, zunächst angenehm bescheiden klingt. Jedoch entdeckt der kabarettkundige Zuschauer und –hörer im Vortrag des Kabarettisten Lütz eine derart reichhaltige Fülle von gestischen und intonativen Zitaten des legendären Hanns Dieter Hüsch ("das schwarze Schaf vom Niederrhein"), dass man von Originalität kaum mehr sprechen kann.
Auch das aktuelle Buch – Irre! – arbeitet sich zunächst an einer Kritik von Zeiterscheinungen ab – oder soll man besser sagen: hoch? Erst einmal kommt es einem mit einem Über- und einem Untertitel entgegen, und dahinter lauert ein Vorwort eines medial mehr als bekannten ärztlichen Glücksbringers (nebenbei: warum schaut einen aus den Gesichtern der Wartenden an jeder x-beliebigen Straßenbahnhaltestelle an einem x-beliebigen Ort der Republik soviel gefühltes Unglück an, wo es doch angeblich so leicht zugänglich ist?). Warum soviel Trommelwirbel gleich am Eingang, mag man sich fragen. Eine "heitere" Seelenkunde erwarte ihn, wird dem Leser gesagt, und die beiden Untertitel – "Wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen" – sind wohl so etwas wie die Kernthesen des Werks, mit denen man also gleich zu Beginn vertraut gemacht wird.
Das Buch arbeitet zunächst mit dem Mittel der Skandalisierung seines Gegenstandes; dies wohl zum einen, um eine gewisse Fallhöhe für die späteren Ausführungen zu erreichen. Zum anderen macht es sich womöglich den Umstand zunutze, dass Auflage und Quote leicht erzielt werden können, wenn man die Empörungsbereitschaft des Publikums hinreichend bedient. Lütz steckt nach diesem Strickmuster Hitler, Stalin und Finanzspekulanten mit Dieter Bohlen, Wünschelrutengängern und irgendwie allen "da oben" in einen Sack, verpasst ihnen die Etiketten "wahnsinnig" und "blödsinnig", um dann seinen eigenen Ärger – der ihm zugestanden sei – dadurch abzureagieren, dass er mit seinen Ansichten eben auf diesen Sack eindrischt.
Es ist ja nicht so, dass man an mancher Stelle nicht zustimmen möchte, käme die Diagnose nicht so grob gestrickt daher. Man mag dem Autor in seiner Kritik in vielen Punkten gewiss Recht geben. Schaltet man ein Fernsehgerät ein (sofern man eines besitzt), beschleicht einen auch bei "normalen" Sendungen gelegentlich das Gefühl, man sei in einer Anstalt gelandet. Und die internationale Finanzkrise ist sicherlich zu einem Gutteil das Ergebnis einer gesellschaftlich gratifizierten Manie. Die Schriften etwa von Stierlin oder Fromm zu Hitler allerdings formulieren manch schwerwiegenden Zweifel, ob wir es bei Hitler lediglich mit einem "normalen" Verrückten zu tun haben (und ähnliches mag für Stalin, Pol Pot, Mao Zedong und andere gelten).
Lütz verschreibt sich in seiner Kritik ausdrücklich dem Projekt der Aufklärung und betont Vernunft und "Wissenschaftlichkeit" als Kur gegen manche ihn und andere (auch mich) ärgernde Zeiterscheinung. Jedoch, es rührt sich beim Lesen – ganz im Sinne des Begriffes von der "Entzauberung der Welt" von Max Weber – eine Gegenposition zur aufgeklärt-wissenschaftlichen Sicht der Dinge: womöglich ist die mediale "Inthronisierung" von Ritualmeistern des Typus Bohlen ja eine Art Ersatz für das Fehlen traditioneller Übergangsrituale für Jugendliche (sog. Initiationsrituale) in den spätmodernen Gesellschaften, die alles Archaische getilgt und sich statt dessen der Aufklärung verschrieben haben. Der Zusammenhang mit einer Wertorientierung, die jenseits von Markt und aufgeklärter Wissenschaftlichkeit nichts mehr gelten lässt, scheint auf der Hand zu liegen. Michael Jackson ist ein weiteres Beispiel für die mediale Überhöhung einer Person in Zeiten, in denen Leitbilder gebraucht werden, die Kriterien dafür aber vom Markt jenseits tradierter Werte bestimmt werden. Bei Jackson kann man von einer nie beendeten Kindheit und einem nicht vollzogenen Übergang ins Erwachsenensein sprechen, bei Bohlen von einer Art verlängerter Pubertät. An wem aber sollen Jugendliche sich denn orientieren, wenn ihnen nach Sloterdijk (in "Selbstversuch") nur „spirituell und lebensformhaft Enterbte" zur Seite stehen, die keine Ahnen (und vielleicht auch keine Ahnung) mehr haben und die beim Erben selbst nicht mehr fragen was, sondern nur noch wieviel?
Gerne zieht Lütz auch gegen die "Esoterik" zu Felde, die er in Bausch und Bogen als "Blödsinn" und als ein für allemal für wissenschaftlich widerlegt bezeichnet. Aber auch hier kann man eine Gegenfrage, durchaus auch aus theologischer Perspektive, formulieren. Was, wenn ein Wanderprediger namens Joschua aus Aramäa in unserer Zeit und Gegend auftauchte, seine Jünger von ihrem "Guru" sagten, er könne Wasser in Wein verwandeln und auf dem Bodensee spazieren gehen (ohne Bohlen unter den Füßen)? Und ist nicht die "Verklärung" Jesu (Jesus erscheint hier dreien seiner Jünger auf einem Berg als Lichtgestalt und im Gespräch mit Moses und dem Propheten Elias), von der 3 der 4 kanonischen Evangelien übereinstimmend berichten (u.a. Mk, 9, 2-9), reine "Mystik", die nichts "Eingebildetes, sondern etwas Objektives, das freilich weder allgemein zugänglich noch objektiv nachprüfbar oder wiederholbar ist", so der Theologe Klaus Berger in seinem Buch "Jesus". Sagt uns Jesus mit seinem Wort "Wer an mich glaubt, aus dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen" (Joh 7, 38): "werdet Wasserwerker"? Oder verweist er womöglich auf ein energetisches Element von Spiritualität, das der Antike selbstverständlich war, das aber der Aufklärung und einem (natur)wissenschaftlichen Denken schwer zugänglich wenn nicht gar versperrt ist, und das nun als Überrest alter Volksheilkunde (z.B. der von Lütz gescholtene Rutengänger) und als "Asienimport" (u.a. buddhistische und vedische Meditationspraktiken) bei uns zu neuer Geltung kommt? Hätte der wundertätige Wanderprediger Joschua, in der Sprache seiner Mörder später "Jesus" genannt, in unseren wissenschaftlichen und aufgeklärten Zeiten nicht sofort die Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche, Eso-Watch und die deutschen Gesundheitsbehörden wegen Handauflegens ohne Heilpraktikerschein am Hals und am Ende womöglich auch Herrn Lütz?
Behandeln wir die Falschen? Aus der Sicht jemandes, der seit Jahrzehnten in der psychotherapeutischen Versorgung arbeitet, kann man klar sagen: natürlich nicht. Das weiß auch Lütz und deutet es in seinem Text an. Und die inhaltliche Begründung, weshalb ein Buch, das Laien über Psychiatrie und Psychotherapie aufklären soll, mit der oben beschriebenen Empörung, die immerhin mehr als 10% des Buches ausmacht, beginnt, fehlt. Sie mag dem Seelenleben des Autors entspringen und den Leser in seiner Bereitschaft zur Empörung über unsere Zeit ansprechen und damit für das Buch einnehmen, mehr nicht.
Lütz konstruiert ein Entweder-oder zwischen "normal" und "verrückt", die mit dem "gängigen" Psychotherapiepatienten wenig zu tun hat. Denn weshalb sollte es – so legt Lütz es nahe – gewissermaßen ungerechtfertigt sein, jemanden mit einer Angststörung, einer depressiven Störung oder einer psychosomatischen Störung psychotherapeutisch zu behandeln, nur weil die Welt so aus den Fugen ist? Lütz ist in dieser Hinsicht so etwas wie ein populistischer Anti-Sloterdijk. Er deutet an, dass eigentlich "die Welt", "die anderen" behandelt werden müssten und nicht das leidende Subjekt (deshalb wohl: "wir behandeln die Falschen"). Demgegenüber steht die These "Du musst dein Leben ändern" (Sloterdijk), die sich im Projekt der Psychotherapie ebenso findet wie in den asiatischen Übungswegen und der griechischen Askesis (der Lütz mit seinem Plädoyer für uneingeschränkte Zufuhr von raffiniertem Zucker und Sauerbraten a.a.O. widerspricht). Letztlich also kann man dem Autor eine gewisse Skepsis dem Projekt Psychotherapie gegenüber zuschreiben, die ja das vorliegende Buch durchzieht: ein aufmunterndes Gespräch, ein verbales Schulterklopfen des Arztes seinem von Selbstzweifeln geplagten und von problemorientierten Vorbehandlern zur "Nabelschau" verführten depressiven Patienten wirkt Wunder, so legt Lütz es in seinen kurzen Fallskizzen nahe; und wenn alles nichts mehr hilft, dann seien Antidepressiva nicht nur das beste Mittel, sondern sei die Beschreibung der Störung als "Stoffwechselstörung" auch die bestmögliche (S. 145). Da staunt der Fachmann und er wundert sich. Dies nämlich ist nichts anderes als die Exkommunikation einer psychischen Störung aus dem Bereich des menschlich Verstehbaren (zudem: der von Lütz so gelobte Steve de Shazer würde hier wohl ebenfalls deutlich widersprechen). Die gegenteiligen Theorien und Behandlungsansätze sind Legion, und die angebliche Freiheit von Nebenwirkungen der "modernen" Antidepressiva heftig umstritten. Im Lützschen Jargon könnte man auch argumentieren: Depressionen sind ebensowenig ein Serotoninmangel wie Kopfschmerzen ein Aspirinmangel sind. Wer eine psychische Störung auf einen Stoffwechselvorgang reduziert, geht ähnlich vor wie jemand, der die Schönheit eines Gemäldes von Gauguin damit erklären wollte, welche Farben, welche Pinsel und welche Leinwand er verwendet hat.
Problematisch ist das Buch zudem in zwei weiteren Aspekten. Zwar ist es kein Fach-, sondern ein Publikumsbuch, allerdings mit einem schon recht breitbeinigen Anspruch: "Das vorliegende Buch erhebt den Anspruch, das Wesentliche von Psychiatrie und Psychotherapie darzustellen." (S. 182). Wie sich diese im Nachwort zu findende Passage allerdings mit dem bescheideneren Satz "Damit soll die gewiss knappe und willkürliche Auswahl von Psychotherapiemethoden beendet werden" auf S. 71 verträgt, bleibt ein Geheimnis, denn offensichtlich wird da eine Fahne eingerollt, die hundert Seiten später wieder gehisst wird – einem einigermaßen fachkundigen Lektorat wäre so etwas aufgefallen.
Die häufigsten Diagnosen in der psychotherapeutischen Versorgung sind: Angststörungen, Störungen durch psychotrope Substanzen (v.a. Alkohol), affektive Störungen (v.a. Depressionen) und somatoforme bzw. psychosomatische Störungen (körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Ursache) (Quelle: Bundespsychotherapeutenkammer 2010). Es ist positiv zu vermerken, dass Lütz sich in einer entspannten Art und Weise der Altersdemenz widmet, die ein immer gewichtiger werdendes Thema in unserer alternden Gesellschaft darstellt. Mit dem Suchtthema behandelt der Autor ein mindestens ebenso bedeutsames gesellschaftliches Thema, auch wenn seine Aussage, dass lösungsorientierte Therapien sich v.a. bei Suchtkranken bewährt hätten (S. 67) empirisch in keiner Weise belegt ist, sondern eher den verfahrensmäßigen Vorlieben des Autors entsprechen dürfte. Zudem hätte die nicht eben originelle Anleihe in der Kapitelüberschrift – "wer Sorgen hat, hat auch Likör" – zumindest den Verweis auf die Quelle Wilhelm Busch verdient.
gewiss ist es für den Laien interessant, wenn ein Psychiater über Schizophrenie schreibt, also das, was der Laie für das vorrangige Feld von Psychiatrie und Psychotherapie hält. Tatsächlich jedoch machen die "normalen" Verrücktheiten, also die psychotischen Störungen, einen sehr geringen Anteil der psychischen Störungen aus. Verständlich ist es, dass ein stationär arbeitender Psychiater wie Lütz über dieses Störungsbild schreibt. Ein Buch aber, um es noch einmal zu zitieren, das vorgibt, das "Wesentliche von Psychotherapie" darzustellen, sollte nicht 8% seines Inhalts auf eine eher randständige Störung verwenden und einer der 4 diagnostischen Hauptgruppen, den somatoformen Störungen, gerade mal eine halbe Seite widmen, und dabei auch noch vornehmlich die hypochondrische Variante fokussieren.
Gemäß den Leitlinien für Psychotherapeutische Medizin der Universität Düsseldorf machen körperliche Beschwerden, die seelisch (mit)verursacht sind, mindestens 20% der primärärztlichen Versorgung und 40% der stationären Versorgung aus, ein beträchtlicher Anteil also. Gemeint sind damit v.a. sog. "Wald- und Wiesensymptome" wie Magen- oder Darmerkrankungen, Schwindel, Bluthochdruck, aber auch chronische Schmerzstörungen, Herzneurosen u.v.a.m.
Bei Lütz aber fällt diese doch so wichtige Störungsgruppe, die in der Praxis so häufig sind, schlichtweg unter den Tisch. Das mag daran liegen, dass der Autor in einem Kontext tätig ist, in dem diese Störungsbilder weniger häufig auftauchen. Somit aber wäre das Buch, das wie bereits erwähnt vorgibt, das "Wesentliche" zu enthalten, lediglich eines, das aus der Sicht (oder gar aus dem Nabel?) seines Autors verfasst ist, und zumindest ein wesentliches Segment von Störungen und Behandlungsnotwendigkeit ignoriert.
Eine zentrale Passage des Buches ist der Darstellung psychotherapeutischer Verfahren (die er wiederholt fälschlicherweise als "Methoden" bezeichnet) gewidmet. Hier konzentriert Lütz sich auf die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie und die Systemische Therapie, zudem teilt er – recht eigenwillig – dem lösungsorientierten Ansatz innerhalb der systemischen Therapie den Status eines eigenständigen Verfahrens zu. Andere traditionsreiche und bewährte Verfahren wie die Gesprächspsychotherapie oder die Gestalttherapie werden ohne weitere Erklärung lediglich nebenbei erwähnt.
Gleich zu Beginn seiner Ausführungen zur Psychotherapie verweist der Autor auf die Metastudie zur Effizienz psychotherapeutischer Verfahren von Grawe mit dem bezeichnenden Titel "Von der Konfession zur Profession" aus dem Jahr 1994. Dabei kam, dies ist bekannt, die Psychoanalyse nicht eben gut davon, und Lütz vergisst nicht, noch vor der Darstellung (soweit man seine Ausführungen überhaupt so nennen kann) der Psychoanalyse mit Verweis auf Grawe anzumerken, dass diese eigentlich nur für Gesunde geeignet sei. Ein Schenkelklopfer für die Gegner der Psychoanalyse, gewiss, aber wird damit der Aufklärung einer Laienleserschaft, der Lütz sich verpflichtet, Genüge getan? Lütz verschweigt an dieser Stelle – gezielt oder aus Unkenntnis? – den wesentlichen anderen Teil der Debatte, die nach wie vor anhält. Grawes Ansatz der Effizienzprüfung erfuhr und erfährt nämlich substantiellen Widerspruch. Kurz nach Grawes Metastudie folgten zahlreiche Veröffentlichungen, welche dessen Interpretationen klar widersprechen (z.B. Seligman 1995) und die zudem belegen, dass es keine signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit der Verfahren gibt. Vielmehr sind u.a. zwei Faktoren entscheidend: die Passung von Therapeut, Patient und Verfahren, und die glaubhafte Vermittlung des eigenen Verfahrens durch den Therapeuten ("Allegianz" genannt). Zudem gelten diagnosegestützte Interventionen unter der Annahme monosymptomatischer Patienten, wie sie gerade im Forschungsparadigma der Verhaltenstherapie angenommen werden, eher als künstliche Konstruktion.
Des weiteren wird in der Debatte kritisch in Frage gestellt, ob die Studien, welche in Grawes Metaanalyse eingingen, überhaupt dem klinischen Alltag entsprechen. Wenn, wie in den meisten Studien, der "Outcome" untersucht wird, ist noch lange nicht klar gestellt, was eigentlich genau in der jeweiligen Therapie geschehen ist.
Gerade die Verhaltenstherapeuten gelten unter den Psychotherapeuten als diejenige Gruppe, welche die geringste Identifizierung mit ihrem Verfahren aufweist und am meisten "methodenintegrativ" arbeitet. Eine Patientin, welche die Behandlung bei mir für eine stationäre psychosomatische Reha-Maßnahme unterbrach und danach die ambulante Therapie wieder aufnahm, fragte mich, ob ich denn bei ihr auch "diese kognitive Therapie" machen könne, die sie in der Kur so hilfreich fand. Auf meine Nachfrage berichtete sie, der Therapeut habe sie zur Behandlung ihres kindlichen Missbrauches im Gruppenrollenspiel ihren Vater anschreien lassen, und dies sei sehr hilfreich für sie gewesen. Ich glaubte das gerne. Was da aber methodisch geschehen war, mochte vieles sein – Gestalttherapie, Urschrei, Psychodrama, Körpertherapie usf. – eines aber bestimmt nicht, nämlich: kognitive Verhaltenstherapie.
Grawes Keule also, mit der Lütz unter dem Etikett "Wissenschaftlichkeit" auf die Psychoanalyse einschlägt, erweist sich bei genauer Betrachtung als brüchiges Holz.
Das zweite Stilmittel in der Darstellung ist das des Humors bzw. der Häme einerseits und das der Begeisterung andererseits. Schon seine Wortwahl verrät, welche Verfahren dem Autor sympathisch sind und welche nicht. Klassische Psychoanalytiker werden als ideologisch verbohrt (S. 58) und blöde Fragen stellend – "Sie lächeln so, was verdrängen Sie?" – dargestellt. Aber kann man sich nicht sofort auch ungeschickte Verhaltenstherapeuten vorstellen, die aus Hilflosigkeit vor dem Patienten in irgendwelchen Manualen herumstöbern, oder Systemiker, die eine Skalierungsfrage nach der anderen abschießen, weil sie längst den Faden verloren haben? So etwas passiert.
Freud und sein Kreis werden als sektenähnliche pseudowissenschaftliche Gemeinschaft geschildert, da werden in Lützens Darstellung von Freud "Bischofsringe" verteilt (statt einen wissenschaftlichen Diskurs zu führen) und Mitglieder (C.G. Jung) werden exkommuniziert. Aber weiß nicht andererseits jeder, der einer Therapieschule angehört, mindestens eine Geschichte zu erzählen über Machtkämpfe und Ausstoßungen in Gremien, Verbänden, Instituten etc.? Und ist nicht die bedeutsamste Exkommunikation der Psychotherapiegeschichte diejenige der Seele insbesondere durch die Verhaltenstherapie? Und was ist von einer Argumentationsführung gegen die Nebenwirkungen von Psychoanalyse zu halten, die sich auf ein – gewiss komisches, aber als wissenschaftlicher Beleg wohl kaum taugliches – Filmzitat von Woody Allen stützt? Man reibt sich als Leser die Augen angesichts der Diskrepanz zwischen der massiv tendenziösen Wertung durch den Autor einerseits und der Schwäche seiner Argumentation auf der anderen Seite.
Die Verhaltenstherapie kommt da schon besser weg – sie ist ihm (offenbar sieht der Autor da eine Schokoladenseite der Psychotherapie) "quadratisch, praktisch, gut". Mehr als eineinhalb Seiten aber bekommt sie nicht in Lützens Buch und die Passage schließt mit dem Satz, es gebe Patienten, "... bei denen man mit dieser Methode einfach nicht weiterkommt". Ein wenig mehr Erläuterung – welche Problematiken, welche Patienten? – hätte man sich, gerade als Laie, an dieser Stelle bestimmt gewünscht.
Womit man weiterkommt, wird dann erklärt, nämlich mit der systemischen Therapie. Sie ist nach Lütz eine "Revolution", mit deren Hilfe man "Probleme liquidiert" (also eine Art Guillotinierungsverfahren für Symptome?), und als ihre Steigerung gilt Lütz die lösungsorientierte Variante de Shazers, für die er Worte wie "höchst seriös" und "legendär" findet.
Was Lütz hier macht, ist eigentlich völlig normal: er ist begeistert. Und er geht den von Grawes Buchtitel vorgezeichneten Weg in die umgekehrte Richtung: von der Profession zur Konfession. Fast möchte man sagen: und das ist gut so. Denn was der Autor hier tut, ist die hohe Bindung an "sein" Verfahren zum Ausdruck zu bringen und man mag ihm gerne glauben, dass er es in einer Art anwendet, die seinen Patienten hilft. Jedoch: es hat weniger mit dem Verfahren zu tun. Es gibt keinerlei Beleg für eine generelle höhere Wirksamkeit von systemischer oder lösungsorientierter Therapie gegenüber anderen Verfahren. Wohl aber gibt es Belege dafür, dass die Bindung des Therapeuten an sein Verfahren und die damit dem Patienten gezeigte Vertrauenswürdigkeit (in Verbindung mit Beziehungskompetenz des Therapeuten) ein wesentlicher Faktor für die Wirksamkeit der Therapie ist. Vor lauter Begeisterung führt Lütz einige Fallbeispiele zur Illustration der herausragenden Wirkung des von ihm präferierten Verfahrens an. Aber: jeder Gestalttherapeut, jeder Analytiker, jede Körpertherapeutin, jede Schamanin tut eben genau dies. Er oder sie kennt sehr viele Beispiele dafür, wie toll das Verfahren wirkt (genauer müsste man sagen: Therapeuten tun dies auf einer gewissen professionellen Reifungsstufe, danach kommt eine Phase der Relativierung des eigenen Verfahrens). Und noch einmal: dies ist eben kein Wirksamkeitsnachweis, aber Lütz legt seiner Leserschaft unterschwellig nahe, dass es so sei.
Was in Psychotherapien tat-sächlich geschieht, kann die Outcome-Forschung, auf die Lütz sich so sehr stützt, nicht klären. Dafür braucht es qualitative Forschung und gerade aus der psychoanalytischen Richtung kommen dafür in den letzten Jahren entscheidende Forschungsimpulse, die im systemischen Feld aufgegriffen werden. Die "alte Dame" (so Lütz) ist – entgegen der Meinung und wohl auch über den Kenntnisstand des Autors hinaus – gerade in diesem Punkt ganz schön auf Zack; sie verarbeitet und liefert für die Erforschung der Fragen: was geschieht und was ist das eigentlich Hilfreiche in Psychotherapien, wichtige Anstöße. Zu erwähnen wären hier, um nur einige zu nennen, aktuelle Strömungen der Bindungs- und Interaktionsforschung, das Mentalisierungskonzept (Fonagy) und die Rezeption der neueren kognitiven Linguistik und Metapherntheorie von Lakoff und ihre Nutzung für qualitative Prozesforschung in der Psychotherapie (Buchholz).
Selbstredend wären solche Aspekte für ein Publikumsbuch viel zu weitreichend. Allerdings ist die vermeintlich wissenschaftlich begründete Argumentationsführung des Buches sehr kritisch zu sehen. Dies insbesondere deshalb, weil Laien diese Argumentation nur schwer hinterfragen können und ihnen deshalb ein scheinbar wissenschaftlich abgesichertes Bild von der psychotherapeutischen Landschaft vermittelt wird, das allenfalls als Zerrbild bezeichnet werden kann. Vor diesem Hintergrund mag das Buch zwar seine Qualitäten haben; der Autor unterläuft allerdings derart konsequent seinen eigenen Anspruch an wissenschaftlicher Fundierung, das Buch weist eine derartige Fülle von fachlichen Ungereimtheiten auf, dass von einer seriösen Aufklärung von Laien nicht gesprochen werden kann.





Eine weitere Rezension von Ilja Ruhl für socialnet.de

Zur Leseprobe des Verlages mit Inhaltsverzeichnis und Vorwort




Verlagsinformation:

Bestsellerautor Manfred Lütz führt uns in die außergewöhnliche Welt der rührenden Demenzkranken, hochsensiblen Schizophrenen, erschütternd Depressiven, mitreißend Manischen und dünnhäutigen Süchtigen. Er holt die psychisch Kranken gleichsam aus dem professionellen Ghetto. Seine These: »Um die Normalen zu verstehen, muss man erst die Verrückten studiert haben.« Sein Ziel: Auf 208 Seiten die ganze Psychiatrie und Psychotherapie allgemeinverständlich, humorvoll und auf dem heutigen Stand der Wissenschaft darzustellen. Unmöglich? Nicht, wenn der Autor Manfred Lütz heißt. Seine »Gebrauchsanweisung für außergewöhnliche Menschen und die, die es werden wollen« ist ein Muss für alle, die sich für die Merkwürdigkeiten der menschlichen Seele interessieren.


Über den Autor:

Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz, geboren 1954, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenarzt und Theologe. Er studierte Humanmedizin, Philosophie und katholische Theologie in Bonn und Rom. 1989 wurde er Oberarzt der psychiatrischen Abteilung am Marienhospital in Euskirchen und zugleich Leitender Arzt der Klinik Sankt Martin in Euskirchen-Stotzheim, einer Fachklinik für alkohol- und medikamentenabhängige Männer. Seit 1997 ist er Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln, einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie mit Versorgungsverpflichtung für den Kölner Süden. Er ist ausgebildet unter anderem in systemisch-lösungsorientierter, verhaltenstherapeutischer und psychoanalytischer Psychotherapie.Im Jahre 2003 rief er das Alexianer-Therapie-Forum ins Leben und organisierte im gleichen Jahr einen Kongress zum Thema „Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester und Ordensleute“ im Vatikan.1981 gründete er die integrative Jugendgruppe „Brücke-Krücke“ behinderter und nichtbehinderter Jugendlicher in Bonn. Bekannt wurde er durch verschiedene Bestseller, darunter „Lebenslust – Wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult“ (2002) und „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ (2007), wofür er den internationalen Corine-Buchpreis 2008 erhielt. Umfangreiche Vortrags- und Publikationstätigkeit, seit 2006 vereinzelte Kabarettauftritte. Dr. Lütz ist verheiratet und hat zwei Töchter.



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