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Neuvorstellung zur Übersicht
17.05.2008
Jaakko Seikkula, Tom Erik Arnkil: Dialoge im Netzwerk. Neue Beratungskonzepte für die psychosoziale Praxis
Seikkula Arnkil Dialoge Paranus-Verlag, Neumünster 2007

Übersetzt von Gernot Hess, mit einem Vorwort von Yrjö O. Alanen und einer Einleitung von Gernot Hess und Volkmar Aderhold

224 Seiten, broschiert

Preis: 19,00 €

ISBN-10: 3926200952
ISBN-13: 978-3926200952
Paranus-Verlag





Jürgen Hargens, Meyn:

Seikkula ist Professor für Psychotherapie in Jyväskylä, Arnkil arbeitet als Forschungsprofessor am Stakes-Institut in Helsinki und in diesem Buch schreiben sie über ihre „Forschungs- und Entwicklungsarbeit mit Netzwerkdialogen“ (S. 27), die sich über gut zwei Jahrzehnte erstreckt. Dabei ist dieses Buch beileibe keines für TheoretikerInnen, sondern ein gut verständliches Arbeitsbuch: es stellt die Arbeit vor, liefert Beispiele, gibt gut verständliche theoretische Darlegungen des Konzeptes und endet mit Ergebnisdaten sowie einer Kritik an der gängigen Forschungspraxis des „evidenzbasierten“ Vorgehens.
In dieser Klarheit und Stringenz ist dieses Buch für mich ein Informationsgewinn - im Batesonschen Sinne eines Unterschiedes, der einen Unterschied macht.
Die Grundidee ist einfach (nicht zu verwechseln mit leicht) - Vernetzung und das heißt, alle Beteiligten in gleichberechtigter Weise zu einem Dialog einzuladen, der unmittelbar nach Bekanntwerden/Ausbruch einer (psychotischen) Krise stattfindet. Die dahinterstehende Idee der „Dialogik“ wird von den Autoren beschrieben als „eine Art zu denken …, die man mit verschiedenen Methoden verbinden kann und die das gemeinsame Zuhören und Denken fördert“ (S. 28).
Dabei bildet ein Ausgangspunkt die theoretische Einsicht wie praktische Erfahrung, dass „das an sich gut organisierte professionelle System an seine Grenzen [gerät], wenn es mit Phänomenen konfrontiert wird, die nicht in der Weise arbeitsteilig angegangen werden können, in der das Expertensystem organisiert ist“ (S. 32) - Ausdruck der Erkenntnis, dass sich Interessen und Bedürfnisse von ExpertInnen und KlientInnen nicht notwendigerweise überschneiden. In Hinblick auf eine verbesserte Behandlung ist es dann erforderlich, sich darauf zu orientieren, was am besten helfen kann - und in einem solchen Dialog hat jede Stimme gleichermaßen Gewicht und Bedeutung.
In den von ihnen so genannten Antizipatorischen Dialogen geht es darum, „dass festgefahrene Situationen wieder in Bewegung kommen“ (S. 32). Dabei bezieht sich Antizipation auf die gedankliche Vorwegnahme möglicher Ergebnisse unterschiedlicher Handlungen verschiedener Personen - und dies in einem dialogischen Kontext, in dem jede Stimme gleichberechtigt ist. Das Team hat dazu „drei wegweisende Fragen“ ge- oder erfunden, die allen gestellt werden:
  1. Was würde passieren, wenn nichts geschieht?
  2. Was könnte man tun, das sich von den vorausgehenden Maßnahmen angemessen unterscheidet?
  3. Was ist zu erwarten, wenn man es tatsächlich so machen würde? (S. 35)
Bedeutsam wird das Zuhören, also die Möglichkeit, sich selber in der eigenen Ungewissheit und Unsicherheit auszudrücken und dafür respektiert zu werden. Das bedeutet immer auch, dass die ExpertInnen Abschied von der Idee nehmen müssen, zu wissen, was richtig oder notwendig ist. „Eine solche Versammlung von Klienten und Mitarbeitern ist ein unmittelbarer Eingriff in das Leben der Klienten, und ein notwendiges Ziel einer solchen Begegnung sollte sein, ihr ‚Empowerment’ zu verbessern - sie sollten am Ende ‚stärker’ sein als zuvor (S. 37).
Seikkula und Arnkil beschreiben dezidiert konkrete Möglichkeiten, solche Dialoge zu fördern und diese - positive - Schlichtheit und Klarheit macht für mich die ungeheure Stärke und Überzeugungskraft dieses Buches aus.
Kritik am bestehenden Gesundheitssystem wird nicht verschwiegen, aber immer wohlwollend in denk- und machbare andere Möglichkeiten eingebunden. „Wenn Probleme des Klienten oder der Familie klar ersichtlich sind und verschiedene Anteile haben, die voneinander getrennt werden können, wird das System auch die Zuständigkeit unterschiedlicher Professionen feststellen. Wenn aber die Probleme multidimensional und unscharf sind, dann wird auch der Prozess der Arbeitsteilung ‚unübersichtlich’ … Multi-institutionelle Verwicklungen treten dann auf, wenn Probleme nicht mit dem spezialisierten Zugang der jeweiligen Dienste in Übereinstimmung zu bringen sind. Das Alltagsleben ist nicht sektorisiert, auch wenn dies oft ein Merkmal von Bürokratien ist“ (S. 46).
Aus solchen Beobachtungen leiten die Autoren ihr Vorgehen ab, begründen es und zeigen auf, wie sie vorgehen. Die zweite Form der Netzwerke nennen Seikkula und Arnkil "Offene Dialoge", die mehr auf die Zusammenarbeit innerhalb des sozialen Netzwerkes des Patienten gerichtet sind und die - im Unterschied zu den (ein oder zwei Mal stattfindenden) antizipatorischen Dialogen den gesamten Prozess begleiten. Das dialogische Prinzip - unter Bezugnahme auf einige russische Forscher wie Bachtin, Vygotsky oder Voloshinov - gilt auch hier uneingeschränkt und markiert den „kleinen Unterschied“. Die Richtlinien für die Praxis werden vorgestellt und erläutert:
  1. sofortige Hilfe
  2. Einbeziehung des sozialen Netzwerks
  3. Flexibilität und Mobilität
  4. Teamverantwortung
  5. psychologische Kontinuität
  6. Unsicherheitstoleranz
  7. Dialogik (S. 68)
Ich hoffe (und wünsche), dass diese Hinweise viele neugierig machen, selber nachzuschauen, nachzulesen und zu überlegen, was er/sie daraus für die eigene Praxis lernen kann. Und dass die Praxis hilfreich und wirksam ist, zeigen die Autoren in den Hinweisen auf ihre Forschungsergebnisse. Zumal dieses Buch - jedenfalls für mich - anregend ist, eigene Ideen weiter zu denken und auf den eigenen Kontext zu beziehen. Dazu gehören besonders die im Teil II des Buches - und hier nicht weiter vorgestellten - Überlegungen zum Thema Sprache, Zuhören und Antworten. Dabei gilt das, was Seikkula und Arnkil gleichsam „nebenbei“ anmerken: „Professionelle Praxisentwicklung setzt Forschungsverfahren ein, durch welche die Lernprozesse vor Ort befördert werden“ (S. 196), denn „Neue Verfahren werden in bestimmten Kontexten und nicht als Replikation verallgemeinerten Wissens entwickelt“ (S. 166)
Enden möchte ich mit einem Zitat, dass die Autoren als Fußnote bringen:
„In den vielfältigen professionellen Landschaften gibt es einen festen Boden, von dem aus man auf einen Sumpf herabsieht. Die lösbaren Probleme auf diesem Boden bieten sich zur Bearbeitung an mittels forschungsgestützter Theorien und Techniken. Im sumpfigen, tiefen Terrain aber sträuben sich die unordentlichen, verwirrenden Probleme gegen technische Lösungen. Die Ironie der Situation liegt darin, dass die Probleme des Trockenbereichs für Individuen und die Gesellschaft im Allgemeinen relativ unwichtig sind, während sich die bedeutenden menschlichen Probleme im Bereich des Sumpfes befinden.“ (S. 200)





Verlagsinformation:

Stellen Sie sich vor: Ein Mensch kommt in den Krisendienst oder die psychiatrische Klinik und innerhalb von 24 Stunden wird sein komplettes „Netzwerk“ – Angehörige, Freunde, Arbeitgeber, alle, die kommen wollen – zu einem Gespräch mit dem Behandlerteam eingeladen, um in einem „Offenen Dialog“ gemeinsam herauszufinden, was zu verstehen und was zu tun ist. In Deutschland sicher (noch) unvorstellbar – in Finnland gängige Praxis.
Dieses dort seit Jahren erprobte Vorgehen erhöht nicht nur die Behandlungserfolge, sondern vermindert die Zahl der Erkrankungen – unglaublich, aber wahr und belegt. Unter anderem in diesem Buch.
Seikkula und Arnkil beschreiben ausführlich die Konzepte des „Offenen Dialogs“ sowie des „Antizipatorischen Dialogs“, der dann mit Gewinn und Erfolg eingesetzt wird, wenn verschiedene Helferteams sich zusammen mit den betroffenen Familien aus Zuständigkeitsgerangel und Sackgassen befreien wollen.
Ein Buch mit vielen wegweisenden Ideen und einem bahnbrechenden Potenzial für alle Felder der psychosozialen Praxis.


Inhalt:


Teil I: Einführung in die Netzwerkarbeit

1. Netzwerke und Dialoge
2. Die Vielfalt der Stimmen - Dialoge an den Grenzen zwischen professionellen und sozialen Netzwerken
3. Warum frustrieren herkömmliche Netzwerkversammlungen?

Teil II: Offene und Antizipatorische Dialoge und ihre Grundlagen

4. Offene Dialoge als Krisenintervention
5. Antizipatorische Dialoge und die Reduzierung von Sorgen
6. Ähnlich, aber verschieden: Offene und Antizipatorische Dialoge im Vergleich
7. Heilsame Elemente des Dialogs

Teil III: Ergebnisse für eine neue Praxis

8. Dialog und die Kunst zu antworten
9- Die Effektivität dialogischer Netzwerkversammlungen
10. Forschung und Verallgemeinerung der Vorgehensweise
11. Zum Schluss: Dialog und Macht

Über die Autoren:

Dr. Jaakko Seikkula, Professor für Psychotherapie an der Universität Jyväskylä / Finnland, klinischer Psychologe und Familientherapeut. Stellvertretender Vorsitzender der Finnischen Gesellschaft für Familientherapie.
Er hat sich schwerpunktmäßig mit der Entwicklung der Netzwerkarbeit in der Psychiatrie beschäftigt, also in der Behandlung von Psychosen und anderen schweren Krisen, erst als Teammitglied des Westlappland-Projekts in Finnland und später in zahlreichen Entwicklungs- und Forschungsprojekten.
Dr. Tom Erik Arnkil, promoviert in Sozialpolitik, arbeitet als Forschungsprofessor am Stakes-Institut (National Research and Development Centre for Welfare and Health) in Helsinki / Finnland und als Dozent für Sozialpolitik an der Universität Helsinki.




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