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Neuvorstellung zur Übersicht
01.04.2007
Helm Stierlin: Gerechtigkeit in nahen Beziehungen. Systemisch-therapeutische Perspektiven
Stierlin Gerechtigkeit Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2005

126 S., kartoniert

Preis: 14,95 €
ISBN-10: 3896705016
ISBN-13: 978-3896705013
Carl-Auer Verlag





Wolfgang Traumüller, Worms:
Gerächt oder gerecht? Systemische Zugänge und Auswege in nächster Nähe

Der Mensch hat als soziales Wesen vor allem eines: Beziehungen. Und weil er diese hat, hat er auch jenes in ebenso reichem Maße: Probleme. Oder wie einmal ein Moderator im Radio witzelte: „Seitdem ich geheiratet habe, teile ich die Probleme, die ich vorher nicht hatte!“ Komparative Gehirnforscher haben argumentiert, der erst hieraus resultierenden Komplexität ihres Lebens verdanke unsere menschliche Art die Größe und Struktur ihres Gehirns, insbesondere seines Neokortex. Viele Geschöpfe kommen mit weit weniger aus. Insbesondere in nahen Beziehungen wiegen Probleme doppelt schwer. Zur Erhaltung guter Beziehungen ist darum besonders eines wichtig: Gerechtigkeit. Aber wann empfinden wir das Verhalten uns nahe stehender Menschen als gerecht und wann ungerecht? Warum kommt es dabei zu unterschiedlichen Wahrnehmungen, Empfindungen, Bewertungen? Wie entstehen Missverständnisse und Konflikte? Wie wirken sie sich auf unser Wohlbefinden aus? Fragen über Fragen, denn Heinrich sieht das oft anders als Margarete. Seine Realität ist nicht die ihre, auch wenn mancher behauptet, es gäbe nur (s)eine, und schmiedet daraus normative Beziehungs(schulden)fallen und Fangeisen. Wer je Paare nicht nur in großem Ritus getraut, sondern auch in kleinster Münze in ihren Zwistigkeiten begleitet hat, weiß ein Lied davon zu singen. Was für Paare gilt, gilt auch für unsere weiteren Beziehungen: zu Kindern, Verwandten, Freunden, Kollegen, Arbeitgebern, ja für unsere Vergesellschaftungen insgesamt. Aber Leben ist Leben und Logik ist Logik. Manchmal hat das eine mit dem anderen zu tun. Vielfach fragt es aber nicht danach, was dann manchmal von dem einen oder der anderen gut und manchmal schlecht empfunden wird und sich im Verlauf der Zeit oft schon gar verändert haben soll. Arm dran und manchmal auch ab, wenn mann oder frau das eine mit dem anderen verwechselt!
Der emeritierte ärztliche Direktor der Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie an der Psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg, Helm Stierlin, hat sich als einer der Nestoren der deutschen Familientherapie zu diesem Thema nicht erst seit gestern Gedanken gemacht, wie er in fast 300 wissenschaftlichen Veröffentlichungen dargelegt hat. Es schadet nicht, ihm ein wenig auf seinem Weg bei dieser neuen Entfaltung seines Konzeptes der Beziehungsgerechtigkeit zu folgen, bei dem er auf den privaten Bereich menschlichen Miteinanders fokussiert. Vielerlei Verrechnungsnotstände tun sich auf, wenn wir unsere Beziehungskonten abgleichen! Bindungen, Loyalitäten, Treue, „Erbschaften“, Gewissen, Regeln, Normen, Liebe, Leidenschaft, Vertrauen, Mißtrauen, Machtverhältnisse, Freiheit und Zwang, Zugehörigkeit zu und Ablösung von sozialen Systemen u.a.m. sind dabei markante Eck- oder Stolpersteine, die sich je nach Situation oder historischer Ausleuchtung zwischen Totalitarismus und Liberalismus anders ausnehmen. Die Zusammenhänge zwischen Psychotherapie und demokratischer Kultur sind für Stierlin, wie ja auch anderweitig markant unterstrichen, in den letzten Jahren immer bedeutsamer geworden. Vielfach stellen sich die weichen, sozialen Wirklichkeiten unseres Zusammenlebens jenseits aller Genderfragen als äußerst harte Währungen heraus. Als erfahrener und politisch bewußter Psychoanalytiker ist Stierlin naturgemäß auch Historiker und als Systemiker ein meisterhafter Beleuchter der wechselhaften Szenerien, innerhalb welcher Menschen miteinander abrechnen. Im Wechsel der Beleuchtung nehmen wir wichtige Unterschiede wahr, die Voraussetzungen für das sind, was wir Lernen nennen, auch im sozialen Bereich. Mithilfe seines schon früher entwickelten Konzeptes der auf seine soziale Umwelt „bezogenen Individuation“ will uns Stierlin die Rolle der jeweils bedeutsamen Zugehörigkeitssysteme vor Augen führen und mit dem erstmals von Gunther Schmidt ins Spiel gebrachten hypno-systemischen Instrument des „inneren Parlaments“, das im Anschluß an Milton Erickson gleichsam die Eröffnung einer Art Konferenzschaltung zwischen allen externalisierten und utilisierten inneren Botschaftern darstellt, den Blick schärfen für die angemessene Ausrichtung unseres Urteilens und Handelns, um uns so vor Entgleisungen und Ver-rechnungen auf dem Beziehungsweg zu schützen. Symptome werden zu Elementen in Verrechnungen. Damit weist er zugleich Wege in Richtung auf ein mehr an Beziehungsgerechtigkeit und ein weniger an leib-seelischen Symptombildungen, die für die Betroffenen erste, aber meist kostspielige Lösungsversuche sind, um aus zugeschnappten Beziehungsfallen zu entkommen. Therapeuten als Verrechnungshelfern inmitten von (Be-)Währungskrisen fiele dabei die Aufgabe der Aufmerksamkeitslenkung zu, damit bedeutsame Unterschiede zum „Leuchttürmen im Meer der möglichen Unterschiede“ werden können. Die dabei erzeugte Flexibilisierung der „Linseneinstellung“ unseres inneren Auges ist eine wesentliche Voraussetzung für die lebendige Wahrnehmung unserer Beziehungspartner-Innen und machen Vergebung und Neuanfang oder auch eine gute Trennung erst möglich. Dass dabei auf Ergebnisse der neueren Hirnforschung von A. R. Damasio und J. Le Doux ebenso Bezug genommen wird wie auf Überlegungen aus jüngst vorgelegten paar- und sexualtherapeutischen Arbeiten von U. Clement, A. Retzer und G. Schmidt, erscheint nur plausibel. Ein spannendes Experiment zur Selbstprüfung folgt zum Schluss.
Stierlin blickt zurück auf einen außerordentlich reichen fachlichen wie menschlichen Erfahrungshintergrund. Heiner und Grete könnten bei ihm lernen, Therapeuten, Berater, Seelsorger und alle im psychosozialen Kontext tätigen oder an ihm Interessierten profitieren davon allemal.





Eine weitere Rezension von Peter Geißler für "Psychoanalyse & Körper"





Verlagsinformation:


Wann empfinden Menschen das Verhalten ihnen nahe stehender Menschen als gerecht bzw. ungerecht? Warum kommt es dabei zu unterschiedlichen Wahrnehmungen, Empfindungen und Bewertungen? Wie entstehen Missverständnisse und Konflikte? Und wie wirkt sich all dies auf das körperliche und seelische Wohlbefinden aus? Anhand dieser und ähnlicher Fragestellungen entwickelt Helm Stierlin sein neues Konzept der Beziehungsgerechtigkeit. Fokus ist der private Bereich menschlicher Beziehungen. Der Autor zeigt deutlich, wie bedeutend die Dimension der Gerechtigkeit für die Gestaltung von Beziehungen. Therapeuten und Berater sieht er als Begleiter auf dem Weg, die in einer Beziehung entstandenen "Verrechnungsnotstände" zu entdecken, zu bewerten und auszugleichen. Stierlin baut dabei neben dem Konzept des "inneren Parlaments" von Gunther Schmidt auf seinen eigenen, überzeugenden und anerkannten Konzepten der "bezogenen Individuation" und des "existenziell relevanten Zugehörigkeitssystems" auf. Das Buch richtet sich in erster Linie an Psychotherapeuten und Berater, behält aber zugleich die gesellschaftliche Dimension des Themas Gerechtigkeit im Blick.


Inhalt:

1. Wegweisende Fragen - wegweisende Unterschiede: Zwei Achsen der Beziehung
Unsichtbare Treue
Unsichtbare Verrechnungen
Unterschiede in der Verrechnung, die einen Unterschied machen
Zwei Grundformen der Beziehung mit unterschiedlichen Regeln?
Systemübergänge
Ein Blick auf die altägyptische Kultur
Loyalität und Verrechnung unter Hitler
Hitler als Vollstrecker historischer Gerechtigkeit
Die Verklärung der Treue
Zur "Verkehrung" der Gerechtigkeitsprämissen
Zur Gewissensforschung und Gewissenserforschung

2. Zur Beziehungsgerechtigkeit in demokratischen Gesellschaften. Ein Kontrastprogramm
Individualisierung der Kontenverrechnung
"Bezogene Individuation" als Schlüsselkonzept
Verkehrungen der Verrechnung
Entgleisende "Individuation mit"
Entgleisende "Individuation gegen"

3. Unterschiedlich relevante Zugehörigkeitssysteme. Folgen der Liberalisierung in demokratischen Gesellschaften
Liebe als Leidenschaft
"Was du ererbt von deinen Vätern."
Zugehörigkeitssystem Peergruppe

4. Therapie und Beratung als Verrechnungshilfe. Wahrnehmungswirklichkeit - Beziehungswirklickeit
Möglichkeiten einer Neuverrechnung
Symptome als Elemente in Verrechnungen
Neuverrechnung - Neubewertung
Geleitete Aufmerksamkeit
Verrechnen in unterschiedlichen Währungen
Die Überraschungsaufgabe - Ein Experiment
Literatur


Vorwort:

Je älter ich wurde, umso mehr beschäftigten mich die Zusammenhänge zwischen Psychotherapie und Demokratie oder, vielleicht genauer: zwischen Psychotherapie und demokratischer Kultur. Das erklärt sich nicht zuletzt aus meiner Lebensgeschichte: Ich gehöre der Generation der so genannten Luftwaffenhelfer an. Was bedeutet: In einer besonders empfänglichen Periode meines Lebens war ich dem nationalsozialistischen Ideengut und der nationalsozialistischen Indoktrination ausgesetzt. Und gegen Ende meiner Adoleszenz war ich noch in einen verbrecherischen Krieg verstrickt. Aber ich erlebte auch mit, wie in der Nachkriegszeit die nationalsozialistische Regierung und Weltanschauung von einer deutschen demokratischen Regierung und Kultur abgelöst wurden. In meinem kürzlich erschienenen Buch Die Demokratisierung der Psychotherapie (2003) versuchte ich zu erfragen und zu beschreiben, was das insbesondere für die Theorie und Praxis von Psychotherapie bedeutete und noch bedeutet.
Dabei wiesen einige zum Teil schon vor fahren von mir ins Spiel gebrachte Basiskonzepte meinen Fragen die Richtung. Das war zum einen das Konzept des "existenziell relevanten Zugehörigkeitssystems", das die jeweils relevanten Familien-, Paar-, Freundschafts- und auch Arbeitsbeziehungen in den Blick zu bringen sucht. Es beinhaltet, dass sich die Beurteilung und die Behandlung seelischer wie auch körperlicher Störungen eines Einzelnen kaum von seinen Beziehungen zu diesem Zugehörigkeitssystems trennen lassen - einem Zugehörigkeitssystem, in dem, wenn irgend möglich, nun auch Elemente einer demokratischen Kultur zur Wirkung gelangen sollten.
Zum anderen ist dies das Konzept der "bezogenen Individuation". Es besagt, dass eine solche demokratische Kultur beim Einzelnen eine bestimmte Form der persönlichen Entwicklung sowohl ermöglicht als auch verlangt. Das ist die Entwicklung zum demokratisch sensiblen Bürger: Es sollte für ihn darum gehen, auf immer neuen Stufen seiner eigenen Entwicklung sowie der Entwicklung seiner existenziell wichtigen Beziehungen sowohl die eigenen Bedürfnisse, Interessen und Sichten als auch die Bedürfnisse, Interessen und Sichten der anderen so wahrzunehmen und zu würdigen, dass die Beziehungen sich sowohl zu ändern als auch reicher zu werden vermögen.
Schließlich ist dies das Konzept eines "inneren Parlamentes", das erstmals von Günther Schmidt ins Spiel gebracht wurde. Es beinhaltet, dass dieser Einzelne, soll bezogene Individuation immer wieder glücken, auch gleichsam in seinem Innenleben eine demokratische Kultur zur Geltung zu bringen hat. Darin sollte unterschiedlichen "Bedürfnisparteien" ein Mitspracherecht zukommen. Zugleich sind diese Parteien gefordert, sich immer wieder so weit zu einigen, dass eine erfolgreiche "Außenvertretung" und damit auch ein Fortschreiten der bezogenen Individuation in den jeweils wichtigen Außenbeziehungen gewährleistet sind. An klinischen Beispielen, die ich fast einem halben Jahrhundert eigener Psychotherapieerfahrung entnehme, versuchte ich zu zeigen, wie sich eine durch diese drei Konzepte gebahnte Sicht der Verhältnisse auf unser Verständnis von Psychotherapie auszuwirken vermag.
Je mehr ich den hier angedeuteten Zusammenhängen nachging, umso mehr wurde mir aber bewusst, dass hier einem weiteren Konzept eine Schlüsselrolle zukommt: dem Konzept der "Beziehungsgerechtigkeit". Dieses Konzept weist den Fragen, die mich im Folgenden beschäftigen, die Richtung.

Helm Stierlin
August 2005


Über den Autor

Helm Stierlin, Prof. em., Dr. med. et phil., geb. 1926 in Mannheim, arbeitete zwischen 1955 und 1974 an verschiedenen psychiatrischen Kliniken und Forschungsinstituten, vor allem in den USA, wo er zum Psychoanalytiker ausgebildet wurde. Dazwischen nahm er Professuren und Gastdozenturen an verschiedenen amerikanischen Universitäten sowie in Neuseeland und Australien wahr. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991 war er ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie der Universität Heidelberg. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: psychotische und psychosomatische Störungen, der Ablösungsprozess der Adoleszenz, systemische Familientherapie, psychohistorische Studien. 1985 erhielt er den Distinguished Professional Contribution to Family Therapy Award der American Association for Marriage and Family Therapy. Helm Stierlin war Mitbegründer und bis 1995 Mitherausgeber der Zeitschrift Familiendynamik. Daneben veröffentlichte er über 280 wissenschaftliche Arbeiten und dreizehn Bücher, die in zwölf Sprachen übersetzt wurden, darunter Von der Psychoanalyse zur Familientherapie, Das Tun des einen ist das Tun des anderen, Nietzsche, Hölderlin und das Verrückte, Ich und die anderen, Haltsuche in Haltlosigkeit, Krebsrisiken - Überlebenschancen, Christsein 100 Jahre nach Nietzsche und Die Demokratisierung der Psychologie.



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