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Neuvorstellung zur Übersicht
03.01.2007
Wolfgang Tschacher: Prozessgestalten. Die Anwendung der Selbstorganisationstheorie und der Theorie dynamischer Systeme auf Probleme der Psychologie
Tschacher Prozessgestalten Hogrefe Verlag Göttingen 1997

292 S., broschiert

Preis: 46,95 €

ISBN-10: 3801710629
ISBN-13: 978-3801710620
Hogrefe Verlag





Klaus Kießling, Tübingen:

Prozessgestalten – der ansprechende Titel ist zugleich Programm: Verschiedene dynamisch-systemtheoretisch orientierte Konzepte sollen darin zugunsten weiter Felder der Psychologie theoretisch und praktisch gewinnbringend erschlossen werden. Den Weg dorthin bahnt eine Methodik, die die Zeitlichkeit psychologischer Sachverhalte nicht nur beschwört, sondern ihr gerecht zu werden sucht. Denn was hilft es etwa, wenn ein Fragebogen lediglich zu Beginn und zum Abschluss einer Psychotherapie, die sich über viele Monate erstreckt, die aktuelle Befindlichkeit einer Klientin erfasst, die dazwischen wirkenden Verlaufsdynamiken aber im dunkeln bleiben? Wolfgang Tschacher beschränkt sich nicht auf einzelne Momentaufnahmen, deren Zustandekommen ebenso wie deren Weiterentwicklung der Spekulation überlassen blieben, sondern versteht systemische Dynamiken als Prozess und untersucht dabei auftauchende Muster und Ordnungen, sich bildende Gestalten.
Tschacher arbeitet die Notwendigkeit heraus, psychologische Prozesse in ihrer Nichtlinearität wahr- und methodisch ernstzunehmen (Kap. 1). Dazu bedarf es einer Erweiterung des Repertoires an psychologischen Forschungsstrategien, deren konzeptionelle Grundlagen zunächst vorgestellt werden: Selbstorganisationsansätze, insbesondere Hermann Hakens Synergetik (Kap. 2), die Theorie dynamischer Systeme, die es erlaubt, systemische Zustände und Prozesse mathematisch zu modellieren und in einem geometrischen (Phasen-) Raum zu beschreiben (Kap. 3), und die Gestalttheorie, die sich als Bewegung gegen reduktionistische Positionen verstanden hatte und diesen doch weichen musste – bis zu ihrem Wiederaufleben in jüngerer Zeit (Kap. 4). Die Integration dieser Ansätze zu neuen „Gestalten“ stellt heraus, dass diese aus der Selbstorganisation eines komplexen dynamischen Systems hervorgehen und darum allemal als „Prozessgestalten“ gelten können (Kap. 5).
Vor diesem Hintergrund sucht Tschacher einen theoretischen Rahmen abzustecken, in welchem psychologische Systeme sich möglicherweise verorten lassen (Kap. 6). Gehört eine Therapeutin zu einem Klienten-System, etwa zum „System Familie“, oder steht sie außerhalb desselben? Ist ersteres ein „Kunstfehler“, zweiteres unmöglich? Diese Frage taucht in analoger Weise in der Forschung auf: Ein in cartesianischer Tradition stehender Beobachter versteht sich nicht als Teil des Systems, welches er beschreibt; in archimedischer Position hält er sich für allwissend, ohne dass er die Dynamik eines Systems, den Lauf der Welt anrühren würde. Diese exosystemische Beschreibung geht von der Fiktion einer Einbahnstraße aus, die dem Beobachter „System-Informationen“ zuführt, nicht aber umgekehrte Flüsse kennt. „Es ist nun ein wissenschaftlich oft fruchtbares Vorgehen, schweigenden Vorannahmen nicht zu folgen“ (S. 79). Das System hält nicht still, es erfährt vielmehr durch den Beobachter eine Veränderung, weil die Einbahnstraße zum Beobachter keine ist und kein Mensch eine archimedische Position einnehmen kann. Der Traum von einer objektiven Perspektive wird dem exosystemischen Beobachter zum Alptraum, weil sein Blickwinkel eben keine umfassende Schau, sondern nur ein Blickwinkel sein kann.
Alternativ dazu schlägt Tschacher im Anschluss an Otto E. Rössler einen endosystemischen Zugang vor: Der Beobachter wird zum Teil des Systems und taucht so in einen nicht zur Ruhe kommenden Strom subjektiven Erkennens ein. Kommt es in Endosystemen zur Gestaltbildung (Kap. 7)? Endosysteme binden den teilnehmenden Beobachter in ihr Geschehen ein; sie bilden selbstreferentielle Systeme aus, deren Charakteristikum in fortwährender Emergenz neuer Systemvariablen liegt, die weitergehende Dynamiken anheizen können. Endosysteme weisen gegenläufige Prozesse auf: Vorgänge selbstorganisierender Strukturbildung (Komplexitätsreduktion) durch sogenannte Ordnungsparameter ebenso wie Vorgänge weiterer Diversifikation (Komplexitätssteigerung) durch Interaktion von Ordnungs- und Kontrollparametern - deren strikte Unterscheidung, wie sie noch in der Synergetik vorausgesetzt ist, verschwimmt in Endosystemen. Welches der beiden Szenarien vermag nun Therapieprozesse treffend zu beschreiben? Laufen erfolgreiche Therapien auf einen Attraktor, eine Prozessgestalt zu, die sich einer komplexitätsreduzierenden Ordnungsbildung im Sinne der Synergetik verdankt? Oder lassen therapeutische Prozesse sich als fortwährende Diversifikation, als ständiges Evolvieren neuer Gestalten charakterisieren, in ihrer Länge ähnlich der „unendlichen Analyse“? Dazu unterbreitet Tschacher empirische Studien, deren Dokumentation nahezu die Hälfte des Umfangs seiner mit diesem Buch vorliegenden Berner Habilitationsschrift in Anspruch nimmt (Kap. 8). Er präsentiert Untersuchungen zu psychosozialen, psychopathologischen, psychotherapeutischen, psycho- und soziophysiologischen Pro-
zessen, bevor er in eine weiterführende Diskussion eintritt (Kap. 9).
Die Befunde zu den psychotherapeutischen Prozessen, die ich hier herausgreife, zeigen eine deutliche Gestaltbildung – die Ordnung des Therapiesystems steigt hochsignifikant – ganz im Sinne der Synergetik, die Selbstorganisation als eine Reduktion der Anzahl der Freiheitsgrade eines Systems auffasst. Doch wie steht es um den Zusammenhang von Selbstorganisation und therapeutischem Erfolg? Denkbar erscheint beispielsweise ein Prozess, dessen Erfolg sich gerade durch eine Zunahme seiner Dimensionalität charakterisieren lässt, wenn etwa ein Klient sich während der ersten Sitzungen auf ein bestimmtes Thema „einschießt“ („Meine Frau ist an allem schuld.“) und im Lauf der weiteren Arbeit eine Horizonterweiterung erfährt, die sich empirisch in einer Zunahme von therapeutisch relevanten Faktoren niederschlägt. Hier wäre therapeutischer Erfolg, aber keine Selbstorganisation im Sinne sinkender Dimensionalität gegeben. Umgekehrt kann eine Abnahme der Dimensionalität eines therapeutischen Prozesses durchaus nachweisbar sein, ohne dass damit ein Erfolg einhergeht, wenn ein Mensch etwa ein psychotisches Krankheitsbild entwickelt. Tschacher legt Ergebnisse vor, die weitere Auskünfte bieten: Es ergibt sich eine hochsignifikante positive Beziehung zwischen Selbstorganisation und verschiedenen Erfolgsmaßen, etwa der Einschätzung des Therapieerfolgs durch Klient(inn)en und Therapeut(inn)en sowie der Veränderungsmessung im Blick darauf, wie sehr ein Klient beispielsweise an Ängsten, an einem düsteren Selbstbild oder an sozialer Unsicherheit leidet. Die therapeutische Beziehung fördert die Ordnungsbildung, letztere spiegelt erstere wieder. Lediglich die Verminderung von Schuldgefühlen korreliert negativ mit Ordnungsbildung. Möglicherweise wirkt die therapeutische Beziehung etwa auf Ängste lösend, auf Schuldgefühle jedoch fixierend oder verstärkend. Ordnungsbildung wirkt also differentiell – je nach Problemkonstellation und Therapiephase, in der es entweder ordnungsbildende „Begleiter“ oder aber komplexitätssteigernde „Systemstörer“ braucht!
An dieser Stelle wird die praktische Bedeutung der hier verhandelten Konzepte spürbar, eine Brücke zwischen systemischer Theorie und Praxis sichtbar. Die wechselweise angestimmten Klagelieder beider Seiten – entweder über die praxisferne Forschung oder über die unfundierte Praxis – will Tschacher ablösen durch eine Verbindung von Praxis und Theorie mit Hilfe von Metaphern: „Deshalb teile ich nicht die oft seitens der Wissenschaft vertretene Abwertung von Metaphorik“ (S. 241). Inhaltlich begrüße ich diese Einschätzung, da metaphorische Sprache Wirklichkeit erschließen und Einsichten vermitteln kann, die beide Seiten zu stimulieren vermögen; bemerkenswert finde ich Tschachers Vorschlag aber auch vor dem Hintergrund, dass er selbst noch in seiner Dissertation (Interaktion in selbstorganisierten Systemen, Heidelberg: Asanger, 1990, z. B. S. 25 und 134) systemische Metaphorik deutlich kritisiert. In ähnlicher Weise fällt auf, dass er in seiner Dissertation einen Gegensatz von „hermeneutischen Positionen“ und „wissenschaftlichen Methoden“ (S. 148) konstruiert, während die vorliegende Arbeit „zwei Wissenschaftskulturen Naturwissenschaft und Hermeneutik“ (S. 2) kennt und zu idiographischer Forschung ermutigt (S. 157). Diese wohltuende Aufmerksamkeit für wissenschaftstheoretische Zusammenhänge, in denen sich psychologische Forschung zwangsläufig aufhält, genießt leider Seltenheitswert!
Die empirische Forschung, die Tschacher vorlegt, zeigt in ihrer Vielfalt deutlich, dass die in „Prozessgestalten“ zusammengebundenen systemischen Konzepte in weiten Feldern der Klinischen und Sozialpsychologie fruchtbar zum Tragen kommen können. Dabei knüpft er in seiner Theoriebildung insbesondere an der inzwischen in vielen Disziplinen bekannten Synergetik an; für die Psychologie plädiert er für deren Erweiterung auf endosystemische Konzepte hin. Dieser Vorstoß bleibt indes nicht theoretisch; Tschacher legt plausible Ansätze vor, um diesen Anspruch empirisch einzulösen. Schon im dritten Satz seiner Arbeit spricht er das alte Subjekt-Objekt-Problem an (S. 1); er greift es in der Diskussion um Exo- und Endosysteme mutig und produktiv auf (S. 104), nachdem es sich durch beharrliches Verschweigen in der Psychologiegeschichte ganz offensichtlich nicht erledigt hat. Tschachers Vorstoß ist überfällig, wenn psychologische Forschung
konzeptionell und methodisch nicht um Jahrhunderte hinter die inzwischen postmodernen Wirklichkeiten zurückfallen soll, die sie mit ihren mitunter antiquierten Instrumenten zu fassen gedenkt. Mit Tschacher halte ich es für „eine bedauerliche Fehlentwicklung, wenn die Untersuchung komplexer und ‚selbstreferentieller’ Systeme manchenorts zu einem empiriefreien postmodernen Diskurs geraten ist“ (S. 225); umgekehrt erscheint es mir jedoch nicht minder dramatisch, wenn empirische Wissenschaften diesen Diskurs gänzlich ignorieren oder abqualifizieren – damit geben sie die Chance aus der Hand, sich durch eine komplexitätssteigernde Diversifikation auf fruchtbare Weise verstören zu lassen!
Wolfgang Tschacher treibt die systemische Theoriebildung „dynamisch“ voran, unterfüttert sie mit vielfältigen empirischen Untersuchungen und lässt deren praktischen Nutzen aufscheinen. Zahlreiche synoptische Darstellungen (S. 50, 51, 89 und 103) und insbesondere das wertvolle Glossar erleichtern die Lektüre, die ich allen psychologisch Forschenden gern empfehle (trotz des stolzen Buchpreises) – ebenso denen, die systemisch arbeiten und an einer innovativen Theorie-Praxis-Brücke interessiert sind.
(mit freundlicher Genehmigung aus Kontext 2001)





Die universitäre Website von Prof. Wolfgang Tschacher, u.a. mit der Möglichkeit, sich in eine Maling-Liste "synergy" einzutragen

Eine ebenso ausführliche, englischsprachige Rezension von Jürgen Kriz ist hier zu finden





Verlagsinformation:

Die Dimension «Zeit» in der Psychologie steht im Mittelpunkt dieses Werkes. Die Notwendigkeit, psychologische Sachverhalte als Prozesse, als Dynamiken zu verstehen, wird zwar immer wieder beschworen, aber in der Forschung und Methodik selten konsequent berücksichtigt. Dieses Defizit sollen die «Prozessgestalten» durch die Synthese von Gestaltspsychologie und naturwissenschaftlicher Selbstorganisationsforschung beheben. Ziel dieses Ansatzes ist es, der empirisch betriebenen psychologischen Forschung das vielgestaltige Feld dynamischer Phänomene zu eröffnen. Die «Prozessgestalten» führen systematisch in dynamische Theorie und Methodik ein und verdeutlichen deren Potenzial anhand umfangreicher Studien (u. a. zur Psychotherapieforschung, Sozialpsychologie und Psychiatrie).


Über den Verfasser:

Wolfgang Tschacher wurde 1956 in Hohengehren bei Stuttgart (Deutschland) geboren. Studium der Psychologie an der Universität Tübingen, wo er 1990 den Doktortitel erwarb. Ausbildung als systemischer Therapeut. Habilitation für Psychologie und Venia legendi an der Universität Bern (Schweiz), Professur 2002. In Bern ist er heute als Abteilungsleiter an den Universitären Psychiatrischen Diensten und Fachvertreter des Curriculums "Psychopathologie und biologische Grundlagen" tätig. Seine Forschungsgebiete sind Psychotherapie und Psychopathologie, insbesondere unter kognitionswissenschaftlicher Perspektive und Berücksichtigung der System- und Selbstorganisationstheorie. Zahlreiche Fachartikel und Buchveröffentlichungen, grundlegend "Prozessgestalten" (Hogrefe, 1997), "Embo
diment" (Huber 2006). Wolfgang Tschacher hat drei Söhne im Alter von 12, 15 und 17 Jahren und lebt in Bern.



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