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Neuvorstellung zur Übersicht
04.09.2006
Rainer Paris: Normale Macht. Soziologische Essays
paris_normale_macht UVK Verlagsgesellschaft 2005

1. Aufl., 240 Seiten, br.

Preis: 14,90 €/26,00 CHF
ISBN 3-89669-517-7
UVK Verlagsgesellschaft





Tom Levold, Köln:

Rainer Paris, Professor für Soziologie an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal, beschäftigt sich seit geraumer Zeit als Soziologe mit dem Phänomen der Macht. Nach dem fulminanten und recht umfangreichen Werk „Figurationen sozialer Macht“, das er gemeinsam mit Wolfgang Sofsky verfasst hat und das ich jedem ans Herz legen möchte, und einem Suhrkamp-Bändchen mit schönen Fallstudien zum Thema unter dem Titel „Stachel und Speer“ folgt nun im Universitätsverlag Konstanz sein drittes Buch über Macht. Vorab kann gesagt werden: auch dieser Band wird zur Lektüre empfohlen.
Das Inhaltsverzeichnis macht schon einmal deutlich, dass es in diesem Buch nicht um große Theorie geht, nicht um abstrakte Entwürfe, sondern vielmehr um mikrosoziologische Beobachtungen recht unspektakulärer Phänomene, die uns einen Blick darauf eröffnen, dass Macht weitaus mehr ist als Führung oder gar Herrschaft. Wenn von der „Diktatur des Sitzfleisches“, der „Soziologie des Formulars“ oder dem „Warten auf Amtsfluren“ die Rede ist, wenn „Das Machtwort“ oder die Implikationen einer Festrede untersucht werden, dann wird deutlich, dass es hier um eine Beobachtungsperspektive auf menschliche Interaktion geht, die jederzeit und auf alle denkbaren sozialen Situationen angewandt werden kann, ohne zu verleugnen, dass es immer auch möglich ist, das Beobachtete auch aus anderen Perspektiven zu betrachten. Anders gesagt: Was in sozialen Systemen geschieht, lässt sich immer (auch) unter Machtaspekten beobachten: „Macht ist als pures, ungeschminktes Sozialverhältnis empirisch eher die Ausnahme, sie ist im Alltag häufig mit anderen Beziehungstypen, insbesondere mit Arbeit und Liebe legiert“ (S.25).
Die einzelnen Kapitel, die sämtlich schon anderenorts als Aufsätze veröffentlicht wurden (z.B. im „Merkur“, in unterschiedlichen Fachzeitschriften oder in Tageszeitungen - also nicht ohne weiteres zugänglich sind), zeichnen sich durchweg durch einen sehr angenehm zu lesenden literarischen Stil aus, Paris selbst nennt sie in Anlehnung an einen Begriff Hans-Georg Soeffners „soziologische Novellen“. Dabei schreckt er nicht vor pointierten Formulierungen zurück: Sie sind geradezu das Salz in der Suppe, das für ein griffiges Leseerlebnis sorgt.
Konstruktivistische Selbstrelativierungen sind also nicht zu erwarten, ihre Abwesenheit ist dem Text aber durchaus nicht abträglich. Die gelegentlichen Zuspitzungen in der Form der Argumentation stehen im Dienst einer radikal durchgehaltenen Beobachterposition und erlauben Ansichten, die vielleicht ohne diese Haltung nicht zu haben wären.
In seinem als „soziologische Visitenkarte“ annoncierten Eröffnungsbeitrag über den „Ton von Theorien“ expliziert Paris seine als „melancholische Kaltschnäuzigkeit“ markierte Position, dass „die Qualität soziologischer Theorien sich unter anderem an dem Tonfall ablesen lässt, in dem sie vorgetragen werden. Gewiss nicht nur, aber auch“ (11). Dies gilt selbstredend auch für seine eigene Arbeit. Die Kaltschnäuzigkeit folgt für ihn als „soziologische Grundtugend“ unmittelbar aus dem Aufklärungsanspruch der Disziplin: „Soziologische Aufklärung heißt, dem analytisch und empirisch rekonstruierten Sinn eines Handelns nötigenfalls auch gegen die Selbstdeutungen der Subjekte oder der dominanten Kultur zu vertreten und im Selbstdiskurs der Gesellschaft zur Geltung zu bringen“ (10).
Gleichzeitig verwahrt er sich gegen eine „Vollmundigkeit“ im Ton, die die Grenze zwischen empirischer und normativer Soziologie verwische und deren Extrem er in der „Anmaßung eines Immer-schon-Wissens, was die ‚objektiven Interessen‘ der Menschen seien“ situiert (11), einer Haltung, die er in erster Linie bei sozialen Protest-Bewegungen ausfindig macht, deren Freund er nicht zu sein scheint.
Während in „Figurationen der Macht“ bei der Untersuchung der Machtverhältnisse z.B. in einem Alternativbetrieb durchaus sehr filigran herausgearbeitet wird, dass sich Autorität angesichts der allgegenwärtigen Forderung nach „herrschaftsfreier Kommunikation“ ständig als Autorität maskieren oder gar dementieren muss, um überhaupt Legitimität für Entscheidungen in Anspruch nehmen zu können (übrigens ein wunderbares Stück empirischer soziologischer Literatur), wird im vorliegenden Band auch schon mal geholzt. So wird in dem (Merkur-)Beitrag „Doing Gender“ auf eine Weise ausgeteilt, dass man glauben mag, der Autor verarbeite hier persönliche Kränkungen: „Am verheerendsten sind die Auswirkungen des längst in die dominante Kultur eingewanderten feministischen Macht- und Gewaltdiskurses natürlich für das Schicksal von Liebe und Erotik. Der rassistische Machtverdacht zerstört das Reich des Als-Ob und macht aus Liebenden Lauernde. Wo die ideologische Übereindeutigkeit regiert, ist das Spiel mit Fiktionen …, mit Nuancen und Andeutungen, Versprechungen und Versagungen vorbei. Es gibt keinen Raum mehr für Ambivalenzen und Phantasie, die Erotik stirbt ab“ (153). Auch wenn viele Argumente in diesem Beitrag durchaus einen richtigen Kern haben, steht seiner Wirkung die mangelnde Differenzierung und die eigene „Vollmundigkeit“ ziemlich im Wege: nicht nur ist der Ton ziemlich überzogen - auch dürfte doch recht in Frage stehen, ob es dem Feminismus tatsächlich gelungen ist, dem Liebesspiel unserer Gesellschaft das Licht auszublasen oder ob sich nicht gerade dieses Anliegen – insofern es hier und da existiert hat – als eine unüberwindbare Hürde für die (alten) feministischen Theorien erwiesen hat. Zeitgemäß ist diese Auseinandersetzung wohl ohnehin nicht mehr, weder von der einen noch der anderen Seite.
Allerdings möchte ich betonen, dass es sich dabei eher um eine etwas verwunderliche Ausnahme handelt, die anderen Beiträge des Buches liegen auf deutlich höherem Niveau, einige sind brillant, etwa die Reflexionen über die Tücken der Macht am Beispiel der Politik. Aus diesen Beobachtungen ein beliebig herausgegriffener Satz: „Die Konstruktion der Macht als Autorität funktioniert … als eine Art Selbstangleichung an bestehende Herrschaftsverhältnisse. Wo unser Nein sowieso keine Chance hätte, erziehen wir uns zum Ja“ (30).
Das Buch weist eine Überfülle an solchen Beobachtungen auf. Über subkulturelle Inszenierung abweichenden Verhaltens und entsprechenden Outfits (z.B. bei Punks): „Befreit von kognitiven und argumentativen Differenzierungszwängen kann er ganz auf das Ausleben seiner Affekte setzen. … Zumutungen formaler Rationalität können blödelnd unterlaufen, Argumente durch Sprüche untersetzt werden. Wer nur irritieren, aber nicht überzeugen will, ist gegen das Risiko einer weit reichenden Selbstfestlegung auf falsche Überzeugungen gefeit“ (136, in „schwacher Dissens“). Über Festredner: „Unabhängig davon, ob Amt oder Position ihn verpflichten und ob er auf fremde oder eigene Initiative das Wort ergreift, in jedem Fall unterstellt der Festredner, zu seiner Ansprache autorisiert zu sein“ (175). Die Beispiele und Zitate ließen sich fortsetzen. Auf diese Weise zeigt Paris, dass er statt Vollmundigkeit auch Wortmächtigkeit zu bieten hat, gerade in der Orientierung auf das „Kleine“ liegt die Chance des Lesers, etwas zu lernen, was ihm selbst schon längst unter die Augen gekommen ist, ohne wirklich gesehen worden zu sein.
Der Verzicht auf „große Theorie“ ist also programmatisch und hat mit dem Soziologie-Verständnis des Autors zu tun. Im Kontext der amerikanischen Unterscheidung von „talking sociology“ und „doing sociology“ sieht sich Paris eindeutig auf der letzteren Seite: „Es gibt viele Soziologen, die sich gar nicht für die Gesellschaft und die sozialen Prozesse, sondern aussschließlich für Soziologie interessieren“ (13). Und auch die postmodernen Theoretiker kriegen ihr Fett weg: „Die Diskussionsattitüde der Postmoderne diskutiert gar nicht, sondern berauscht sich am Erzeugen ständig neuer Irritationen. Ein Feuerwerk glitzernder Einfälle anstelle einer Idee. In immer neuen Kapriolen der Selbstüberbietung suggeriert sie theoretische Allmacht, wo in Wirklichkeit analytische Laxheit und Konfusion vorherrschen. Sie ersetzen die Anstrengung des Begriffs durch Rhetorik“ (ebd.). Wen Paris damit meint, lässt er vorsichtshalber im Dunkeln, nimmt aber sogleich Niklas Luhmann von diesem Vorwurf aus, dem er als „Jumbo der Systemtheorie nicht eben eine geringe Flughöhe“, gleichzeitig aber eine enorme Sachgewissheit und Souveränität attestiert, vor allem aber „eine unprätentiöse Abwesenheit von von allem auch nur entfernt Ideologischen, wie sie in diesem, auch heute noch in weiten Teilen recht unsicheren Fach äußerst selten anzutreffen ist“ (14).
Wohler fühlt sich Paris aber mit Norbert Elias als Galionsfigur, aus dessen Arbeiten das Material „spreche“, das sie theoretisierten (15). Der (bereits im ersten Buchtitel verwandte) Elias‘sche Begriff der Figuration unterläuft Paris zufolge „alle Cluster-Kategorien und Substantivierungen, die den Prozess der Gesellschaft im Grunde als anonyme ‚Entwicklung‘ darstellen und sich als vulgarisierte Patentbegriffe oftmals wie Mehltau über Analysen und Diskussionen legen“, weil er „Prozesse in Verben“ beschreibe und „mit den Akteuren immer auch Ross und Reiter“ nenne (ebd.). Diesem Anspruch wird Paris (mit der genannten Ausnahme) absolut gerecht.
Das Buch steht in einer bestens ausgewiesenen Tradition beschreibender Soziologie in Deutschland. Nicht ohne Grund zitiert Paris den berühmten Satz Georg Simmels, dass Gesellschaft immer bedeute, „dass die Einzelnen vermöge gegenseitig ausgeübter Beeinflussung und Bestimmung verknüpft sind. Sie ist also eigentlich etwas Funktionelles, etwas was die Individuen tun und leiden, und ihrem Grundcharakter nach sollte man nicht von Gesellschaft, sondern von Vergesellschaftung sprechen“ (zit. auf S. 19). Macht als Vergesellschaftungsphänomen überall da zu analysieren, wo Vergesellschaftung stattfindet, ist eine soziologische Aufgabe, die Rainer Paris mit Eleganz und Sprachgewalt, Überzeugungskraft und Entwicklung origineller Perspektiven meistert - ein immer anregendes, oft überraschendes und nicht selten amüsantes Lesevergnügen.

Sofsky, W.; Paris, R.:
„Figurationen sozialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition. Frankfurt a.M. 1994
Paris, R.:
Stachel und Speer. Machtstudien. Frankfurt a.M. 1998





Die website von Rainer Paris an der FH Magdeburg-Stendal

Eine Leseprobe aus dem Buch "Normale Macht": "Autorität – Führung – Elite: Eine Abgrenzung"





Verlagsinfo:

Die alltäglichen Phänomene der Macht können spektakulär, direkt oder unscheinbar sein, immer jedoch sind sie ambivalent: Macht stiftet Normalität, indem sie einen Rahmen etabliert, der zugleich Freiheiten nimmt und Sicherheiten gewährt. Macht ist andererseits stets umkämpft. Die Normalität muss ständig neu verhandelt werden – in Machtkämpfen, die das Universum unterschwelliger Spannungen und Konflikte sichtbar machen, das jedem auch noch so stabil erscheinenden Status quo einer Gesellschaft zugrunde liegt.
Die Verwobenheit von Macht und Normalität steht im Zentrum der Arbeiten von Rainer Paris. In seinen Aufsätzen zeigt er sich als sorgfältiger Beobachter der sozialen Wirklichkeit, der die Prozesse und Strukturen der Macht in ihrer allgemeinen Grammatik wie auch in ganz alltäglichen Situationen, sei es beim Warten auf einem Amtsflur oder beim Halten einer Festrede, aufdeckt und analysiert.


Inhalt:

Der Ton von Theorien
Macht: Tun und Leiden
Tücken der Macht. Das Beispiel der Politik
Diktatur des Sitzfleisches. Aussitzen als Strategie
Das Machtwort
Autorität – Führung – Elite. Eine Abgrenzung
Über das Folgen
Halbglauben. Über paradoxe Gesellschaftserfahrung
Schwacher Dissens. Kultureller und politischer Protest
Doing Gender
Normalität: Das Beispiel Ostdeutschland
Konsens, Fiktion und Resonanz. Zur Theorie der Festrede
Soziologie des Formulars
Warten auf Amtsfluren



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