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13.03.2006
Clemens Hausmann: Handbuch Notfallpsychologie und Traumabewältigung. Grundlagen, Interventionen, Versorgungsstandards
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Facultas Universitätsverlag
2. Auflage von 2005
464 Seiten, Paperback
ISBN: 3850767310
Preis: 34,80 € |
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Facultas Universitätsverlag Wien
Björn Enno Hermans, Essen:
Was ist der Unterschied, wenn man eine Rezension zum zweiten Mal schreibt, weil es jene Datei beim Rechnerabsturz und Übertragen von Daten nicht geschafft hat, zu überleben? Lassen Sie mich so persönlich einsteigen, liebe Leserinnen und Leser von Systemagazin, denn in eben dieser Situation befinde ich mich gerade und versuche, zu erinnern, was ich wohl beim letzten Mal genau geschrieben habe – und das macht es eigentlich spannend: Die Frage nach der eigenen „Kernaussage“. Diese würde ich überschreiben mit „Spannungsfeld zwischen sehr direktivem Vorgehen in der akut-traumatologischen bzw. notfallpsychologischen Arbeit einerseits und einer systemischen Haltung und Arbeitsweise auf der anderen Seite (– auf der anderen Seite?). Um diese sehr weit gefasste Frage geht es mir in der Tat bei der Besprechung des vorliegenden Buches von Clemens Hausmann. Vorweg: Ein Buch, das ich für durchaus nützlich und gewinnbringend halte, welches aber in der Tat eher ein Handbuch ist, das man weniger in einem fort durchlesen mag, sondern vielleicht als Nachschlagewerk betrachtet, das man in der einen oder anderen Situation gerne zur Hand nimmt oder interessengeleitet einzelne Kapitel daraus liest. Sein genereller Aufbau wird seinem Untertitel: „Grundlagen, Interventionen, Versorgungsstandards“ sehr gerecht. Die inhaltliche Gliederung folgt diesem Konzept. Beginnend mit einer Beschreibung des Feldes der Notfallpsychologie, führt es über die Vermittlung von Grundlagen über Psychotraumen hin zum Nutzung von Ressourcen und zu notfallpsychologischen Interventionen. Erstgenanntes Thema ist dabei schon deshalb besonders spannend, weil der Autor das notfallpsychologische Handlungsfeld aus seiner „österreichischen“ Sicht beschreibt und schnell deutlich wird, wie groß Unterschiede in der notfallpsychologischen Versorgung in direkten Nachbarländern sind. Clemens Hausmann ist neben seiner Tätigkeit am Krankenhaus Schwarzach nämlich Leiter des notfallpsychologischen Dienstes Salzburg, eine Tätigkeitsbezeichnung, die in „deutschen“ Ohren vielleicht eher fremd klingt. Hintergrund ist, dass in Österreich wie auch in der Schweiz regionale Versorgungsmodelle existieren, die sich weitgehend aus der Bergrettung heraus entwickelt haben und an Leistungen und Organisationsgrad m.E. weit über das hinausgehen, was bei uns in Deutschland aus der Arbeit so genannter Trauma- bzw. Opferambulanzen bekannt ist. Gerade solche Kontextinformationen sind interessant und wichtig, um Möglichkeiten und Grenzen einer notfallpsychologischen Tätigkeit zu verstehen – aber zurück zum Buch. Im praktischen Teil geht es im Wesentlichen um konkrete Akutinterventionen sowie um besondere Situationen und Zielgruppen; hier finden auch Interventionen für die Helfer Berücksichtigung. Gut gefällt mir hier die Vielfalt der dargestellten Interventionsmöglichkeiten, so etwa die der so genannten „Hypnotischen Kommunikation“ oder der Einsatz von Suggestionen. Auf den ersten Blick weniger ansprechend ist die Abfolge sehr klarer Handlungsanweisungen im Stile „Tu dies, lass jenes….“ etc., die wenig Freiheitsgrade und Handlungsoptionen einzuräumen scheint und sich auf den ersten Blick nur schwer mit der selbst geforderten Ressourcenorientierung verbinden lässt. Ebenso fällt der klare Reduktionismus auf, mit dem einzelne Interventionen für sehr konkrete Ereignisse vermittelt werden (z.B. Begleitung bei der Identifizierung Angehöriger, plötzlicher Kindstod etc.). Es wirkt, als bräuchte es ein Schema oder eine klare Anordnung, um solche Situationen überhaupt erträglich und handhabbar zu machen. Offen bleibt für mich die Frage, ob hier nicht eine solche Reduzierung unangemessen oder doch nützlich oder vielleicht sogar notwendig ist? Im letzten Teil des Buches geht es dann vermehrt um organisatorische Aspekte wie Weiterbetreuung und Weiterbehandlung der Betroffenen, sowie Generelles zu Katastrophen und Großschadenereignissen, sowie Modelle der notfallpsychologischen Versorgung, aber auch den wichtigen Aspekt der Psychohygiene für Notfallpsychologen. Deutlich wird die umfassende und breite Erfahrung des Autors in vielen sog. extremen Situationen und Katastrophenfällen, die ihm die Möglichkeit gibt, ein solches umfassendes Handbuch auf dem Hintergrund dieser fundierten Erfahrungen zu verfassen. Abschließend bleibt für mich aber festzuhalten, dass das Buch vor dem Hintergrund einer wertschätzenden und lösungsorientierten Grundhaltung jedem Einzelnen die Chance bietet, die Zahl der eigenen Möglichkeiten zu erweitern. Davon bin ich vor allem deswegen überzeugt, weil die Erfahrung zeigt, dass in so genannten Extremsituationen die „gefühlte Zahl der Möglichkeiten“ immer geringer wird. Gerade vor diesem Hintergrund kann das vorliegende Handbuch mit seinen konkreten Ideen und Möglichkeiten (wenn sie als solche und nicht als Handlungsdirektive verstanden werden) äußerst nützlich sein. Es bietet einen sehr umfassenden Überblick über den derzeitigen Stand der „Notfallpsychologie“ und eignet sich auch als Ausbildungsliteratur. Der Fokus liegt dabei klar auf dem Akutbereich und der Traumatisierung bzw. der akuten Belastung durch ein aktuelles Ereignis und grenzt sich damit deutlich vom Bereich der klassischen traumatherapeutischen längerfristigen Interventionen ab. In Bezug auf diesen Fokus und auf der Grundlage einer etablierten therapeutischen Haltung ist der Band also sicher empfehlenswert, als reines „verhaltensorientiertes Rezeptbuch“ eher nicht.
Zur Website des Autors Clemens Hausmann
Die Website des Notfallpsychologischen Dienstes Österreich
Eine Information der Salzburger Psychologen über Notfallpsychologie
Eine weitere Online-Rezension von Christa Winter von Lersner für socialnet.de
Verlagsinformation:
"Die 2., aktualisierte Auflage des Handbuchs bietet eine umfassende und praxisnahe Einführung in die Notfallpsychologie und Psychotraumatologie. Das Themenspektrum reicht von der psychologischen ersten Hilfe über verschiedene Akut- und Stabilisierungsmaßnahmen bis zur individuellen Weiterbetreuung und Traumatherapie. Die Darstellung bezieht sich sowohl auf Einzelpersonen und Personengruppen als auch auf die Bevölkerung ganzer betroffener Gebiete. Zahlreiche Beispiele, klare Handlungsanleitungen und Checklisten machen dieses Handbuch zu einem verlässlichen Hilfsmittel für die Hilfe und Behandlung nach kritischen Ereignissen. Auf einer herausnehmbaren Karte sind die wichtigsten Maßnahmen für den Einsatz vor Ort übersichtlich zusammengestellt."
Autor:
Dr. Clemens Hausmann, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe am Krankenhaus Schwarzach im Pongau und in freier Praxis; Notfallpsychologe; Lehrbeauftragter der Universität Salzburg.
Inhaltsverzeichnis:
Das Wichtigste zuerst S. 15 Das Feld der Notfallpsychologie S. 18 Das Erleben in akuten Notfallsituationen S. 47 Psychotrauma S. 59 Ressourcen und notwendige Unterstützung S. 96 Grundlagen notfallpsychologischer Interventionen S. 114 Akutinterventionen S. 126 Besondere Situationen und Gruppen S. 152 Stabilisierungsmaßnahmen für Betroffene S. 195 Hilfe für Helfer: CISM S. 252 Individuelle Weiterbetreuung und -behandlung S. 282 Katastrophen und Großschadensereignisse S. 357 Psychohygiene der Notfallpsychologen S. 410 Modelle der notfallpsychologischen Versorgung S. 425 Anhang: Voraussetzungen für Notfallpsychologen S. 437
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