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Veranstaltungsbericht zur Berichtsübersicht
22.03.2012
Forschung – Rituale – System(-ge-)misch: Beobachtungen aus einer Laienperspektive. Eindrücke von der Systemischen Forschungstagung in Heidelberg „Rituale und Veränderung in sozialen Systemen“, März 2012

Klaus Schenck (Hirschberg): Eindrücke von der Systemischen Forschungstagung in Heidelberg „Rituale und Veränderung in sozialen Systemen“, März 2012

Zwanzig Jahre sollten als Abstand reichen. So lange ist es her, dass ich selbst in der Heidelberger akademischen Forschung aktiv war. Organentwicklung, Neuropeptide und Molekularbiologie des Immunsystems – das ist inzwischen verjährt. Und doch im Hintergrund seltsam präsent bei der Tagung Anfang März: Wieder in Heidelberg. Wieder akademische Forschung, Experimente, Entwicklung, Systeme. Wieder alle Rituale einer Konferenz: Vorträge, Workshops, Diskussionen. Süße Stückchen in Kaffeepausen und festlicheres Buffet am letzten Abend.

Und zugleich ist alles ganz anders.

Keine sterilen Labors. Die Beobachter ziehen sich nicht auf Objektivität zurück, sondern nehmen teil, sind „Beobachter zweiter Ordnung“. Die Chemie stimmt beim Forscherteam, nicht in Reagenzgläsern. Und wenn eine Gruppe „gut aufgestellt“ ist, ist das hier viel wörtlicher gemeint als sonst in Organisationen.

Es geht nicht um Immun- oder Nervensystem sondern um soziale Systeme: Familien, Organisationen. Es geht um deren Rituale, die alltäglichen der Lebensgestaltung und Kommunikation, und die besonderen, mit denen Veränderungen begleitet und manchmal erst ermöglicht werden. Es geht um Individuation und Beziehungserleben, Zuversicht und Zielerreichung. Um Symptome und Heilung, Gesundheit und Krankenhäuser. Um ganz klassische Themen der beiden hier stark vertretenen Universitäten Heidelberg und St. Gallen – und um das ganz besondere Ritual der Aufstellungsarbeit. Und darum, wie man das alles höchst wissenschaftlich beforschen kann. Es geht also auch um Fragebogendesigns und Itemauswahl, Statistik und Signifikanzen, Effektstärken und Retest-Reliabilitäten. Und um die vielfältige Diskussion der Kontingenzen: Es könnte ja auch immer noch mal ganz anders sein. Zumindest ganz anders zu beschreiben.

Die Konferenz „Rituale und Veränderung in sozialen Systemen“ vom 7.-9. März 2012 ist bereits die 6. Tagung über Systemische Forschung. Sie gliedert sich in vier Halbtagesthemen:
  • Am ersten Nachmittag geht es um eine Hinführung aus drei Perspektiven.
  • Der zweite Halbtag / erste Vormittag ist für die „Heidelberger RCT-Studie zu Systemaufstellungen“ reserviert. (RCT steht für „randomized controlled trial“, randomisiert-kontrolliertes wissenschaftliches Studiendesign).
  • Der zweite Nachmittag erweitert den Blick aus Heidelberger, Wiler und Berliner Richtung auf Rituale und ihre Erforschung in Organisationen.
  • Der letzte Vormittag bietet dann Einblicke in die St. Galler Sichtweise auf systemisches Management in Forschung und Praxis, Innovation und Weiterbildung („Executive Education“).
Gerahmt werden die vier Hauptteile von Grußworten und Schlussreflexionen.
 
Von den knapp 100 Teilnehmern sind gut 20 zugleich Referenten und Moderatoren.

Die Grußworte kommen für die Gastgeber aus Haus und SFB 619 „Ritualdynamik“ von Rolf Verres und Gregor Ahn (beide Heidelberg) und für die Systemische Gesellschaft von Peter Müssen (Köln). Schon hier gibt es eine Vorgeschmack darauf, dass es bei systemischer Forschung nicht nur um kognitive Erkenntnis geht, sondern auch um Emotion, Atmosphäre und Resonanz, um Ironie (wie bei den „7 Arten zur Ritualisierung von Aufstellungen“) und Innovation (wie beim „virtuellen Beichtstuhl“).

Hauptteil 1:
 
Die drei hinführenden Perspektiven eröffnet Bruno Hildenbrand (Jena) mit soziologischen Modellen zu „Verlaufsformen des Wandels“. Im Modell des krisenhaften Wandels wird die Kontinuität des Alltags gestört, und homöostatische Regelmechanismen versuchen, das vorige Gleichgewicht wieder herzustellen. Wenn das misslingt, beginnt eine Chaosphase, aus der ausreichende Resilienz zu einer Reintegration und einem neuen Gleichgewichtszustand führen kann. Für das jüngere Modell von Frederic Flach (2004) gibt es vielfältige historische Vorbilder und Varianten,  von den „dissipativen Strukturen“ (Ilya Prigogine), der Affektlogik (Luc Ciompi), der Liminalität (Victor Turner) bis zurück zum biblischen Exodus: vom Problem der ägyptischen Sklaverei über den Kampf in der Wüste zur Lösung, ins „Gelobte Land“. Anders verläuft die Bewältigung bei chronischen Krankheiten. Juliet Corbin und Anselm Strauss sprechen von „Trajekten“, mehrphasigen, aber über längere Zeit eher gleichförmigeren Verlaufsformen, mit denen Krankheit, Alltag und Biografie gleichzeitig (um-) gestaltet werden. Rituale helfen bei der Bewältigung. In der Dauerherausforderung und ihrer rituellen Bearbeitung vergleichbar ist dem Trajekt der Managementalltag (Henry Mintzberg u.a.). Bei beiden geht es um situativ gelingende Balance von „Denken ausschalten“ (Routine & Ritual!) und „Denken einschalten“ (Reflexion & Reorganisation!).

Guni Leila Baxa (Graz) erweitert anschließend die klassische, dreiphasige Form des „Übergangsrituals“ (Arnold van Gennep) mit den weiteren Schritten der „Heldenreise“ (Joseph Campbell) und verbindet aus Sicht der Praktikerin beide mit den Phasen einer Aufstellung. In der „Trennungsphase“ wird das Setting erläutert, das Anliegen geklärt, die spätere Reflexion schon angesagt und dann der rituelle Raum der Aufstellung vorbereitet. Die eigentliche Aufstellung mit ihrer Mischung aus Stellungs-, Prozessarbeit und Tests entspricht der „Übergangs- oder Schwellenphase“. Den „Wiederangliederungsriten“ ähnelt die Nacharbeit: Auflösen des rituellen Raums, Dank an die Helfer, Empfehlungen für guten Umgang mit der neuen Erfahrung und ihrer Konsolidierung in der Alltagswelt.

Peter Schlötter (Karlsruhe) hatte schon 2005 seine Erfahrungen mit Aufstellungen mit seiner Ausbildung als Ingenieur zu einer systematischen Untersuchung von Aufstellungsphänomenen verbunden. Lebensgroße Figuren markieren strikt reproduzierbar und „auf Augenhöhe“ die Standorte von Stellvertretern in Aufstellungen in einem Koordinatensystem. Einzelne Probanden können sich zwischen ihnen (mehr oder weniger frei) bewegen und (mehr oder weniger vorstrukturiert) von ihrem Erleben berichten. So ließen sich über 4000 Einzelbeobachtung nachher statistisch auswerten und signifikante Erkenntnisse daraus ableiten.

Zwischenreflexion:

Die Kongruenz von Form und Inhalt begegnet uns auf dieser Konferenz gleich mehrfach.
  • Zum einen hat de Veranstaltung selbst alle Elemente von Übergangsritualen. Sie beginnt mit Grußworten als „Ruf“, setzt sich mit Aufstellungen fort bis an die „Schwelle“ des privaten Bereichs, dann folgt die Reise durch die größere Welt der Organisationen und schließlich die Rückkehr, beladen mit (Erkenntnis- u.a.) Geschenken.
  • Auch der Forschungsprozess reflektiert sich selbst: Fragen werden nicht nur vorgestellt, sondern auch neu generiert. Daten werden präsentiert, aber auch „live“ erlebbar gemacht. Schlussfolgerungen werden gezogen und wieder neu in Frage gestellt. Abgeschlossene Projekte zeigen, wo neue erforderlich werden.
  • Es geht zugleich um Beforschung von Ritualen und um Rituale der Forschung.
  • Dass sich die Konferenz, last not least, auch als (Meta-) Aufstellung lesen lässt, wird später noch kurz gezeigt.

Hauptteil 2:

Auch der Teil über die Heidelberger Aufstellungs-Studie hat solche selbstreflexiven Elemente. Schon bei der Auswahl der Vorgehensweise setzte die Heidelberger Gruppe als Entscheidungshilfe eine Strukturaufstellung ein. Jochen Schweitzer (Heidelberg) und die beiden erfahrenen Aufstellungsleiter Gunthard Weber und Diana Drexler (Wiesloch) berichten von der Vorgeschichte, die schließlich zur ersten „RCT“-Studie zu Systemaufstellungen führte. Mit 208 Teilnehmern in zwei Gruppen wurden in vier je dreitägigen Seminaren Aufstellungen durchgeführt und zu zwei Zeitpunkten nachuntersucht, zwei Wochen bzw. vier Monate nach der Intervention. Verschiedene extra für die Studie entwickelte Fragebögen explorierten allgemeine psychotherapeutische Wirksamkeit, Beziehungserleben und Annäherung an persönliche Zielsetzungen. Viele sinnvolle Variationen und Erweiterungen wären denkbar gewesen – e.g. ein dritter Arm mit einer alternativen („Verum“-) Intervention statt nur einer Wartelistenkontrolle –, denen aber budgetäre und logistische Grenzen gesetzt waren. (Auch in der Forschung gilt letztlich: „vision follows budget“ …)

Christine Hunger und Leonie Link stellen detailliert die Entwicklung von „HFES“ vor, dem „Heidelberger Fragebogen zum Erleben in Systemen“. Anhand der anschaulichen Metapher vom Mandelkuchen, in dessen vier Vierteln die Mandeln mal am Stück, mal gehobelt, geraspelt oder gehackt sind – aber immer nach Mandel, nicht nach Nüssen schmecken! – kann man sich die HFES-Dimensionen „Zugehörigkeit“, „Individuation / Autonomie“, „Einklang“ und „Zuversicht“ sozusagen auf der Zunge zergehen lassen. Auch ganz wörtlich: die Referentinnen hatten tatsächlich einen Mandelkuchen gebacken und zum Verkosten mitgebracht. Selten wurden mir statistische Größen so schmackhaft serviert!

Jan Weinhold und Annette Bornhäuser erläutern weitere Messgrößen und erste Subgruppenanalysen. Die Teilnehmerdemographie mit zwei Drittel Frauen, 80% mit mindestens Abitur als Bildungsabschluss und ein Drittel mit Aufstellungsvorerfahrung ist nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung – aber ziemlich typisch für Aufstellungsgruppen. Symptombelastung zwischen Wohlbefinden und Beschwerden, Beziehungen, soziale Integration, Kongruenzerleben, Zuversicht und individuelle Ziele spielen alle eine Rolle. Persönliche Zielerreichung wird mit „Goal Attainment Skalen“ gemessen, abgeleitet aus dem Berner Inventar für Therapieziele.

Kleine Aufstellungsbilanz:

Die gesammelten Zahlenhalden sind für SPSS-Laien wie mich zunächst eher verwirrend. Sie werden hier mit kundiger Führung gut vor-ausgewählt vorgestellt, und bieten darüber hinaus eine Fülle wissenschaftlicher Auswertungsmöglichkeiten, die sicher sukzessive noch detailliert veröffentlicht werden.

Wesentliche „take-home“-Botschaft für mich: In elf Skalen zeigten sich zwei Wochen nach einem Aufstellungsseminar bei mittleren Effektstärken statistisch signifikante Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe! Und in acht dieser elf Skalen waren die Unterschiede auch nach vier Monaten stabil nachweisbar.

Das ist angesichts des Studienobjekts Systemaufstellungen und der Vielfalt an Einflussmöglichkeiten dabei ein (mich) beeindruckendes Gesamt-Resultat!

Diese Einflussmöglichkeiten, weitere Auswertungsschritte und absehbar entstehender Bedarf an weiterführenden Studien werden im Workshop mit  Gunthard Weber, Diana Drexler, Jan Weinhold und Annette Bornhäuser gleich intensiv diskutiert.

Hauptteil 3:

Den weiteren Blick auf Organisationen eröffnet dann Daniel Bleyeler (Wil, CH), der 2003 in St. Gallen über „ritualbewusstes Management in Veränderungsprozessen in Organisationen“ promoviert hat. Sein Credo: „Rationale Erkenntnisse sind folgenlos.“ Und völlig überhöhte, idealisierende Vorstellungen („Jesus-Profile“) werden in der Managementrealität besonders leicht unterlaufen („Maria-Magdalena-Prinzip“). Was es stattdessen braucht: Intensive, ernstgemeinte, vielfältige Kommunikation, Ausdauer, DeMut (Zivilcourage) – und gute Rituale. Gekünstelte Inszenierungen führen nur zu „kollektiver Milieuschädigung“.

Julika Zwack (Heidelberg) berichtet von den Erfahrungen mit Team-Supervision im Krankenhaus. Was dort besprechbar wird, ist weniger eine Vielzahl isolierter Kooperationsprobleme als vielmehr ein Ausdruck von Strukturproblemen. In Zeiten von Kostendruck und Arbeitsverdichtung samt hoher Leitungsfluktuation dient Supervision der „Kompensation erodierender Kaffeepausen“. Sozusagen als Schutz-Biotop der so entscheidend wichtigen informellen Kommunikation und ihrer Rituale. Relevante Kunst dabei ist, auch wichtige Oft-Abwesende mit einzubeziehen: z.B. stationsübergreifende Fachkräfte – wie auch Patienten!

Jens Korte (Berlin) richtet zusammen mit Jan Weinhold unseren Blick auf eine andere Branche und ihre Rituale. In der Softwareentwicklung führen Beschleunigung des Innovationswettbewerbs und wachsender Umfang von Programmen zu zunehmender Turbulenz in der Arbeit. Seit dem „Agilen Manifest“ von 2001 haben sich eine Reihe von Vorgehensweisen zur Projektbeschleunigung etabliert. „Scrum“ (der Name stammt von dem Mannschaftsknäuel im Rugby), arbeitet statt mit längerfristigen Plänen, die sich selbst obsolet machen, lieber mit kleinen Inkrementen, kurzen Iterationsschleifen und täglichen Kurzmeetings zur Abstimmung der Aktivitäten. Im typischen „daily scrum“ beantwortet jeder rituell die immer gleichen drei Fragen, bevor er wieder an seine Arbeit geht (und sich der Scrum-Master um die übergreifende Problembeseitigung kümmert …).

Mirko Zwack (Heidelberg) fragt sich und uns, warum wohl Wertschätzung in Organisationen ebenso oft gefordert wie nicht praktiziert wird, und stellt ein „Stufenmodell der Wertschätzung und Teilhabe“ vor.
Corina Aguilar-Raab (ebenfalls Heidelberg) diskutiert Stand und Schwierigkeiten eines noch in Entwicklung befindlichen, besonders raffiniert einfachen Fragebogens, der „System-Evaluations-Skalen (SES)“, die für höchst unterschiedliche Veränderungssituationen zugleich anwendbar werden sollen. Beide Vorträge werden anschließend in Workshops intensiv und teilweise kontrovers diskutiert.

Hauptteil 4:

Der dritte Tag steht ganz im Zeichen des Teams vom „Institut für Systemisches Management und Public Governance (IMP)“ der Universität St. Gallen. Bindeglieder zwischen den Forschungen in St. Gallen und Heidelberg sind die Beschäftigung mit der Organisation Krankenhaus und die Aktivitäten in der Vermittlung systemischen Handwerkszeugs (hin zu „systemischer Haltung“).

Das „St. Galler Management-Modell“ ist in den 40 Jahren seit seiner ersten Veröffentlichung durch Hans Ulrich (1972) mittlerweile in der „4. Generation“ angelangt. Johannes Rüegg-Stürm skizziert die Geschichte mit gut ausgewählten Zitaten, vor allem von Hans Ulrich und Henry Mintzberg aus den 60er und 70er Jahren. Heute illustriert das Modell noch detaillierter als seine Vorgänger, dass Management als Tätigkeit in verschiedene Umwelten eingebettet ist. (Wo ein Industrieunternehmen Güter für einen es umgebenden Markt produziert, arbeitet der öffentliche Bereich in einer Umwelt aus Politik und Recht an der Herstellung von Mehrheiten.) Ein Großunternehmen ist weniger von Interaktion als Kommunikation unter Anwesenden geprägt als vielmehr von Verteiltheit synchroner Entscheidungsprozesse überwiegend in Abwesenheit, und Hauptaufgabe des Managements dort ist die Stabilisierung dynamischer Prozesse. „Optionenüberschuss“, „Issues“, „Entscheidungsprämissen“, „Beziehungsarchitektur“, „Bearbeitungsformen“, „Agency“, „multiple Rationalitäten“ „Kohärenz“ und „Sinnstiftung“ (Karl Weick: „sensemaking in organizations“) sind ungebrochen aktuelle Schlagworte der Diskussion.

Thomas Schumacher zeigt an drei Fallstudien aus Großunternehmen, mit welchen Lernformen höhere Managementweiterbildung („executive education“) heute experimentiert. Das Programm „Managing New Challenges“ kooperiert eng mit der Harvard Business School. Bei „Learning Journey“ hospitieren sechs Unternehmen aus verschiedenen Branchen reihum bei jeweils einem von ihnen und lernen dabei, den mehrfachen Blick über den Tellerrand zu nutzen. Bei „Tische statt Stühle“ kommen nicht nur Einzelne, sondern gleich mehrere ganze Vorstandsteams aus einer Filialbank zu einer Mischung aus Seminar und Gruppen-Intervision zum gemeinsamen Lernen. (Für mich ist das auch eine Bestärkung im Nutzen eines wiederkehrenden Blicks „über den Zaun“, sprich: über die Systemgrenze hinweg! Mit konzertierter Hospitation und gemeinsam reflektierender Weiterbildung von ganzen Schulleitungsteams arbeitet meine Frau als „Fachberaterin für Schulentwicklung“ schon seit Jahren, aber „in der Wirtschaft“ ist das halt noch neu …).

Matthias Mitterlechner berichtet vom Wandel eines kleinen Krankenhauses im Unterengadin zum integrierten Gesundheitszentrum. Die Integration geht aktuell sogar darüber hinaus und wird durch Einbezug des örtlichen Naturparks zur übergreifenden Regionalentwicklung. „Respekt haben und Vertrauen bilden“ sind Kernaspekte, um mit der wachsenden Interdisziplinarität Schritt halten zu können.

Das St. Galler Spektrum rundet Harald Tuckermann mit einem nachdenklichen Blick auf eine Forschungskrise bei einem Krankenhausprojekt ab. Hier prallte Beobachtersystem (Forscher und Forschungspartner) auf Entscheidersystem (Forschungspartner und seine Kollegen in der Organisation). Letztere haben ausgeprägten Aufgabenerledigungsfokus, ständig hohen Entscheidungsdruck, und suchen daher immer nach Vereinfachungen. Erstere suchen – fast genau das Gegenteil. Erwartungsenttäuschungen sind programmiert. Sie vorweg zu thematisieren, kann präventiv nützen – oder eskalieren, also gleich schon den Effekt auslösen, vor dem das Ansprechen eigentlich schützen helfen soll. So bleibt systemische Forschung eine wiederkehrende Gratwanderung – nicht nur in Schweizer Bergen.

Mehrfache Zusammenfassung:

I.) Jochen Schweitzer bündelt abschließend „Ziele, Hindernisse und Lösungen systemischer Forschung“. Vier Arten von Hindernissen ragen heraus:
  • Produktkonjunkturen der Beforschten können kurzlebiger sein als Forschungshorizonte. In der beforschten Organisation schwindet das Interesse an Themen schneller als die Forschung Resultate liefern kann.
  • Akademische Publikationsspielregeln messen eine ganz andere Art von Impact als die Forschungspartner in der Praxis. Was letzteren nutzt, ist oft in „hochrangigen“ Journals nicht publizierbar.
  • Verschiedene Hochschulsozialisationen können zu Konflikten zwischen Empirikern und (System-) Theoretikern im Forschungsteam führen.
  • Als „scientist practitioners“ wollen wir „immer auch das Gegenteil zugleich“. Also akademische Anerkennung und zugleich praktische Konsequenzen, Objektivierung und selbstreflektierte Ethnographie.
Wen wundert’s: Die Anforderungen an Systemische Forschung sind wohl so paradox wie ihr Forschungsgegenstand. (Und werden das wohl auch bleiben – Ashby’s „requisite variety“ lässt grüßen.)



II.) Als besonders gelungener Workshop ist mir der von Guni Leila Baxa in Erinnerung geblieben. Hier wurde die Theorie aus dem Vortrag nicht mit mehr Theorie vertieft, sondern mit Praxis erlebbar. Nach nur wenigen Verständnisfragen gestalteten alle gemeinsam eine Art „Aufstellungsvignette“ mit wenigen Elementen aus dem „Heldenreise-Zyklus“. Je zwei Teilnehmer repräsentierten Aufstellungs-„Orte“, hier: den „Ruf“, die „Schwelle“ und die „Rückkehr“. Diese Orte stellten sich in einer Art Kreis mit größeren und kleineren Lücken auf. Alle anderen nutzten dann die Möglichkeit, in ihrem eigenen Tempo ihren je eigenen, oft kurvenreichen Pfad sozusagen ganzkörperlich zu erleben: die Annäherung an, die Begegnung mit, den Abschied von einem Ort, den Eintritt in eine je nächste Phase, deren unterschiedliche Dauer und emotionale Färbung … (Den Einsatz von „Orten“ in Aufstellungen gibt es ja auch mit anderen Hintergrundmetaphern, so z.B. bei der „Glaubenspolaritäten“- oder der „Tetralemma“-Aufstellung des SySt-Instituts, oder mit den vier Himmelsrichtungen nach dem „Medizinrad“ bei Genuine Contact.) 

Fragen können das Erleben zusätzlich akzentuieren. Was ist wirklich meine Frage, mein „Ruf“? Auf welche „Türhüter“ treffe in an meiner persönlichen „Schwelle“, und wie gehen wir miteinander um? Welches „Geschenk“ habe ich bei meiner „Rückkehr“ im Gepäck? In der gemeinsamen Reflexion berichteten sowohl die „Orte“ als auch die „Pilger“ von ihrem Erleben in den Begegnungen mit sich selbst und den anderen. Guni wies darauf hin, dass Aufstellungen in allen Phasen dieses persönlichen Zyklus stattfinden und eine wichtige Rolle spielen können. Sie können selbst der auslösende Ruf sein, oder die Dramatik der Schwelle anders erlebbar machen, oder die Erfüllung der Rückkehr intensivieren – bis zur nächsten Reise.

III.) Die Konferenz selbst hatte alle Zutaten der Aufstellungsarbeit. Repräsentanten wurden vorab schon ausgewählt. Anliegen wurden exploriert. Räume mit Bedeutung versehen und rituelle Sätze gesprochen. Es gab nicht nur aufgestellte sondern auch gewählte Repräsentanten, die sitzen blieben und doch ihre relevanten Beobachtungen beitrugen. Es gab einen expliziten Ebenenwechsel vom Familien- zum Organisationssystem. Und es gab, zu guter Letzt, ein Rückgaberitual: mit Dank und Blumensträußen.

Oder noch einmal anders zusammengefasst, metaphorisch (weil mir „Nutzen von Metaphern in der Beratung“ doch so eine Herzensangelegenheit ist …;-):



Bei einer gelungenen Konferenz trafen sich Hans Ulrich, Niklas Luhmann und Helm Stierlin zu einer Meta-Aufstellung. Bert Hellinger drehte der Runde schmollend den Rücken zu und ließ sich von Diana Drexler und Gunthard Weber (stell-)vertreten.
Aber er freute sich heimlich dann doch, dass ein ganzes Heidelberger Team um Jochen Schweitzer seiner Methode so viel Aufmerksamkeit widmet.

Hans Ulrich ließ sich ebenfalls von einer mehrköpfigen Nachfolgegeneration vertreten, Die brachten den Luhmann im Handgepäck mit (der seinerseits noch eine Prise Talcott Parsons einstreute).

Nur Helm Stierlin war selbst gekommen und genießt weiter in aller Stille die Früchte seiner Arbeit, die dank ständiger Kreuzungen höchst vital bleiben und auch heute wieder so erfrischend anders schmecken.

PS.: Rückblickend bin ich mir fast sicher: Irgendwo saßen Steve de Shazer, Frederic Vester, Eli Goldratt, Evan Imber-Black, Ken Schwaber und eine namenlose, weise Schamanin als Reflecting Team hinter einem Einwegspiegel und freuten sich diebisch an ihrem ganz eigenen Heilritual. Diesmal nicht mit Rasseln und Schellen. Eher heimlich und unbemerkt – aber doch, irgendwie, mit Pauken und Trompeten.

PPS.: (Weitere) Fotos gibt’s auf Anfrage beim Autor (doc.ks@web.de).



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