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systemagazin-Adventskalender: "Von Klienten lernen"

Lisa Reelsen: Das halbe Herz

Lisa ReelsenVor 18 Jahren unterrichtete ich 33-jährig jeden Montag das Fach Sport in einer Schule mit besonderen Herausforderungen. Die Sporthalle war etwa 2 km von der Schule entfernt. Eine Nachbarin, ebenfalls Lehrerin, nahm mich montags sehr früh mit dem Auto mit und ließ mich an der Sporthalle raus. Nach dem Unterricht ging ich zu Fuß mit den Schülerinnen zur Schule zurück. Ich war stets um 7.00 Uhr und damit 45 Minuten vor Unterrichtsbeginn an der Sportstätte, auch der öffentliche Nahverkehr bot keine zeitsparendere Lösung. Meistens hatte ich ein Buch dabei, ich genoss sogar etwas diese Zeit und las oder baute schon irgendwelche Geräte in der Turnhalle auf. 15 Minuten vor Unterrichtsbeginn schloss ich die Tür von innen wieder auf und die Schülerinnen trudelten so langsam ein.
Einmal regnete es morgens fürchterlich und eine Schülerin der 8. Klasse, Karina, stand schon früh mit ihrem Fahrrad vor der Halle. Ich bat sie herein, wir setzten uns auf die Heizung, wärmten uns auf und kamen ins Plaudern. Karina war 15 Jahre alt, wiederholte gerade die 8.Klasse und hatte zu Beginn des Schuljahres noch keinen intensiven Kontakt zu den neuen Mitschülerinnen herstellen können. Sie zeigte sich eher introvertiert, etwas burschikos, doch irgendwie ganz gewitzt. Im Gespräch mit ihr erfuhr ich, dass sie mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester in einer etwas beengten Wohnsituation lebte und die Mutter ganztags arbeitete. Zu ihrer Schwester hatte sie eigentlich ein ganz gutes Verhältnis, doch diese hatte sich mit deutlich angestiegenem Interesse für Jungen zunehmend von ihr distanziert, worunter Karina etwas zu leiden schien, da ihr die Schwester bis dahin eine enge Vertraute gewesen war.
Karina kam nun montags immer zeitiger, manchmal war sie sogar schon früher als ich vor Ort. Wir erzählten uns so dies und jenes, manchmal sah ich mich allerdings auch um meine Zeit für mich gebracht. Doch irgendwann ließ ich meinen Lesestoff zu Hause und fand die mittlerweile regelmäßigen Gespräche ganz nett. Karina war nicht besonders sportlich, doch sie half mir beim Aufbau von Geräten und machte im Sportunterricht mit. Das Schulhalbjahr endete, der Stundenplan wurde geändert und als klar war, dass ein Montagmorgen Ende Januar der letzte war, der in dieser Form begann, packte Karina einen Umschlag aus und überreichte ihn mir. Darin befand sich ein Anhänger in Form eines halben Herzens, eines jener Schmuckstücke, die man in Kaugummiautomaten finden kann. Ich war etwas verdutzt und noch bevor ich etwas sagen konnte, zeigte sie auf ihren Hals, an dem die andere dazu passende Hälfte an einem Band hing. Ich gab ihr den Umschlag spontan zurück, sagte irgendwas von: „Das kann ich nicht annehmen“ oder so ähnlich. Später war mir klar, ich wollte das Geschenk nicht annehmen, ich sah mich plötzlich in die Pflicht oder Verantwortung genommen, es war mir zu viel, fast aufdringlich erschien mir diese Geste.
Im zweiten Halbjahr des Schuljahres hatte die 8. Klasse Schwimmunterricht, den ein Kollege übernahm. Ich sah Karina nur noch sporadisch im Schulgebäude oder auf dem Schulhof in den Pausen. Sie grüßte stets nur kurz und ging an mir vorbei, ich sprach sie auch nicht an. An einem Mittag, etwa 4 Wochen später, fand ich einen Briefumschlag in meinem Briefkasten zu Hause mit einem Brief von Karina, den sie direkt eingeworfen haben musste, er hatte keine Briefmarke. Darin standen nur diese Sätze: „Hallo Frau Reelsen. Ich bin schwanger. Was soll ich tun? Helfen Sie mir. Karina“. Alarmiert bin ich sofort in die Schule zurück gefahren, da ich wusste, dass Karina am Nachmittag Unterricht hatte. Ich bat den unterrichtenden Kollegen, Karina herausnehmen zu dürfen, um ein wichtiges Gespräch mit ihr führen zu können. Etwas unwillig gab er nach und Karina erzählte mir dann im Besprechungszimmer von ihrer Schwangerschaft, von der ihre Mutter noch nichts wisse. Ihr Freund sei aber ganz glücklich. Ich ermutigte sie, mit ihrer Mutter zu sprechen. Sie versprach es, doch am nächsten und auch am übernächsten Tag war nichts geschehen, sodass ich ihr ein Ultimatum setzte. „Heute Abend rufe ich deine Mutter an und bis dahin hast du bitte mit ihr gesprochen.“ Ich wollte aus der Verantwortung heraus, heftig fand ich die Situation. Am Abend bekam ich jedoch einen Anruf von der Mutter, die mir sagte, dass ihre Tochter mir jetzt etwas am Telefon sagen möchte, und morgen mehr. Ich hörte Karina weinen und sie sagte: „Frau Reelsen, ich bin gar nicht schwanger, ich erzähle Ihnen morgen alles, haben Sie Zeit für mich?“ Ich war so verdutzt, perplex, irritiert, antwortete kurz mit „Ja“ und legte kurz drauf den Hörer auf. Am nächsten Tag kam zur vereinbarten Zeit um 13.00 Uhr auch Karinas Mutter mit, die abwartete, bis Karina sich bei mir in ihrer Anwesenheit entschuldigte hatte, bevor sie uns allein ließ.
Karina begann von sich aus zu erzählen, sie habe die Geschichte mit der Schwangerschaft erfunden, da sie wissen wollte, ob ich sie denn überhaupt ernst nehmen würde. Auf meine Frage, warum sie daran gezweifelt habe, sagte sie: „Sie haben mein Geschenk nicht angenommen, das hat mich wütend gemacht, weil ich mich plötzlich nicht ernst genommen fühlte. Ich wollte doch gar nicht, dass sie die andere Hälfte vom Herz auch am Hals tragen, es war ja gar kein Band dabei. Ich wollte Ihnen ja nur danke sagen. Es hat sich lange niemand mehr mit mir so lange am Stück unterhalten. Ich habe Ihnen etwas von meinem Herzen gegeben. Ich habe Ihnen doch so viel von mir erzählt und plötzlich fühlte ich mich von Ihnen nicht mehr ernst genommen. Dann aber wollte ich wissen, ob Sie mich überhaupt ernst nehmen und deshalb habe ich die Geschichte von der Schwangerschaft erfunden.“ Etwas bedröppelt und beschämt saß ich dann da. Nach einer Schweigepause fragte ich, warum sie mich denn nicht direkt angerufen habe, sondern ihrer Mutter davon erzählt habe, antwortete Karina, dass sie ja eigentlich mal wieder mit ihrer Mutter reden wollte, aber die habe ja nie Zeit. Und jetzt hätte sie immerhin den ganzen Abend mit ihr geredet.
Puh!!!! Ich möchte die Geschichte gar nicht deuten, wollte sie nur erzählen. Mit der wirklich sehr netten Mutter sprach ich noch zwei Mal am Telefon. Sie meinte, Karina etwas aus den Augen verloren zu haben und sei nun in besserem Kontakt. Ich bestaunte stumm die Kräfte ihrer Tochter, die sich auf ungewöhnliche Art zeigten. Am Ende des darauffolgenden Schuljahres, an dem Karina die Schule verließ, schickte sie mir das halbe Herz per Post zu, ohne Anrede, nur mit „Herzlichen Gruß Karina“. Ich fand es neulich in einer Schachtel beim Kramen in meinen Schreibtischschubladen. Geschenke von Herzen sollte man nicht ablehnen.

lisa.reelsen@web.de




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