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systemagazin-Adventskalender: "Von Klienten lernen"

Cornelia Tsirigotis: Über Familienorientierung und Bewältigung von Behinderung

Was oder wie ich einmal von KlientInnen gelernt habe – eine Fragestellung, zu der mir viel weniger ein  einzelnes herausragendes Beispiel einfällt als vielmehr eine prompte spontane Antwort:
Alles, was ich über Eltern oder Kinder gelernt habe, habe ich von KlientInnen gelernt!
Zumindest habe ich diesen Eindruck von mir, das meiste, was mir in meiner Arbeit wichtig ist, von KlientInnen gelernt zu haben. Das mag daran liegen, dass meine jahreslanges Aufgabengebiet „Arbeit mit Eltern hörbehinderter Kinder im Kontext von Förderschule und interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Kliniken“ kein Studienfach oder Ausbildungsberuf ist, so dass ich immer das Gefühl hatte, nichts zu wissen – eine gute Voraussetzung, wie ich später in der systemischen Ausbildung lernte. So wäre ich also vor der Themenstellung des Adventskalenders „einfach“ der Auffassung gewesen, dass  ich über Eltern (behinderter Kinder) von Eltern gelernt hätte und über hörbehinderte SchülerInnen von hörbehinderten SchülerInnen, wenn ich sie selbst gefragt und  ihnen zugehört habe.
Zwei Beispiele sind mir dennoch so präsent, dass ich sie hier erzählen möchte. Das erste betraf meinen jüngsten Lehrer, der zum Zeitpunkt meines Lernens zwei Jahre alt war: mein erstes Frühförderkind. Es war ein zweijähriger hörgeschädigter Zwilling. Er mochte mich nicht und zu meinen Spiel- und Förderangeboten hatte er keine Lust. Er machte, wenn ich kam, gerne eine Gebärde des Erschießen –Wollens, zu verbalem Ausdrücken seines Unmutes über mich und meinen pädagogischen Kram war er noch nicht in der Lage. Er saß lieber bei seiner Mutter auf dem Schoß. Sein hörender Zwillingsbruder jedoch freute sich, dass auf meinem Schoß Platz für ihn war und zeigte mir sein Spielzeug,  interessierte sich für mein mitgebrachtes Spielmaterial, kurzum, er war wild entschlossen, die Zeit mit mir zu nutzen. Während ich mit ihm redete, beschäftigte sich die Mutter mit meinem „eigentlichen“ Klienten. Wir taten also alles zu viert, spielten, sprachen, guckten uns Bilderbücher an. Währenddessen beobachtete ich die Interaktion der Mutter und stellte fest, dass sie ganz wunderbar natürlich mit ihrem hörgeschädigten Kind, überhaupt mit ihren Kindern sprach und dabei die Kommunikation viel mehr förderte, besser als alles, was ich aus hörgeschädigtenpädagogischer Sicht hätte „beraten“ können. Ich bestärkte sie also „nur noch“ in ihren natürlichen Stärken. Das konnte ich auch in der Eltern-Kind-Gruppe beobachten, wo sie mit ihrer Art die anderen Mütter viel mehr bestärkte als wir mit unsere pädagogischen Feedbacks. In dieser Zeit und durch die kräftige Nicht-Möge-Interaktion meines Klienten wurde das Aachener familien- und ressourcenorientierte Konzept der Frühförderung geboren, das wir als Frühförderteam später weiter ausfeilten. Heute fragen mich in Fortbildungen manchmal KollegInnen, wie man es schafft, in der Frühförderung eher die Familie tun zu lassen als selber zu tun. Die Antwort müsste heißen: „Die anfängliche Nicht-Möge-Ressource ausnutzen und die Kinder auf dem Schoß der Mütter lassen!“ Beziehung zur Mutter und Aufmerksamkeit für ihre (kommunikativen) Stärken!
Mein zweites Beispiel ist so wichtig wie kurz: Kennenlernrunde bei einem Elternworkshop mit Eltern behinderter Kinder, die Teilnehmer stellen sich kurz vor, ihre Kinder sind unterschiedlich alt, unterschiedlich lange zurück liegt auch die Diagnose: „Ihr Kind ist gehörlos/hörbehindert.“ Ein Elternpaar erzählt ausführlich und mit viel Betroffenheit, wie schlimm es war, als sie damals in der Klinik die Diagnose erfuhren. Es stellt sich heraus: das ist 20 Jahre her, der Sohn ist jetzt 23. Im Gespräch mit dieser Familie werden alle Modelle von Behinderungsverarbeitung, Phasenmodelle, Spiralmodelle etc. ad absurdum geführt. Die Wunde sitzt tief, sie ist immer wieder bereit, aufzureißen, wieder zuzuwachsen und bei irgendeinem Anlass wieder aufzureißen. „Mal brennt es, mal brennt es nicht“ hat eine Mutter mir mal gesagt. Als professionelle Helferin kann ich begleiten, heilende Bedingungen mitgestalten mit den Betroffenen durch Zuhören - wirklich Zu(geneigt hin)hören und nicht Rezepte bereithalten.  Alle machen das auf ihre Weise, mit der Behinderung klarzukommen. Bewertung steht nur den Betroffenen selbst zu. Ich stehe dabei und halte eine Hand und mein Ohr hin.
Was ich also von KlientInnen gelernt habe: Aufmerksam zu sein. Nicht viel, aber eigentlich alles.




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