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systemagazin-Adventskalender: "Von Klienten lernen"

Doreen Lupprian: „Entgegen meiner Erwartungen…“


Als Sozialpädagogin arbeite ich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Bereich der Jugendberufshilfe. So entstand auch der Kontakt zu einer Teilnehmerin, die später zu einem und zwar „meinem Fall“ werden sollte. Sie wurde von einem Mitarbeiter des örtlichen SGB II-Trägers aufgrund ihrer „desorientiert beruflichen Situation“ unserem Träger zugewiesen. Zu dieser Zeit befand ich mich „in den ersten Zügen“ einer systemischen Weiterbildung. Die Arbeit mit der jungen Frau gestaltete sich nach Auftrag des Amtes „wie gehabt“, mit dem Fokus auf Optimierung ihrer Bewerbungsunterlagen, Trainieren der Kommunikationsfähigkeiten und mit dem Ziel sie zu vermitteln. Egal wohin. Hauptsache raus aus dem Leistungsbezug und rein in eine andere Statistik. Wir arbeiteten so gut wie es eben die damalige Arbeitsmarktlage hergab und sie schickte pflichtbewusst immer die geforderte Anzahl von Bewerbungen an Firmen, welche sich jedoch mit ihren Einladungen zu vorstellenden Gesprächen vornehm zurückhielten. Wir waren uns - auch ohne Worte - darüber im klaren, dass es so nicht funktionierte. Irgendetwas funktionierte nicht. Die Zeit verging und innerhalb der Weiterbildung erfuhr ich von einer Hand voll systemischer Methoden. „Alles schön und gut“ - dachte ich mir. Theoretisch. Aber was ist mit der Praxis? Ich konnte all die reizvollen Ansätze in meinem Arbeitsalltag, mal ausgenommen der grundsätzlich respektvollen Haltung gegenüber eines Menschen, nicht anwenden. Innerlich war ich voller Tatendrang, doch endlich auch mal die Wirkung zu erleben, zu sehen, dass es funktioniert. Genogrammarbeit, zirkuläre Fragetechniken, Reframing waren nur einige Stichworte, die in meinem Kopf herum geisterten.
Doch dann sollte ich meine - beziehungsweise - wir sollten unsere Chance bekommen. Der Auftakt für die zukünftigen „Dienstags-Termine“ war eine erschütternde Nachricht. Ihre Mutter habe versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie erzählte mir unter Tränen das Erlebte. Ich war sehr ergriffen von ihrem Schmerz. Sie erzählte mehr und mehr und ich hörte ihr zu. Sie schenkte mir das Vertrauen, dass ich ohne zu bewerten, zu verurteilen oder ihr ratschlagerteilend beiseite stehen würde und so bot sich mir der Einblick in ihr Leben. Innerhalb der gemeinsamen Arbeit wurde deutlich, dass sie mit erst 25 Jahren schon einige Herausforderungen in ihrer Biografie meisterte und dafür einen hohen Preis zahlte. Dunkle Themen und frühe Verluste von lieben Menschen offenbarte sie mir, welche ebenfalls nicht spurlos an mir vorbei gingen und einiges abverlangten. Ich selbst und mit Blick auf „meine Welt“ lernte von ihr, wie viel ein Mensch im Stande ist auszuhalten und nicht aufzugeben. Schlussendlich fand sie innerhalb der Arbeit neue Möglichkeiten und Perspektiven wie sie ihr Leben zukünftig gestalten könne. Innere und äußere Aufträge wurden neu „sortiert“ und wie „von Zauberhand“ gab es auch eine Klärung im beruflichen Kontext. Stärken, die in ihr bisher friedlich schlummerten, wurden aufgedeckt und trugen zur weiteren Selbstverwirklichung bei. Ein Nebeneffekt, der den SGB II-Träger ebenfalls erfreuen würde, würde jener von der Beratungsarbeit (welche „kostenlos“ stattfand) wissen. Was tut man nicht alles für das „liebe Amt“.
Ich muss gestehen, dass mich anfangs (und eigentlich bis zum Schluss) starke Selbstzweifel plagten, ob ich diesem Beratungsangebot gerecht werden könne. Gerecht werden im Sinne der Verantwortung, die ich für den Prozess haben sollte. Im Stillen hatte ich Angst, zu versagen und ihr letztendlich nicht helfen zu können. Auch diese Gedanken teilte ich ihr offen mit. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) ließ sie sich auf mich ein. Lange hat sie gebraucht, genauer gesagt mehr als ein halbes Jahr, um mir klar zu machen, dass ich ganz entgegen meiner Erwartungen gute „Arbeit“ leistete. Sie wanderte auf die Sonnenseite, die ihr es erlaubte optimistisch in die Zukunft zu blicken und ihr Leben zunehmend selbstbestimmt zu gestalten. Mein persönlicher Lernprozess schöpft noch immer aus den Erfahrungen dieser 1710 Minuten. Und keine war umsonst.
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich viel Freude im „weihnachtlichen Warten“ und einen guten Neubeginn für das kommende Jahr.



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