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systemagazin-Adventskalender: "Von Klienten lernen"
Wolfgang Loth: Lichtung

Wie sich das auf Dauer wohl weiter entwickeln wird mit unserer Profession? Ob es tatsächlich dazu kommt, sie auf Strichcode-taugliche Einheiten zu reduzieren. Oder ob sie sich in hyperkomplexen Formeln versteigt? Und ob das miteinander zu tun hat? Und ob das eine Antwort ist auf die Erfahrung, dass sich viele Veränderungen während unserer Arbeit nicht wegen unseres Beisteuerns ereignen, sondern vielleicht nur: während, möglicherweise trotz? Wäre die notwendige Konsequenz Demut? Oder: noch härtere Arbeit („we try harder“)? Oder besser doch: Resignation, dickes Fell, kluge Rede? Gelassenheit? Oder das Verbot von Fragen? Stattdessen das Einschwören darauf, dass KlientInnenvariablen etwa 40% der Varianz von Therapieergebnissen erklären! (oder doch noch einmal Fragezeichen?). „Früher“ (once upon a time...) war Advent einmal die „dunkle Zeit“, die Zeit der Erwartung, des Wartens auf Licht und Erleuchtung, womöglich Erlösung. Kalender, um das noch zu sagen, machen erst dann Sinn, wenn sie sich auf eine festgelegte Zeitspanne berufen können. Kalender zählen ab. Ein Kalender zum Advent nun könnte also hoffen lassen, dass am Ende etwas Erhellendes herausgekommen sein wird, ein Beispiel für outputorientierte Erwartung, sozusagen.
Ob sich dieser Anfang noch für das vorgegebene Thema retten lässt? Kalendergeschichten möchten gehört werden, Adventskalendergeschichten, Erhellendes also, Schritte aus der Dunkelheit in Richtung Licht: „Frieden auf Erden!“. Gut, das wurde bereits im Original relativiert: von „Menschen guten Willens“ war da die Rede, guten Willens, sich selbst nicht zum Maß zu machen. Geschenkt! Nein, das kommt erst zum Fest! Eine Geschichte also. Sie spielt vor fast einem Vierteljahrhundert, ist kurz, und sie ist mir bis heute nicht erledigt. Ich hatte über längere Zeit mit einer Klientin gearbeitet, deren Mann irreversibel erkrankt war. Sie hatte sich im Verlauf der Arbeit wieder stabilisiert, im Prinzip ging es ihr gut danach. Nach einiger Zeit trafen wir uns wieder, auf der Straße, durch Zufall. Sie erzählte von einer neuen Beschwernis. Ich war kurz angebunden – und mir schwante, dass das nicht nur eine Frage der mangelnden Zeit war. Ich spürte einen Unmut darüber, das seinerzeitige gute Ergebnis relativiert zu sehen. Vermutlich eine banale Selbsterkenntnis, wenn auch nicht ohne Bedeutung. Die für den Adventskalender aufgesparte Pointe bestand jedoch in einem Schreiben der ehemaligen Klientin an mich kurze Zeit später, in dem sie mich auf Paulus verwies, genauer: den ersten Brief des Paulus an die Korinther. Da sagte er (im Passus 13, 1): „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle“.
Tönend Erz. Klingende Schelle. Der Liebe nicht. So etwas muss einem einfallen. Habe ich etwas gelernt von dieser Frau, die einmal darauf vertraute, dass ich ihr helfen könnte? Ich hatte meine eigene innere Geschichte zu Ihrer Geschichte ernster genommen als ihre. Ich hatte meinen Erfolg gewollt, und ihn von ihr nicht relativieren lassen wollen. Ich hatte unsere Zusammenarbeit missverstanden, als sei sie etwas, das mir gehörte. Und? Kommt doch vor, oder?! Ja, klar, und womöglich verschweigt diese Geschichte gerade wegen ihrer Banalität etwas Wesentliches. Bedauern: ja. Selbsterkenntnis: ja, in Ordnung (absolvo ezettera...). Doch was heißt „der Liebe nicht“? Heißt das: keine Zeit? Verpacken des Besonderen ins Allgemeine? Bedingte Zuwendung aus Sorge, sich rechtfertigen zu müssen? Formen des Umgangs in Formulare des Umgehens übersetzen? Den Druck akzeptieren als Blaupause für Verrenkungen? Und wenn es anders nicht ginge? Wenn das der Preis wäre? Und Robustheit eine Tugend: So isses eben, ein bißchen Schwund ist immer!? Mit „der Liebe nicht“ kein Problem. - Nein, eine Lichtung ist keine Quelle des Lichts. Eine Lichtung macht nichts hell. Die Möglichkeit besteht allerdings, dass man dort mehr sieht als im umgebenden Dickicht. Dazu braucht es Vertrauen. Und Vertrauen ist angreifbar wie die Würde selbst. Dies hätte ich denn gelernt. Vielleicht.



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