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systemagazin-Adventskalender: "Von Klienten lernen"

Hartwig Hansen: BMW-Korken und Küchenstuhlgespräche

Beratung ist ein hochsensibles Geschäft. Klar. Und die Sache mit dem Ankoppeln und alle mit ins Boot holen – auch klar. Dabei schön authentisch bleiben und vielleicht auch mal eine Prise Humor zur Auflockerung – kommt meistens gut an.
Mit ein bisschen Übung klappt das ja auch schon ganz passabel über die Jahre. Vielleicht auch gerade deshalb sind mir die Fettnäpfchen-Situationen, in denen ich beim Ankoppeln und Nachfragen haarscharf danebenlag, besonders im Langzeitgedächtnis geblieben.
Erste Sitzung Paarberatung zu viert. Kurze Vorstellungsrunde: Meine Kollegin und ich erzählen unseren Werdegang und dass sich die Zusammenarbeit als Beraterpaar sehr bewährt hat. Interessiertes Kopfnicken beim Ehepaar G., Frau G. ist Rechtsanwaltsgehilfin, Herr G. arbeitet in der Finanzberatung. Er nennt auch Sparte und Arbeitgeber – ich verstehe nicht so viel vom Kapitalmarkt und vor allem konkret nicht die drei Buchstaben des „Marktführers“, bei dem er angestellt ist. Herr G. nuschelt sie etwas, als seien sie ihm – in Zeiten von Lehman und Hypo Real Estate – ein bisschen peinlich. War es nun DWS, AWD oder DMW – keine Ahnung. Sich doof stellen ist immer gut, denke ich und sage: „Oh, das habe ich nicht verstanden. Ich kenne leider nur BMW ...“ – Flatsch. Hinein in den Fettnapf. Das war zu salopp. Das Gesicht von Herrn G. versteinert augenblicklich, nix mit lustig. Auch Frau G. schaut etwas betreten. Meine Kollegin versucht immerhin ein Lächeln.
Ich weiß nicht mehr, wie die Sitzung zu Ende ging – ich glaube, ich bekam keine zweite Chance bei Herrn G., und das Ehepaar meldete sich auch nicht wieder.
Seitdem ist diese Episode unter dem Stichwort „der BMW-Korken“ in unsere Historie eingegangen. Da will man einmal locker sein ... Beratung ist eben ein hochsensibles Geschäft.
Oder der kleine Small-Talk-Ausflug zur Klimaerwärmung ... Sie kennen das. Erst mal warm werden beim Reinkommen der Klienten: Ein paar Sätze zum Wetter, zur Parkplatzsuche oder (bei fortgeschrittener Beratung) auch schon mal zur Urlaubsbräune im Gesicht und den entsprechenden Reisezielen.
Heute wartet Frau L. – etwas verspätet – bereits in ihrem Stuhl darauf, dass ihr Mann draußen den Wagen ticketresistent abstellen kann. Und ich Dummerjan lasse mich zu einer Bemerkung hinreißen, die meine Weltsicht allerdings voll authentisch wiedergibt. Frank und frei bekenne ich: „Wird ja auch immer enger auf den Straßen. Ich kann ja diese Pajero-Fahrer gar nicht leiden. Was diese Großmodelle auch an Sprit fressen. Ich finde, dass Landrover-Mühlen in der Stadt nichts zu suchen haben.“ (Zum Glück habe ich die zweite Hälfte meiner Weltsicht noch verschwiegen, die lautet: Je größer die Autos, desto arroganter die Fahrer.)
Da schmunzelt Frau L. ein bisschen süffisant und meint lakonisch: „Wir haben einen Pajero. Die sind sehr praktisch. Wenn man mal einen Fahrradausflug machen will, passen die Räder da wunderbar rein ...“
Upps. Nicht gut, Hartwig. Da will man einmal locker und ehrlich sein ...
Und als Herr L. dann in die Praxis kommt, lässt es sich seine Frau auch nicht nehmen zu sagen: „Weißt du was, Schatz, Herr Hansen mag unser Auto nicht ...“ Das „Schatz“ hab ich dann innerlich gleich zu einem Zeichen der Beziehungsbesserung beim Ehepaar L. reframed ... Aber sonst, eujeujeu ...
Nun hatte ich endgültig verstanden: Kommentare zu Automarken passen offenbar nicht ins Beratungsgeschäft. Ich bin ja lernfähig, bleibt es zum Aufwärmen eben beim Wetter ...
Herr W. hat ein ganz anderes Anliegen. Von ihm lerne ich eine völlig neue Bezeichnung für Coaching. Er sucht – wie er mir in einer Mail mitteilt – einen „Trainer, mit dem es mir gelingt, einen bewussten, intellektuellen Selbstbezug herzustellen“. Das klingt reflektiert und interessant.
Wir verabreden uns zu einem Kennenlerntreffen. Herr W. studiert schon seit Längerem Philosophie und möchte nun „irgendwie mal zu Potte kommen“. Er wünscht sich einen Begleiter, der ihm zuhört, der ihn coacht, der an seinen Erfolg und damit an den Erfolg der Beratung glaubt.
Gerne! Und er beschreibt – was für ein vorbildlicher Kunde, denke ich, – wie diese Begleitung aussehen soll: „Ich stelle mir so eine Art Küchenstuhlgespräche vor“, sagt Herr W. „Aha, das klingt spannend“, antworte ich, „was heißt das wohl genau?“ – „Naja, wie soll ich sagen? Das wäre dann so in etwa wie damals nach der Schule, wenn ich nach Hause kam. Da bin ich dann erst mal in die Küche gegangen, hab mich auf meinen Stuhl in der Ecke an den Tisch gesetzt und konnte erzählen, was ich erlebt habe, was mir durch den Kopf ging, was ich für Sorgen hatte. Meine Mutter hat dabei am Herd gestanden und nachgefragt und geantwortet, sie war dann einfach für mich da ...“ – „Verstehe, Küchenstuhlgespräche, ich glaub, ich weiß, was Sie meinen.“
Wir haben uns dann verabredet zu einem lockeren Gedankenaustausch (obwohl gar kein Küchentisch in der Praxis steht) – bis zum Abschluss seiner Magisterarbeit. Ich bin froh, dass ich Herrn W. kennenlernen durfte – schon alleine wegen dieser Wortschöpfung.
Beratung ist ein hochsensibles Geschäft auf Gegenseitigkeit.



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