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Nachruf auf Jay Haley (19.7.1923-13.2.2007)

Jay Haley
Am 13. Februar 2007 ist Jay Haley friedlich in seinem Schlaf gestorben, im Alter von 83 Jahren. Am 19.7. wäre er 84 Jahre alt geworden. Seit 1998 war er „Scholar In Residence“ an der California School of Professional Psychology bei der Alliant International University tätig.
Er war weithin als einer der wichtigen Begründer der Familientherapie und als Vater der „Strategischen Familientherapie“ bekannt. Seine therapeutischen und publizistischen Aktivitäten haben Generationen von Therapeuten beeinflusst. Er war Autor von zahlreichen Büchern über unterschiedlichste Aspekte von Therapie und Mitbegründer von „Family Process“, der ersten Familientherapie-Zeitschrift im Feld. Darüber hinaus war er auch als Filmemacher tätig und produzierte gemeinsam mit seiner Frau, Madeleine Richeport-Haley mehrere Lehr-Filme über Strategische Therapie.
Haley war als Professor an der Universität von Maryland, Howard University, Universität von Pennsylvania, US International Universität und zum Schluss an der Alliant International University tätig. 1953, in der Phase seines Studienabschlusses in Kommunikationswissenschaften in Palo Alto, wurde er von Gregory Bateson zur Mitarbeit an seinem Schizophrenieforschungsprojekt eingeladen. Fortan wurde er als Leitfigur in der Entwicklung des Kommunikationskonzeptes der Palo Alto-Gruppe berühmt. Seine therapeutischen Erfahrungen bezog er aus der Zusammenarbeit mit Milton Erickson. 1967 verließ er das MRI in Palo Alto und wurde Forschungsdirektor an der Philadelphia Child Guidance Clinic bei Salvador Minuchin. 1976 gründete er in Washington gemeinsam mit seiner Frau Cloe Madanes das dortige Family Therapy Institute, das bald eines der bedeutendsten Weiterbildungsinstitute der USA wurde.
Jay Haley ist immer einer der meistzitierten Autoren in unserem Feld. Die Lektüre seiner meinungsfreudigen, entschiedenen Positionen ist immer ein Genuss. Haley ist trotz des Siegeszuges der konstruktivistischen Erkenntnistheorie als Grundlage von Familientherapie und Systemischer Therapie nie von seinem Ansatz abgewichen, Veränderungen in Systemen mit strategischen Konzepten anzustreben und dafür auch die zur Verfügung stehende Macht innerhalb des Systems wie auch auf Therapeutenseite gezielt einzusetzen. In diesem Sinne wird der Name Jay Haleys auch zukünftig weiter für den Gedanken stehen, dass Macht kein reiner Mythos ist. Hier nun ein Nachruf von Rosmarie Welter-Enderlin:


Rosmarie Welter-Enderlin, Meilen: In memoriam Jay Haley, 1923 bis 2007

Wenn ich heute gefragt werde, wo mir der Name Haley zum ersten Mal begegnet ist, erinnere ich an seine Rolle als erster Herausgeber der Zeitschrift „Family Process“. Die unscheinbaren Hefte dieser inzwischen etablierten Zeitschrift – damals alle beige und billig gebunden - lagerten zuhinterst in der Bibliothek der Abteilung für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften an der University of Michigan in Ann Arbor. Sie wurden -  als frische Alternative zu den gängigen orthodoxen Psychotherapiemodellen - zum Geheimtip unter uns Studierenden. Die Editorials von Jay Haley waren jedesmal ein Lesegenuss. Er scheute sich zum Beispiel nicht, die sogenannte wissenschaftliche Psychologie mit ihrem Anspruch, 70% Theorie und 30% Praxis zu unterrichten, an der Wirklichkeit ihrer fehlenden Praxisnähe und Fallarbeit zu messen. So etwas konnte in der Kürze und Knappheit seiner Aussagen zynisch wirken, aber weil Jay immer bereit war zu diskutieren -  zum Beispiel über die praktischen Folgen sogenannter Wissenschaftlichkeit in der Therapie -, liebten wir seinen Mut. Ich habe viel von ihm gelernt!  Mir schadet dieser Mut zum Äußern eigener Überzeugungen manchmal noch heute, weil er nicht gängigen Vorstellungen von therapeutischer Neutralität entspricht. Bei Haley habe ich tatsächlich nicht therapeutische Neutralität  gelernt, wohl aber den Mut, mit Leib und Seele Anteil zu nehmen am Leben, und besonders an jenem meiner Klienten.
In den offiziellen Kursen in Michigan lernten wir ein Derivat der Psychoanalyse kennen, die sogenannte Ich-Psychologie von Heinz Hartmann. Wenig aufregend für eine wie mich, die in den USA sicher keinen weiteren Aufguss von Psychoanalyse suchte. Anregender fand ich die neuesten Ideen aus der Behavior Modification, die entsprechende Forschung und ihre Anwendungsmöglichkeiten. Einer meiner Professoren,  Richard B. Stuart, war damals Präsident der American Association for Behavior Modification.  Anregend fand ich diesen Ansatz, weil seine Vertreter zwar  mit einem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit daher kamen,  sich aber vehement um die praktischen Anwendungsmöglichkeiten ihrer Ideen kümmerten. Also spezialisierte ich mich vorerst auf Verhaltensmodifikation und publizierte später in der Schweiz eine Einführung dazu für Sozialarbeitende.
Jay Haley hat Richard B. Stuart später kennen gelernt und einen intensiven praktischen und theoretischen Dialog mit ihm aufgenommen, der Generationen von Therapeutinnen und Therapeuten geprägt hat. In der heutigen Zeit, da sich Angehörige verschiedener Schulen der Psychotherapie wieder abgrenzen voneinander und um die Vorherrschaft von Macht und Definitionsmacht kämpfen,  hat die Geschichte der menschlichen und theoretischen Auseinandersetzung zwischen Haley und Stuart, die mit so viel Kreativität verbunden war, für mich Vorbildcharakter.
„Systemische Therapie“ gab es in den 70er Jahren als Begriff noch nicht, wohl aber Paar-und Familientherapie, vor allem in der humanistischen Tradition der Psychologie und der Psychoanalyse. Familientherapie war bloss ein Nebenflüsschen im Hauptstrom der orthodoxen Psychotherapien. Aufregend fand ich, dass Jay Haley schon damals eine starke Verbindung mit Milton Erickson hatte. Dessen von klinischer Hypnose geleiteten Therapiemodelle galten als ungewöhnlich und waren umstritten, ähnlich wie Jay Haley  als  Person, als Lehrer und als Autor umstritten war.
17 Jahre lang hat Jay mit Milton Erickson zusammen gearbeitet und mir in dieser Zeit Zugang zu ihm verschafft. Unsere Kinder erzählen noch heute mit strahlenden Augen von Besuchen in Ericksons Familienhaus in Phoenix,  am Rande der Wüste,  wo sie mit seinen Enkeln spielten, und wie der „Mann im Rollstuhl“ sie spielerisch in Trance versetzte und sie allerhand Zauberstücke probieren ließ.  „Typisch Erickson, Muster seiner Arbeit“,  Jay Haleys Buch über jene Zeit, erschien 1996 im Junfermann Verlag, Paderborn, und sagt so viel über den Autor aus wie über Milton Erickson. Es lohnt sich, das Buch zu lesen!  Auch heute noch.
1975, wir waren eben von USA zurück, half ich in Zürich einen internationalen Kongress organisieren, zu dem ich Jay Haley einlud.  Er redete frisch und direkt wie immer über Möglichkeiten und vor allem über Grenzen der Psychotherapie, und besonders über Psychotherapeut/innen als wichtigste – aber oft unerkannte - Wirkfaktoren im therapeutischen Prozess. Das war damals unüblich. Haleys Einzigartigkeit und Überzeugungskraft spaltete das Publikum in „Freunde und Feinde“. Ich konnte es nicht fassen, dass besonders  einige  junge Psychiater (die offenbar vehement an therapeutische Machbarkeit glaubten),  Jay als unwissenschaftlich beschimpften. Er blieb zum Glück kühl. Am Nachmittag des gleichen Tages machten wir einen Ausflug zu Verwandten von mir, Rebbauern. Sie waren bei der Traubenernte im Rebberg hoch über dem Zürichsee. Jay bewunderte, wie sie und ihre Helfer sorgfältig jede Traube von Hand abschnitten und in Tragkörbe legten. Diese Beobachtung gab uns später Gelegenheit, einander vom Aufwachsen in Familienbetrieben zu erzählen – Jay in einem Gasthaus in den Hügeln von Südkalifornien und ich in einem Gartenbau- und Blumengeschäft in einem zürcherischen Dorf. Das  Gemeinsame dieser Erfahrungen war die Bedeutung der Sorgfalt in der affektiven Kommunikation, die wir in unseren Familienbetrieben gelernt haben.
1976 nutzte ich die Gunst der Stunde, um mir nochmals eine Auffrischung des Denkens und Handelns bei Jay Haley zu leisten. Inzwischen war er Partner von Sal Minuchin an der Child Guidance Clinic in Philadelphia. Ich bekam Gelegenheit, Familien und Paare „life“ vor der Einwegscheibe zu sehen,  supervidiert von Jay. Auch diesmal war es eine  anregende und lehrreiche  Erfahrung, wie Jahre zuvor an seinem Institut in Washington DC. Und wiederum erlebte ich mich als Lernende nervös und angespannt, aber gleichzeitig angeregt und sicher gerahmt von einem erfahrenen Supervisor. Das schönste Erlebnis, das ich von damals erinnere: Als ich mich nach einem guten therapeutischen Gespräch bei Jay bedankte für das viele, was ich von ihm gelernt hatte, sagte er ruhig „But it was you, not me who made this therapy a success“…
Jay war mein wichtigster und herausfordernster Lehrmeister. Ich vermisse ihn.

Meilen, 17. Februar 2007,
Rosmarie Welter-Enderlin










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