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Cornelia Tsirigotis: Von innerer Mauer und schlechtem Gewissen
Was ich am 9. November 1989 abends gemacht habe, weiß ich gar nicht mehr genau. Mein 1985 aus Griechenland nach Deutschland gekommener Mann Sotiris hat das alles im Fernsehen mit viel größerem Interesse gefolgt als ich. Habe ich an dem Abend noch fernsehen geguckt? Wollte ich gerne in Berlin sein? An so etwas erinnere ich mich, aber das war ja viel zu weit (Laut Google Map sind es 639 km, gefühlt waren es damals mindestens doppelt so viel). Eine gewisse Skepsis war dabei, was würde werden?  War das echt? Zwei Tage später anlässlich eines Familiengeburtstags standen wir da mit Cousins und überlegten, wie die politische Entwicklung nun kommen würde, ich hatte doch im Inneren so eine Hoffnung, dass sich etwas entwickeln könnte, das auch Gutes bewahren würde – hier wäre nicht der Platz für dieses Thema. Am Sonntagvormittag auf dem Weg zu meiner pflegebedürftigen Mutter nach Wuppertal fast Stau am Remscheider Berg:  ein Trabi mühte sich auf der rechten Spur hinauf, auf der linken Spur fuhren wir alle fröhlich winkend, neugierig guckend und herzlich begrüßend solidarisch langsam (das hätte als Metapher für einen von unten kommenden Wendeprozess gut gepasst).
Ich gebe zu, für die Größe des geschichtlichen Moments sind meine Erinnerungen an den Abend des 9. November etwas dürftig. Viel spannender fand ich die Frage, mit der Tom zum Adventskalender einlud: Wann fiel die innere Mauer?
Woraus besteht die eigentlich? Ich,  ich habe doch keine innere Mauer?!?!
Meine innere Mauer bestand eher aus „nichts“, oder aus „wenig“: wenig damit zu tun, immer wenig Menschen in der DDR gekannt, keine Verwandten gehabt, nur ganz entfernte, die mich mal als ich 12 Jahre alt war, für einen Nacht gegen ihre Tochter eintauschen wollten, damit die in Westberlin ihre Großmutter sehen konnte. Ich hatte Schiss und war froh, einen Kopf größer zu sein als Sigrid und darüber, dass mein Passbild keinerlei Ähnlichkeit bot, so dass der Plan fallen gelassen wurde.
Durch meinen Bruder Peter wurde ich immer wieder mal ein bisschen aus der „Wenig damit zutun“-Haltung rausgeschupst. Als Freejazzmusiker hatte er viel gemeinsam mit Musikern aus der damaligen DDR gemacht und Ende der 60er-, Anfang der 70er Jahre u.a. Heinz Becker und Baby Sommer nach Wuppertal zum grenzüberschreitenden Musikaustausch geholt. Mauern und Grenzen – das ging mit Peter gar nicht.
Die Auseinandersetzungen zu Studienzeiten über sozialistische Utopien und realen Sozialismus waren mir auch wenig als Ressource dienlich für die Zeit nach dem 9.11.89.
Meine Anfangs-Achtziger Jahre waren vielmehr mit Griechenland und der Entdeckung der Kultur und dem Bau eines eigenen Modells Sotiris und Cornelia verbunden, meine Geschichte war ab dem Zeitpunkt mehr eine deutsch–griechische, die zugleich zuweilen durch griechische Blicke auf die deutsch-deutsche bereichert wurde (Dennoch lag die gefühlte Entfernung des Brandenburger Tors von Griechenland aus sicherlich über den realen annähernd 4000 km).
Und so kam es auch, dass ich Conni Hennecke, die im vergangenen Jahr die systhema-Redaktion anregte, 2009 ein Heft zu 20 Jahren deutsch–deutschen Geschichten zu machen anbot, etwas über das schlechte Gewissen zu schreiben und darüber, dass ich mich in all den Jahre so fern gefühlt hätte von dem, was für sie so ein wichtiger Einschnitt gewesen ist.
Die innere „Wenig-mit-zu-tun-haben-ist-ja-soweit-weg“-Mauer begann dann auch erst eher langsam, sich wegzuschleichen: als ich 2001 begann, im Arbeitskreis der pädagogischen Leiter der Cochlear-Implant-Zentren (CI-Zentren) mitzuarbeiten, einem Kreis von Hörgeschädigtenpädagoginnen von höchst unterschiedlicher Herkunft und Geschichte. Neben den LeiterInnen der CI-Zentren in den neuen Bundesländern waren auch KollegInnen dabei, die schon vor 1989 ausgereist waren. Hier bereicherten sich tagsüber die unterschiedlichen Blickwinkel der Profession,  abends wurde oft sehr plastisch und nachvollziehbar erzählt, wie es war, pädagogisch, persönlich, das Leben. Die Repressionsgeschichten und Geschichten von aufrechten Gängen, vom Kämpfen. Für mich waren diese Erzählungen der Kolleginnen sowie die Wertschätzung, die in diesem Kreis besteht, ganz besondere Geschenke: Teilhaben dürfen an harter, trauriger und nun zurückliegender und immer wieder mal bewältigter und immer wieder mal sehr berührender und mit Tränen erzählter Geschichte. Diese Begegnungen und Erzählungen haben mir die Augen geöffnet und mir imponiert. Ich ziehe meinen Hut vor den Kolleginnen und ihrer Art, mit Schwierigkeiten umzugehen.
So kam dann auch, dass ich den 9.11.2009 viel bewusster (und mit viel mehr Berührungstränen) erlebt habe. Voller Wertschätzung für Geleistetes, für Schicksale und mit Dankbarkeit. Dankbar für mein eigenes Glückspilzschicksal, Freude und Mitgefühl über freiheitsnähere Zustände und für die bereichernden Begegnungen: Danke Conni, Bodo, Marianne, Eva, Silvia…



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