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systemagazin Adventskalender> Lothar Eder: Sushi in San Francisco, La Palma und ein weiblicher Friseur aus Ost-Berlin
Ein Jahr vor dem Mauerfall unternahm ich mit meiner damaligen Partnerin eine USA-Reise. Wir besuchten New York und bereisten den Südwesten, Arizona und Kalifornien. In San Francisco taten wir in einem Sushi Restaurant etwas, was man in den Vereinigten Staaten eigentlich nicht tut – durch Regelverletzung aber (wer wüßte das nicht?) kommen manchmal die schönsten Dinge zustande. Da es nämlich keinen freien Tisch im Restaurant mehr gab, baten wir eine junges Paar, an dessen Tisch noch zwei Plätze frei waren, ob wir uns dazusetzen dürften. Sie stimmten zu und es entspann sich ein angeregtes Gespräch, das in einer Einladung zum Abendessen ins Haus des Paares ein paar Tage später mündete. Während dieses Essens kam das Gespräch auf die Frage, ob wir denn aus "East" oder "West Germany" stammten, eine Frage, die uns überraschte, da wir die nicht vorhandene Reisefreiheit für DDR-Bürger als bekannt voraussetzten. Schließlich wurde ich gefragt, ob ich denn glaubte, daß die Mauer jemals fallen würde. Seit ein paar Jahren schon hatte ich mich mit daoistischer Philosophie und Übungsmethoden beschäftigt und so kam die Antwort recht unüberlegt aus mir heraus. "Of course", antwortete ich. "Why you believe that?" – "Because water is flowin down not up" war meine Antwort. War es nicht natürlich, daß man Menschen auf Dauer nicht einsperren würde können und daß der Druck gegen ein Hindernis, das sich der natürlichen Freiheitsbewegung widersetzt, es eines Tages überwinden würde, so wie Wasser früher oder später den Felsen unterhöhlt?
Der Satz war zugegebenermaßen klüger als ich, ich vergaß ihn gleich danach wieder. Die Erinnerung daran kam erst zurück, als das Ereignis längst eingetreten war. 
Als die Mauer fiel, war ich nicht in Deutschland, sondern auf der kanarischen Insel La Palma. Dort verbrachte ich im November 1989 einen Urlaub mit einem befreundeten Teilnehmer aus dem systemischen Ausbildungskurs, an dem auch ich teilnahm. Insofern verbinden sich in meiner Erinnerung das wunderbare Licht La Palmas und die beeindruckende Brandung des Atlantiks direkt unterhalb unserer Appartementanlage mit langen und freudig erregten Gesprächen über systemische Therapie und die mitgebrachten Artikel, die wir wechselseitig lasen und besprachen.
Der 9. November 1989 ließ für uns vom Mauerfall nichts ahnen und Mobiltelefone gab es damals noch nicht. Am 10. November erschien vormittags die aus Berlin stammende Besitzerin der Anlage mit einem Karton voller Piccolofläschchen, die sie an alle Bewohner mit der frohen Botschaft "die Mauer ist offen" verteilte. Ungläubig hörten wir die Worte und ließen uns alles mehrmals erzählen, was unsere Vermieterin selbst nur als schmale Nachricht über ein Telefonat mit Deutschland und von einigen kurzen Berichten aus dem spanischen Fernsehen wußte. Abends dann fuhren wir in die nächstgelegene Stadt und ergatterten in einer Bar mit Fernseher die wenigen Bilder aus dem spanischen Fernsehen, die wir uns dann selbst zusammen mit den über Münztelefon aus Deutschland übermittelten Berichten zu dem geschichtlichen Großereignis zusammensetzten, das es war und ist. Es war eine eigenartige Gefühlsmischung: als Deutscher teilzuhaben an einer großartigen Entwicklung, die in Richtung und Ausmaß noch nicht abzusehen war, und dennoch erst einmal einen großen Abstand zu diesem Ereignis zu haben – ganz gemäß der kanarischen Haltung "mañana".
Von den Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen "aus dem Osten" fallen mir vor allem die Ausbildungskurse ein, wenn ich Gastdozent an einem – soll man das so sagen? – "Ost"-Institut war. Dort begegnete mir ebenso wie in Polen, wo ich gelegentlich tätig bin, ein anderes Verhalten. Im "Westen" meine ich in Ausbildungskursen doch oft eine Haltung zu beobachten, die sich zurücklehnt und an den Kursleiter einen Anspruch formuliert, er möge doch bitte erst einmal zeigen, was er so drauf hat, und dies am besten garniert mit ausreichend Unterhaltungselementen. Das schlimmste was einem als Dozent passieren kann, ist "langweilig" zu sein. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten "Ostkurs" – zu meiner Überraschung begrüßten mich viele Teilnehmer persönlich, sie kamen nach vorne an meinen Platz und stellten sich vor. Ich fand das zunächst ungewöhnlich, aber sehr angenehm. Es begegnete mir eine sehr aufmerksame und interessierte Haltung, die mehr einem klassischen Lehrer-Schüler-Modell entsprach, eine freundliche, verbindliche Höflichkeit, welche die Rollen wahrt.

Noch etwas kommt mir in den Sinn. Es hat nichts mit systemischer Therapie zu tun (oder vielleicht doch?), wohl aber mit Osten und Westen, zudem schließt sich damit der Kreis meines Berichtes, denn jetzt bin ich wieder beim Daoismus, ja sogar in China angelangt. Ein paar Jahre nach dem Mauerfall nahm ich in der Nähe von Qingdao (das ist dort, wo das "Tsingtao" - Bier herkommt, gebraut in einer Anfang des 20. Jahrhunderts von Deutschen gegründeten Brauerei) an einem mehrwöchigen Qi Gong Lehrgang teil. Während eines Ausfluges in die Stadt kam ich mit einer anderen Teilnehmerin ins Gespräch, einer recht selbstbewußten und gestandenen jungen Frau aus dem Ostteil Berlins. Im Verlauf unserer Unterhaltung fragte ich sie, was sie denn beruflich so mache. Sie sei Friseur, war die Antwort. Sie meine wohl, sie sei FriseurIN, entgegnete ich und kam mir sehr gendersensitiv vor. Sie aber blieb dabei: sie sei Friseur. Im Osten hätten sie diesen Unterschied nicht gemacht, die Berufstätigkeit als Frau sei üblich gewesen und um sich als Frau zu fühlen, hätte man (!) kein "-in" gebraucht. Über das "Binnen-I", für das sich die Frauen aus dem Westen so stark machten, würde sie sich nur wundern, denn das würde doch schließlich nicht mehr Selbstbewußtsein erzeugen. Man (!) hätte es oder eben nicht. Später habe ich von systemischen Kolleginnen aus dem Osten Deutschlands Ähnliches gehört. Doch niemand hat es für mich so verstörend-überzeugend formuliert wie diese – Verzeihung! – Friseurin aus dem Osten Berlins.



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