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Rudolf Klein: 18 Monate später
Als ich vom diesjährigen Motto des Adventskalenders las, schreckte ich zunächst zurück. Mir schien nichts einzufallen und ich wollte auch nichts schreiben. Eine merkwürdige Reaktion angesichts eines so bedeutenden historischen Ereignisses. Erst nach einer Weile des Nachdenkens und Nachspürens wurde mir meine Reaktion klarer: Ich schämte mich.
Ich schämte mich, weil ich an diesem Abend vor 20 Jahren alleine zu hause saß, im Fernsehen die Veränderungen sah und lediglich eine Art von Verwunderung, eher ein Gefühl leichten Bedauerns spürte.
Ich war damals verwirrt. Keine Spur von Freude oder Erleichterung. Ich sah die Freudentränen der Menschen, hörte den Jubel und all das, was alle anderen auch sehen konnten - und es berührte mich kaum. Auch in der Zeit danach erschienen mir dieses Nationalgefühl und das Absingen der Nationalhymne befremdlich.
Natürlich lässt sich meine Reaktion rational erklären. Ich habe seit Generationen keinen einzigen Verwandten östlich des Rheins. Es gab keine emotionalen Verbindungen zu Familienmitgliedern im Osten. Das einzige, was ich erinnern konnte war, dass am Tag des Mauerbaus - ich war fünfeinhalb Jahre alt - meine Großmutter und ihre etwa gleichaltrige Nachbarin auf der Straße über ihre Ängste vor einem neuen Krieg sprachen. Eine für mich damals nicht verstehbare aber durchaus fühlbare Bedrohung und Beklemmung.
Und nun war diese Grenze wieder offen.
Erst 18 Monate später begann ich zu begreifen, was da passiert war. Mein Kollege Jerzy Jakubowski hatte mich gefragt, ob ich Lust zu einem Abenteuer hätte: Eine systemische Ausbildung in Polen anzubieten. Kollegen aus Polen hatten ihn danach gefragt. Natürlich hatte ich Lust und ich fuhr zum ersten Mal nach Polen. Damals dauerte diese erste Reise mit dem Nachtzug noch circa 20 Stunden. Ich sah durch Berlin fahrend eine Farbenveränderung, wie ich sie nicht für möglich hielt. In West-Berlin alles bunt - wie zuhause - und dann, ganz plötzlich, alles grau. Traurig und müde sah es aus.
Kurze Zeit später fuhr ich erneut nach Polen. Da war die Zugverbindung schon besser. Aber immer noch dieser merkwürdige Unterschied. Wie fühlte man sich wohl, in diesen Farben zu leben?
Bei der dritten Passage hatte ich einen anderthalbstündigen Aufenthalt in Berlin. Jerzy und ich fuhren zum Alexanderplatz und wir versuchten, zum Brandenburger Tor zu gelangen. Wir schafften es aber nicht ganz. Bei diesem Fußmarsch erlebte ich zum ersten Mal ein Gefühl für das Wunder, das 18 Monate vorher passiert war. Wir gingen am Palast der Republik, dem „Palazzo Prozzo“ vorbei, sahen den Dom, lasen das Schild "Unter den Linden“, kamen bis kurz vor die Humboldt-Universität und erahnten das Brandenburger Tor. Ich erlebte eine Ergriffenheit, die ich bis dahin nicht kannte.
Historisch und rational betrachtet war der Mauerfall vor 18 Monaten passiert. Emotional aber fand er für mich erst bei diesem Fußmarsch statt.
Seither führt mich einer der ersten Wege, wenn ich in Berlin bin, zum Brandenburger Tor. Ich gehe dann mehrfach von der einen zur anderen Seite, berühre die Säulen und bin selbst berührt.
Diese Zeilen schreibe ich im Zug von Poznan (Polen) nach Berlin reisend. Gerade habe ich dort ein viertägiges Seminar gehalten. Mein Kopf ist voller Erinnerungen über die vielen Veränderungen, die ich in den letzten 18 Jahren beobachten konnte. Und ich freue mich über die gewachsene Freundschaft mit den polnischen Kolleginnen und Kollegen, die ich ohne den Mauerfall niemals kennen gelernt hätte.



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