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Wolfgang Loth über Niklas Luhmann
Was soll das: Luhmann für die Praxis?

Das ist schon irgendwie seltsam, dass Luhmann einem etwas für die Praxis bedeuten könnte. Er selbst nimmt es ja souverän zur Kenntnis, die Klage über seine Arbeiten: „Zunächst einmal hört man ja immer die Klage, das sei fürchterlich abstrakt.“ (2002, S.192). Das ist wohl so, aber vermutlich sind Probleme und Lösungsideen genauso abstrakt, wenn man sie nicht erlebt. ..  Kann man Luhmann erleben? Unter Umständen, ich habe meine Erfahrungen damit einmal so beschrieben: „Die vielleicht seltsamste Erfahrung war für mich dabei die Zeit der Lektüre von Luhmanns Wälzer „Soziale Systeme“. Dieses Buch nimmt nun wirklich keinerlei Bezug auf therapeutische Wirklichkeiten (Pardon, doch, an einer Stelle gibt es, glaube ich, eine Fußnote, marginal). Das Buch ist eine Zumutung für PraktikerInnen. Und dennoch: Eine Zeitlang ging es mir sogar so, daß ich zwischen Terminen einen kleinen Passus Luhmann las, regelmäßig merkte, wie mein Kopf frei wurde, und ich den Eindruck hatte, in der folgenden Stunde zugewandt und klar zu arbeiten, ohne irgendeinen direkten Bezug auf Luhmann, aber deutlich davon angeregt“ (Loth 1998, S.54).
Vielleicht waren es Erfahrungen wie diese, die mich einem Verstehen (vielleicht sollte ich vorsichtshalber sagen: einem womöglich konstruktiven Missverstehen) Luhmannschen Theoretisierens nahe genug brachten. Das hatte für mich einfach unmittelbare Evidenz (was mir bei Maturana dann leider völlig fehlte, das ging dann nicht). Wenn ich las: "Man sollte also nicht einen Plan haben, den man durchführen will, sondern auf Gelegenheiten warten: wann ergibt sich ein Moment, der sofort wieder verschwindet, in dem man etwas sagen kann, was man niemals vorher und niemals hinterher mit der Überzeugungskraft, die sich aus diesem Moment ergibt, sagen kann. Man müßte eine Art Systemplanung haben, die nicht vorher die Mittel ausdenkt, mit denen man etwas bewirken will [...] Stattdessen sollte man sich eine Technik der Beobachtung von Gelegenheiten, die sich ergeben oder nicht ergeben, aneignen und diese Gelegenheiten dann ausnutzen" (Luhmann 1988, S.129), wenn ich so etwas las, überhaupt seine Beiträge auf dem legendären Heidelberger Kongress über „Lebende Systeme“ (Simon 1988), dann konnte ich nur staunen über Luhmanns Klarsichtigkeit dessen, was einen in der therapeutischen Praxis umtrieb. Seine Ideen über das aufmerksame Umgehen mit Zufall eröffneten mir neue Zugänge (Loth 1989), und in Bezug auf die herausragende Bedeutung von KlientInnen-Variablen kann man Luhmann nicht anders als „hellsichtig“ nennen. Jahre vor der Verbreitung  einer „patientenfokussierten Forschung“ (Lambert 2001, Hubble et al 1999) kommt Luhmann auf dem besagten Heidelberger Kongress zu einer Aussage wie der folgenden: "Ein professionelles System wird dazu tendieren, die eigene Kausalität zu überschätzen. Wenn das nicht der Fall wäre, würde man vielleicht gar nicht weitermachen. Wenn Sie erkennen würden, wie zufällig Sie handeln, und daß die Frage, welcher Zufall nützlich ist, von dem Patienten-System entschieden wird, würden Sie vielleicht Ihren Beruf aufgeben" (1988, S.130). Wie von selbst ergibt sich hier die Unterscheidung von therapeutisch (hilfreich) „gemeint“ und therapeutisch „gewirkt“.
In meiner weiteren Entwicklung von Ideen zu einem kontraktorientierten Vorgehen war die Auseinandersetzung mit Luhmann immer wieder zentral. Die Frage des Auswählens, des Verantwortens von Auswählen, des Nachvollziehbarmachens von Auswählen: stets konnte man bei Luhmann fündig werden. Und das galt nicht nur für praktische Zwecke, sondern auch für die ethischen Rahmung. Pars pro toto das folgende Zitat: „Durchkonstruierte Theorien sind komplizierte Geflechte, Kunstwerke in gewisser Weise. Es ist schwierig, sich auf sie einzulassen und dann noch zu wissen, wie man das wieder relativiert oder wie man davon wieder loskommt. (...) Was ich mir als Gegenmaßnahme vorstelle, ist, die Entscheidungen so gut wie möglich durchsichtig zu machen, also immer wieder an allen Stellen zu zeigen, welche Optionen man hat, was sich mit der Entscheidung für diesen und nicht für jenen Begriff verbindet, wo man aussteigen kann und wo man Freiheiten hat, etwas anderes zu wählen, und dann auch noch zu sehen, was man sonst noch ändern muss, wenn man eine bestimmte Entscheidung revidiert.“ (2002, S.342).
Und schließlich:  Die Lektüre der Transkripte seiner Vorlesungen (2002, 2005) gerät zu einem Vergnügen, das wimmelt nur so von Bezügen zum „richtigen Leben“ sensu Gerhard Polt. Spannender und witziger habe ich bislang keinen Versuch gefunden, dem rasenden Leben denkend eine Anregung nach der anderen abzugewinnen, etwa so: „‘Es schwimmen tote Fische im Rhein.‘ Das hätte ein Volkslied sein können, aber heute ist es eine Alarmmeldung. Was mit dieser Alarmmeldung erzeugt wird, ist klarer. Man hat bestimmte Anschlusserwartungen, die prospektiv-manipultaiv verfügbar sind.“ (2002, S.89). Und schließlich etwas, was einem als Praktiker nun wirklich nicht ungelegen kommt: „Leben ist eine robuste Erfindung. Kommunikation ist eine außerordentlich robuste Operation – man kann immer noch etwas sagen, wenn man in Schwierigkeiten kommt“ (2002, S.138).

Literatur:

Hubble, M.A.; Duncan, B.L.; Miller, S.D. (Hg.) (1999): The Heart & Soul of Change. What Works in Therapy. Washington, DC: American Psychological Association [deutsch. 2001. So wirkt Psychotherapie. Empirische Ergebnisse und praktische Folgerungen. Dortmund: modernes lernen]
Lambert, M.J. (2001): Psychotherapy Outcome and Quality Improvement: Introduction to the Special Section on Patient-Focused Research.  J.Consult.Clinic.Psychol. 69(2): 147-149.
Lambert, M.J.; N.B. Hansen; A.E. Finch (2001): Patient-Focused Research: Using Patient Outcome Data to Enhance Treatment Effects. J.Consult.Clinic.Psychol. 69(2): 159-172.
Loth, W. (1989): Berücksichtigen von Zufall in der therapeutischen Arbeit: Indiskutabel oder notwendige Ergänzung? In. Zf systemische Therapie 7(1): 24-32.
Loth, W. (1998): Auf den Spuren hilfreicher Veränderungen. Das Entwickeln Klinischer Kontrakte. Dortmund: verlag modernes lernen.
Luhmann, N. (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp tw.
Luhmann, N. (1988): Therapeutische Systeme – Fragen an Niklas Luhmann. In Simon, F.B. (Hg.) Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie. Berlin: Springer,  pp.124-138.
Luhmann, N. (2002): Einführung in die Systemtheorie (hrsg. von D. Baecker). Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.
Rezension in systemagazin
Luhmann, N. (2004): Einführung in die Theorie der Gesellschaft (hrsg. von D. Baecker). Heidelberg: Carl-Auer-Systeme. Rezension in systemagazin



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