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systemagazin special: "Kongressgeschichten"
Oliver König: Science? Fiction? Oder Was? Ein gruppendynamisch inspirierter Kommentar zu: „ScienceFiction - Fundamentalismus und Beliebigkeit in Wissenschaft und Therapie“
 vom 1. - 5. Mai 1996 in Heidelberg

„Es ist ja nicht so, dass, seitdem die Leute nicht mehr an Gott glauben, sie an gar nichts mehr glauben. Vielmehr glauben sie jetzt an alles“ (wahrscheinlich Friedrich Nietzsche - aus dem Gedächtnis zitiert).
Zwei Hausgeister begleiteten den Heidelberger Kongress, ein lebender und ein Toter. Die Präsenz des Ersteren wurde vor allem durch seine Gegner sichergestellt, die die mehr oder weniger ahnungslosen Kongressbesucher schon am Eingang mit diversen Schmähreden begrüßten: „Ihr diskutiert wohl über alles?“ So mussten sich die Anreisenden erst einmal ihren Zugang durch einen Belagerungsring von Demonstranten bahnen, die wiederum durch einen Ring von Polizei von der Heidelberger Stadthalle ferngehalten wurden. Unter den Demonstranten waren manche Behinderte, die gegen die geplante und inzwischen abgesagte Beteiligung des australischen Philosophen Peter Singer demonstrierten, der durch seine Thesen zur Euthanasie bekannt geworden ist. Schon im Vorfeld der Tagung waren diese Proteste abzusehen gewesen, ist Singer doch seit mehreren Jahren in Deutschland praktisch mit einem Redeverbot belegt, da die Behindertenverbände bislang mit zum Teil radikalen Mitteln jeden seiner Auftritt zu verhindern wußten, eine Radikalität, die sich in dieser Form nur in Deutschland findet. Auch die Heidelberger Organisatoren, sonst nicht arm an Ideen, mußten vor dieser Lobby die Segel streichen, und luden Singer wieder aus. Eingeladen hätten sie Singer, so die Begründung auf einer Pressekonferenz, auch wenn sie nicht mit seinen Ideen einverstanden seien, ausgeladen hätten sie ihn nun, auch wenn sie dies falsch fänden, aber sie könnten sonst die Sicherheit des Kongresses nicht gewährleisten.
Doch der Geist, einmal aus der Flasche gelassen, war nicht mehr einzufangen und spukte fortan durchs Kongressgeschehen. Dabei waren es, so meine Annahme, nicht so sehr die Thesen Singers, die ihn trotz Abwesenheit so präsent machten, sondern vielmehr die Erschütterung eines Grundpfeilers des psychotherapeutischen Weltbildes, die Vorstellung qua Beruf zu den „good Guys“ zu gehören. Sich den Weg zu einem Kongress mit Hilfe der Polizei bahnen zu müssen, und dies gegen eine gesellschaftlich benachteiligte Gruppe, paßte nicht in dieses Weltbild. Da es aber auch das Recht der Redefreiheit zu verteidigen galt, war das Dilemma unausweichlich. Zugleich war deutlich geworden, dass der (politisch-moralische) Konflikt durch Reden, zentrales Medium der (systemischen) Therapie, nicht behoben werden konnte, die Fronten standen gegeneinander, die einen draußen auf der Straße, die anderen drinnen im Saal.
Dort war allerdings von der Konflikthaftigkeit der angeschnittenen Themen, nicht nur was den Fall Singer angeht, erst einmal wenig zu spüren. Zu sakraler Musik wurde man, nachdem man sich selbst vorher entweder als „wissend“ oder als „glaubend“ eingestuft hatte, von Mitgliedern der Story Dealer AG durch ein Triptychon geführt, womit der symbolhafte Eintritt in die Welt des Kongresses markiert war.
Eröffnet wurde durch das vierblätterige Männerkleeblatt des Organisationskomitees, Hans R. Fischer, Arnold Retzer, Fritz Simon, und Gunthard Weber, die nicht umhin kamen, auf die Ereignisse vor dem Saal Bezug zu nehmen. Die radikalen Konstruktivisten gaben sich hierbei durchaus gemäßigt, wie es ihrer selbstverschriebenen Rolle als Moderatoren entsprach. Die Einigkeit, die sie dabei an den Tag legten, sollte sich allerdings gegen Ende des Kongresses als brüchig erweisen. Im Verlauf der nächsten Tage beschlich mich dann immer stärker das Gefühl, dass Veranstaltern wie Gästen (ca. 800) gemeinsam der Schrecken über die Vehemenz und die Unlösbarkeit des Konfliktes in die Glieder gefahren war und man diese Erfahrung nicht nochmals innerhalb des Kongressgeschehens wiederholen wollte. Debatten wurden energielos und konfliktscheu geführt oder kamen erst gar nicht auf. Derweilen konnte man in den Pausen im Foyer den ausgehängten Briefwechsel der Veranstalter mit einer Reihe von ReferentInnen studieren, die entweder aufgrund der Einladung oder der Ausladung von Singer ihrerseits die Teilnahme abgesagt und dies häufig mit zornigen Worten begründet hatten.
Durch die Beiträge des Eröffnungsplenums wurde nun nicht nur die Philosophie als die Leitwissenschaft des Kongresses installiert, sondern es tauchte auch der zweite Hausgeist auf, Friedrich Nietzsche, deutscher Radikaler, Systemzertrümmerer, Vordenker der postmodernen Widersprüchlichkeiten, und als sein Adjutant Martin Heidegger, beide allerdings auch wieder in einer von aller Destruktivität bereinigten Form. Dies ließ einen doch etwas verwundern in Anbetracht ihrer Rolle für die philosophische Untermauerung des Nationalsozialismus, vor allem da die Euthanasie-Politik des Nationalsozialismus im Untergrund der Singer-Debatte mitschwingt.
Zusammen mit den Vorträgen nahm auch die Gesamtinszenierung ihren Lauf. Die Herren Philosophen mussten jeweils zum Abschluß ihrer Rede für die Damen der Story Dealer AG die Ärmel hochkrempeln, was sie auch alle bereitwillig taten, um dann zu schwungvoll meditativen musikalischen Klängen einen Händeabdruck in einem Art Kuchenblech zu hinterlassen unter dem Motto: „Dem Ausdruck einen Eindruck verleihen“. Den Verbleib dieser Eindrücke konnte man im Verlauf des weiteren Kongresses im Foyer bewundern, wo sie Stück für Stück in den Mittelflügel des Tryptichon eingefügt wurden, so dass sich das Tor, durch das die Teilnehmer in den Kongress gekommen waren, mit jedem Referenten ein Stück weiter schloß.
Das Abendprogramm der Story Dealer AG erweckte die Hoffnung, etwas über diese Inszenierung und das zum Kongressende angekündigte „Wunder von Heidelberg“ zu erfahren. „Stufe 1 - Zündung: Feuer im Kopf“ begann mit einem kollektiven Ritual, das in den kommenden Tagen mehrmals wiederholt wurde und über Armschwingen, Händereiben und Kniebeugen in einer Wegwerfbewegung endete, nach dem Motto: „Und tschüß“. Wie reagieren? Sollte man mit amüsiert-skeptischer Distanz mitmachen, sich als Kreativitätsmuffel outen, sich begeistert zeigen über das „Gemeinschaft“ produzierende Ritual oder sich ärgern über diesen kollektiven Konformitätsprozess? Es folgte ein Film über eine Künstlerkolonie in der Nähe von Berlin sowie den Betriebsausflug einer Werbefirma, der wie zufällig in dieser Kolonie endete, was sich zum Ende als Auftragsinszenierung der Story Dealer AG herausstellte und einen mit der unangenehmen Frage zurückließ, in welche Inszenierung man selber gerade eingespannt wurde. Nun, die Rechnung kam erst zum Schluß!
In guter Heidelberger Tradition sollte der Kongress begleitet werden durch Reflexionen zum Tag unter der Leitung von Josef Duss-von Werth, zu denen ich zusammen mit drei KollegInnen als eine Art „Reflecting Team“ gebeten worden war. Es stand uns allerdings keine Familie, sondern eine Großgruppe gegenüber, in der sich die Dynamik der Veranstaltung abbildete – mit einer entsprechend hohen Wahrscheinlichkeit, dass auch die nicht gelebten aggressiven Impulse zum Ausdruck kommen. Duss-von-Werth begab sich etwas ahnungslos in diese Höhle des Löwen und während ihm seine Dressurleistungen am ersten Tag noch gelangen, sollte ihn am nächsten Tag das Grollen der Meute um so heftiger überrollen. Aber zu Beginn blieb alles ganz gesittet, es überwog noch die Konfliktvermeidung bzw. das auf Kongressen übliche Gemäkel an diesem und jenem.
Nochmals bezeichnend für die Konfliktscheuheit war am nächsten Tag eine Veranstaltung zum Thema „Religion und Psychotherapie“ mit Bert Hellinger und Tilman Moser. Der Saal war zum Bersten voll und Hellinger begann die Sitzung mit einigen sehr salbungsvoll vorgetragenen Überlegungen zur Rolle der Jünger in einer Offenbarungsreligion, die sich bald als etwas besseres fühlen aufgrund ihrer Nähe zum Verkünder und dann sogar anfangen, dessen eigene Worte in der Überlieferung zu verfälschen. Leider hat der als Moderator fungierende Fritz Simon diesen wie auf einem Silbertablett servierten Kommentar zu dem, was gerade um Hellinger herum passiert, verschlafen. Denn inzwischen ist Hellinger selber zum Verkünder einer Offenbarungsreligion geworden bzw. wird dazu gemacht, und seine Rede hätte sich als Warnung an seine Jünger verstehen lassen. Die Kanonisierung von Hellinger war wohl auch auf Tilman Moser nicht ohne Eindruck geblieben. Nicht nur hatte er sein vorbereitetes Manuskript vergessen, sondern er sah sich auch außerstande, aus dem Stehgreif seinen Standpunkt zu erläutern. Und Streitpunkte gab es wahrlich genug, nicht nur über die Rolle von Religion, sondern mehr noch in der Beurteilung des Nationalsozialismus und dem Umgang damit in der Therapie, wozu einige Beiträge von Moser und einige sehr umstrittene Bemerkungen von Hellinger vorliegen. Aber die beiden Kontrahenten kamen über eine Äußerung ihrer gegenseitigen Wertschätzung nicht hinaus, was ja durchaus eine gute Grundlage für eine interessante Kontroverse hätte bieten können. Erst am Abend in den Reflexionen zum Tage zeigte dann die Meute auf einmal ihre Zähne in Gestalt eines aggressiven Angriffes auf Duss-von-Werth, so als ob alle bislang nicht geführten Kontroversen von einer Person agiert würden. Die aufgestaute Energie suchte sich ein Ventil. Auch Fritz Simon, befragt über die Konturlosigkeit der Sektion Religion, witzelte, dass er sich in seiner eigenen Veranstaltung gelangweilt habe. Es sei aber nichts zu machen gewesen, die beiden Kontrahenten hätten sich einfach zu gut verstanden.
Am Nachmittag des nächsten Tages führte die Veranstaltung zum Thema „Werte“ nochmals die Schwierigkeit einer produktiven Streitkultur vor. Drei in Theorie und Praxis gleichermaßen ausgewiesene Therapeuten, Kurt Ludewig, Günter Reich und Jürg Willi, hatten unter der Moderation von Arnold Retzer die Möglichkeit, unter strikten Einhaltung der vorgegebenen Zeit ein kurzes Statement zum Thema abzugeben, was Sie auch unterschiedlich gut vorbereitet taten. Willi schaffte es sogar, unter der Zeit zu bleiben, und nutzte dies für einen kurzen Werbespot für sein neues Buch. Wohl aufgrund der Erfahrungen der letzten Tage bat daraufhin Retzer die Referenten, darüber zu sprechen, worüber sie mit den anderen beiden nicht einig seien. Sehr vorsichtig umkreisten sich daraufhin die Kontrahenten, bis eine Frau aus dem Plenum die Diskussion eröffnete: „Also, ich muß jetzt mal etwas sagen, was mich gar nicht los läßt, weil, das ist doch eine typisch männliche Art, so zu fragen, kann man denn nicht nach etwas anderem fragen, als danach, worin man sich nicht einig ist“. Retzer hatte die Geistesgegenwart, darauf mit einem schlichten „Nein“ zu antworten. Nun, die Zeit war ohnehin vorbei, bevor die Diskussion eine Chance hatte, kontrovers zu werden. Dafür konnte man sich dann in den Aufbruchsgesprächen die üblichen Giftereien anhören, die von Systemikern gegen Analytiker (und an anderem Orte wohl auch umgekehrt) vorgebracht werden. „Das war ja furchtbar, diese normative Darstellung usw. „
Offene und verdeckte Normen gab es dieser Tage wahrlich genug, gepaart mit der (vor allem unter Systemikern) gepflegten naiven Vorstellung, dass es einen normenfreien Raum überhaupt gäbe. Dem möchte ich doch, frei angelehnt an Max Weber, entgegenhalten: Gesellschaft „ist kein Fiaker, den man beliebig halten lassen kann, um nach Befinden ein- und auszusteigen“ (aus: Politik als Beruf 1919). Die Mischung aus einer zur Fassade gerinnenden professionellen Empathie, sexueller und politischer „Correctness“, einer übermäßigen Orientierung an Berühmtheiten anstatt an Inhalten und einem mißverstandenem Relativismus, der einem – zumindest explizit und offiziell – die Einnahme eines Standortes zu ersparen verspricht, ergibt einen Brei, in dem ein kritisches Urteilsvermögen zu versinken droht.
Dieser Brei wurde am späten Samstagnachmittag nach den Workshops endgültig zum (Über)kochen gebracht. Statt des Dämmerstundenvortrages und den abgesagten Reflexionen (sic!) zum Tage war das „Wunder von Heidelberg“ angekündigt. Schon der Anfang erweckte in mir ungute Gefühle. Der Saal war bis auf eine Tür versperrt und man mußte wie die Lämmer alle durch eine Tür, vor der einen die Mitglieder der Story Dealer AG mit einem Wasserbecken begrüßten und den Worten: „Waschen Sie Ihre Hände in Unschuld!“ Dieser Bitte wollte ich dann doch nicht nachkommen.
Der Weg zu den Plätzen führte an dem auf der Bühne aufgestellten Triptychon vorbei, das inzwischen vollständig zugemauert war und wahrhaftig eine mystische Aura ausstrahlte. In der Mitte glänzten die vergoldeten Händeabdrücke aller aufgetretenen ReferentInnen, an den Seiten umrahmt von einem monochromen blaugrauen Relief, an dessen Gravierungen sich auch die Kongressteilnehmer hatten beteiligen dürfen.
Die weiteren Ereignisse sind schnell erzählt. Ein Story Dealer kündigte eine Life-Fernsehschaltung an mit dem Hausgeist Singer, die dann sowohl auf einen im Seitenflügel des Triptychon untergebrachten Monitor als auch auf eine Großleinwand im Saal übertragen wurde. Während Singer sich nun ungestört als Opfer fundamentalistischer Ausgrenzungen beklagen konnte, um dann auf die Darstellung seiner Thesen überzuwechseln, nur unterbrochen von einer Werbeeinlage für sein neues Buch, erstarrte das Publikum buchstäblich zur Salzsäule. Gleichzeitig war zu beobachten, wie die Story Dealers allmählich die Kontrolle über ihre eigene Inszenierung verloren, in den hilflosen Versuchen, Singer zu unterbrechen. Ich selber schwankte hin und her zwischen der Wut darüber, in dieser Art vereinnahmt zu werden, und dem Versuch, mich nicht einem moralisch kaschiertem Affekt hinzugeben. Die Überrumpelung war so perfekt, dass es nur zu einzelnen Wortprotesten aus dem Publikum kam und nicht eine einzige Person den Saal verließ. Widerwillen paarte sich mit der Faszination, dieses Schauspiel nicht verpassen zu wollen. Und so schnell, wie der Spuk gekommen war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Der Monitor im Triptychon wurde geschlossen, die Lichter gingen an und ein verdattertes und affektgeladenes Publikum ging schweigend aus dem Saal. Selbst das Veranstaltungskleeblatt, das man zu einer Krisensitzung in die hinteren Räume eilen sah, konnte seine Verunsicherung über die Ereignisse nicht verbergen.
Für den Abschlußtag war ausreichend Zeit für eine Schlußdiskussion versprochen worden. Bevor diese begann, konnte man bei Kenneth J. Gergen eine in der therapeutischen Szene verbreitete rhetorische Figur der Konfliktimmunisierung studieren. Er beklagte die Rolle „von uns Psychologen“ („we Psychologists“) in Amerika, indem er darauf hinwies, dass sie durch ihre Arbeit das Selbstbewußtsein gesellschaftlicher Minoritäten gestärkt hätten, dies aber nun mit dazu beitrage, dass inzwischen jeder gegen jeden kämpfe. Sich selbst in die Kritik einzubeziehen, wirkt zwar der Selbstgerechtigkeit entgegen, nimmt der Kritik aber zugleich die Richtung. Da irgendwie alle gemeint sind, muß sich niemand angesprochen fühlen. Als Ausweg aus diesem Dilemma pries Gergen dann die systemische Sichtweise an. Und in diesem Lobgesang benutzte er die Figur der Ansprache, die ihn selber ausnahm („you systemic thinking people“), und damit suggerierte, dass die Systemiker, im Gegensatz zu allen anderen Psychologen, die Speerspitze des Fortschritts seien, was diese wahrscheinlich nur allzu gerne hören. Gerade dieser Glauben wird aber am ehesten dazu führen, dass sie nur zu „mehr vom Selben“ werden.
Erst nun, kurz vor Toresschluß, kam es zur ersten plenaren Diskussion auf diesem Kongress überhaupt, etwas verwunderlich angesichts eines Themas, das um Gegensatzpaare (science/fiction; gesund/krank/; wahr/falsch) herum aufgebaut war. Die Inszenierung vom Vorabend steckte allen spürbar noch in den Knochen, doch der erste Affekt hatte sich, zumindest bei denen, die bis zum Schluß ausgeharrt hatten, schon verflüchtigt. Bevor die Diskussion losgehen konnte, mußte man sich allerdings noch durch ein paar Nebenschauplätze hindurchkämpfen. Gunthard Weber versuchte, sich gleich nochmals die Hände in Unschuld zu waschen: „So war das ja alles nicht geplant“, wodurch zum ersten Mal die Konflikthaftigkeit im Heidelberger Team sichtbar wurde. Dies erinnerte mich an die alte gruppendynamisch Regel, nach der unter den Trainings-Teilnehmern Konflikte nur ausgetragen werden können, wenn dies in der Gruppe der Trainer auch möglich ist bzw. die Austragung ihren Zusammenhalt nicht grundsätzlich gefährdet. Und Teile des Publikums mußten noch einen kleinen Probeaufstand gegen die Organisatoren inszenieren: „Kommt Ihr doch mal hier runter und laßt uns mal hoch“. Als das Podium und das Moderatorenmikrophon dann tatsächlich geräumt wurden, wollte erst keiner den Platz einnehmen, und die, die es dann doch taten, fühlten sich sichtbar unwohl. Die berechtigte Kritik an der Männerdominanz im Organisationskommitee wie bei den ReferentInnen führte zu einer ebenso absehbaren wie konsequenzlosen Besetzung des Podiums mit vier Frauen. Denn wirklich nehmen wollten sie die Rolle, von der sich die Männer im falschen (oder war es doch der richtige) Moment befreit hatten, denn doch nicht. Autoritätskonflikte laufen bei Systemikern anscheinend ähnlich ab wie bei anderen Menschen auch, was ja doch irgendwie beruhigend ist. Nachdem diese Scharmützel ausgestanden waren, konnten Stück für Stück verschiedene Facetten des gemeinsam erlebten Großgruppenprozesses benannt werden. Aber die Zeit lief davon, manches, was nach solchen Prozessen erst im zweiten oder dritten Anlauf kommunizierbar wird, blieb ungesagt.
Auch die sichtbar gebeutelten Story Dealer bekamen eine Gelegenheit, ihre Inszenierung zu erläutern. Manches wurde dadurch klarer, anderes verschwand wieder hinter dem Argument „Kunstvorbehalt“. Über allem trohnte das Triptychon und während sich Singer durch seine ziemlich unsägliche Selbstdarstellung selbst demontiert hatte und nun zur Strafe im Seitenflügel eingemauert war, leuchteten die Heiligen der Systemikerwelt in um so glänzenderem Licht, so wie es ja auch im Christentum die Aufgabe des Teufels ist, die Herrlichkeit der Engel erstrahlen zu lassen. Die Dreieinigkeit der großen Heidelberger IGST-Kongresse von 1991, 1993 und 1996 ist damit vollendet. Werden die Heidelberger nun ins Paradies oder doch eher in die Hölle fahren? Werden sie endgültig zu einem Wallfahrtsort der Psychotherapie? Oder werden sie sich nun, nachdem sie aus den heiligen Hallen der „Alma Mater“, der „nährenden Mutter“ Universität verjagt wurden, dem schnöden Kampf ums goldene Kalb hingeben, so wie alle anderen auch?
Die zum Abschluß von Hans R. Fischer vorgetragenen Thesen zu Fundamentalismus und Beliebigkeit in Wissenschaft und Therapie konnten auch keine Erlösung schaffen. Dafür waren sie zu wenig am tatsächlichen Geschehen des Kongresses angebunden. Sie hätten an den Anfang des Kongresses gehört als ein inhaltlicher Standort, von dem aus eine Diskussion ihren Ausgang hätte nehmen können, anstatt sie mit einem schon lange vorformulierten Beitrag zu beenden. Auf Vorschlag eines Teilnehmers wurde als letzte Geste das Triptychon geschlossen, um symbolhaft den Austritt aus der Welt des Kongresses zu markieren.
Selten habe ich mich auf einem Kongress über so vieles geärgert, selten habe ich dabei aber auch so viel gelernt. Das war es allemal wert. So möchte ich zum Abschluß noch eine Austreibung der Geister, guter wie böser, Teufel wie Engel, vornehmen. Und wie treibt man Geister am besten aus: Natürlich mit einem anderen Geist! Hören wir zu, was Max Weber, auf den sich schon Helm Stierlin in seinem Vortrag bezogen hatte, über charismatische Herrschaft zu sagen hat:
„'Charisma' soll eine außeralltägliche (ursprünglich, sowohl bei Propheten wie bei therapeutischen wie bei Rechts-Weisen wie bei Jagdführern wie bei Kriegshelden: als magisch bedingt) geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als 'Führer' gewertet wird. ...
Über die Geltung des Charismas entscheidet die durch Bewährung – ursprünglich stets: durch Wunder – gesicherte freie, aus Hingabe an Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene Anerkennung durch die Beherrschten. ... Diese „Anerkennung“ ist psychologisch eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene gläubige, ganz persönliche Hingabe. ...
Bleibt die Bewährung dauernd aus, zeigt sich der charismatische Begnadete von seinem Gott oder seinen magischen oder Heldenkraft verlassen, bleibt ihm der Erfolg dauernd versagt, vor allem: bringt seine Führung kein Wohlergehen für die Beherrschten, so hat seine charismatische Autorität die Chance, zu verschwinden. ...
Reines Charisma ist spezifisch wirtschaftsfremd. Es konstituiert, wo es auftritt, einen „Beruf“ im emphatischen Sinn des Wortes: als „Sendung“ oder innere „Aufgabe“. Es verschmäht und verwirft, im reinen Typus, die ökonomische Verwertung der Gnadengaben als Einkommensquelle, - was freilich oft mehr Anforderung als Tatsache bleibt“ (Wirtschaft und Gesellschaft, Erster Halbband, Tübingen 1956, S. 179ff., kursiv im Original).

Aus:
Familiendynamik H. 1, 1997, S. 119-124



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