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systemagazin special: "Das erste Mal"
Tom Levold: Halb eingeladen, halb „genötigt“

Eine klare Erinnerung an ein erstes Mal habe ich nicht. Meine Begegnung mit der Familientherapie fand 1979 statt, als ich - 26 Jahre alt - als Gruppenleiter in einem ursprünglich psychoanalytisch orientierten therapeutisch-pädagogischen Heim („Haus Sommerberg“) mit dissozialen Jugendlichen arbeitete. Da diese in Folge der Herabsetzung des Volljährigkeitsalters in den 70er Jahren viel jünger waren als noch zu Gründung des Heimes Anfang der 60er Jahre, griffen auch die klassischen psychoanalytischen Vorgehensweisen in Einzel- und Gruppentherapie nicht mehr richtig. In dieser Situation wurde, angeregt durch eine ausgesprochen innovationsbereite Stimmung, die sich im psychotherapeutischen Feld allerorten niederschlug, ein Konzept zur Gründung einer familientherapeutisch arbeitenden teilstationären Gruppe entwickelt, die ich gemeinsam mit einem anderen Kollegen pädagogisch leiten sollte. Ich willigte ein, weil ein intensiv-pädagogisches Betreuungsangebot, das mir eigentlich viel reizvoller erschienen war, mit einem anderen Kollegen besetzt wurde, konnte aber der Familienorientierung zunächst nicht viel abgewinnen. Auf Familie und Gesellschaft hatte ich eine sehr radikale Perspektive. David Cooper („Der Tod der Familie“) und das Heidelberger Patientenkollektiv („Aus der Krankheit eine Waffe machen“) waren mir emotional näher als Versuche einer mehrgenerationalen Verständigung.
Da aber die neue Gruppe schnell aus unterschiedlichen Gründen unter heftigen Beschuss im Heim geriet, begann ich mich mit meiner neuen Position zu identifizieren. Für eine Sache zu kämpfen und Positionen und Argumente zu entwickeln, konnte ich schon früh ganz gut. So begann ich mich also mit familientherapeutischer Literatur zu beschäftigen, die mich zunehmend auch inhaltlich interessierte. Dennoch wäre mir der Gedanke, selbst Therapeut zu werden, völlig abwegig erschienen. Als Sozialwissenschaftler – ich hatte 1977 meine Diplomarbeit über Niklas Luhmann geschrieben, dem damals sicherlich noch jede Kompatibilität zur Psycho-Szene abgesprochen worden wäre - galt mein Interesse ganz den gesellschaftlichen Vorgängen, Psychologie hatte ich eher aus theoretischem Interesse studiert. Außerdem attribuierte ich allen Therapeuten grundsätzlich eine Reife, die ich bei mir noch vermisste.
In dieser Phase (1980) entstand jedoch bei einigen Kolleginnen und Kollegen in Haus Sommerberg die Idee der Gründung eines familientherapeutischen Weiterbildungsinstitutes und ich wurde, warum auch immer, eingeladen, an dieser Gründung mitzuwirken. Ich hatte dabei allerdings aus den genannten Gründen eher ein Interesse an der organisatorischen und konzeptuellen Entwicklung eines solchen Institutes und sah meine Rolle dementsprechend auch nur als eine Art Geschäftsführer. Die Kolleginnen und Kollegen beharrten aber darauf, wenn ich schon dabei sein wolle, müsse ich auch Therapie machen. So bin ich zur Psychotherapie halb eingeladen, halb „genötigt“ worden und wurde sehr schnell durch die allgemeine Begeisterung angesteckt.
Ich hatte das große Glück, am konzeptuellen Aufbau der Weiterbildung mitzuwirken, der ich mich dann selbst unterzog, und war in den ersten beiden Jahren wöchentlich in vier oder fünf verschiedenen Teams mit erfahrenen TherapeutInnen tätig, und zwar in ganz unterschiedlichen institutionellen Kontexten: dem erwähnten Jugend-Heim, einem familientherapeutischen Forschungsprojekt, einer psychosomatischen Klinik und einer Privatpraxis, alles immer „lege artis“ im Viererteam mit Einwegspiegel und endlosen Pausendiskussionen. Die selbstgewählte und offizielle Arbeitslosigkeit empfand ich als wunderbarste Lehrzeit überhaupt: den ganzen Tag zu lesen und an den Abenden in den Teams Familien  zu sehen -  zunächst länger hinter der Einwegscheibe, dann immer häufiger auch als „frontman“.
Das war zunächst ganz schön schwierig. Ich kam mir eher wie ein Hochstapler vor, hatte nicht wirklich das Gefühl, anderen Menschen etwas zu sagen (oder sie etwas zu fragen) zu haben. Ich habe keine Erinnerung mehr an ein konkretes „erstes Mal“. Ich erinnere mich aber noch an meinen Traum in der Nacht vor meinem ersten „aktiven“ Familiengespräch: Ich schlafe im meinem Bett (eigentlich eine Matratze auf dem Boden meines damaligen WG-Zimmers) und werde von der Klienten-Familie geweckt, die sich beschwert, dass ich den Termin mit ihnen vergessen habe. Es herrscht eine unangenehme Sprachlosigkeit und alles ist mir fürchterlich peinlich, zudem ich bemerke, dass meine schmutzige Wäsche auf dem Boden des Zimmers verteilt liegt. Ein Traum, der keiner aufwendigen Deutung bedarf.
Sprachlosigkeit überfiel mich damals häufig - auf viele therapeutische Themen und Situationen war ich schlechterdings überhaupt nicht vorbereitet.
Was mir wirklich zu einem therapeutischen Selbstbewusstsein geholfen hat, war nicht die Beschäftigung mit Theorie, sondern die vierjährige Arbeit von 1980 bis 1984 im Team mit Christa Hoffmann und Eberhard Künzel, zwei – mittlerweile verstorbenen – sehr erfahrenen Psychoanalytikern und großartigen Persönlichkeiten, die schon eine langjährige gemeinsame Arbeit mit Paargruppen durchgeführt hatten und auch privat eine für mich beeindruckende unkonventionelle Beziehungskonstellation lebten. Wir trafen uns jeden Montag Abend in der Praxis von Christa Hoffmann, die eigens für die familientherapeutische Arbeit eine kostspielige Einwegscheibe hatte einbauen lassen. Gemeinsam sahen wir mit der Schulpsychologin Resi Maschke, die als Anfängerin wie ich unser Viererteam komplettierte, jeweils zwei Familien, immer mit einem gemischten alt-jungen Therapeutenpaar vor und hinter der Scheibe, dazwischen kochten und aßen wir gemeinsam zu Abend, diskutierten unsere Fälle, neue Theorien oder die Zeitläufte. Ein Luxus, den ich den gegenwärtigen Weiterbildungsteilnehmern gerne gönnen würde.
Woran ich mich noch erinnere, ist folgendes: Eines Morgens auf dem Weg zur Universität (ich absolvierte noch nebenher ein Völkerkundestudium) nehme ich einen jungen Mann im Alter von ca. 19 Jahren als Anhalter mit, der mit einer brennenden Haschisch-Zigarette einsteigt, mich in ein lockeres Gespräch verwickelt und mir anbietet, an seinem Joint zu ziehen, was ich dankend ablehne, auch wenn ich zu dieser Zeit selbst noch gelegentlich Haschisch konsumiere. Wir unterhalten uns ein wenig übers Kiffen und was wir so machen - meine therapeutischen Gehversuche spielen dabei keine Rolle. Am Abend, es ist ein Montag, öffne ich die Tür zum vereinbarten Familientherapie-Termin und besagter junger Mann steht mit seinen Eltern vor der Tür, die sich angemeldet haben, weil sie sich größte Sorgen um ihren Sprössling machen. Mir schwinden fast die Sinne, ich werde aber von der absoluten Diskretion des „Indexpatienten“ gerettet, der mir gelegentlich so freundlich wie souverän zulächelt - auch ich schweige meinerseits wie ein Grab. Die Sorge der Eltern, ihr Sohn könnte Drogen nehmen, bleibt daher auch im Familiengespräch unaufgeklärt. Allerdings kommt das Interview aufgrund der unaufgeregten und entspannten Gesprächsführung von Christa Hoffmann schnell auf ganz andere Familienthemen, die viel bedeutsamer und entscheidender sind als das, was als Anliegen zunächst im Vordergrund gestanden hat - und ich habe eine wichtige Lektion gelernt: nämlich dass das Anliegen das eine und ein Auftrag oft etwas ganz anderes ist.
Und im Laufe dieser Jahre habe ich dann auch gelernt, dass man, wenn man genau zuhört, was einem erzählt wird, auch immer etwas hat, womit man ein Gespräch fortführen kann, auch wenn es vielleicht etwas anderes ist, als man vor dem Gespräch dachte.



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