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systemagazin special: "Das erste Mal"
Andrea Lanfranchi: Vom Förderkoffer zum Testschrank zum runden Tisch -
zu gar keinem Tisch bis hin in die Sauna


Lanfranchi Großes Zittern


Das erste Mal als systemischer Berater und Therapeut: Dazu fallen mir vier plakative Bilder ein, die eng mit den Transformationen in unseren professionellen Denk- und Handlungsansätzen verknüpft sind.

Erstes Bild 1980: Vom Förderkoffer…
Nach einem Diplom als Sonderpädagoge fahre ich – als Werkstudent während meines Uni-Studiums in Psychologie – von Schule zu Schule mit einem grossen Förderkoffer. Ich führe die so genannte „Legasthenie-Therapie“ durch. Atemlos habe ich das Wohl derjenigen Schülerinnen und Schüler im Auge, die entweder im Lesen oder in der Rechtschreibung oder in beidem einen Prozentrang von < 20 haben. Von den Lehrern werde ich mehr oder weniger geduldet. Wenn es gut geht, geben sie mir den Raum für textiles Werken. Im Korridor war ich auch schon. Zu den Eltern habe ich keinen Kontakt und das stört mich auch nicht: Ich sehe sie sowieso eher als „Ursache der Störung“ – nach meiner damaligen Auffassung war das kindliche Verhalten Funktion und Ergebnis seiner biopsychosozialen Umgebung, und das waren für mich die Eltern…

Zweites Bild 1985: zum Testschrank…
Gleich nach dem Psychologie-Studium sitze ich nun als Schulpsychologe in der Stadt Zürich in einem engen Büro, mit einem Dutzend Tests im Aktenschrank, einem Schreibtisch, auf dem sich die „Krankengeschichten“ stapeln, auf der Seite steht eine Schreibmaschine mit grauer Staubhülle (zuerst eine Hermes, dann eine IBM mit Kugelkopf und Korrekturtaste). Die Schulen sind weit weg und nur telefonisch oder „auf dem Dienstweg“, d.h. schriftlich zu erreichen. Für die Eltern stehen zwei Stühle vor der Zimmertüre. Während der „Abklärung“ (= Testdurchführung) warten sie draussen. Anschließend und abschließend werden sie in den Raum gebeten, wo ihnen die „objektiven Ergebnisse“ mit entsprechender Empfehlung verkündet werden: bei einer neurotischen Störung die Spieltherapie, bei Problemen im Rechnen die Dyskalkulietherapie, bei einer Verhaltensauffällgkeit die Sonderklasse. Die Eltern lauschen andächtig, je nach Maßnahme bedanken sie sich (oder auch nicht) und gehen.

Drittes Bild 1990: zum runden Tisch…
Meine Freunde fragen inzwischen: Geht es Dir gut oder bist Du immer noch Schulpsychologe? Ich bin es immer noch, aber anders. Der Raum ist jetzt groß und sonnendurchflutet, wie ein Wohnzimmer eingerichtet: Bilder an der Wand, Teppich auf dem Boden, Spielzeuge in einem offenen, farbigen Sideboard, Halogen-Lampe und runder Tisch. Später ersetze ich ihn mit bequemen Sesseln für Gespräche mit mehreren Beteiligten. Das systemische Denken erobert den Raum und breitet sich auch in meinem Kopf aus. Eine Video-Kamera wird in einer Ecke montiert, die Aufnahmen brauche ich für die Supervision. Die Schreibmaschine mit grauer Staubhülle ist weg, ein PC ist aber noch in weiter Ferne, deshalb werden die Berichte auf ein Minimum reduziert, diktiert und einer Mitarbeiterin im Sekretariat zur Verschriftung weitergeleitet. Einige Tests habe ich noch, sie werden aber nicht mehr routinemäßig als „Batterie“, sondern fallbezogen eingesetzt. Angeleitet von meinen damaligen Ausbildner/innen (insbesondere Rosmarie Welter-Enderlin, Bruno Hildenbrand, Reinhard Waeber, Heinz-Stefan Herzka) fange ich an, direkte statt indirekte Diagnostik zu betreiben, also mit den Leuten zu reden und mit ihnen Hypothesen und dann Lösungsoptionen zu entwickeln, statt mittels „projektiver Erfassungsmethoden“ Interpretationen überzustülpen und im linearen Ursache-Wirkungs-Denken die Verantwortung für Veränderungen zu übernehmen. Ich lerne viel in dieser Zeit. Vor allem, dass jedes menschliche Verhalten (und somit auch jedes symptomatische Verhalten) nur angemessen verstanden und verändert werden kann, wenn wir es in Zusammenhang mit den relevanten Kontexten bringen, mit denen es in einer Wechselwirkung steht. Vom „Schüler“-Psychologen werde ich zum „Schul“-Psychologen und fange an, in die Schule zu gehen, Lehrpersonen einzubeziehen, Bildungspolitiker zu beraten und mit allen Beteiligten Prozesse zu gestalten, statt Aussonderungen vorzunehmen.

Viertes Bild 1995: bis zur Sauna
Vom Schulpsychologe zum systemischen Therapeut in eigener Praxis: Endlich traue ich mir zu, neben meinen Tätigkeiten in Lehre und Forschung an einer Hochschule, meine ersten Klienten als Psychotherapeut in selbständiger Stellung einzuladen. Anmeldungsgrund: „Enkopresis“ eines 7-jährigen Jungen (wenn das kein Zufall ist: genau wie bei Arist von Schlippe, „systemagazin-Adventskalender“ vom 3.12.06…). Die Eltern sind mit ihrem Sohn da und ich schufte wie ein Pferd. Bald stellt sich heraus, dass die Vorstellungen der Eltern über die „richtige“ Erziehung weit auseinander klaffen. Ich verheddere mich in ihrem langen Disput, kann mich aber noch erinnern, ihnen am Ende dieser Sitzung Folgendes auf den Weg gegeben zu haben: Es sei unmöglich und auch nicht nützlich, dass sich beide auf ein identisches Erziehungsmodell einigen. Es sei aber möglich und auch nützlich, dass jeder das Modell des Anderen samt den Absichten, die dahinter stehen, sehr gut kennen und auch respektieren lerne (vorausgesetzt, dass es sich um kein irrsinniges Modell handle). Dazu eigneten sich gemeinsame Diskussionen, die jedoch in ihrem Fall zeitlich befristet sein müssten, so wie das etwa in der Sauna geschehe (weil irgendwann die Leute beim Schwitzen leiden und nicht mehr reden können…). Nachdem ich das gesagt habe, gehen sie, und ich habe einen freien Abend. Nach dieser „Premiere“ gönne ich mir nun ein Schwimmen mit Sauna, denke ich mir. Beim Eingang in den Wellness-Bereich des noblen Hotels auf der anderen Seite der Stadt freue ich mich: Ich sehe zwei Paar Schuhe, ein Mann und eine Frau sind also da, alleine schwitzen wäre halb so lustig. Ich ziehe mich um und trete in die Sauna ein. Und fange sofort an zu schwitzen: Meine allerersten Klienten sind auch da, auf winzigen weißen Tüchern wie Gott sie schuf, in lebhafter Diskussion verwickelt, hoch erfreut über mein unerwartetes Erscheinen… Das mit dem ökologisch-systemischen Zugang und der Situierung der Problemanalyse im erweiterten psychosozialen Raum der Klienten war nun doch nicht so gemeint. Das war und bleibt mein kürzester Sauna-Besuch!



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