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systemagazin special: "Das erste Mal"
Cornelia Tsirigotis: Eigentlich ist immer das erste mal…

Eigentlich ist immer das erste mal…..

Vor 30 Jahren, noch während des Studiums, hatte ich meine erste Stelle als Sprachtherapeutin in einer Sprachheilambulanz. Die erste Klientin, eine sechzehnjähriges Mädchen bzw. junge Frau, kam mit der Mutter, einer Kinderärztin, wegen Lispelns. Wegen meiner Jugend fragte mich Frau Dr., wie ich denn ausgebildet wäre. Bis heute wünschte ich mir, ich hätte mit der Gegenfrage geantwortet, wie viel sie denn als Kinderärztin ausgebildet wäre und von Sprachstörungen verstünde, wenn sie erst Therapie für die Tochter mit 16 suchen würde.
Es ist eine Zeit gewesen, die ich nicht missen möchte: ich saß nachmittags in einer Baracke in einem alten Schulgebäude, hatte nur einen Raum zur Verfügung und keine Möglichkeit, dass die nächsten Klienten woanders warten konnten, arbeitete mit Kindern unter den Augen ihrer und oft genug anderer Eltern und studierte Eltern-Kind Dynamiken. Ich glaube, in der Zeit machte ich meine ersten Studien in Familiendynamik sowie Respekt und Ressourcenorientierung.
Vor 20 Jahren: Schwerhörigenschule, zweiter Tag. Vorbereitet auf eine Fördergruppe mit lieben Kleinen heißt es plötzlich: Vertretung in Mathe, Hauptschulstufe. Ich hatte weder Buch noch Ahnung. „Was Sie hier erzählen, interessiert uns einen Sch…“ sagen die SchülerInnen und machen alle 14 wie auf Kommando ihre Hörgeräte aus. So sehr ich mich bemühe, mich zu erinnern, ich weiß nicht mehr, was ich gemacht habe. Kurze Zeit später wurde ich Klassenlehrerin in dieser Gruppe und wir hatten bis zu ihrer Entlassung 4 Jahre später eine sehr gute Zeit. Was dabei geholfen hat, dass es so wurde? Respekt, SchülerInnen ernst nehmen, klar sein, präsent bleiben trotz abgeschalteter Hörhilfen, irgend so etwas. Dann kann man sich sogar bei den Schülern ein Mathebuch ausleihen und sagen: „weiß ich auch nicht, lasst es uns herausbekommen.“
Vor 15 Jahren: Wechsel in die Frühförderung und in die Arbeit mit Eltern und Kindern. Das erste Mal Hausbesuch in einer Familie, plötzlich und unvorbereitet eingesprungen für Kollegin, die plötzlich für länger ausfiel. Der Zweijährige mit den besonderen Hörfähigkeiten hatte keinen Bock auf mich und das anregende Therapiematerial, das ich mitgebracht hatte und verkroch sich auf den Schoß der Mutter. Sein hörender Zwillingsbruder freute sich über meinen freien Schoß und mein Therapieangebot. Wir taten es zu viert. An diesem Tag wurde ein (noch unbewusster) Grundstein für den systemisch-familienorientierten Ansatz in der Aachener Frühförderung (s.a. Tsirigotis et al. 2004) gelegt.
Mit Beginn der familientherapeutischen Ausbildung in Weinheim beginnt eine Veränderung der Arbeit. Was hilft, Neues zu implementieren? Auch hier: immer wieder den Zauber des ersten Mals zu nutzen. Neue Methoden in einer neuen Phase, an neuen Fällen, das nimmt den Druck, nun sofort alles „richtig“ machen zu wollen. Ich erinnere mich, dass ich Fragenkataloge vorbereitet habe, die ich dann in der Sitzung gar nicht benutzt habe. Die guten Fragen waren aber „drin“ und kamen an anderer Stelle wie von selbst aus dem Bauch.
Das Schwimmen in kaltem Wasser soll ja angeblich abhärten, so besagte jedenfalls die Ideologie meiner Erziehung. Heute sehe ich das anders: jedes Wasser ist anders kalt und fühlt sich auf der Haut und im Köper neu an. Es hält sensibel und die Sinne geschärft. Hart geworden bin ich nicht, nur sicherer, dass Schwimmbewegungen helfen. Oder zappeln zumindest das Kinn eine Zeit über Wasser hält.
Was mir geholfen hat? Vorher wenig: Früh ins Bett gehen mit der Idee, ausgeschlafen ließen sich neue Situationen besser bewältigen (klappt meist nicht). Nichts anziehen, was klemmt oder rutscht. Die Vorbereitung in der Tasche nicht als Haltegriff betrachten, von dem ich mich nicht löse, sondern als Schwimmweste: auf vorherbestimmten Rahmen etwas machen zu können, das die Situation erfordert und das Gefühl von genug Puste für etwas anderes zu haben. Vertieft darüber nachgedacht, ist es vielleicht so was wie Kontingenz (Loth 2005): et kütt wie et kütt, und das meist anders.
Vielmehr Bedeutung hat für mich die Nachbereitung: Luft und Freiraum zum Reflektieren nachher. Wenn das Grummeln und der Frust über die erlebte Schwierigkeit als Schimpfen gegen das Lenkrad im Auto auf den Heimfahrt dann langsam der Konzentration auf den Verkehr weicht und dann einzelne Blasen hochkommen: Reflexion, Begründungen, Erklärungen, neue Ideen, nächste gute Schritte. Ich fahre öfter rechts ran und mache mir einen Zettel, weil ich weiß, dass diese Denkblasen bis zu Hause geplatzt sind. Beim kaputten Dösen am Abend, beim noch nicht ganz wachen Kaffeetrinken am Morgen, einzelne Gedankenfetzen landen auf Zetteln, manchmal wird eine Mindmap draus. Zettel landen auf dem Schreibtisch, und bei passender Gelegenheit im Computer. Auch beim Joggen ertappe ich mich dabei, wie das Hadern mit unverarbeitetem Kram allmählich vom Landschaft Gucken und Genießen ersetzt wird und wie dann aus dem Nebel Ideen entstehen. Die müssen dann sofort aufs Papier.
Was mir also hilft: freie Luft zum Nichtdenkenmüssen lassen.
Das erste Mal ist ja eigentlich toll: diese wache fokussierte Neugierde, das Gefühl, keine Ahnung zu haben und unzulänglich vorbereitet zu sein, ja sogar das Gefühl, nichts zu können und sich wieder einmal einen zu großen Schuh angezogen zu haben, das angespannt Sein wie ein Flitzebogen. Der Adrenalinstoß erzeugt eine konstruktive Wachheit und Offenheit für Möglichkeiten. Genauer betrachtet (als profundes Betrachtungsmikroskop dazu Hargens 2004, für den jedes Gespräch ein Erstgespräch ist) ist eigentlich es genau das, was eine gute therapeutische Haltung ausmacht.
Und: schaler Geschmack danach hat ja zu tun mit: Erwartungen ohne Rechnung mit denen meines Gegenüber toben lassen, in die eigenen Anliegen verliebt gewesen…
Der Zauber des Anfangs, darauf hat schon Hermann Hesse hingewiesen, beschützt uns und hilft zu leben. Auf seine Schönheit passt auch dieses Zitat aus dem Gespräch von T.Malinen und M. Hoyt (2006): „…perfekt ist es, wenn Therapeutin und KlientIn sich begegnen wie der Wind und das Wasser. Dann sind die Technik und das Sich-Begegnen der Menschen eins. Und das ist schön.“ (S. 158).
Nachtrag: Ende August 2006, Vertretung in der Leitung der Hörgeschädigteneinrichtung, die aus Schule, Kindergarten, Frühförderung und einer neu eingerichteten Offenen Ganztagsschule besteht. Die letztere besteht aus Provisorien und Pioniergeist.
Und dann passiert etwas: ein siebenjähriges gehörloses Kind ertrinkt im Rahmen des Schwimmens der offenen Ganztagsschule. Auf solche unfasslichen Situationen ist nie jemand vorbereitet. Was hilft? Mit der aus dem Kosovo stammenden Familie des Kindes hatte ich eine respektvolle Arbeitsbeziehung seit Frühförderzeiten. Das macht es mir leichter, zwei Tage später mit ihnen in die Schwimmhalle zu gehen und da ruhig und traurig zu sitzen.
Was hilft noch, eine Einrichtung durch eine solche Situation hindurch zu (ge)leiten? Und wieder:Unerschrockener Respekt (auch vor vielen Ausrastern von Kindern und Erwachsenen, Eltern, Kollegen) und Präsenz als mit der ganzen Person da zu sein, verantwortlich einzustehen. Irgendwie so etwas. Dann kann man auch Leitung weitermachen.

Literatur:

Hoyt, M.F. (2006). „Burn In, Not Out!“ – Über Aufrichtigkeit und Schönheit in der Kurztherapie. Tapio Malinen im Gespräch mit Michael Hoyt. Systhema 20,149-168. [Orig. 2004. In: Hoyt, M.F. (2004) The Present is a Gift: Mo' Better Stories from the World of Brief Therapy (pp.182-206). New York: iUniverse.com]
Loth, W. (2005). „Einiges könnte ganz schön anders sein.“ – Systemische Grundlagen für das Klären von Aufträgen. In: Schindler, H. & Schlippe, A. v. (Hrsg.) Anwendungsfelder systemischer Praxis. Ein Handbuch. Dortmund: Borgmann, S. 25-54.



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