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systemagazin special: "Das erste Mal"
Ulrich Schlingensiepen: Nicht jeder Ausbruch gelingt sofort

Ich folge meiner Intuition und starte im Jahr 1974. Ich beginne mein Studium in Kiel und werde Bafög-Empfänger. Mit diesen Mitteln und den Zuwendungen aus der Heimat ging es mir gut. Neben den üblichen Zwangsabgaben an die Roten Zellen, der Studentenorganisation des KBW in der ich bald Mitglied wurde, war der abendliche Bierkonsum gesichert. Diese Art der finanziellen Unabhängigkeit war zugleich eine Abhängigkeit. Ich erlebte mein erstes Reframing durch meine politischen Kampfgefährten. Ich war kein Bafög-Empfänger, ich war Bafög-Abhängiger! Somit gehörte ich zur Klasse der Abhängigen, wenn schon nicht vom Lohn, dann eben vom Bafög. Die andere, angenehmerer Seite der Abhängigkeit blendete ich nicht völlig aus, beim abendlichen Bier wurde meinem Unbewussten sicher klar, woher das Geld kam. Aber die politische Linie kennt kein Pardon und war in der Wahrheitsbeschreibung sehr eindeutig, unerbittlich. Sollten jemals zwei oder gar mehrere Dinge nebeneinander existieren, es gab nur eine Wahrheit. Und an diesen Glaubenssätzen wurde kräftig gearbeitet.
Als „Abhängiger“ war ich somit legitimiert, die Kommunistische Volkszeitung gegen 05.00 Uhr morgens vor den Werkstoren einiger Kieler Firmen zu verkaufen oder den einen und anderen Aufruf gegen erneute Fahrpreiserhöhungen der Verkehrsbetriebe zu verteilen.
Kam ich mal nicht aus dem Bett, Artikel und Wandzeitungen mussten über Nacht geschrieben und Vollversammlungen vorbereitet werden, verschlief also, gab es telefonisch – damals hatten wir ein Telefon mit der etwas teureren 5m Schnur (!) um somit in jedem Winkel der Wohnung sofort erreichbar zu sein – regelmäßig den sprachlichen Hinweis: „es ist notwendig, weil...“, „wenn nicht, dann...“, „nur so und nicht anders...“ um mich wieder auf Linie zu bringen. Ich fühlte mich schlagartig für die verpasste Revolution verantwortlich. Mein Pech.
Das Atomkraftwerk Brokdorf war in dieser Zeit ein berühmtes Bauwerk und das kleine Städtchen an der Elbe wurde bis 1980 einige Male „eingenommen“. Da hatte ich dann meinen ersten Motorradhelm, fuhr aber eigentlich einen alten VW 1300.
Mit diesem Fahrzeug ging es auch nach Bonn zur Demonstration gegen den $ 218. Sechs Stunden hin, demonstriert, sechs Stunden zurück. Wir fuhren Kolonne, vermutlich um Reaktionären und Revanchisten nicht den Hauch einer Chance zu geben uns zu spalten. Dies hielt mich nicht davon ab, mit 100kmh auf der Standspur kurz wieder aufzuwachen; Glück gehabt.
Ich erinnere mich auch an die Terrorakte der Roten Armee Fraktion. Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Hanns-Martin Schleyer wurden erschossen, die dt. Botschaft in Stockholm vom Kommando „Holger Meins“ überfallen. Baader, Ensslin und Raspe begehen Selbstmord in Stuttgart-Stammheim. Einige Jahre später werde ich selbst einige Klienten in der JVA Stammheim besuchen und diesen Ort kennen lernen.
Die Sozialarbeit ist in dieser Zeit sehr um Eindeutigkeit bemüht und tut sich schwer mit der Akzeptanz von Ambivalenzen.
Der soziale Auftrag heißt „Hilfe“ und „Linderung der Not“ und den gilt es zu verteidigen. Das Selbstverständnis der Sozialarbeit, ein Hilfsangebot rund um die Uhr zu bieten, scheitert in seinen Realisierungsversuchen – die Klienten können oftmals nur noch verwaltet werden. Das Dilemma lässt sich nicht auflösen. Die Sozialarbeit bemüht sich eher um eine Protest- und Verteidigungshaltung und entwickelt ihr Selbstverständnis nicht im Aufbau neuer Modelle und Profile.
In der Kultur ist der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder ein Meilenstein. In seinen Filmen setzte er sich immer wieder mit Randgruppen der Gesellschaft auseinander und stellt anhand einiger Frauengeschichten die Zeitgeschichte der Bundesrepublik dar.
1978 beginne in als Sozialarbeiter in Stuttgart beim Jugendamt und arbeite als Familienfürsorger (ASD). Bislang eher durch den Wunsch nach Eindeutigkeit geprägt und kämpferischem Anliegen für das „Helfen“, gibt es zwei Jahre später doch ein Ereignis, das mir deutlich macht, das die Dinge so sind, aber möglicherweise auch anders. Und das die Dinge nicht so sind, wie sie sind, sondern werden wie sie werden.
Der Multimedia-Künstler Wolf Vostell übernimmt die Ausstellung der von Hannsgünther Heyme betreuten Köln und Stuttgarter Hamlet Inszenierung. Es gab eine Menge Irritation und Aufregung in der Theaterlandschaft. Sein „Hamlet“ war ein erstes elektronisches Theaterstück, dass gleichzeitig zur Aktion der Schauspieler eine zweite, neuartige Sicht auf die Bühne zuließ. Eine beweglich installierte Videokamera ohne Kameramann war auf der Bühne aufgebaut und gab den Akteuren Gelegenheit, die Kamera zu bedienen oder darauf zu verzichten oder das zufällig eingestellte Bild stehen zu lassen, dass auf einem Fries von 18 großen Monitoren übertragen wurde. Es war ziemlich beeindruckend ein Spiel zu erleben zwischen ungeordneten Abläufen und geplanten Ungereimtheiten. Allein der Schauspieler bestimmte, was auf den Monitoren erscheinen sollte, auf welche Details..., Körperteile, sich selbst, andere... er das Publikum hinweisen wollte.
Die Perspektive wechselte ständig, die „erste“ Wirklichkeit als Live-Erlebnis auf der Bühne, die „zweite“ Wirklichkeit direkt dahinter, riesig groß auf Monitoren. Parallelkommunikation durch Elektronik, nannte es Wolf Vostell, nichts blieb, wie es war.
Anschließend experimentierte ich in meinen verschiedenen Jobs mit Vielfalt, Möglichkeiten und Perspektivenwechsel. Ein Ausbruch aus dem Ghetto der Eindeutigkeit hinein in die unvermittelte Wirklichkeit der Gegenwart und ich mittendrin als Beobachter 1. Ordnung und Beobachter 2. Ordnung in den Supervisionskontexten.
Und: nicht jeder Ausbruch gelingt sofort.
Meine ersten Supervisionen waren Gruppensupervisionen mit Studenten der Fachhochschule in Esslingen. Die Studenten absolvieren ein Studienbegleitendes Praktikum und erhalten begleitend 10 Sitzungen Supervision. Das war eine weiche Form der Zwangsbeglückung. Dies blendete ich aber erst einmal aus, in der Annahme, dass 12 Jahre Erfahrung in der Sozialarbeit, Charisma und die Beraterkompetenz das schon kompensieren würden. Manchmal ja, manchmal aber auch nicht. So lernte ich, sorgfältiger mit dem Kontrakt und dem Beginn umzugehen sowie dem Thema „verordnete Supervision“.
Supervision als angewandtes Wissensmanagement.
Das hat in diesen Gruppen hervorragend funktioniert. Kommunikationen waren schnell anschlussfähig, das Wissen war als Ressource in Bewegung und durch die Teilung wurde es eher mehr und nicht weniger. Zwei Dinge sind mir offensichtlich gelungen: durch gelingenden Rapport Kommunikationen zu ermöglichen und den „Raum“ (space) zur Verfügung zu stellen und ihn offen zu halten.
Zwischen Impuls und Irritation.
Weg mit der klassischen Gesprächsführung und dem Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte – hin zu brauchbaren Lösungen und Handlungskonzepten. Die Studenten waren neugierig und stellten Fragen. Das hat mich freudig gestimmt und ich war dankbar, die Rolle des wissenden Ratgebers zu übernehmen.
Und wo viele Fragen sind, da soll es viele Antworten geben. Das war eine dramatische Verführung und führte schnell zu dem Hütchen-Zauberer-Effekt, schnell eine Lösung anzubieten und aus dem Hut zu zaubern. Und auch hier lernte ich. „Hier arbeiten die Supervisanden“ schrieb ich mir später auf ein Kärtchen und klemmte es an mein Schreibbrett.
Auf Grund meiner beruflichen Sozialisation bestand für mich nicht die Gefahr, die Supervision zu therapeutisieren, also aus individuumszentrierten Therapieschulen sozialarbeiterische Beratungskonzepte abzuleiten. Durch ähnliche Problemschilderungen der Studenten bestand eher die Möglichkeit die Probleme der jeweiligen Praxisstellen, die Qualität des Dienstleistungssystems zu reflektieren. Das war für die Arbeit sehr fruchtbar.
Die Eindeutigkeiten der Anfangszeit haben sich verändert und der Akzeptanz von Ambivalenzen Raum gegeben. Nicht-Wissen ist eine Ressource und das Unterscheiden und Bezeichnen, die Beobachtung, führt zu Unterscheidungen. Und auf dem Weg, andere, vielleicht brauchbarere Wirklichkeiten zu konstruieren, ist viel möglich.
Die Dinge neu zu erfinden und Geschichten anders zu erzählen, verrückt zu sein, das gab es in den ersten Jahren meiner Supervisionstätigkeit sicher nicht. 2003 habe ich gemeinsam mit Ilona Lorenzen auf dem Kongress der Systemischen Gesellschaft „Supervision zwischen Macht und macht nix“ ein Beratungs-Environment angeboten, eine Ausstellung mit dem Titel „Macht doch was ihr wollt – erweitere die Möglichkeiten“. Der Besucher konnte Teil des Kunstwerkes werden, das Beratungs-Environment betreten und in Selbstorganisation zu diesem Thema seine Unterscheidungen bearbeiten: „Wann macht das, was Sie tun, wirklich einen Unterschied.“
So etwas ist heute möglich.



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