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systemagazin special: "Das erste Mal"
Ulrich Clement: Kleider machen Therapeuten

Ich kann es nicht anders als „peinlich“ bezeichnen, was mir in den beiden Therapien passiert ist, über die ich kurz erzählen will. Und meine Eitelkeit erlaubt es mir nur deshalb zu erzählen, weil ich aus beiden Fällen etwas wesentliches gelernt habe, nämlich darüber, wie das Aussehen und speziell die Kleidung von Therapeuten wirkt.  Die Peinlichkeit liegt in meiner Naivität in beiden Fällen. Es waren beides nicht meine exakt ersten Male, der eine Fall war meine zweite Therapie überhaupt, und der zweite Fall eine meiner ersten Sexualtherapien.
Kurz nach meinem Diplom 1975 war ich ein Jahr lang in einer sehr guten Supervisionsgruppe an der Psychiatrischen Uniklinik im Hamburg, die Ursula Plog und Klaus Grawe geleitet hatten. Konzept dieser Supervision war damals bereits, ein schulenunabhängiges Denken in Therapien zu betreiben, weshalb Uschi Plog als Gesprächstherapeutin und Klaus Grawe als Verhaltenstherapeut die Ambition hatten, fallbezogen pragmatisch und nicht theoriehörig vorzugehen.
Wir hatten als Berufsanfänger gleich mit „richtigen Patienten“ zu tun. Mein Fall war eine Konzertmusikerin, die eine ausgeprägte Auftrittsphobie hatte und von dem Gedanken geplagt war, sie könne mitten im Konzert einen Blackout haben. Nach ein paar Sitzungen berichtete sie mir andeutungsweise, sie fühle sich von einem Mann angezogen, dem sie ihre Gefühle aber nicht sagen könne. In der Supervision verdichtete sich schnell der Eindruck, dass sie mich meinte, eine Hypothese, die mich sehr in Verlegenheit brachte. Erstens hatte ich das in meiner Naivität selbst nicht wahrgenommen. Zweitens: Was sollte ich damit tun? Ansprechen, übergehen, interpretieren?  Meine beiden Lehrer intervenierten brilliant: Uschi Plog machte eine professionelle Triangulierung, indem sie mit der Patientin und mir zusammen die Lage besprach – damit der Verliebtheit den Bann nahm und die Lage entschärfte. Klaus Grawe kommentierte aber das, was mir damals die Röte ins Gesicht trieb, indem er mich fragte, ob ich meine Hemden eigentlich immer so weit aufgeknöpft trage wie im Moment grade. Als ich nicht widersprach, meinte er: „Knöpfe in Zukunft in Therapien Deine Hemden zu, dann passiert Dir das auch nicht so leicht.“  Selten habe ich besser verstanden, was die Qualität des verhaltenstherapeutischen Blicks ausmacht als damals. Offenbar war es auch für Grawe ein besonderes Ereignis. Ich traf ihn nach langer Pause kurz vor seinem Tod letztes Jahr in Zürich und nach etwas Wiedersehensgeplänklel fragte er mich unvermittelt: „Und machst Du Deine Therapie jetzt mit zugeknöpftem Hemd?“
Eigentlich sollte ein Fehler pro Einsicht reichen. Ich brauchte aber zwei.
Der zweite Fall war eine meiner ersten Sexualtherapien im Institut für Sexualforschung, wo ich damals als wissenschaftliche Hilfskraft begonnen hatte, engagiert, begeistert – und  ahnungslos. Ich war damals mit schulterlanger Mähne, Jesus-Bart und Nickelbrille unterwegs, sah so ähnlich aus wie der späte John Lennon (und fühlte mich auch so ähnlich), mit Jeans, deren zerrissene Stellen mir meine damalige Freundin mit kreativen bunten Flicken genäht hatte. Als ich in den Warteraum kam und das gepflegte Paar, beide Anfang vierzig, begrüßte, musterte mich der Mann, schluckte und fragte mich mit schreckgeweiteten Augen „Sind SIE Herr Clement?“  Dieser initiale Kulturschock blieb in den Poren  dieser Therapie hängen und es blieb immer eine gewisse Fremdheitsreserve zwischen dem Paar und mir. Trotzdem lief die Therapie passabel, nachdem ich dem Paar gesagt hatte, dass „wir das normale Behandlungsprogramm“  durchführen würden und die Therapie damit etwas von meiner Person abgelenkt und  mehr auf die Methode fokussiert war.
Kurz zuvor hatte ich von dem Ethnopsychoanalytiker Georges Devereux  „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften“ gelesen, eines der  Bücher, die mich mit am stärksten beeinflusst haben. Er bringt zahlreiche Beispiele, wie in den Verhaltenswissenschaften der Forscher durch seinen „Eigenwert“ das verändert, was er eigentlich „objektiv“ beschreiben möchte. Devereux  vertritt die These, dass die Wissenschaft deshalb Methoden (und Theorien) erfindet, um die emotionale Berührung des  Beobachters durch den Kontakt mit den Untersuchten zu verhindern. So wird die Methode als etwas „Drittes“ zwischen Subjekt und Objekt platziert. Das gilt für Therapeuten ebenso oder noch viel mehr.
Devereux war die Theorie zu meinen Fällen. Da ich das Glück hatte, nicht nur hilfreiche, sondern auch kluge therapeutische Lehrer  zu haben, konnte ich beide Fälle soweit reflektieren, dass ich in meiner Naivität selbst jeweils ein Problem induziert hatte, aus dem mich jeweils „Dritte“ gerettet hatten: im ersten Fall war das die Supervisorin, die den Bann der Verliebtheit aufgelöst hatte, im zweiten Fall das Programm, das gewissermaßen die Klienten vor mir schützte.
Einsichten müssen sich irgendwie materialisieren. Ich habe mir seitdem angewöhnt, bei Therapien nicht zu „casual“  gekleidet zu sein. Natürlich kann man nicht nicht aussehen. Irgendwie sieht man eben aus. Mir ist seitdem das Jackett als Dienstkleidung Teil meiner  therapeutischen Rolle geworden.  Es “ankert“ meine Rollenidentität, indem ich mich selbst daran erinnere, dass ich die Klienten nicht durch meine Erscheinungs-Penetranz von ihrern eigentlichen Anliegen ablenke.



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