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systemagazin special: "Das erste Mal"
Kurt Ludewig: Erinnerungen an das Überleben meines beruflichen Anfangs

Wir schreiben das Jahr 1970, genauer gesagt, das Sommersemester diesen Jahres. An einem für hamburger Verhältnisse ungewöhnlich warmen Abend gehe ich auf das Gebäude der damals noch als Nervenklinik bekannten - später Psychiatrischen Klinik - des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf zu. Unter dem Arm ein arg schweres Gerät, ein eigentlich nicht tragbares der Marke Grundig. Ich habe das Tonbandgerät extra für diese Veranstaltung gekauft. Die Tonbänder, die in den Sitzungen mit unseren, eigentlich den Patienten der Klinik, aufgenommen wurden, sollten im Rahmen des Seminars abgespielt, beurteilt und besprochen werden. Es war ein von den damals noch jungen Psychologen Ursula Plog und Jochen Eckert geleitetes Seminars im klinischen Abschnitt meines Psychologiestudiums: Gesprächspsychotherapie II. Es wird heute die erste psychotherapeutische Sitzung sein, in der ich als Therapeut und nicht als Patient oder als bloßer Studenten auftrete. Heute wird es ernst!
Ich bin 28 Jahr alt, lebe seit 1965 in Deutschland und seit 1966 in Hamburg. Hier werde ich ein Jahr später mein Diplom in Psychologie erhalten. Mittlerweile spreche ich einigermaßen anständig Deutsch, mit Sicherheit aber nicht wie ein native speaker. Das macht mir zusätzlich Angst. Wird dieser nun “realer” Patient, mich als Therapeuten annehmen, der so jung, so unerfahren und dann noch Ausländer ist? Ich schwitze. Schwer zu sagen, ob unter der Last des schweren Geräts oder eher unter jener meiner Befürchtungen. Vermutlich, beides. Glücklicherweise ist die Martinistraße, an der das Klinikum liegt, eine mit hohen Bäumen reichlich geschützten Allee. Das spendet mindestens etwas Schatten. Ich nähere mich der Hauptpforte und weiß, dass nach wenigen Schritten der point of no return überschritten sein wird. Mein Schweiß wird zunehmend kälter.
Es ist 17.15 Uhr. Um 17.30 soll das Gespräch beginnen. Meine Schritte werden schwerer. Ich biege links in die Straße ein, die geradewegs zur Nervenklinik führt. Das achtstöckige Gebäude erscheint mir heute höher als sonst, imposanter, ängstigender. Ein so hässliches Gebäude und doch so wirkungsvoll. Zu dem Zeitpunkt hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass ich ab 1974 ganze fünf Jahre im 8. Stock dieses Gebäudes arbeiten würde.
Ich versuche mir die drei Grundvariablen der Gesprächspsychotherapie jener Tage zu vergegenwärtigen. Ich soll Gefühle verbalisieren, warm und empathisch bezogen sein, dazu noch kongruent. Das erstere erscheint mir möglich. Warm und empathisch sein, wo es mir so kalt ist? Wie, denn? Kongruent sein, aber womit, etwa mit diesem verängstigten Studenten aus dem 9. Semester, der sich anschickt, zum ersten Mal Therapeut zu sein und Gesprächspsychotherapie zu verwirklichen? Sollte ich mich dem Patienten gleich mit einer Entschuldigung vorstellen und erklären, warum meine Stirn so schwitzt und meine Hände so kalt sind? Oder sollte ich lieber versuchen, dies alles zu kaschieren und Kongruenz Kongruenz sein lassen. Dabei erinnere ich mich plötzlich an das letzte Seminar, als ein als klug und bewandert bekannter Kommilitone - einer, der später ein bekannten Professor der Klinischen Psychologie werden sollte - sich derart blamiert hat, weil er so unglaublich gut und treffend verbalisierte, lauter 10er auf der Beurteilungsskala bekam, zugleich aber er in Sachen Empathie und Wärme so zugeknöpft wirkte, dass kaum noch Minuspunkte übrig blieben, um seine Kongruenz zu beurteilen. Das tat fast weh. Wird mir Gleiches passieren, überstehe ich überhaupt die öffentliche Vorstellung meiner Aufnahmen im Seminar? Schließlich studiere ich Psychologie, um Menschen zu helfen. Bin ich aber überhaupt dazu geeignet?
Es ist 17.20 Uhr, und ich bin in der Klinik angekommen. In der luftigen Eingangshalle der Klinik ist eher frisch, erleichternd also. Erste Glastür links, da beginnt die Poliklinik, die Ambulanz der Psychiatrischen Klinik. Ein schneller Blick auf die Stühle des Wartebereichs, und ich atme auf: Es sitzt keiner da. Vielleicht kommt er gar nicht. Das wäre für ihn vielleicht am besten, für mich aber um so mehr. Von der Erwartung  ein wenig gestärkt, dass heute vielleicht keine Sitzung stattfinden wird, begebe ich mich in den vorgesehenen Therapieraum und beginne, das schwere Tonbandgerät zu installieren. Ich lege ein unbespieltes Band auf und gehe auf die Tür zu, um mich endgültig und über alles entlastend zu vergewissern, dass keiner auf mich wartet.
Erbarmen! Da sitzt einer, ein relativ junger Mann, blass, dunkelblond, in hellbeigem Anzug. Anfang 30 wird er sein, sieht nett, ungefährlich aus. Ob er meiner ist, oder wartet er vielleicht auf jemand anderes. Ich gehe mit bewussten, Sicherheit vortäuschenden Schritten auf ihn zu:
 “Warten Sie auf mich... eh... sind Sie Herr X?”.
Er schaut mich freundlich, mit traurig-ängstlichen Augen an und nickt mir zu. Ich reiche ihm die Hand und bin erstaunt, seine ist noch kälter und nasser als meine. Hat er Angst? Etwa vor mir? Ich lade ihn in den Therapieraum, biete ihm einen Stuhl an und frage irgend etwas, was das Gespräch in Gang bringen soll, jetzt aber nicht mehr rekonstruieren kann. Heute hätte ich vermutlich gefragt, wobei ich ihm helfen könnte. Ob es damals für Studenten, die GT lernen wollten, andere Formeln gab, kann ich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Über irgend welche Wege, die ich ebenso wenig rekonstruieren kann, erfahre ich, dass sein Problem das Stottern sei.
An dieser Stelle erinnere ich mich, dass ich das Tonbandgerät einschalten soll. Er ist einverstanden, obwohl ich ihm sicher alle möglichen Gründe angeboten habe, das abzulehnen. Er ist ohnehin bereit, alles, was ich ihm vorschlage, mitzumachen. Mit diesem freundlichen Patienten habe ich einen Joker gezogen, wohl das Glück des Erstlings. Er stottert und erzählt. Ich verbalisiere, so gut ich kann, in zuweilen sicherlich gebrochenem Deutsch. Für einen virtuellen übergeordneten Beobachter wäre dies vermutlich eine sonderbare, vielleicht sogar witzige Inszenierung.
Dem Schicksal sei gedankt, dass es damals noch keine Einwegscheiben gegeben hat. Wir hatten eben keine Zeugen. Nach rund 50 Minuten eines für uns beide zunehmend angenehmer werdenden Gesprächs beenden wir die vorführbare, auf Band aufgenommene Sitzung. Wir stehen auf, ich schalte das Gerät ab, und wir beginnen, miteinander “normal” zu plaudern. Mit kommt es vor, als ob wie beide intuitiv wüssten, worauf es wirklich ankommt. In diesem “Nachgespräch” ist einiges anders. Er beschreibt sich nicht mehr mit Hilfe von Pathologisierungen, spricht also nicht nur über seine Defizite, ich wiederhole nicht mehr, pardon: ich verbalisiere nicht mehr, sondern sage, was ich denke. Wir sprechen miteinander wie zwei Menschen, die Interesse aneinander haben. Ich fühle mich tatsächlich “kongruent”.
Wir verabreden einen nächsten Termin, er verabschiedet sich, ich setze mich hin und habe plötzlich das unsagbar gute Gefühl, meine erste Therapiestunde überlebt zu haben. Es ist plötzlich alles ganz leicht, als hätte ich nie etwas anderes im Leben getan. Ich schwebe geradezu. Das Tonbandgerät wiegt nicht mehr so viel, und es ist erträglich warm.
Ich weiß wirklich nicht zu sagen, ob das Ganze tatsächlich genutzt hat, habe allerdings das untrügliche Gefühl, dass Herr X nach einigen Gesprächen weniger stotterte. Er spricht spürbar modulierter und weniger auffällig. Ich meine mich zu erinnern, dass es mir dies bestätigt hat. Was ich aber sehr genau weiß, ist, dass wir ein Ritual etablierten, wonach wir jedes Mal nach 50 Minuten des Redens nach Programm das Gerät abzuschalten und die nächsten 10 Minuten damit verbrachten, miteinander wieder “normal” zu reden.
Heute bin ich sicher, von meinen GT-Anleitern, immerhin tollen Dozentinnen und Dozenten wie Ursula Plog, Eva-Maria Biermann-Ratjen, Hanko Bommert und Jochen Eckert, viel gelernt zu haben. Wäre ich dazu in der Lage, würde ich gern und dankbar anerkennen, dass nicht wenig von dem, was ich an meinem heutigen Therapieansatz gut finde, von ihnen angestoßen wurde. Leider mischten sich in den Jahren danach die vielen Einflüsse so sehr, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt allenfalls imstande bin, die neuesten darunter zu benennen.
Dem Herrn X aber, der mir so viel Geduld und Sympathie entgegen brachte, verdanke ich weitaus mehr, als ich in Worten beschreiben kann. Er war der erste einer ziemlich langen Reihe von Hilfe Suchenden, die mich seitdem beruflich begleitet haben. Von ihnen habe ich gelernt, dass sie es waren, die Veränderungen vollbrachten, und dass mein Einfluss sich darauf beschränkte, für eine möglichst gute Atmosphäre und einige wenige Anregungen zu sorgen.



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