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systemagazin special: "Das erste Mal"
Wiebke Otto, Hans Schindler: Unser erstes Mal

Wir berichten gemeinsam vom Beginn unserer systemtherapeutischen Praxis, weil dies dem ganz Besonderen unseres Anfangs entspricht. In Dialogform wollen wir reflektieren, was damals vor mehr als 18 Jahren stattfand.
Hans: Wichtig sind für mich erst einmal Vorgeschichte und Kontextbedingungen. Ich habe meine Familientherapieausbildung ab 1984 in einer Gruppe des Weinheimer Instituts gemacht, während ich eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni in Bremen hatte. Meine Praxismöglichkeiten waren in der Zeit gleich Null. Als die Uni-Stelle ausgelaufen war, bekam ich eine ABM-Stelle in der Beratungsstelle der „Solidarischen Psychosozialen Hilfe e.V.“ , einem Selbsthilfeprojekt in Bremen. Die Nachfrage nach kostenloser Beratung/Therapie war zu dieser Zeit in diesem Projekt gigantisch. Meine Weiterbildungszeit stand vor ihrem Ende und ich war gierig nach den bis dahin fehlenden Praxiserfahrungen.
Wiebke: Ich kam damals aus dem klinischen Alltag der Psychiatrie, war sehr entschieden, die systemische Familientherapie zu erlernen und hatte – aus heutiger Sicht- das unglaubliche Glück, aufgrund von damals noch verfügbaren Förderungsmöglichkeiten seitens des Arbeitsamtes über zwei Jahre wöchentlich zwei Tage an meinem Ausbildungsinstitut (NIK Bremen) und drei Tage in der „lernenden Praxis“ zu verbringen. Zunächst im sozialpsychiatrischen Dienst in Bremen und dann in der „Solidarischen Psychosoziale Hilfe e.V“.
Hans: Der Mut den ich/wir damals hatten, ist für mich im Nachhinein nur aus der intensiven Zusammenarbeit zu erklären. Jedes Gespräch haben wir vor- und nachbereitet. Anfangs haben wir die KlientInnen nach Hause geschickt und brieflich unsere Kommentare zugesandt, wenn uns nicht gleich etwas eingefallen ist.
Wiebke: Wir haben uns in unserer Anfangsunsicherheit gegenseitig sehr gut unterstützen können, wollten uns beide „systemisch“ entwickeln, waren im Binnensystem gleichwertig, da wir uns beide als Lernende oder „sich in Entwicklung Befindliche“ definiert haben und  konnten uns so „professionell“, wie es uns damals möglich war, positionieren.
Hans: Unser erster längerer therapeutischer Prozess, war eine Paartherapie. Ich erinnere noch viele Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, nicht die Fragen so gestellt zu haben, die allparteilich waren. Oft hatte ich bereits bei der Formulierung die Befürchtung, jeweils den/die Andere implizit abzuwerten. Das Paar war sehr mutig und willigte schließlich ein, dass wir eine Sitzung vor meiner Ausbildungssupervisionsgruppe durchführen konnten und wir gleichzeitig das Gespräch auf Video aufnehmen konnten. Mit diesem Video sind wir dann in Wiebkes Ausbildungsgruppe gegangen und haben es vorgeführt und Rückmeldungen geholt.
Wiebke: Ich erinnere mich da sehr viel unspezifischer. Für mich war es damals schwierig, mich überhaupt zu zeigen mit unserer Arbeit, und es war sowohl in deiner als auch in meiner Weiterbildungsgruppe für mich ein bedeutsamer Schritt. Ich erinnere mich aber noch sehr genau, wie hilfreich es mir war, nicht allein auf der therapeutischen Seite zu sitzen. Wenn wir vor einem Paar saßen und  ich hatte das Gefühl, uns fällt beiden nichts Rechtes ein, konnte ich das wesentlich besser aushalten und mein innerer Zensor war deutlich stiller und dann war letztlich mehr Kraft da, eine neue Frage zu „erfinden“.
Hans: An eine andere Paartherapie habe ich eine ganz besondere Erinnerung. Mit dieser Geschichte versuchen wir heute noch unseren WeiterbildungsteilnehmerInnen Mut zu machen. Es war die dritte oder vierte Sitzung und ich hatte mit den ersten drei Fragen – siehe oben allparteiliche Formulierungen -  die beiden so aufeinander “gehetzt“, dass wir ganz irritiert waren. War das ihre Energie oder mein Unvermögen? Um dies zu prüfen, baten wir die KlientInnen aufzustehen, noch einmal ins Wartezimmer zu gehen. Wir wollten das Gespräch noch einmal neu beginn. Und siehe da, der zweite Start verlief anders – nach unserer Einschätzung damals sehr viel konstruktiver.
Wiebke: Dann fällt mir noch unsere erste Therapie mit einer psychiatrischen Klientin ein. Sie kam nach einem kurzen Aufenthalt in der Psychiatrie in unsere Beratungsstelle. Auch diese Gespräche führten wir zu zweit. Lange fiel es uns schwer, Hypothesen für den Sinn ihres „verrückten“ Verhaltens in der Krise zu finden. Nach mehr als 30 Terminen hatten wir plötzlich eine Hypothese, die uns die Situation der verschiedenen Geschwister und des Vaters mit der Krise der Klientin in Verbindung bringen ließ. So begeistert wie wir plötzlich über unsere Idee war, so sehr ernüchterte uns der Blick auf unseren bisherigen Aufzeichnungsberg: „Boscolo oder Cecchin wäre auf diese Idee spätestens in der zweiten Sitzung gekommen“ war der Satz unseren behutsamen Selbstabwertung.
Hans: In unserer ersten Familientherapie erschien eine Mutter mit ihrem Anfang 20jährigem Sohn, der Angstsymptome zeigte, seine Lehre abgebrochen hatte, nicht zur Musterung gegangen war und nur noch selten das Haus verließ. In der Wohnung stritt er sich vor allem mit dem neuen Freund der Mutter. Nach zwei Gesprächen mit Mutter und Sohn entwickelten wir die Überlegung, dass es sinnvoll sein könne, den geschiedenen Vater, den der Sohn hin und wieder im Park auf einer Bank sitzend treffe, mit einzubeziehen. Der Sohn erklärte sich bereit, den Vater einzuladen. Waren wir im ersten Moment begeistert, dass der Vater wirklich gekommen war, so stellten wir bald fest, dass der Vater sich Mut angetrunken hatte. Dies führte nach kurzer Zeit dazu, dass die Mutter protestierend den Raum verließ. Aber auch ein Gesprächs zwischen Vater und Sohn war nicht möglich. Schließlich war es gar nicht so einfach den Vater am Ende davon zu überzeugen, dass die Zeit um sei. Dies bedeutete das Ende dieser Gesprächssequenz. So unangenehm diese Sitzung auch war, so konnten wir uns doch dafür anerkennen, dass wir die Sitzung ohne fremde Hilfe (Polizei) und ohne Beeinträchtigung der Nachbarn hatten abschließen können.
Wiebke: Wie wird man denn nun eine gute Praktikerin, ein guter Praktiker? Heute halte ich mich für eine gute Therapeutin, methodisch sicher, gut strukturiert, trotzdem auch intuitiv und assoziativ arbeitend...gleichzeitig kann ich den Weg dorthin noch lebhaft erinnern. Anfangs lief immer eine innere Stimme mit, die mich häufig warnte, kritisierte, antrieb und nur selten lobte. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass ich vielleicht nicht sehr hilfreich sein, aber zumindest keinen Schaden anrichten würde. Wie befreiend war es dann (einige Jahre später!) zu bemerken, dass ich beim Arbeiten nicht mehr denke, dass ich spontan und „aus dem Bauch heraus“ agiere. Paradoxerweise wirkt dann alles  selbstverständlich, und trotzdem gibt es das Wissen, dass es  nicht anders geht, als sich mit allen anfänglichen Unsicherheiten auf den Weg zu machen. Den eigenen Stil kann man/frau nur im Tun entwickeln und therapeutische Leichtigkeit gewinnt man eben nicht durch das Lesen von Lehrbüchern.
Hans: Rückerinnerungen an den Anfang der beraterischen/therapeutischen Arbeit lassen viele kribbelige Situationen vor meinem inneren Auge entstehen. Aus den ersten zwei Jahren fallen mir mehr „Geschichten“ ein als aus den folgenden sechzehn. Dies könnte dafür sprechen, dass wir aus diesen Situationen gelernt haben und daher immer seltener „geschichtenträchtige“ Situationen auftreten. Oder bin ich heute weniger sensibel? Ich spüre zum einen in mir eine Tendenz zur Idealisierung der Anfangszeit. Aus der Metaperspektive sehe ich aber auch einen anderen Prozess. Ich frage mich schon lange nicht mehr, wie hätte Boscolo hier gefragt oder Watzlawick interveniert. Insofern sehe ich die Anfangsjahre als Grundsteinlegung meines persönlichen Stils.



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