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systemagazin special: "Das erste Mal"
Hans Lieb: Lernen ohne Modell - welch ein Glück!

Mein Name ist Hans Lieb. Ich bin Lehrtherapeut in Verhaltenstherapie am IFKV Bad Dürkheim und systemischer Therapie im IFW Weinheim. Meine ersten therapeutischen Versuche habe ich 1978 als Praktikant in einer psychosomatischen Klinik gemacht. Ich habe das überlebt, bestanden und bin dort durch viele positive Bestärkungen von Kollegen und Leitern mutiger und in meinem Selbstbild gefestigter geworden.
Ich habe kein entmutigendes Trauma und hatte das Glück, keine großen Modelle vorgesetzt bekommen zu haben (was mir zwar auch fehlte, aber eben auch etwas ersparte), weder als Person, noch als fertiges Curriculum, noch sonstwie. Meine "ersten Male" als Therapeut haben nur meine Mitpraktikanten und die Patienten erlebt und wir fanden uns gegenseitig schon recht gut. Ich bin also nicht durch große Vorbilder
entmutigt, sondern durch die gegenseitige Beurteilung durch Psychotherapielehrlinge ermutigt worden. Was mir damals fehlte (curriculare Anleitung, große Vorbilder usw.), erwies sich im nachhinein auch (aber nicht nur!) als lehrreich. Wir Praktikanten hatten sogar den heimlichen Größenwahn, uns im geheimen manchmal besser zu finden als die schon lange klinisch tätigen und gefestigteren Kollegen.
Uns wurden Patienten zur Therapie zugewiesen, für deren Behandlung wir vom Klinikleiter supervidiert wurden. Keiner hat uns kritisch auf die Finger geschaut; wenn wir mit Fragen kamen, haben wir Antworten bekommen.
Ich war mit anderen "Lehrlingen" zusammen ehrgeizig und aufstrebsam. Wir durften innerhalb und außerhalb der Arbeitszeit an Klinikkolloquien teilnehmen und mitreden. Keiner hat uns merken lassen, dass wir "nur" Anfänger seien.
Ich glaube, das größte Geschenk damals dafür, bis heute nicht entmutigt und eingeschüchtert, sondern mutig und experimentierfreudig zu sein, war der Umstand, dass mir/uns Praktikanten seitens der Klinikleitung von Anfang an "echte" Patienten ohne Aufsichtskontrolle anvertraut worden sind.
Später hatte ich dann das Glück, mir meine diversen Lehrer aus den verschiedenen Fortbildungsangeboten, die es damals in Deutschland frei und ohne curriculare Vorgaben gab, auszusuchen und an ihnen nach meinem Stil und meinem Gusto zu lernen (oder sie zu kritisieren). Kurz: Es war ein Klima gegenseitigen Vertrauens; Psychotherapie im klinischen Bereich war gerade im Kommen (jedenfalls im mir damals wichtigen VT-Bereich).
Das curriculare verschulte Ausbildungssystem von heute und die darin tätigen Dozenten, die ja meistens ihre Erfolge und nicht ihre Misserfolge zeigen, haben andere Vorteile. Kollegen lernen heute eine Fülle von Dingen, die mir fremd waren und fremd bleiben. Ich weiß nicht, was am Ende besser ist für die Therapierenden und die Therapierten.
Mein zweiter Beitrag ist eine in einem Kurs spontan entwickelte Übung:
"Meine Lernkrise". Hintergrund: die von Tom Levold angesprochene Situation, in der Teilnehmer ent- statt ermutigt aussehen, kenne ich zur Genüge. Einmal hatte ich bei und mit einem Ausbildungskurs folgende Übung entwickelt/durchgeführt, bei der jeder seinen "Stuck State des Lernens" genauer anschauen kann nach dem Motto: Was ist mein Lernmuster, wie erzeuge ich mir meine Lernkrise und wie komme ich wieder heraus. Das Ergebnis ist eine Reflexionsübung, die ich Interessierten hiermit bekanntmachen möchte:


Übung: „Inkompetenz – Krise“

Anlass: Berichtete Inkompetenzgefühle von Teilnehmern, aktuell ausgelöst durch meine Präsentation systemischer Arbeit: „Das kann ich nie ...“ und ähnliche Kommentare.

Gedanke dazu:

  1. Inkompetenzgefühl setzt einen inneren Vergleich voraus (mit anderen, einem Ideal).
  2. Es kann auch durch mangelnde Didaktik erzeugt werden, dann liegt die Ursache außen.
  3. Es kann eine innere Krise sein gegenüber eigenen Ansprüchen.
  4. Hypothese: Für diese innere Krise („hausgemacht“) gibt es wie im Krisenseminar verschiedene Bewältigungstypen:
Gruppe 1: Die Dichotomen (zwischen Größenwahn und Verzweiflung): „Eigentlich sollte ich das schon/sofort können.“

  • Wer hat dich auf (den) einen Thron gesetzt und du bist in Gefahr zu stürzen / fallengelassen zu werden?
  • Was darfst du dir noch nicht ein- oder zugestehen – was du an dir bisher vielleicht verachtet hast oder hättest?
  • Was darfst oder müsstest du dir erlauben, um lernen zu können?
Gruppe 2: Die „ewigen Zweifler“: „Ich schaffe es ja doch nie!“

  • Wer (was) wurde mir als unerreichbares Ideal – von wem – vorgesetzt?
  • Welchen Preis habe ich dafür bezahlt, mich dem unterzuordnen?
  • Welchen Gewinn habe ich dadurch gehabt, wovon war ich auch frei?
  • Von wem – inklusive von mir selbst – brauche ich eine Ermunterung / Bestärkung / Erlaubnis oder hätte sie gebracht, um mich lernen und weiterentwickeln zu lassen?
Gruppe 3: „Die fertig Geborenen“: „Ich kann es schon!“
  • Wer hat mich (für immer) auf diesen Thron gesetzt?
  • Worin oder womit fühlte ich mich alleingelassen und hätte Verständnis oder Bestärkung gebraucht?
  • Welchen Preis hast du für diese „Rolle“ bezahlt (oder auch: Wie hältst du sie dir aufrecht)?
  • Wofür könntest du dir eine Erlaubnis geben, was dir eingestehen und wozu würde dich das frei machen?

Gruppe 4: „Jenseits von oben und unten“: „Ich kann was und lerne dazu.“
  • Worauf vertraust du, wenn du in oder mit deiner Arbeit in eine Krise kommst?
  • Wer hat dir dieses Vertrauen in dich mitgegeben?
  • Falls es zutrifft: Von welchem Bild von dir (als Therapeut) hast du Abschied genommen – was darfst du dir zugestehen?
  • Welcher Wert ist dir wichtiger als beruflicher Erfolg?

Didaktik:

Untergruppenbildung mit Kommentar, dass es sich um Phasen und Typen mit besonderer Ausprägung handelt und niemand in solchen Rollen festgeschrieben ist. Ausprobieren, wohin ich jetzt passe. Hinweis, dass dem eine Norm unterliegt („Gruppe 4 ist die beste“). Vorab darauf hinweisen, dass in jeder Gruppe Fähigkeiten (und sei es nur des Leidens?) enthalten sind.



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