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systemagazin-special: "Besondere Begegnungen"

Hartwig Hansen: Die Letzten sollen die Ersten sein. Martin Kirschenbaum und sein Umgang mit Zeit


Anfang 1998 in einem Hinterhof in Hamburg-Altona. Ein großer, ausgesprochen unbehaglich eingerichteter Saal mit einer Bestuhlung aus den frühen Siebzigern (wenn überhaupt) an der Wand entlang. An der Stirnseite drei Sesseln – ehemals wohl gelb, jetzt ockerbraun. Im mittleren Martin Kirschenbaum, unser Ausbilder und unbestrittene Chef der Veranstaltung. Neben ihm Erika Johanna Trampe als Co-Leiterin und Robin Alexander, der Übersetzer.
Thema des Seminars heute: Die Bedeutung der Geschwisterfolge in der Paar- und Familientherapie.
Martin – wir duzen ihn und er uns – fragt: „Und wer von euch ist Einzelkind?“
Vier Arme erheben sich, die Einzelkinder werden gebeten, ihre Situation in der Kindheit aufzustellen und zu beschreiben, wie es ihnen ergangen ist. Was es emotional bedeutet, alleiniger Stammhalter oder einzige Prinzessin zu sein. Martin liebt Live-Arbeit, darin ist er einzigartig und brillant – sei es mit den regelmäßig zu den Seminaren eingeladenen Live-Familien, sei es bei der „Demonstration am lebenden Ausbildungssubjekt“. Heute erfahren wir viel über Einsamkeit und Geschwisterwunsch, über Sehnsüchte und Sturköpfigkeit.
Der erste von drei Tagen ist wie immer intensiv, ausgesprochen lehrreich – und schnell vergangen.
Am zweiten Tag kommen die „Ältesten“ dran, die verantwortungsbewussten „Bannerträger“ und die ergebnisorientierten Traditionalistinnen. Es ist erstaunlich, wie sich die Schilderungen der Erstgeborenen ähneln. Mir wird beim inneren Abgleich mit unserer Familie bewusst, wie prägend die Geschwisterposition in frühen Jahren offenbar tatsächlich ist für späteres Erleben und Verhalten und bleibe neugierig, was die Zweitgeborenen zu berichten haben. Das seien die „emotionalen Container“ der Familie, lernen wir, die die Gefühle und Schwingungen im System aufnehmen und „bunkern“. Drei von ihnen kommen noch an diesem zweiten Tag in der Live-Arbeit mit Martin und Johanna dran.
Am dritten Tag ist Platz für die restlichen Zweiten und die aufmüpfigen Dritten in der Geschwisterfolge, die kleinen Rebellinnen und Sucher nach neuen Wegen.
Immer wieder entdecke ich Parallelen zu den „Charakteren“ meiner drei Geschwister und bin emsig am Mitschreiben der Aha-Erlebnisse.
Am Nachmittag dieses dritten und letzten Tages schwant mir aber etwas anderes: Wir sind jetzt bei den letzten Dritten, aber ich bin Viertgeborener – und komme nicht mehr dran!
Ich werde nervös, unruhig, verfalle in alte Gefühle („Siehste, immer werde ich übersehen!“) schließlich richtig wütend und gleichzeitig verzagt, dass es Martin und seine Crew mal wieder nicht geschafft haben, die Zeit so einzuteilen, dass alle drankommen. Wie gesagt: Martin liebt die Live-Arbeit, er kann gar nicht genug davon bekommen. Das ist seine Struktur, Zeitpläne bedeuten ihm wenig.
Es ist halb fünf, um 17 Uhr wird Martin diesen unwirtlichen, aber wieder ausgesprochen lehrreichen Ort verlassen. Wir werden ihn lange nicht wiedersehen – und das nächste Ausbildungsseminar hat ein neues Thema … Was soll ich machen? Ich transpiriere.
Nach dem letzten Dritten gehe ich in die frustrierte Offensive, werde „kiebig“. Ich nörgel rum, ich beschwere mich, dass die Viertgeborenen jetzt hier offenbar noch einmal das erleben (müssen), was sie in den Familien erlebt haben: Der Kleine sein, der noch nicht so richtig zählt. Kommt nicht mehr zu Wort, wird übersehen, muss sich abfinden …
Grummeln im Saal, Stöhnen, Schweigen. Ein anderer Viertgeborener beschwert sich, dass ich ihm und mir durch diese „Grundsatzdebatte“ noch die letzten Minuten rauben würde, der harmonische Ausklang eines fundamental wichtigen Seminars ist gefährdet, die Stimmung mies – nicht nur meine.
Martin hört zu – und entscheidet dann: „Wir machen einen Extratag vor dem nächsten Seminar – kostenlos – und da sind dann nur die Viertgeborenen dran.“
Einerseits fühle ich mich vertröstet, aber die Wut verfliegt. Mein ungestümer Aufstand eines „Kleinsten“ hat sich offenbar gelohnt.
Im August 1998 macht Martin sein Versprechen wahr: Diesmal werden die Letzten die Ersten sein. Dieser Tag „extra für uns Schlusslichter“ wird zu einem Wendepunkt in meinem Leben. Und alles nur, weil Martin Kirschenbaum manchmal gerne die Zeit vergisst …
Aber das ist eine andere Geschichte und gehört nicht ins Internet. Ich denke in großer Dankbarkeit an diesen Tag und an diesen großartig gelassenen Ausbilder zurück.



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