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Neuvorstellung zur Übersicht
01.11.2012
Jan V. Wirth & Heiko Kleve (Hrsg.): Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie
Jan V. Wirth & Heiko Kleve (Hrsg.): Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie Carl Auer Verlag, Heidelberg 2012

507 S., gebunden

Preis: 54,00 €

ISBN-10: 3896708279
ISBN-13: 978-3896708274
Carl-Auer-Verlag





Jürgen Beushausen, Edewecht:

Mit den Herausgebern Jan V. Wirth und Heiko Kleve geben die insgesamt 91 AutorInnen einen Überblick über die Grundlagen des systemischen Arbeitens. Ergänzt wird das umfangreiche Werk durch einen Anhang mit einem Namen-, Autoren- und Sachregister, indem u. a. auf Nachschlagewerke, Zeitschriften und Internetseiten verwiesen wird.

Herausgeber des Werkes sind Jan V. Wirth, der eine Professur für Methoden Sozialer Arbeit im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule Emden verwaltet, und der Sozialarbeiter, Soziologe, systemische Berater und Supervisor (DGSv) Heiko Kleve, der als Professor an der Fachhochschule Potsdam lehrt. Den Herausgebern gelang es für die einzelnen Beiträge renommierte Autorinnen zu gewinnen, die die Vielfalt systemischer Konzepte spiegeln.

Das Lexikon bietet im Kontext systemischer, konstruktivistischer Ansätze mit der Darstellung von 141 Grundbegriffen ein informatives Nachschlagewerk für die Praxis im Feld der Beratung, Therapie, Supervision, Erziehung und Organisationsentwicklung. Die Beiträge gliedern sich in drei Schwerpunkte. Im Bereich Praxis werden Phänomene, beispielsweise der Abhängigkeit oder des Traumas, fokussiert, im Bereich Methodik werden beispielsweise das Familienbrett, das Hypothetisieren oder die Körperarbeit erläutert. Im Feld der Theorie werden verschiedenste Grundbegriffe vorgestellt, „um der Komplexitätszunahme der Praxisphänomene mit einer angemessenen Theoriekomplexität zu begegnen“ (S.11).

Die Begriffe werden in den ca. dreiseitigen Artikeln jeweils zu Beginn erläutert, in den systemischen Kontext eingeordnet und auf die Praxis bezogen. Querhinweise auf andere Begriffe sind integriert. Den Abschluss des Beitrages bilden Quellenangaben und weiterführende Literaturhinweise.

Aus einer konstruktivistischen Perspektive entscheidet jeder Leser nach seinen subjektiven Kriterien die Auswahl der Beiträge. Für mich beinhaltet das Lexikon für den Bereich der Methodik und Praxis die wesentlichen Begriffe. (Eventuell könnte der Settingbegriff ergänzt werden.) Bei einer Neuauflage wünsche ich mir die Ergänzung theoretischer Begriffe (z.B. Nicht-triviales System, Homöostase, Konstruktivismus, Code, Grenzen, Chaos, Gestalt, Gesundheit, Bifurkation). Beachtet werden sollte hierbei, dass kein großes Vorwissen vorausgesetzt wird, da einzelne der theoretischen Beiträge (z.B. Körper, Sinn) für Neueinsteiger schwer verständlich sind. Gleichzeitig wäre es hypertroph ein allumfassendes Werk zu erwarten.

Besonders empfehlenswert ist das Buch für Praktiker. Auch für Studenten wird sich das Lexikon als wesentliche Grundlage zur Erschließung systemischen Denkens erweisen. Damit sich auch dieser Personenkreis dieses wichtige Buch leisten kann, wäre ein günstigerer Preis als 54 Euro bei einer weiteren Auflage angenehm. Für die Ausbildung in der systemischen Beratung und Therapie wird dieses Lexikon sicherlich zu einem Standardwerk werden. Insgesamt erfüllt das Lexikon den Anspruch eines umfassenden Lehrwerkes für die Ausbildung und die Praxis.



Tom Levold: Eine Art systemisches Vademecum

Lexika sind Kinder ihrer Zeit. Sie geben ein Bild davon, was in einer gegebenen historischen Situation gelesen und gedacht wird. Insofern altern sie meist schneller als manche Monographie, die auch später noch gewinnbringend gelesen werden kann, selbst wenn viele Sachverhalte oder Aspekte schon überholt sind. Das gilt natürlich auch für Fachlexika, denn auch das Vokabular einer Fachrichtung oder einer therapeutischen Schule ändert sich mit der Zeit oder erhält andere Bedeutungen. Im Unterschied zu einem durchgängig konzeptualisierten Gesamttext bietet ein Lexikon allerdings die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Themen und Aussagen nebeneinander stehen zu lassen oder allenfalls mit Querverweisen zu verkoppeln. Das erlaubt maximale Vielfalt und die Einbettung auch divergenter Aspekte und Konzepte. Abgesehen von der alphabetischen Gliederung existiert dann natürlich - im Unterschied zu einem Lehrbuch, das wiederum den Gliederungsaspekt besonders genau nehmen muss - auch keine innere Ordnung der Texte, der man ohne Weiteres folgen könnte. Der Leser gliedert seine Lektüre selber durch Blättern, Springen zwischen einzelnen Beiträgen und lässt sich durch das Auftauchen immer neuer Stichworte und Querverweise inspirieren. Insofern ist die Lektüre eines Wörterbuchs viel stärker lesergesteuert als bei einer Monographie.

Der vorliegende Band wagt also durchaus ein Experiment, wenn er "Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie" in einem Nachschlagewerk für „die alltägliche systemische Beratung-, Therapie-, Supervisions-, und Erziehungspraxis sowie die Organisationsentwicklung“ zusammenzubringen versucht. Bereits 1984 erschien im Verlag Klett-Cotta „die Sprache der Familientherapie“, die sich vergleichsweise schlicht als „Vokabular“ auswies, aber einen „kritischen Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden“ versprach. Den Verfassern, Fritz B. Simon und Helm Stierlin, schwebte eine Integration der verschiedenen Denklinien und -traditionen vor, die bereits damals den systemischen Diskurs bestimmten. Neben einem Wörterbuch schwebte ihnen also ein „Lehr- und Einführungstext, mit dessen Hilfe der Leser sich in das Gebiet der System-und Familientherapie entsprechend seinen Bedürfnissen und seinem Rhythmus einarbeiten kann“ (Seite 10), vor. Wie der Titel schon zum Ausdruck brachte, finden sich in diesem Band viele Begriffe und Konzepte aus der Frühzeit der Familientherapie oder auch der Psychoanalyse, die im Laufe der Entwicklung systemischer Therapie immer weniger von Belang waren - zu einer echten Integration hat das nicht geführt. Ende der neunziger Jahre erschien denn auch zwangsläufig eine überarbeitete Neuausgabe, an der auch Ulrich Clement als Autor beteiligt war.

1989 wiederum veröffentlichten Günter Schiepek und Raimund Böse ein „Handwörterbuch systemische Theorie und Therapie“, das sich schon sehr viel spezifischer als Beitrag zu einer “Präzisierung der systemischen Terminologie“ positionierte und die inhaltliche Bandbreite dementsprechend enger fasste. In ca. 60 ausführlichen Stichwortartikeln, die ebenfalls sämtlich von den beiden Autoren geschrieben wurden, wurden die wesentlichen Konzepte der Systemtheorie, Synergetik und der Kybernetik zweiter Ordnung dargestellt, wobei die Theorie anders, als der Titel nahelegte, den eindeutigen Vorrang vor der Praxis hatte.

Im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ist offenbar der Markt wieder bereit für einen neuen Versuch. Dieses Mal haben sich Jan Volker Wirth und Heiko Kleve als Herausgeber an die Arbeit gemacht, mit ihrem „Lexikon des systemischen Arbeitens“ einen Querschnitt durch das aktuelle systemische Wissen zu erarbeiten. „Systemisches Arbeiten“ als offenbar breitestmögliche Klammer wird hier übrigens nicht in konkrete Arbeitsfelder wie Therapie, Beratung, Supervisionen oder ähnliches ausdifferenziert, sondern bleibt sehr allgemein gehalten, so dass sich jede Leserin eingeladen fühlen kann, sich mit ihrem eigenen Praxisfeld darin wiederzufinden.

Herausgekommen ist ein eindrucksvolles, über 500 Seiten starkes Buch im festen Einband, dass trotz seiner Dicke relativ leicht in der Hand liegt. Im Unterschied zu den anderen genannten Büchern haben sich Wirth und Kleve auf die Tätigkeit als Herausgeber kapriziert und über 90 Autorinnen und Autoren gewonnen, die einen oder mehrere Stichwörter in Artikeln von 2-4 Seiten vorstellen. Jeder Artikel beginnt mit einer kurzen Definition und einer theoretischen Darstellung, die den Begriff erklären und systemtheoretisch einordnen soll. Anschließend soll der Leser eine Antwort auf die Frage finden, wie an die präsentierten Phänomene oder Begriffe aus der Perspektive systemischer Praxis herangegangen werden kann bzw. welche Anwendungsmöglichkeiten für eine vorgestellte Methode in der systemischen Praxis bestehen. Es folgen jeweils Literaturhinweise, die eine vertiefende systemische Lektüre ermöglichen sollen.

An Autorinnen und Autoren haben die beiden Herausgeber einen eindrucksvollen Querschnitt der systemischen Szene gewinnen können. Das betrifft sowohl ausgewiesene Theoretiker wie u.a. Dirk Baecker, Peter Fuchs, Maren Lehmann, Albert Scherrer, Günter Schiepek, Rainer Schützeichel oder Rudolf Stichweh als auch systemische Praktiker aus dem Bereich der Therapie (etwa Reinert Hanswille, Tom Hegemann, Rudolf Klein, Kurt Ludewig, Wilhelm Rotthaus, Arist von Schlippe, Rainer Schwing, Gunthard Weber und viele andere), der sozialen Arbeit (u.a. Wolfgang Budde, Frank Früchtel, Johannes Herwig-Lempp, Ludger Kühling, Ulrich Pfeifer-Schaupp) und der Beratung von und in Organisationen wie zum Beispiel Andreas Kannicht, Fritz B. Simon, Rudi Wimmer usw.

Wie bei allen anderen Wörterbüchern und Lexika ist die Frage nach der Auswahl der Lemmata von zentraler Bedeutung. Die Herausgeber schreiben in ihrer Einleitung dazu: „Die Auswahl der Grundbegriffe und ihre zum Teil substantivische Erscheinungsform ist – wie jeder Auswahl – willkürlich, aber nicht beliebig und nicht zuletzt auch das Ergebnis eines sich mehr und mehr weitenden Horizonts auf Seiten der Herausgeber. War zuerst nur an griffige '101 Grundbegriffe' gedacht, wurden daraus mehr und mehr Beiträge.“ Es gab also wohl weniger einen Masterplan als ein lockeres Konzept, das sich dann in der Korrespondenz mit den zahlreichen AutorInnen immer weiter materialisierte. Allfällige Nichtberücksichtigungen wichtiger Begriffe, so wird jedenfalls in der Einleitung in Aussicht gestellt, könnten in zukünftigen Neuauflagen korrigiert werden.

So wird jeder für sich sehr schnell auf bestimmte Lieblingsbegriffe stoßen oder aber diese vermissen, auch die subjektiven Erwartungen an die Texte dürften in unterschiedlichem Maße erfüllt oder enttäuscht werden. Als jemand, der sich insbesondere für das Thema der affektiven Kommunikation interessiert, fehlte mir z.B. eine Darstellung der Begriffe Affekt, Gefühl und Emotion und ihrer kommunikativen Bedeutung. Peter Fuchs' Beitrag zum Stichwort „Gefühl“ hätte ohne Probleme auch als Beitrag zum Stichwort „Bewusstsein“ durchgehen können - die bei Fuchs vielleicht zu erwartende Engführung auf die Luhmannsche Perspektive (in der Affekte bekanntermaßen nur eine sehr randständige Rolle spielen) lässt die Bedeutung, die das Thema mittlerweile doch im systemischen Feld gewonnen hat, nicht erkennen.

Der Artikel von Olaf Maaß über „Helfen“ ist theoretisch brillant, aber so abstrakt, dass der praktische Bezug (gerade auch hinsichtlich der kommunikations- und interaktionstheoretischen Dilemmata von Hilfe als professionellem Funktionssystem in der modernen Gesellschaft) eher verstellt wird.

Günter Schiepek hat die Stichwörter „Diagnose/Diagnostik“ und „Evaluation“ übernommen, zwei Begriffe, die für die Identität des Systemischen Ansatzes von besonderem Stellenwert sind, grenzt dieser sich doch nicht zuletzt hierüber von „objektivistischen“ Diagnose- und Evaluationskonzepten ab. Leider bekommt man auch hier keinen Einblick in die systemische Auseinandersetzung zu diesen Themen, vielmehr nutzt Schiepek in erster Linie die Gelegenheit, seine eigenen synergetischen Modellbildungen und sein Synergetisches Navigationssystem als Evaluationsinstrument bekannt zu machen.

Dies sind natürlich nur subjektive Eindrücke aus Zufallsstichproben, auf so wenig Platz lässt sich eine umfassende Darstellung ohnehin nicht erwarten. Es lässt sich allerdings eine unterschiedliche Bereitschaft innerhalb der Autorengruppe konstatieren, den „State of the Art“ im Bereich systemischer Praxis aufzunehmen und einzubauen oder doch eher die eigene spezifische Perspektive zu betonen. Wenn man die Betonung auf „Lexikon“ zurückfährt, die doch einen eher einheitlichen Beobachtungsstandpunkt erwarten lässt, ist das aber überhaupt kein Manko des Buches. Im Gegenteil: Ich habe die Lektüre als ausgesprochen anregend erlebt. Man findet nicht immer das Erwartete oder das, wonach man sucht, wird aber mit spannenden Gedanken, Literaturverweisen und vielen Hinweisen auf andere Themen und Beiträge reich belohnt. Der Theorie-Praxis-Bezug, der im Titel als „Systemisches Arbeiten“ mitklingt, muss in jedem Fall vom Leser selbst hergestellt werden - die nichtlineare Möglichkeit der Lektüre, das Springen von Begriff zu Begriff erleichtert die Annahme oder Ablehnung der inhaltlichen Sinnangebote.

Neben der Verwendung als Nachschlagewerk (mit den genannten Einschränkungen) empfehle ich das Buch vor allem als eine Art systemisches Vademekum. Man kann danach greifen, es irgendwo aufschlagen und darin schmökern und hat gute Chancen, auf Ideen zu stoßen, mit denen man die eigene Praxis dann beobachten kann - ohne sich durch langwierige Passagen durcharbeiten zu müssen. Zu wünschen wäre dem Buch daher, dass viele LeserInnen daraus Erkenntnisfunken schlagen können.

Eine Kritik noch zum Schluss: Wie bei Lexika üblich, gibt es durch Pfeile dargestellte Verweise zu anderen Stichworten im gleichen Band. Hier haben die Herausgeber (oder der Verlag) jedoch eindeutig des Guten zuviel getan. Die - den Lesefluss störenden - Verweise sind sehr oft gar nicht hilfreich, weil sie für die Erläuterung des Kontextes, in dem sie stehen, keine spezifischen Hintergrundinformationen bieten. Einen absolut simplen Satz wie „Diese Konstellationen sind allerdings nur in kulturellen → Kontexten zu erwarten (→ Erwartung)“ mit zwei Verweisen auf die Begriffe Kontext und Erwartung zu unterlegen, die zwar zu spannenden Beiträge über die Bedeutung dieser Begriffe in der Luhmannschen Systemtheorie führen, welche aber in diesem Zusammenhang gar nicht von Relevanz sind, frustriert den Leser, der dann umsonst die Lektüre unterbrochen hat. Leider kommt das übermäßig häufig vor und für eine zweite Ausgabe (auf die man schon jetzt gespannt sein kann) würde ich mir ein gründliches Prüfen der Verweise in Hinblick auf ihre Notwendigkeit (oder Überflüssigkeit) wünschen.


Andreas Manteufel, Bonn:

Ein ordentliches Pfund, dieses Lexikon. Mehr als 90 namhafte Experten aus dem systemischen Feld knöpfen sich mehr oder weniger relevante systemische Begriffe vor und erläutern auf knapp drei Seiten deren Etymologie, inhaltlichen Kern und Anwendungsbreite in der systemischen Arbeit. Namen- und Sachregister sowie eine Aufzählung von systemisch orientierten Fachzeitschriften (print oder online) unterstreichen den Charakter des Nachschlagewerks. „Systemisches Arbeiten“ meint die Vielfalt von möglichen Beratungs-, Therapie-, Erziehungs-, Coaching-, Supervisions- oder noch anderen Kontexten, in denen heutzutage unter der Vorsilbe „systemisch“ gearbeitet und geforscht wird. Den Untertitel des Lexikons erläutern die Herausgeber folgendermaßen: „Der Bereich „Praxis“ steht für Phänomene, die von „Abhängigkeit“ über „Individuation“ bis „Trauma“ reichen […]. Der Bereich „Methodik“ umfasst diverse systemische Methoden von „Anamnese“ über „Körperarbeit“ bis „Zirkuläres Fragen“ […]. Der Bereich „Theorie“ rahmt Grundbegriffe von „Ambivalenz“ über „Gruppe“ bis „Zeit“, um der Komplexitätszunahme der Praxisphänomene mit einer angemessenen Theoriekomplexität zu begegnen.“ (aus der Einleitung, S. 11). Dass die Auswahl der Begriffe subjektiv und unvollständig ist und immer auch anders möglich wäre ( Kontingenz) ist, geben die Autoren gerne zu, garantiert es ihnen doch vielleicht den Zuschlag für einen zweiten Band des Lexikons (ebd.). Manche Einträge liest man mit Überraschung (Haushalt, Humor, …), andere hat man oft gehört und vielleicht doch noch nie richtig verstanden (VIP-Karte, Tetralemma, Steuerungsdreieck…), andere sind ubiquitär und man ist gespannt auf die systemische Deutung (Alltag, Jugendliche, Tod, Gewalt …).

Die Form eines solchen Lexikons (von A-Z) kann etwas suggerieren, was das Werk natürlich nicht einhalten kann und gar nicht vorgeben will. Das ist neben der völlig unrealistischen Hoffnung auf  Vollständigkeit die Annahme, dass „systemisches Arbeiten“ eindeutig zu definieren wäre. So vermittelt die Lektüre eher ein buntes Sammelsurium an Konzepten aus verschiedensten Bereichen als so etwas wie ein einheitliches Theoriegebäude. Die Unterschiedlichkeit der Begriffe und der  jeweiligen theoretischen Herangehensweise der Autoren (von der Luhmannschen soziologischen Systemtheorie bis zur synergetischen Theorie der Selbstorganisation) beweist die Vielfalt, nicht die Einheitlichkeit des Begriffs „systemisch“. Wer das liebt, wird gerne in dem Buch schmökern. Wer eine Antwort auf die Frage nach „der“ Systemtheorie sucht, wird enttäuscht. Eine Theorie, die so jung ist und sich in so lebendiger Entwicklung befindet, ist eben nicht in eindeutige Definitionen zu meißeln.

Die Querverweise durch Pfeile sind an vielen Stellen überflüssig, manchmal sogar unangebracht, da sie auf dasselbe Wort, aber mit ganz anderer Bedeutung verweisen. Damit erzeugt dieses lexikalische → Ritual nur
Irritation und stört den Lesefluss. Wer sich im systemischen Feld auskennt, kann solche Dinge für sich leicht auflösen ( Lösung). Wer gerade in diesem Buch eine erste Orientierung in der Systemtheorie und systemischen Praxis sucht, wird eher verzweifeln ( Krise). Außerdem sind alle Autoren durch die Knappheit der Artikel zu einer extrem sachlichen, leblosen Sprache gezwungen. In wie vielen Einzeldarstellungen auf dem systemischen Büchermarkt ist das ganz anders, gerade aus der Feder der hier versammelten Autoren!

Es wird
Zeit, die Stärken dieses Lexikons hervor zu heben ( Ambivalenz). In vielen Beiträgen werden die Bandbreite der Begriffe und die Vielfalt möglicher Definitionen sehr genau herausgearbeitet. Einzelne Lexikoneinträge (z.B. Intervention) sind auf einem hohen und innovativen Niveau der Diskussion angesiedelt. Zum Nachschlagen, Schmökern, Weiterfragen und Weitersuchen ist das bunte Potpourri an Begriffserklärungen bestens geeignet.  Man darf sich nur nicht von der Form täuschen lassen. Ein alternativer Untertitel könnte daher z.B. sein: „Von der Buntheit und Vieldeutigkeit systemischer Ansätze…“

(mit freundlicher Genehmigung aus ZSTB 4/2012)





Das AutorInnenverzeichnis und Einleitung als Leseprobe

Das Inhaltsverzeichnis aller Stichwörter als PDF

Eine weitere Rezension von Gernot Hahn für socialnet.de





Verlagsinformation:

Das „Lexikon des systemischen Arbeitens“ ist das Ergebnis einer mehrjährigen Zusammenarbeit namhafter systemischer Praktiker, Forscher und Lehrender im deutschsprachigen Raum. Es enthält Erklärungen zu 141 Grundbegriffen aus Praxis, Methodik und Theorie und unterstützt damit als transdisziplinäres, praxisorientiertes Nachschlagewerk die alltägliche Beratungs-, Therapie-, Supervisions- und Erziehungspraxis sowie die Organisationsentwicklung. Der Aufbau der Artikel folgt einem klaren Schema: Jeder Artikel beginnt mit der mehrsprachigen Nennung des Begriffs und einer Kurzdefinition: Was bezeichnet der Begriff bzw. die Methode? Wie kann an das Phänomen systemisch arbeitend herangegangen werden? Wie wird die betreffende Methode in der Praxis angewendet? Es folgen ausführliche Angaben zu den im Text verwendeten Quellen und eine Liste mit weiterführender Literatur. Querverweise verknüpfen die Stichwörter untereinander. Im Anschluss an den Lexikonteil folgt ein Anhang, der deutschsprachige Nachschlagewerke, bedeutende systemische Zeitschriften und aktuelle Internetseiten zum Thema „Systemisches Arbeiten“ verzeichnet. Ein umfangreiches Personen- und ein Sachregister schließen das Lexikon ab. Mit Beiträgen von: Eia Asen • Dirk Baecker • Christiane Bauer • Manfred Cierpka • Joseph Duss-von Werdt • Andrea Ebbecke-Nohlen • Thomas Friedrich-Hett • Peter Fuchs • Mohammed El Hachimi • Martin Hafen • Stefan Hammel • Reinert Hanswille • Johannes Herwig-Lempp • Roland Kachler • Andreas Kannicht • Sabine Klar • Rudolf Klein • Ludger Kühling • Anne M. Lang • Tom Levold • Kurt Ludewig • Johann Jakob Molter • Matthias Ochs • Gisela Osterhold • Sonja Radatz • Wolf Ritscher • Wilhelm Rotthaus • Günter Schiepek • Roland Schleiffer • Arist von Schlippe • Bernd Schmid • Rainer Schwing • Fritz B. Simon • Ingo Spitczok von Brisinski • Liane Stephan • Rudolf Stichweh • Manfred Vogt • Gunthard Weber • Susanne Wengler • Helmut Wetzel • András Wienands • Rudolf Wimmer • Michael Wirsching • u. v. a.


Über die Autoren:

Jan V. Wirth, Verwalt. Prof. an der Hochschule Emden/Leer mit der Denomination „Methoden Sozialer Arbeit“; Sozialarbeiter/Sozialpädagoge, Studium der Soziologie an der Freien Universität Berlin; Doktorand bei Albert Scherr an der Pädagogischen Hochschule Freiburg i. Br.; Systemischer Organisationsentwickler, Supervisor und Berater, NLP-Practitioner (ASH); Lehraufträge an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin und der Fachhochschule Lausitz. Aktuelle Forschungsgebiete: Systemische Theorie der Lebensführung, Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit, Sozialarbeitswissenschaft, postmoderne Hilfesysteme. Veröffentlichungen u. a. Helfen in der Moderne und Postmoderne. Fragmente einer Topographie des Helfens (2005).

Heiko Kleve, Prof. Dr., Sozialarbeiter/Sozialpädagoge und Soziologe sowie systemischer Berater (DGSF), Supervisor (DGSv)/systemischer Supervisor (SG), Konflikt-Mediator und Case Manager/Case Management-Ausbilder (DGCC). Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen sowie Fachwissenschaft Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Potsdam. Aktuelle Schwerpunkte in Lehre und Forschung: systemisch-konstruktivistisch und postmodern orientierte Theorien und Methoden Sozialer Arbeit. Autor mehrerer Fachbücher und zahlreicher Artikel, u. a. „Aufgestellte Unterschiede“ (2011), „Systemisches Case Management. Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit“ (3., überarb. Aufl. 2011), „Ambivalenz, System und Erfolg“ (2007).



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