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Neuvorstellung zur Übersicht
10.09.2010
Manfred Spitzer: Medizin für die Bildung. Ein Weg aus der Krise
Spitzer: Medizin für Bildung Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010

276 S., gebunden

Preis: 19,95 €

ISBN-10: 3827426774
ISBN-13: 978-3827426772
Spektrum-Verlag





Andreas Manteufel, Bonn:

Vor sechs Jahren gründete der Gehirnforscher Manfred Spitzer das „Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen“ an der Universität Ulm. Mit beträchtlichem Aufwand werden dort interdisziplinäre Studien zur Neurobiologie des Lernens und vor allem zu ihrer Umsetzung in die schulische Praxis durchgeführt. Spitzer ist also durchaus berufen, sich zum Thema Bildung zu äußern. Er schreibt, wie man es von ihm kennt, einen engagierten, persönlichen, manchmal aber auch holprigen Sprachstil. Einiges wiederholt er zu oft, vor allem den Leistungsvorsprung bayrischer Schüler im Vergleich der Bundesländer. Für meinen Geschmack stören auch die vielen Klammern den Lesefluss (man muss ja nicht alles mit einer eingeklammerten Randbemerkung garnieren). Gut also, dass das Buch in viele kleine Unterkapitel gegliedert ist, so dass man sich stets über den Stand der Lektüre orientieren kann.
In den ersten beiden Kapiteln ruft Spitzer die „Krise“ aus. Er kritisiert das föderalistische Bildungsprinzip, den Trend zur totalen Ökonomisierung und zerlegt die groß angelegten Pisa-Studien sowohl inhaltlich als auch methodisch. Ab dem dritten Kapitel werden dann in gewohnt anschaulicher Weise Fakten zur Gehirnentwicklung vermittelt, vor allem zu den Aspekten Plastizität, Gedächtnis und sensible Entwicklungsphasen. Fazit: „Lernen ist also beim Kind nicht das Gleiche wie beim Erwachsenen. Im Kind entsteht Struktur, der Erwachsene nutzt Struktur und modifiziert sie dadurch.“ (S. 119, Hervorhebung von A.M.). Vor übertriebenem Einsatz der viel beschworenen „neuen Medien“ warnt Spitzer aus entwicklungsbiologischer Sicht: „Ein Mausklick ist nichts weiter als ein Akt des Zeigens und gerade kein Akt des handelnden Umgangs mit einer Sache. Lerne ich also Sachen am Computer, so werden diese Sachen in mir schwächer repräsentiert als bei handelndem Umgang.“ (S. 129). In den weiteren Kapiteln werden Emotion, Motivation und Leistungsbereitschaft, Selbstbild und Persönlichkeit als Kontexte für Lernen dargestellt, immer in einer Mischung aus altbekannten psychologischen Begrifflichkeiten und neueren Befunden aus der Hirnforschung.
Nicht politische Reformen, so argumentiert Spitzer, sondern das Gewahrwerden der neurobiologischen Bedingungen für Lernen könne aus der Krise führen. Das ist insofern eine sympathische Haltung, als sie auf die eigentlichen Inhalte von Bildung hinweist und den Blick vom Ökonomischen wieder auf das Pädagogische lenkt. Und wenn schon monetär gedacht wird, so legt Spitzer nach, dann sei gute Bildung eine Investition in die Zukunft. Das ist, wie so viele Schlagworte in diesem Buch, politisch korrekt und erntet kaum Widerspruch, auch wenn wir uns bezüglich des Stellenwerts langfristigen Denkens und Planens in der kurzlebigen Tagespolitik keinerlei Illusionen hingeben.
Spitzer bekennt sich als Mediziner und verschreibt der Pädagogik Tugenden aus seinem Fachgebiet, eben „Medizin für die Bildung“. Ich wäre aber vorsichtig, die Medizin als leuchtendes Vorbild für andere Disziplinen hin zu stellen. Der Vorschlag eines „Mentorensystems“ für angehende Lehrer ist zwar gut. „Dieses in der Medizin längst übliche Arrangement (ein erfahrener Oberarzt betreut etwa ein Handvoll Assistenzärzte) sollte auch an Schulen zur Regel werden. Nur so kann sich eine Kultur der Diskussion über eigene Erfahrungen, eine erfolgreiche Weitergabe dessen, was funktioniert, und damit eine konstruktive kritische Atmosphäre bei der Reflexion des Verhaltens des Lehrenden einstellen“ (S. 220). Ich glaube aber, Herr Spitzer weiß selbst, dass dieses Ideal keineswegs die Realität an allen Kliniken abbildet. Ich finde überhaupt, dass das Bild, das Spitzer von unserer Pädagogik zeichnet, zu schwarz ist. Es stimmt nach meiner Erfahrung auch längst nicht mehr, dass die moderne Hirnforschung an Schulen nicht rezipiert wird, wie im Vorwort unterstellt wird (S. IX/X). Ein bisschen weit lehnt sich Spitzer als Bildungskritiker aus dem Fenster, ohne dann wirklich Originelles zu bieten. Vieles ist schon seit Jahrzehnten in psychologischen Lehrbüchern durchdekliniert worden, etwa die Anlage-Umwelt-Debatte der Intelligenz. Und ich halte es für überflüssig, derart viele Buchseiten darauf zu verwenden, die Bildungskrise – zum wievielten Mal? – zu beschwören. Das Buch macht die Bildung kränker als sie ist und verschreibt doch nur herkömmliche Therapien.
Am spannendsten erlebe ich die Lektüre dort, wo Spitzer wissenschaftliche Untersuchungen methodenkritisch seziert und in ihre politischen und ethischen Bezüge einordnet, natürlich in Relation zu seiner eigenen Werteskala. Wenn wir ehrlich sind, ist das ein Dilemma der Hirnforschung: Wer will, findet dort immer eine Bestätigung für seine Thesen, je nachdem welche Befunde er auswählt und wie er sie interpretiert.
In einem ist die Lektüre aller Spitzer-Bücher, auch des vorliegenden, immer wertvoll: In der verständlichen Übersetzung aktueller Hirnforschung in die Alltagssprache und der konsequent interdisziplinären Herangehensweise an das Thema Lernen und Bildung. Kaum jemand sitzt diesbezüglich so nah an der Quelle wie Manfred Spitzer und davon zu profitieren lasse auch ich mir nicht entgehen.





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Verlagsinformation:

Was kann die Bildung von der Medizin lernen? Sehr viel! So die überraschende Antwort dieses Buchs. Denn es gibt für die Bildung ebenso einen Weg aus der Krise wie für den entzündeten Blinddarm: indem man die richtigen Diagnosen stellt und die richtigen Therapien sorgfältig erforscht. Damit unsere Kinder gut durch die Schule kommen,sollten wir nicht auf politische Reformen hoffen, sondern auf das Wissen über Lernen und Lernerfolg setzen. Manfred Spitzer zeigt in diesem Buchbeitrag zur Bildungsdebatte einen Weg aus der Krise: Mit experimenteller pädagogischer Forschung begründet er Rahmenbedingungen für die Gestaltung und Bewertung von Schulleistungen, die psychologische Lern-und Lehrfähigkeiten von Lehrern und Schülern ebenso berücksichtigen wie die ökonomische Machbarkeit.


Inhalt:

1. Einleitung
2. Die Krise und die Kosten
3. Spuren im Gehirn
4. Welche Bildung?
5. Bildung durch die Umwelt
6. Entwicklung
7. Gehirn-Bildung
8. Persönlichkeits-Bildung
9. Herzens-Bildung: Angst und Glück
10. Motivation und Neugier
11. Selbstkontrolle und Leistungsbereitschaft
12. Medien
13. Lehrer-Bildung
14. Grundlagenforschung für die Praxis
15. Rückblick und Ausblick


Über den Autor:

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer studierte Medizin, Psychologie und Philosophie in Freiburg, war Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg, Gastprofessor an der Harvard-Universität und am Institute for Cognitive and Decision Sciences in Oregon. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaft, der Lernforschung und Psychiatrie. Seit 1997 ist er Ordinarius für Psychiatrie in Ulm. Er ist Herausgeber des psychiatrischen Anteils der Zeitschrift "Nervenheilkunde" und leitet das von ihm gegründete "Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen" in Ulm. Er moderiert eine wöchentliche Fernsehserie zum Thema Geist und Gehirn.



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