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Neuvorstellung zur Übersicht
14.11.2009
Werner Vogd: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung. Eine empirische Versöhnung unterschiedlicher theoretischer Perspektiven
Werner Vogd Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung Verlag Barbara Budrich, Opladen 2005

368 S. broschiert

ISBN-10: 393809446X
ISBN-13: 978-3938094464
Verlag Barbara Budrich





Andreas Eickhorst, Heidelberg:

In diesem Buch wird versucht, eine Verknüpfung zwischen der LUHMANNschen Systemtheorie und der qualitativen bzw. rekonstruktiven Sozialforschung aufzuzeigen. Neben einer ausführlichen theoretischen Herleitung der Hintergründe, Chancen und Probleme bei dieser Verknüpfung werden in drei Kapiteln Anwendungen des beschriebenen Ansatzes in einem medizinischen Kontext vorgestellt. Dabei wird insbesondere auf die Dokumentarische Methode nach BOHNSACK zurückgegriffen. Das Buch setzt einen sehr vielversprechenden Ansatz in akribischer Weise gut um. Der Transfer zwischen Theorie- und empirischen Teil und deren Aufbereitung für die Anwendung wird allerdings kaum geleistet, so dass Lesende entweder über sehr gute Vorkenntnisse verfügen oder eine hohe Integrationsleistung bezüglich der beschriebenen Inhaltsfelder zeigen müssen.

1. Thema des Buches

Der gelernte Biologe und jetzt im Bereich Soziologie forschende Autor Werner VOGD hat sich mit diesem Buch nichts weniger zum Ziel gesetzt als eine "Versöhnung unterschiedlicher theoretischer Perspektiven", so der Untertitel des Werkes. Konkret soll die LUHMANNsche Systemtheorie mit empirischer qualitativer Forschung im Sinne rekonstruktiver Sozialforschung in Einklang gebracht werden. Ausgehend von dem Bewusstsein, sich zwar im "Wittgensteinschen Käfig der Sprache gefangen" (S. 11) zu wissen – also mit Konstruktionen zu operieren, diese zu interpretieren und damit wieder Konstruktionen zu schaffen – aber dennoch im Forschungsalltag aus pragmatischen Gründen eine Wissenschaft im Sinne der Gewinnnung objektivierbarer Erkenntnisse zu betreiben, sieht VOGD einen Ausweg in dieser Verbindung zweier bisher als nicht verbindbar betrachteter Perspektiven. Gleichzeitig möchte er damit der von ihm diagnostizierten Praxis entgegentreten, "rezept- und kochbuchartig" verschiedenste Methodologien qualitativer Forschung nebeneinander zu präsentieren und zu betreiben, ohne sich dabei von deren Differenzen und Divergenzen stören zu lassen.

2. Theoretische Herleitung der zu Verknüpfung

Ohne VOGDs sehr ausführliche Herleitung und Darstellung der angestrebten Verbindung an dieser Stelle im Detail nachvollziehen zu wollen und zu können (dafür ist die eigene Lektüre des Werkes durchaus sehr zu empfehlen), möchte ich anhand der im Buch vorangestellten Schwierigkeiten und Potentiale dieser Verbindung den umgebenden Rahmen kurz aufzeigen.
Der Autor kann in seinem einleitenden Kapitel "Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke bauen" einiges an Potentialen und Anknüpfungspunkten beider theoretischer Gebäude ausmachen, so insbesondere den LUHMANNschen Kommunikationsbegriff. Handeln und Intentionalität – zwei wichtige Dimensionen rekonstruktiver Sozialforschung – können ihm folgend zentraler Gegenstand der Analyse sein, nicht etwa subjektiver Sinn oder "objektive" Regeln. Das in kommunikativen Anschlüssen ausgedrückte Verstehen ist nach dieser Sichtweise entscheidender für die Bedeutung der stattgefundenen Kommunikation als die Intention des Sprechers. Ein weiteres Potential sei die Chance, Sinngeschehen unter dem Blickwinkel seiner Prozesshaftigkeit zu betrachten und weniger im Hinblick auf verborgene Tiefenstrukturen. Beiden Gedankengebäuden (wenn ich sie hier mal so bezeichnen darf) ist also ein konstruktivistisches Verständnis des auszuwertenden Materials gemeinsam, das nach verborgenen Strukturen in einem ontologischen Sinne nicht suchen will und muss.
Aber auch bestehende Schwierigkeiten und Hindernisse der Zusammenführung werden von VOGD benannt, so beispielsweise die von ihm bezeichnete "habituelle Distanz der Systemtheoretiker gegenüber den methodologischen Fragen der Sozialforschung" (S. 28) oder aber die schwierige Frage, wie mit normativen Begriffen umgegangen werden kann. Da es in der LUHMANNschen Systemtheorie keine Möglichkeit einer normativen Dimension kommunikativer Prozesse gibt, diese aber in dem üblicherweise in der Sozialforschung zu interpretierenden Material durchaus eine wichtige Rolle spielen, gilt es hier eine Brücke zu finden. Das verweist auf das ja nicht nur bei LUHMANN thematisierte Problem der doppelten Kontingenz, welche sich als Muster von Erwartungen und Erwartungserwartungen in praxisimpliziten Normen und Regeln wiederfindet.
Hier sieht VOGD vor allem in der "Dokumentarischen Methode" von BOHNSACK mit ihren Analyseschritten formulierende Interpretation, reflektierende Interpretation und komparative Analyse einen Ansatz, in welchem eine Verwirklichung der hier vorgeschlagenen Kombination bereits angelegt oder zumindest der entsprechende Versuch möglich erscheint.
Auf der Folie dieser im ersten Kapitel entwickelten Gedanken widmet sich VOGD nun im Weiteren sorgfältig und ausführlich den Möglichkeiten einer Verknüpfung von Systemtheorie und rekonstruktiver Sozialforschung. Dabei werden in vier aufeinander aufbauenden Kapiteln verschiedene grundlegende Aspekte vertieft.
Im Kapitel "Jenseits von Subjekt und Objekt: Wer ist der Beobachter?" wird anhand der Frage, wie intentional wir tatsächlich handeln bzw. inwiefern unseren Handlungsbegründungen tatsächlich Intentionen statt "unbewussten, inkorporierten oder habituellen Beweggründen" (S.43) zugrunde liegen, die Beziehung von (interpretierendem) Subjekt und (interpretiertem) Objekt thematisiert und letztlich als kreisförmiger Prozess dargestellt. Den dabei durchlaufenen Stufen können drei Arten konstruktivistischer Prozesse zugeordnet werden:
a) Neurobiologischer Konstruktivismus (kohärente Wirklichkeiten innerhalb des Gehirns),
b) Sozialer Konstruktivismus (sprachlich-kommunikativ hergestellte Wirklichkeiten) und
c) Systemtheoretischer Konstruktivismus (im Medium Sinn vollzogene Subjekt-Objekt-Unterscheidungen).
Diese grundlegenden Gedanken aus dem Theoriegebäude des LUHMANNschen Ansatzes führen zu (mindestens) drei Problemfeldern, sollen sie, wie es hier das Ziel ist, mit der Methode der rekonstruktiven Sozialforschung verbunden werden. Sie lassen sich anhand der Begriffsfelder Polykontexturalität, Koproduktion von Bewusstsein und Sozialem sowie Fremdverstehen aufzeigen, was VOGD in den folgenden Kapiteln versucht.
Dazu widmet sich VOGD im Kapitel "Polykontexturalität: Auf dem Weg zu einer multidimensionalen Typologie" anhand des Beispiels Forschungsinterview einer Sichtweise, welche die Unzulänglichkeit von linearen Kausalitätsverhältnissen erkennt und Auswege jenseits einer "zuerst-die-Henne-oder-zuerst-das-Ei-Problematik" (S.65) sucht. Dabei landet er bei einer polykontexturalen Perspektive, in der gleichzeitig verschiedene Kausalitäten wahrgenommenen werden können, abhängig vom jeweiligen Beobachterstandpunkt. In diesem Zusammenhang wird auch das von LUHMANN aufgeworfene Problem der doppelten Kontingenz, also die von Ego und Alter vorgenommenen wechselseitigen Bedeutungsgebungen des Verhaltens des jeweils anderen und die daran anschließenden eigenen Verhaltensweisen, angesprochen und ein Bogen zur Organisationsforschung mit ihrem Verständnis von Organisationen als eigenständigen systemischen Kontexturen geschlagen.
"Der Habitus: Die Koproduktion von Bewusstsein und Sozialem" steht im Mittelpunkt dieses Kapitels und damit die Frage, inwiefern Bewusstsein und Soziales als (im LUHMANNschen Sinne) zwei getrennte Systeme betrachtet werden sollten oder ob sich Möglichkeiten der Etablierung von Schnittstellen bieten. Dabei rekurriert VOGD auf das BOURDIEUsche Konzept des Habitus, über welchen sich das Soziale im biologischen Individuum etabliert. Des weiteren lassen sich Gedanken des Neurobiologen DAMASIO integrieren, der, weitergehend als BOURDIEU, die im Individuum ablaufenden Prozesse des Denkens, Fühlens und Entscheidens als aufeinander bezogene und kreisförmig operierende affektuelle Einheit versteht. Die Verbindung dieser drei unterschiedlichen Ansätze kann dabei als Schritt in Richtung einer Koproduktion von sozialen und intrapsychischen Prozessen gesehen werden.
Mit dem letzten der theoretischen Kapitel "Fremdverstehen: Was ist das Muster, das die Muster verbindet?" wendet sich VOGD wieder stärker der Praxis der rekonstruktiven Sozialforschung zu und ihrem Anspruch, "unbekannte soziale Realitäten verstehend [zu] erklären" (S.115). Bei diesem Versuche stelle "'Verstehen' eher die Ausnahme als die Regel" dar (a.a.O., S.115).
Die bei der nun zu vollziehenden Verbindung der LUHMANNschen Systemtheorie und der Sozialforschung zwangsläufig auftretende Frage, wie sich fremde Systeme unter dem Blickwinkel eines Beobachters, der selbst als operational geschlossenes System betrachtet werden muss, überhaupt in schlüssiger Weise beobachten lassen können, wird mit Verweis auf eine Perspektive der Beobachtung zweiter Ordnung beantwortet. Dabei wird dann nicht mehr ein essentialistischer Sinn im Beobachteten gesucht, sondern vielmehr versucht, einen Möglichkeitsraum aufzuzeigen.

3. Praktische Anwendungen der aufgezeigten Überlegungen

In zweiten und anwendungsorientierten Teil des Buches werden drei Beispiele aus der Forschungspraxis des Autors im medizinischen Bereich vorgestellt (ärztliche Entscheidungsfindung im Krankenhaus, Wirkprozesse homöopathischer Behandlungen und Reproduktion von Organisation in einer psychosomatischen Abteilung). Die Herangehensweise dieser Studien soll am Beispiel der ärztlichen Entscheidungsfindung beispielhaft dargestellt werden.
Kern dieser Untersuchung über die ärztliche Entscheidungsfindung bei komplexen medizinischen Fällen, in denen es keine eindeutige Lösung gibt, sind Interviews mit Ärzten unterschiedlicher hierarchischer Stufen, die im Sinne der dokumentarischen Methode nach BOHNSACK ausgewertet wurden. Es geht um Fragestellungen, bei denen keine von zwei (oder mehr) Alternativen eine eindeutig vorhersagbare gute Lösung bietet, nichts zu tun aber auch ein medizinisches Risiko mit sich bringen würde.
Die Untersuchung auf unterschiedlichen medizinischen Stationen verschiedener Kliniken fußt auf 10- bis 12-wöchigen Forschungsaufenthalten, während derer der Beobachter jeweils eine konkrete ärztliche Person auswählte, diese im Arbeitsalltag begleitete und alle im Hinblick auf die Forschungsfrage relevanten Kommunikationen simultan schriftlich festhielt. Die Ergebnisdarstellung im Kapitel findet an einem Fall exemplarisch in sehr ausführlicher Form mittels Interviewausschnitten und Auszügen der Interpretationsschritte der komparativen Analyse statt.
Kurz zusammengefasst zeigt die Untersuchung, dass bestimmte Modi der Entscheidungsfindung der jeweils in einer bestimmten Umgebung dominierenden Diskurskultur zugeordnet werden können, je nach Art der jeweiligen Station (z.B. chirurgisch oder internistisch). So findet sich beispielsweise auf einer Station eine Kultur der "second opinion", die einen, durchaus auch heftig geführten, Meinungsaustausch als wesentlichen Bestandteil des routinemäßig angewandten Procederes vorsieht. Auf einer anderen Station hat sich demgegenüber eine Kultur der Personalisierung, in der (nur) ein verantwortlicher Entscheidungsträger gefunden werden muss, etabliert. Von besonderem Interesse für die Analyse sind dabei die Rahmungskonflikte, die den dargestellten Prozessen der Entscheidungsfindung zugrunde liegen.
Darüber hinaus konnten hinsichtlich der Identifikation von handlungsbestimmenden Inhalten einige stationsübergreifende Themen herauskristallisiert werden, wie etwa Patientenaufklärung, Fehlverhalten von Patienten, die Verlegung schwieriger Patienten oder prekäre medizinische Indikationen (S. 166).
Gemeinsam scheint den Entscheidungsfindungsprozessen im System Krankenhaus vor allem die Notwendigkeit der Abwägung zwischen medizinisch und institutional begründeten (z.B. hinsichtlich Finanzen oder Effizienz ausgerichteten) Entscheidungen zu sein.

4. Bewertung

Vor dem Hintergrund dieses insgesamt höchst interessanten und komplexen Buches ist der Autor Werner VOGD zu seinem Unternehmen auf jeden Fall zu beglückwünschen. Wer sich auf die nicht immer ganz einfache Lektüre einlässt, gerät tief in die Details und Strukturen systemtheoretischer und rekonstruktiver Forschung und ihre mögliche Verbindung in der Praxis.
Das ist aber nicht nur ein Vorteil: Zu einer gewinnbringenden Lektüre muss man sich recht gut auskennen und mit dem Thema gut vertraut sein oder aber die Bereitschaft zur verstärkten Aneignung mitbringen; dem nur am Rande interessierten Lesenden würde ich das Buch nicht unbedingt ans Herz legen. Schade finde ich auch die nicht sehr gut gelungene Verknüpfung des ersten (theoretischen) Teils mit dem zweiten Teil des Buches, das sich der Forschungspraxis widmet. So interessant es auch ist, die beschriebene Theorie in Anwendung zu sehen, so unklar bleibt im Detail, wo in den beschriebenen Ergebnissen tatsächlich zwingend eine Verbindung von Systemtheorie und Sozialforschung gegeben ist und wo man auch durchaus ohne diese auskäme. So werden bspw. in der oben ausführlicher vorgestellten Untersuchung "Ärztliche Entscheidungsfindung im Krankenhaus" Rekonstruktionen von Entscheidungsprozessen verschiedener handelnder Personen vorgestellt. Dabei werden Fallinterpretationen etwa mit Bezug auf unterschiedliche rahmende Prozesse etc. gegeben (S.180f). Den geübten Lesenden wird es sicherlich gelingen, die in den vorhergehenden Kapiteln eingeführten und diskutierten Konzepte und Problemlagen hier (zumindest indirekt) wiederzufinden. So etwa die aufeinander bezogenen Kommunikationen der Akteure und das damit verbundene Prinzip der doppelten Kontingenz oder die Anforderung, nicht auf innere Zustände, Motivationen etc. der Handelnden zu schließen, sondern den jeweiligen Rahmen als Möglichkeitsraum zu begreifen. Auch die oben vorgestellten drei Spielarten des Konstruktivismus ließen sich sicherlich schlüssig auf die vorgestellten Konstruktionen anwenden.
Da dies alles aber nicht so explizit geschieht, direkte Verweise auf die vorher erörterten theoretischen Konzepte unterlassen werden, obliegt es der Übung und Reflektionsgabe der Lesenden, ob und inwiefern der notwendige Transfer geleistet wird. Um es konkret zu machen: Ich hätte mir (mindestens) bei den Methodenbeschreibungen und Ergebnisherleitungen der Praxiskapitel jeweils eine detaillierte Erläuterung der rekonstruktiven Vorgehensweise mit Zuordnung der jeweils herangezogenen theoretischen Elemente und Konzepte gewünscht. Der Umstand, dass es sich zumindest bei zwei der drei Untersuchungsbeispiele um leicht veränderte Nachdrucke aus vorher erfolgten Zeitschriftenveröffentlichungen handelt, entkräftet nicht den Verdacht, dass hier zwei nicht unbedingt zusammengehörige Dinge des übergreifenden Gesamtkonzeptes zuliebe zusammengefügt wurden.
Das soll aber den Gesamteindruck letztendlich nicht schmälern. Meine Leseempfehlung bleibt trotzdem bestehen. Allerdings würde ich Autor und Verlag ein wesentlich besseres Korrekturlesen anraten. Die beim Wahrnehmen der wahrlich haarsträubenden Anzahl grammatikalischer Fehler ablaufenden Gedankenkonstruktionen der Lesenden zu erfassen, würde eine eigene rekonstruktive Untersuchung lohnen.

(mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Open Access Forums Qualitative Sozialforschung FQS, wo diese Rezension zuerst erschien)





Eine Literaturliste des Autors Werner Vogd 1996-2009





Verlagsinformation:

In diesem Buch wird systematisch eine Brücke zwischen Luhmannscher Systemtheorie und qualitativer bzw. rekonstruktive Sozialforschung geschlagen. In sechs Kaptiteln werden die relevanten methodologischen und epistemologischen Fragen ausgearbeitet. Darüber hinaus wird eine forschungspraktische Umsetzung in unterschiedlichen Forschungsfeldern beispielhaft vorgeführt. Die sozialwissenschaftliche Forschung steht mit Blick auf die Auswertung von Daten vor der methodologischen Herausforderung, dass das empirische Material zugleich auf verschiedene psychische und soziale Kontexte verweist. Je nach Perspektive erscheint es als Ausdrucksform eines bewussten Akteurs, einer bewussten Akteurin, als Interaktion, als Organisation oder als Verweis auf ein gesellschaftliches Funktionssystem (z. B. Erziehung, Medizin, Religion, Wirtschaft, etc.). Niklas Luhmanns Systemtheorie liefert ein auflösungsstarkes Theorieinstrument, solch komplexe Verhältnisse in differenzierter Form zu beschreiben. Von ihrer Theoriesprache her erscheint sie allerdings mit den hermeneutischen Traditionen qualitativer Sozialforschung zunächst wenig kompatibel. Es bedarf deshalb einiger Schritte, sie für die empirische Forschung aufzuschließen: In diesem Sinne wird am Beispiel der dokumentarischen Methode aufgezeigt, wie sich qualitative Forschung konzeptionalisieren lässt, ohne dabei auf subjektphilosophische Positionen rekurrieren zu müssen. Im Anschluss daran wird mit Blick auf Luhmanns „polykontexturale“ Beobachterperspektiven ein methodologischer Zugang formuliert, der es gestattet, empirische Daten gleichberechtigt als Dokumente unterschiedlicher sozialer Dimensionen zu verstehen. Schließlich wird mit Gregory Bateson und Robert Brandom nach den Bedingungen für Fremdverstehen unter einer konstruktivistischen Erkenntnistheorie gefragt und es werden Anschlüsse an die Bourdieusche Habituskonzeption hergestellt. Die Schlusskapitel des Buches zeigen beispielhaft auf, wie sich das systemtheoretische Paradigma für die Organisationsforschung, für die Habitusrekonstruktion und in der Auswertung narrativer Interviews fruchtbar nutzen lässt.

Inhalt:

Einführung 11

Kinderkrankheiten des Konstruktivismus (12); Warum dieses Projekt? (12); Metatheoretische Annahmen (14); Kurzer Reiseführer (16)

1. Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke bauen 12

Der empirische Gegenstandsbezug der Systemtheorie? (21); Rekonstruktive Sozialforschung jenseits von Subjektivismus und Objektivismus (23); Potentiale (25); Schwierigkeiten (28); Bohnsacks Dokumentarische Methode (30); Formulierende Interpretation: Identifikation thematischer Gehalte (33); Reflektierende Interpretation: Identifikation propositionaler Gehalte (34); Reflektierende Interpretation: sinngenetische Typenbildung (34); Komparative Analyse: soziogenetische Typenbildung (36); Multidimensionale Typologie und polykontexturale Verhältnisse (37)

2. Jenseits von Subjekt und Objekt: Was ist der Beobachter? 43

Intentionalität unter dem Blickwinkel des neurobiologischen Konstruktivismus (43); Beobachterabhängige Konstruktionen (47); Der Sinnbegriff (49); Sinn als Medium (49); Subjekt-Objekt-Problematik als ein Artefakt der Sprache (50); Perspektivwechsel: vom Sein zum Werden (51); Systeme als selbstreferentieller Reproduktionszusammenhang (52); Bewusstseinssysteme (53); Soziale Systeme (53); Kommunikation als Medium für komplexere gesellschaftliche Semantiken (54); Funktionale Analyse (55); Systembildung als Kontingenzbewältigung (57); Beobachtung zweiter Ordnung (58); Offene Fragen und Verweise (58)

3. Polykontexturalität: Auf dem Weg zu einer multidimensionalen Typologie 65

Ein Interview: zwei Bewusstseine und ein Interaktionssystem (66); Kontingenzbewältigung oder: die Einheit der Disziplin (68); Das Problem der doppelten Kontingenz und seine Lösung: semantische und formale Strukturen (69); Gesellschaft als Reservoir bewährter Semantiken (70); Konjunktive Erfahrung und Interaktionssysteme (71); Gesellschaftliche Kontexturen und Goffmans Rahmenbegriff (72); Ein „begrenzter Komplex grundlegender Interpretationsschemata“ (75); Ein Interview: individueller Knotenpunkt im multidimensionalen Vollzug von Gesellschaft (mindestens vier „Gesellschaften“) (77); Massenmedien (78); Aktive und passive Negation (79); gesellschaftlich konfigurierte Privatsemantiken (80); Organisationen: Systeme der Entscheidungskommunikation (81); Koppelung von Mitgliedern über Karrieren (83); Organisierte Bewältigung von Entscheidungskontingenzen (84); Entscheidungsprogramme (86); Organisationsforschung und systemische Kontexturen (88); Textinterpretation unter polykontexturalen Verhältnissen (90); Diskursorganisation und Datenerhebung (92)

4. Der Habitus: Die Koproduktion von Bewusstsein und Sozialem 101

Ein Ort für semantische Gedächtnisse (101); Habitus als komplexes Aggregat (102); Symbiosis: Ankoppelung des Körpers über symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (103); Information: Unterschiede, die Unterschiede auslösen (103); Schnittstelle: Körper zu Bewusstsein (104); Schnittstelle: Semantik zu Leib (105); Notwendige Vagheit – oder die „empirischen Bedingungen theoretischer Rede“ (106); Körpergedächtnis (107); Rekonstruktive Forschung oder die Logik inkorporierter Praxis (108)

5. Fremdverstehen: Was ist das Muster, das die Muster verbindet? 115

Nichtverstehen als Ausgangspunkt des Verstehens (116); „Inside every white box there are two black boxes trying to get out“ (116); Beobachterabhängige Wissenschaft (117); Wissenschaft jenseits der Hierarchie des Besserwissens (118); Unbestimmtheit und Selbstkonditionierung (119); Vom hilflosen Versuch, indexikalische Ausdrücke reparieren zu wollen (120); Erst die Anschlüsse entscheiden über die Bedeutung (122); Fremdverstehen über Beziehung? (122); Koproduktion von Bewusstsein und Sozialem (125); Unterscheiden, Bezeichnen und der „unmarked space“ (126); Beobachtung zweiter Ordnung, funktionale Perspektive und komparative Analyse (128); Soziale Perspektivierung: Sozialdimension von Sinn (129); Gedächtnis als Selektion des Erinnerns und Vergessens: Zeitdimension von Sinn (130); Modi der Koproduktion: Kommunikativ generalisierte Erfahrung und konjunktive Erfahrung (132); Interferenzmuster (134); Programm des deontischen Fremdverstehens (134); Gregory Bateson: das Muster, das verbindet (135); Struktur, Prozess und Element-Klasse-Beziehungen (136); Abduktion und Homologien: der Leim in der Welt der geistigen Prozesse (137); Epistemische Pathologien: die Sucht als die andere Seite der Anpassung (138); Selbstähnlichkeiten: Erkennen erkennt Erkennen (140); Der schmale Pfad zwischen objektivistischer Verkürzung und postmoderner Beliebigkeit (142)

6. Exkurs: Brandoms expressive Vernunft 151

Jenseits des Regulismus (151); Intentionalität außerhalb des Akteurs (152); Deontisches Kontoführen (152); Relationen anstelle von Repräsentationen (154); Perspektivierende Perspektiveninkongruenz (155); Anaphorische Zeigestöcke (156); Funktionale Rahmen (158); Normative sozialperspektivische Objektivität (159); Fremdverstehen: den Interpretations- und Extrapolationszusammenhang in unsere Gemeinschaft umsiedeln (159)

7. Organisationsforschung: Ärztliche Entscheidungsfindung im Krankenhaus 163

Komparative Analyse als Schlüssel zur systemischen Analyse (165); Herr Spondel, Innere Medizin eines Allgemeinkrankenhauses (168); Herr Schmidt-Bauer, chirurgische Station eines Allgemeinkrankenhauses (182); Kontingenzbewältigung durch unterschiedliche Formen der Organisation (189); Verschränkung von Gesellschaft, Organisation und Interaktion (190); Bedeutungsverlust von Professionen in modernen Organisationen? (192)

8. Polykontexturale Narrationen: Systemtheoretische Überlegungen zu homöopathischen Behandlungen 199

Bewusstsein und Körper (200); Kontingente Beziehung von Bewusstsein und Körper (200); Krankenbehandlung als Kommunikation (201); Die Gesundheit bleibt unsichtbar (202); Narrative based medicine (204); Homöopathische Medizin (206); Homöopathie als vormoderne Medizinsemiotik (207); Narrationen homöopathischer Behandlung (208); Herr Schulze: Projektion von Bewusstsein in in den Körper (209); Herr Müller: Polykontexturale Selbstbeobachtung (213); Homöopathie als semantischer Operator (216); Inkorporation von Geist im Körper (218)

9. Habitus und Kommunikation: Reproduktion von Organisation in einer psychosomatischen Abteilung 223

Konditionierung von Kommunikation und Konditionierung psychischer Systeme (223); Homologe Muster in der organisationsinternen Habitusreproduktion? (224); Beispiel Chefbegegnung: Kommunikationsvermeidungskommunikation (227); Beispiel Frühbesprechung: das Tabu, strukturelle Kritik zu üben (230); Beispiel Chefvisite ohne Chef: Die Überforderung kann nicht zurückgewiesen werden (232); Beispiel Pflegerische Schlampigkeit: Konflikt als Konfliktvermeidung (233); Beispiel Depression oder Hirnschädigung: lass die rechte Hand nicht wissen, was die linke tut (235); Abschließende Interpretation: habitualisiertes Management von Nichtwissen (242); Funktionale Perspektive: Kontingenzbewältigung im Modus „Halbgott in weiß“ (244); Implikationen für die rekonstruktive Organisationsforschung (244); Inkorporierte Systeme (245) Weder zu abstrakt, noch zu konkret (247)

Literatur 251

Personen- und Sachregister 263


Einführung:

Qualitatives Forschen ist längst aus dem Nischendasein herausgetreten. Sie wird ernst genommen und auch die renommierten Verlage scheuen sich nicht mehr ein buntes Spektrum von Methodenbüchern zu vertreiben, in dem rezept- und kochbuchartig verschiedene Methodologien feilgeboten werden. Die verschiedenen Schulen entfalten dabei in der Regel nebeneinander, mit dem ein oder anderen kritischen Vermerk auf die jeweils andere Position, ihr eigenes theoretisches Gerüst, ohne sich jedoch ernsthaft durch die metatheoretischen Divergenzen stören zu lassen. Man hat sich mittlerweile in der Praxis des Interpretierens eingerichtet.
Wir wissen uns zwar im Wittgensteinschen Käfig der Sprache gefangen – die von uns interpretierten Texte stellen im gleichen Sinne Konstruktionen dar, wie unsere wissenschaftlichen Interpretationen – doch dies hindert uns normalerweise nicht daran, unser wissenschaftliches Alltagsgeschäft ungestört weiter zu betreiben. Die verschiedenen »Spielarten des Konstruktivmus« (Knorr-Cetina, 1989) mögen uns zwar Nahe stehen, forschungspraktisch stützen wir uns dann doch gerne auf die Decartschen Krücken, dass da ein inneres Seelenwesen sei, dass die ihm äußerliche Welt erlebe und erkenne. Ganz im Sinne der griechischen Wurzeln des Begriffs Epistemologie (1) sehen wir uns dann zumindest als Wissenschaftler über den Dingen stehend. Unweigerlich übernehmen wir dann forschungspraktisch die Alltagsepistemologie des common sense und interpretieren soziale Wirklichkeit auf Basis der üblichen Annahmen: der Existenz von Subjekten, die aufgrund von inneren Motiven intentional handeln, der Existenz einer Außenwelt, auf deren Objekte mittels der Sprache indexikalisch verwiesen werden kann, und das Bestehen einer objektiven Ordnung von Regeln, mit Hilfe der die Dinge beschrieben werden können. Auch wenn die Probleme des naiven Realismus philosophisch hinreichen bekannt sind und der Gottesaugenstandpunkt uns prinzipiell verwehrt bleiben muss (vgl. Putnam, 1991), scheint dies unseren Forschungsalltag in der Regel nicht weiter zu stören – denn wir scheinen ja schließlich dennoch zu plausiblen Ergebnissen zu gelangen. Zumindest die Praxis scheint uns recht zu geben: Mit Hilfe der objektivistischen und subjektivistischen Krücken lassen sich die Daten unter einem überschaubaren theoretischen Rüstzeug erheben und interpretieren.

Kinderkrankheiten des Konstruktivismus

Demgegenüber scheint die allzu große Nähe zur konstruktivistischen Epistemologie dem Spiel mit dem Feuer zu gleichen. Allzu schnell erscheint uns nun unsere Interpretationsarbeit als kontingent, also auch anders möglich. Zudem drängt sich dann schnell mit Foucault der Verdacht auf, dass sich unser (2) Tun, alsWirkenunserereigenen„unbewusstenMotive“dekonstruierenließe. Das Unterscheiden zu Unterscheiden, den Raum des Denkens zu Denken, unseren Diskurs in den Diskurs einzubeziehen erzeugt dann schnell jenes Schwindelgefühl, das uns den Eindruck gibt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wenn die übliche Ordnung – der Subjekte hier und der Objekte dort – ins Wanken kommt, erscheint Angst. Uns scheinen die Ressourcen zu fehlen, in Welten ohne Grund heimisch zu werden.
Wozu sollten wir also mit der Thematisierung des Beobachters die Büchse der Pandora öffnen, und dann einsehen müssen, dass Objekte, Subjekte, Begriffe, Theorien keine eigenständige Essenz mehr zu besitzen scheinen? Warum sollten wir die zugegebenermaßen schwachen Hilfshypothesen des naiven Realismus aufgeben, wenn der pragmatische Mehrwert einer konstruktivistischen Sozialforschung zunächst nicht ersichtlich ist? Max Webers Konzeption des „subjektiv gemeinten Sinns“ trägt als unerklärter Erklärer immerhin die vielfältigen Varianten der Handlungstheorie. Der Durkheimsche Regelbegriff (das „soziale Exterior“) stützt im gleichen Sinne auf der anderen Seite unhinterfragt die verschiedenen strukturalistischen Varianten einer objektiven Sinnstruktur. Insbesondere der an praktischen Problemen interessierte Sozialforscher stellt sich hier also schnell die Frage, was es bringt, die Belzebuben des Objektivismus und des Subjektivismus durch den Teufel des Konstruktivismus auszutreiben. Ein „halbierter“ Konstruktivismus (Woolgar, 1985) mag zwar erkenntnistheoretisch inkonsequent sein, scheint jedoch immer noch besser, als in den Strudel postmoderner Beliebigkeit hinein zu geraten.

Warum dieses Projekt?

Insbesondere die soziologische Systemtheorie hat jedoch mittlerweile die Kinderkrankheiten des Konstruktivismus überwunden. Eine konstruktivistische Epistemologie muss nun nicht mehr bedeuten, auf (empirische) Wissenschaft zu verzichten. Vielmehr eröffnet sie der Tradition rekonstruktiver Sozialforschung eine Reihe von Chancen:
Soziales, Verstehen, Verständigung und Kommunikation brauchen nun nicht mehr im Rekurs auf transzendentale Bewusstseins – und Sprachstrukturen erklärt werden. Das in der traditionellen Hermeneutik behandelnde Verstehensproblem kann hier in konstruktiver Form gewendet werden: Gerade die Ausgangslage des „Nicht-“ und „Missverstehens“ führt zur Strukturbildung. (3)
Diese Strukturen lassen sich nun als semantische Systeme beschreiben, die das Einzelbewusstsein der beteiligten Akteure überschreiten. Die soziale „Welt“ verschwimmt und entgleitet also keineswegs in beliebig und zufällig verlaufende Interaktions- und Aushandlungsprozesse, sondern erscheint auf vielfältige Weise strukturiert. Als Gegenpart zur Kontingenz des Geschehens auf lokaler Ebene kommt hier nun die Perspektive der Gesellschaft mit ins Spiel.
Die systemtheoretische Analyse erlaubt eine multiperspektivische Betrachtung der von ihr untersuchten Phänomene. Sie ermöglicht eine »polyzentrische und infolgedessen polykontexturale« Beschreibung einer »azentrisch konzipierten Welt« (Luhmann, 1993: 14). Gerade dieser Aspekt erscheint für die rekonstruktive Sozialforschung von immenser Bedeutung, denn sie bietet Anschlüsse an die Erstellung einer »multidimensionalen Typologie« (Bohnsack, 2001b), welche die Voraussetzung für Generalisierungsleistungen in der qualitativen bzw. rekonstruktiven Sozialforschung darstellt. Sie gestattet eine Komplexität der Beschreibung, die unter den heutigen Verhältnissen zu verlangen ist, jedoch aufgrund der bisherigen methodologischen Einschränkungen kaum erreicht wird. (4)
Schließlich erlaubt die funktionale Perspektive, also die Frage, wie Systeme, Prozesse und Strukturen sich hervorbringen, das Augenmerk auf Homologien zu lenken. Mit den „Mustern, die die Muster verbinden“ (Bateson, 1987) kommt die Logik des Lebendigen hierdurch in den Blick. Epistemologie steht nun nicht mehr über, sondern erscheint als Teil der Welt, und in diesem Sinne haben wir nun zwischen der Logik der Praxis und unseren Theorien über die Praxis zu unterscheiden. Wir gewinnen hierdurch eine praxeologische Perspektive (5), die ganz im Sinne anspruchsvoller rekonstruktiver Forschung, die Logik der durch die Praxis vollzogenen epistemischen Unterscheidungen in den Vordergrund stellt. (6)
Die Begegnung von Systemtheorie und rekonstruktiver empirischer Forschung ist zwar anspruchsvoll und verlangt auf beiden Seiten, alte Gewohnheiten in Frage zu stellen. Die Mühe verspricht jedoch Gewinn. Nicht zuletzt lockt Francisco Varelas Vision, »Welten ohne Grund zu bauen und darin heimisch zu sein« (Varela, Thompson et al., 1992: 344). Um dies leisten zu können, müssen wir im Folgenden gegenüber der hermeneutischen Tradition einen Perspektivenwechsel wagen: Wir haben nun, wie auch Armin Nassehi und Irmhild Saake (2002) vorschlagen, die Frage der Kontingenz als Ausgangsproblem jeglicher Interpretation und damit auch der rekonstruktiven Sozialforschung zu begreifen? Die wissenschaftliche Praxis des Interpretierens braucht dann nicht mehr, wie Harvey Sacks und Harold Garfinkel (2004) es treffend ausdrücken, als „Reparieren indexikalischer Ausdrücke“ verstanden werden, sondern kann nun unter einer funktionalistischen Perspektive beobachtet werden: Sprechakte und andere Kommunikationen repräsentieren nicht mehr Wirklichkeit, sondern erscheinen als funktionale Antworten einer unterbestimmten und nur durch Interpretation zu bestimmenden Seinsordnung.

Metatheoretische Annahmen

Bevor wir nun mit der eigentlichen Arbeit beginnen können, haben wir zunächst nach bestehenden Anschlüssen zur Tradition der qualitativen/rekonstruktiven Forschung zu suchen.(7) Da wir nun keineswegs die Lanze für einen theoretischen Pluralismus brechen möchten, der vor dem Hintergrund einer in den Sozialwissenschaften explodierenden Paradigmenvielfalt die Not als Tugend verkauft und unreflektiert alle möglichen Versatzstücke zu einem Potpourri vermischt, müssen wir zunächst nach ausgearbeiteten Methodologien suchen, die für einen solchen Dialog geeignet scheinen. Dabei sollten zumindest die folgenden metatheoretischen Grundannahmen erfüllt sein:
1. Im Sinne eines modernen Theoriedesigns kann hier nicht mehr auf lineare Erklärungsmodelle und einfache Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zurückgegriffen werden. Vielmehr müssen die untersuchten Gegenstände als komplexe Phänomene begriffen werden, die zirkuläre Kausalverhältnisse beinhalten.
2. Einhergehend damit können dar Beobachter (auch der wissenschaftliche Beobachter) nicht mehr außerhalb von dem Prozess des Erkennens gesehen werden. Entsprechend hat eine Methodologie den Forschungsprozess selbstreflexiv, d. h. unter Einbeziehung der eigenen Standortgebundenheit zu behandeln.
3. Wir müssen hier auf einen Begriff der Handlung im Sinne des Weberschen Verständnis verzichten. Die Idee, eine Handlung mit dem subjektiv gemeinten Sinn zu verbinden, verstellt den Blick auf eine für uns bedeutsame soziale Dimension: nämlich Handeln, Intentionalität und Entscheiden auch als Zurechnungsproblem betrachten bzw. analysieren zu können. Die zweckrationalen Aspekte des Handelns stellen in diesem Sinne immer nur eine Seite der Medaille dar.
4. Die vierte Klammer besteht im Verzicht auf eine Rekonstruktion bzw. Deutung des subjektiven Erlebens. Nicht das, was subjektiv gemeint sein könnte, kann im Vordergrund der Datenanalyse stehen, sondern nur die interaktive bzw. kommunikative und damit sich „objektiv“ als Text manifestierende Herstellung von Sinn, Handlungsorientierung und Kommunikation.
5. Das letzte gemeinsame Moment besteht in der Annahme, dass soziale Wirklichkeit als eine geschichtlich gewordene Realität zu verstehen ist, die jedoch – wenngleich in ihrer Entstehungsgeschichte kontingent – wenn einmal konstituiert, quasi objektive Gesetzlichkeiten bilden, die als „Feld“, „System” oder „objektive Sinnstruktur“ erkenn- und rekonstruierbar sind. Auch wenn diese Wirklichkeiten dem konstruktivistischen Paradigma folgend als sozial betrachtet werden, gilt für die wissenschaftliche Rekonstruktion dieser Sachverhalte die Haltung des methodologischen Objektivismus: Wirklichkeitsinterpretation (und -konstruktion) ist zwar eine Frage des Standorts, nicht aber eine Frage der Beliebigkeit bzw. des Geschmacks. Die Perspektivenabhängigkeit von Erkenntnis kann also nicht heißen, dass der Anspruch der methodologisch kontrollierten Erkenntnis von Wirklichkeit aufgegeben werden muss. (8)
Im Hinblick auf die genannten Bedingungen lassen sich Anschlüsse finden an die Ethnomethodologie (9), mit Einschränkungen an die Oevermannsche Konzeption der objektiven Hermeneutik (10), unter gewissen Vorrausetzungen an Erving Goffmans Rahmenanalyse (11) wie auch an die Bourdieusche Konzeption von Habitus und Feld (12) sowie insbesondere an die Dokumentarische Methode in der Ausarbeitung von Ralf Bohnsack (13).
Die Hermeneutische Wissenssoziologie in der phänomenologischen Tradition von Alfred Schütze scheint für unsere Zwecke nur ungenügend anschlussfähig. Hier wird zwar von einer sozialen Konstitution von Sinn innerhalb der lebensweltlichen Sinndomänen ausgegangen. Die analytische Eingrenzung auf das einzelne Handlungssubjekt und die forschungspraktisch übliche (nicht jedoch theoretische) Beschränkung auf die Untersuchung intentionaler Handlungsmotive lassen jedoch den eigentlichen Gegenstand der systemtheoretischen Analyse verschwinden: Die subjektphilosophischen Annahmen und der Begriff des intentionalen Handelns verstellen den Blick auf die sozialen Bedingungen, wie diese kommunikativ hergestellt werden. (14)
Um eine Brücke zwischen Systemtheorie und rekonstruktiver Forschung zu bauen, halten wir unter den gegebenen Verhältnissen insbesondere die Auseinandersetzung mit der Dokumentarischen Methode im Sinne von Ralf Bohnsack für Erfolg versprechend. Zum einen liegt auch hier der Analyseschwerpunkt im Einklang mit der Systemtheorie auf der „Beobachtung zweiter Ordnung:“ Anstelle des Seins tritt der Prozess, die Herstellung der Phänomene in den Vordergrund. Zum anderen findet hier die Standortabhängigkeit des Forschers eine methodologische Bearbeitung. Zudem sind in der Gruppe um Ralf Bohnsack eine Reihe konstruktiver Auseinandersetzungen mit der Ethnomethodologie, der Habitustheorie (15), der Chicagoer Schule (16) wie auch der Oevermannschen Hermeneutik (17) geleistet worden, so dass sich die dokumentarische Methode hier durchaus mit gutem Gewissen als eine Meta-Methodologie betrachtet werden kann, mit deren Hilfe es gelingen könnte, unter einer konstruktivistischen Epistemologie einige der wichtigen Strömungen qualitativer und rekonstruktiver Forschung zu integrieren.

Kurzer Reiseführer

Das vorliegende Buch besteht mit der Einleitung aus 10 Kapiteln, wobei jedes Kapitel auch für sich allein stehen, also auch ohne die vorangegangenen Texte gelesen werden kann. Die letzten drei Kapitel behandeln exemplarisch unterschiedliche empirische Forschungsfelder, während die anderen Beiträge methodologische und epistemologische Fragen behandeln. Mit »Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – Versuch einer Brücke (1.)« möchten wir zunächst einen Überblick über unser Projekt geben. Hier wird es zunächst darum gehen, den empirischen Gegenstandsbezug der Systemtheorie zu klären. Darüber hinaus sind die Potentiale aber auch die Schwierigkeiten unseres Vorhabens aufzuzeigen, um dann mit der dokumentarischen Methode ausführlicher eine Methodologie vorzustellen, die der Luhmannschen Konzeption in ihren erkenntnistheoretischen Annahmen recht Nahe steht.
Mit »Jenseits von Subjekt und Objekt – oder: was ist der Beobachter (2.)« möchten wir insbesondere den Lesern, welche dem Luhmannschen Konstruktivismus noch nicht so sehr vertraut sind, die epistemologischen Besonderheiten dieser Position aufzeigen. Wir beginnen dabei im Anschluss an Humberto Maturana mit einigen Fragen des neurobiologischen Konstruktivismus und deren Implikationen für die Subjekt-Objekt-Problematik. Daraufhin lenken wir die Aufmerksamkeit auf den Luhmannschen Sinnbegriff um dann schließlich mit der funktionalen Analyse und der Beobachtung zweiter Ordnung eine Analyseperspektive aufzuzeigen, die weder auf subjektphilosophische Annahmen, noch auf objektivistische Hilfshypothesen zu rekurrieren braucht.
In »Polykontexturalität – oder: auf dem Weg zu einer multidimensionalen Typologie (3.)« möchten wir einen Zugang zu einer multiperspektivischen Analyse von Texten, Gesprächen und Beobachtungsprotokollen weisen. Wir werden soziale Realitäten nun polykontexural begreifen müssen, nämlich als gleichzeitigen Ausdruck von Akteursbewusstsein, Interaktionssystemen, Organisationen und den entwickelten Semantiken der gesellschaftlichen Funktionssysteme. Die Frage der Kontingenz wird dabei einer unserer Ausgangspunkte darstellen. Später werden wir dann Gesellschaft als ein Reservoir bewährter Semantiken verstehen können, auf die Interaktionen wie auch „Bewusstseinssysteme“ zur Kontingenzbewältigung zurückgreifen können. Darüber hinaus werden wir versuchen, Goffmans Rahmenbegriff mit verschieden sozialen bzw. gesellschaftlichen Kontexturen in Verbindung zu bringen. Hierdurch kann es uns insbesondere im Hinblick auf Interaktionen und Organisationen gelingen, eine Brücke zwischen Mikro- und Makrosoziologie, zwischen gesellschaftlicher Semantik und lokaler Kommunikation zu ziehen. Zudem können wir hierdurch ein systemisches Verständnis für die Prozesse der Diskursorganisation wie auch die methodologischen Fragen der Datenerhebung gewinnen.
In »Der Habitus als soziales Gedächtnis – oder: die Koproduktion von Bewusstsein und Sozialem (4.)« werden wir uns mit dem Ort des Gedächtnisses semantischer Systeme beschäftigen müssen. Die Konzeption des Habitus erscheint uns dabei als eine nützliche Konstruktion um zu beschreiben, wie sich soziale Semantiken an den Körper ankoppeln. Insbesondere werden wir dabei auch das Problem des Körpergedächtnisses – und hiermit verbunden: der inkorporierten Praxis – zu behandeln haben.
Schließlich werden wir uns im Kapitel »Fremdverstehen – oder was ist das Muster, das die Muster verbindet? (5.)« intensiver mit der Frage beschäftigen, wie und unter welchen Voraussetzungen wissenschaftliches Verstehen möglich erscheint, trotz einer konstruktivistischen Epistemologie, die Kommunikation nicht mehr als Transmission von Information begreift. Wir werden im Einklang mit den Erkenntnissen der Ethnomethodologie zwar einsehen müssen, dass indexikalische Ausdrücke „nicht repariert“ werden können. Wir werden aber trotzdem nicht in den Standpunkt des „everything goes“ (18) verfallen müssen, dass wissenschaftliche Textinterpretation nur noch eine Frage der Beliebigkeit darstelle.
Wir sehen unsere Chance stattdessen in der funktionalen Perspektive einer Beobachtung zweiter Ordnung. Auch Wissenschaft nun als beobachterabhängig begreifend, werden wir dann sehen, dass wir nur dadurch eine Chance zum Fremdverstehen bekommen, wenn wir uns durch den Forschungsgegenstand konditionieren lassen, also eine Beziehung zum Forschungsfeld eingehen. Insbesondere die komparative Analyse erscheint uns dabei als hilfreiches Instrument, um die Irritation des wissenschaftlichen Beobachters methodologisch sicher zu stellen. Zudem werden wir ein besonderes Augenmerk auf die Mustererkennung legen. Zum einen geben uns dabei die Luhmannschen Sinndimensionen einige Hinweise, wie die Koproduktion von Sinn vonstatten gehen kann. Hierdurch können wir beispielsweise ein Verständnis von kommunikativ generalisierter Kommunikation, wie auch spezifischer (lokaler) konjunktiver Erfahrung gewinnen. Abschließend werden wir mit Gregory Bateson die konstitutive Rolle von Homologien thematisieren, um dann schließlich die Frage der Mustererkennung auf Basis der Selbstähnlichkeit von Systemen nochmals auf eine tiefere Ebene stellen zu können.
Mit dem Exkurs »Inferentialismus – oder: Brandoms expressive Vernunft« (6.) suchen wir Anschlussmöglichkeiten an neuere Entwicklungen der Sprechakttheorie. Hier wird sich im Einklang mit der Luhmannschen Konzeption ein Weg zeigen, wie wir Intentionalität als abgeleitetes Phänomen sozialer Zurechnungen begreifen können, und wie uns „Anaphern“ und „funktionale Rahmen“ eine Analyse des Sprachgebrauchs gestatten, die nicht mehr auf die repräsentationalistische Tradition rekurrieren muss.
Mit den Fallanalysen zur »Organisationsforschung: Ärztliche Entscheidungsfindung im Krankenhaus (7.)« stellen wir eine empirische Untersuchung vor, die die Frage der Kontingenzbewältigung in Organisationen auf der Folie konfligierender gesellschaftlicher Funktionsbezüge in den Mittelpunkt stellt. In »Polykontexturale Narrationen: Systemtheoretische Überlegungen zur geistigen Heilung am Beispiel homöopathischer Behandlungen (8.)« möchten wir die Beziehung zwischen Bewusstsein und Körper in den Vordergrund stellen, wobei wir diese dann als gesellschaftlich konfiguriert begreifen. Homöopathie erscheint dann gleichsam als semantischer Operator mit der Funktion Geist in Körper zu inkorporieren. Schließlich möchten wir mit »Habitus und Kommunikation: Reproduktion von Organisation am Beispiel der Abläufe auf einer psychosomatischen Abteilung (9.)« die Beziehung von Habitus, Interaktion in Organisationen und gesellschaftlichen Funktionsbezügen in den Vordergrund der Analyse stellen.
Mit diesen drei recht unterschiedlichen Projekten möchten wir aufzeigen, dass die Begegnung von Systemtheorie und rekonstruktiver Sozialforschung in verschieden empirischen Feldern fruchtbar sein kann, also sowohl Organisationen, Interaktionen, als auch Akteure in den Fokus der Aufmerksamkeit gestellt werden können.

Anmerkungen

(1) Epistemologie ist die Lehre vom Erkennen, traditionell als Erkenntnistheorie gefasst.
(2) Hier in Anspielung an Michel Foucaults „Ordnung der Dinge“ (Foucault, 1999: 437).
(3) »Zwar geht die Systemtheorie letztlich von einer Universalität des Verstehensproblems aus, aber anders als die Hermeneutik orientiert sie sich nicht nur an der ausschließlichen Referenz auf das Bewußtsein. Und: die Unterscheidung des Bewußseins erlaubt es der Systemtheorie, die Verstehensproblematik, wie gesehen, ohne den Gedanken einer Perfektibialität gelungener Verständigung zu behandeln: also auch hier: Kontingenzeinbau. Wir meinen deshalb, ohne Übertreibung von einer systemtheoretischen Überbietung der Hermeneutik sprechen zu dürfen« (Kneer; Nassehi, 1991: 354f.).
(4) Als methodologische Ausnahme ist hier wohl nur die dokumentarische Methode im Sinne von Ralf Bohnsack zu nennen.
(5) Hier klingen natürlich Parallelen an das Programm von Pierre Bourdieu an (1997). Siehe dazu auch die Ausführungen zur „praxeologischen Methodologie“ in Bohnsack (2003b: 187ff.).
(6)6 »Nicht die Deduktionslogik Hegelscher Systemstratifikation, sondern eher die multizentrische, fast ist man versucht zu sagen: induktionslogische Beobachtung der Welt steht für die Theorie selbstreferentieller Systeme Pate. Welt wird insofern induktiv erschlossen, als die Einheit der Differenz von System und Umwelt je systemspezifisch an die Beobachterposition der jeweiligen Systemperspektive gebunden ist und nicht von oben qua objektiven Geist verordnet wird« (Kneer; Nassehi, 1991: 348).
(7) Die Systemtheorie macht dies nicht unbedingt leicht, da sie sich in Tradition der kritischen Theorie gerne als empiriefeindlich inszeniert. Zur diesbezüglichen Kritik aus den eigenen Reihen siehe insbesondere Armin Nassehi (1998).
(8) Entgegen der verbreiteten Vorstellung, dass die Entscheidung für eine konstruktivistische Epistemologie zugleich auch einen Pluralismus in der wissenschaftlichen Wirklichkeitsinterpretation mit sich bringe und damit im Sinne eines everything goes bestenfalls noch ästhetische Kriterien die Legitimation für eine gelungene Analyse abgeben können, gehen wir hier mit Romano Harré und Michael Krausz (1986) davon aus, dass ein methodologischer Objektivismus sehr wohl mit einer konstruktivistischen Position zu vereinbaren bzw. dass Relativismus nicht mit Perspektivenlosigkeit zu verwechseln ist.
(9) Zur theoretischen Ausarbeitung der Parallelen zwischen Systemtheorie und ethnomethodologischer Konversationsanalyse siehe etwa Heiko Hausendorfs (1992) Beitrag „Das Gespräch als selbstreferentielles System.“
(10) Zum Versuch, Oevermanns objektive Hermeneutik als Forschungsmethodologie der Systemtheorie zu fassen siehe vor allem Wolfgang Ludwig Schneider (1992; 1995).
(11) Erving Goffmans Rahmenanalyse lässt sich in vielen Teilen durchaus auch im Lichte einer subjektphilosophischen Interpretation lesen, innerhalb dessen die von ihm behandelnden Rahmungsprozesse im Wesentlichen als Leistungen des subjektiven Bewusstseins angesehen werden könnten. Goffmans Konzeption wird jedoch in dem von uns verwendeten entsprechend der These von Herbert Willems als eine »Interaktionsordnung« verstanden, die in Pierre Bourdieus Begriffen »ein Feld« darstellt, »dessen als Rahmen zu beschreibende Sinnstrukturen in der Form von Habitus fungieren« (Willems, 1997: 192). Dieses Verständnis erlaubt eine sinnvolle Anknüpfung an die systemtheoretische Analyse.
(12) Auch wenn im Rahmen dieser Untersuchung davon ausgegangen wird, dass die für die Rekonstruktion des empirischen Materials zurate gezogenen Theoriemodelle in gewisser Form kompatibel sind bzw. sich komplementär ergänzen können, sollten die Begrifflichkeiten der jeweiligen Konzeptionen nicht vermischt werden. Ihre Kompatibilität bezieht sich auf die epistemologischen Grundannahmen, nicht jedoch auf die wissenschaftlichen Traditionen, aus denen sie sich entwickelten, und auch nicht unbedingt auf den Gegenstand, den sie primär untersuchen. Das Bourdieusche Feld meint etwas anderes als der Luhmannsche Systembegriff. Das Erste bezeichnet Machtstrukturen, der Zweite selbstreferenzielle Kommunikationszusammenhänge, beide bezeichnen also unterschiedliche Dinge und erklären nicht dasselbe Phänomen – auch wenn dies auf den ersten Blick so scheinen mag.
(13) Im Hinblick auf die epistemologischen Parallelen zwischen der Systemtheorie und der Dokumentarischen Methode siehe insbesondere auch Bohnsack (2003a; 2005a).
(14) Auch wenn Wirklichkeit als sozial konstruiert betrachtet wird, bleibt die Analyse innerhalb der common sense Kategorien des metaphysischen Dualismus. Auf der einen Seite steht die Wirklichkeit der objektiven Wirklichkeit, auf der anderen Seite die des intentionalen Bewusstseins, dass aufgrund nachvollziehbarer „um zu“ und „weil“ Motive, diese Wirklichkeit ergreift. Dazwischen steht die sinnhafte und sozial und symbolisch-sprachlich konfigurierte Aneignung dieser Wirklichkeit. Doch in der Schützschen Konzeption besetzt dieser Konstruktionsprozess nur den Platz des Vermittlers, während die Subjekte und Objekte letztlich doch den ontischen Status der subjektphilosophischen Tradition behalten, den Platz des unerklärten Erklärers beibehalten. Um die Differenz mit Luhmann aus einer mehr philosophischen Perspektive zu formulieren: »Es fällt auf, daß der tranzendentaltheoretische Hintergrund, der die Phänomenologie bei Husserl begründet hat, in der Sozialphänomenologie à la Schütz schlicht weggelassen wird, ohne daß die Risiken eines solchen Theorieverzichts kontrolliert worden wären. Man verzichtet, anders gesagt, auf die Superunterscheidung empirisch/transzendental. Man verzichtet damit auf die als transzendental deklarierten Bewußtseinsanalysen, mit denen Husserl die Einheit von Selbstreferenz (Noeisis) und Fremdreferenz (Noema) im intentialen Prozes- sieren des Bewußtseins aufgewiesen hatte. Man hört auch die Warnungen Heideggers vor einem simplen Rückfall in anthropologische oder psychologische oder biologische Analysen nicht [Sein und Zeit § 19). Damit fehlt dann aber die in der Transzendentalität des Bewußtseins liegende Begründung für Allgemeinheit, das heißt dafür, daß Aussagen möglich sind, die für jedes empirische Bewußtsein gelten« (Luhmann, 2000a: 12).
(15) Siehe hierzu Michael Meuser (2001)
(16) Vgl. hierzu Bohnsack (2005b).
(17) Siehe hierzu insbesondere Bohnsack (2003b: 83ff.).
(18) Siehe zur Position des „everything goes“ Paul Feyerabend (1983).
 
Über den Autor:

Prof. Dr. Werner Vogd hat seit September 2008 den Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Witten/Herdecke inne, nachdem er lange an der Freien Universität Berlin und an der Technischen Universität Berlin lehrte.



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