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Neuvorstellung zur Übersicht
22.01.2007
Werner Fuchs-Heinritz, Alexandra König: Pierre Bourdieu
utb 2005

254 S., broschiert

Preis: 17,90 €
ISBN-10: 3825226492
ISBN-13: 978-3825226497
utb Verlag





Tom Levold, Köln:

Einführungen in das Werk eines bedeutenden Theoretikers zu verfassen, ist alles andere als ein leichtes Geschäft. Das gilt umso mehr, wenn es sich um ein so komplexes Werk wie das von Pierre Bourdieu handelt, einer der wichtigsten, aber auch sperrigsten Soziologen des vergangenen Jahrhunderts. Dabei müssen unterschiedliche Lesebedürfnisse berücksichtigt werden.
Diejenigen Leser, die mit einem Werk überhaupt noch nicht bekannt sind, wollen einen nachvollziehbaren und leicht verständlichen Zugang erhalten. Die Verehrer werden eher darauf achten, ob der Meister in ausreichendem Maße gewürdigt und nicht etwa verkürzt oder einseitig dargestellt wird. Die Puristen werden ohnehin mit Verachtung auf das Genre „Einführungsband“ herabschauen und die Vertiefung in die Originalliteratur anmahnen. Autoren können also jede Menge falsch machen.
Werner Fuchs-Heinritz, Professor für Soziologie an der Fernuniversität Hagen, und seine Kollegin Alexandra König, haben diese Aufgabe aber, wie ich finde, bewundernswert gemeistert. Dabei ist das Werk Bourdieus nicht unbedingt ein dankbarer Gegenstand für eine Einführung: es existiert kein geschlossenes Begriffssystem, das man nach und nach abarbeiten könnte, viele Gesichtspunkte zur Gliederung müssen aus der Lektüre seiner zahlreichen Bücher, Aufsätze und Interviews erst erschlossen werden, hinzu kommt die Hürde der Rezeption der französischen Sprache, die die Aufnahme in Deutschland nicht gerade erleichtert hat: „Bourdieus Schriften wirken … zunächst einmal ganz einfach deshalb französisch, weil der Autor in französischer Sprache denkt und schreibt – in  einer Sprache, die viele deutsche, englische und amerikanische Soziologen nicht lesen können“ (S. 322). Das ist insofern nachvollziehbar, als „Bourdieus Schreibstil in der Tat oft anstrengend und angestrengt, überladen durch Nebensätze und Einschübe, … weder sachlich noch elegant“ wirkt (ebd.), gleichzeitig aber außerordentlich bedauerlich, weil Bourdieu wie kaum ein Zweiter Kategorien und Konzepte zum Verständnis sozialer Praxis entwickelt hat, die in ihrer Originalität und Produktivität ihresgleichen suchen.
Diese Kategorien und Konzepte hat Bourdieu nicht in systematischer Theoriearbeit entwickelt, sondern in seinen empirischen Studien. Daran orientiert sich die Gliederung dieses Buches: „Am Anfang steht nicht die Rekonstruktion seiner anthropologischen Grundannahmen, der erkenntnistheoretischen bzw. methodologischen Orientierung, des Subjekt- oder des Praxisbegriffs, sondern die Darstellung wichtiger Forschungsarbeiten Bourdieus. Und erst gegen Ende werden die theoretischen und konzeptuellen Beziehungen zu anderen Autoren skizziert, wodurch sonst oft gleich zu Beginn die Einordnung in eine sozialwissenschaftliche Schule oder Strömung erreicht werden soll“ (10).
Wie sich herausstellt, ist das eine weise Entscheidung der Autoren, die die Motivation Bourdieus, Denkwerkzeuge zum Verständnis menschlicher Praxis in den verschiedensten sozialen Feldern zu entwickeln, nachvollziehbar macht. Im zweiten Kapitel, das der Einleitung folgt, werden diese Forschungsarbeiten vorgestellt. Zunächst geht es um die Untersuchungen der Lebensbedingungen und sozialen Strukturen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Algerien, die Bourdieu dort während seiner Militärzeit kennenlernt und die die Transformation des ausgebildeten Philosophen Bourdieu zum Soziologen einleitet. „Ob bei den Algerien-Studien oder den Forschungen in seiner Heimatregion – immer geht es um alte Werte und Dispositionen, die in einer neuen Welt keinen Sinn mehr haben“ (30).
In seine Studie zum französischen Bildungssystem untersuchte Bourdieu gemeinsam mit J.C. Passeron u.a. „die Auslesemechanismen im Bildungswesen anhand von Merkmalen wie der Sprache, der Fächerverteilung, der Einstellung zur Bildung; sie berücksichtigen auch scheinbar banale Phänomene wie z.B., ob sich der Student im Hörsaal in die vorderen oder die hinteren Reihen setzt. Statt sich, wie es die Logik des Bildungswesens nahelegt, auf das Examen als zentrale Ausleseinstanz zu beschränken, richten sie ihr Forschungsinteresse auf den gesamten Ausleseprozess“ (31). Aufgrund ihrer spezifischen empirischen Herangehensweise konnte die Studie zeigen, wie sich Ungleichheit im Bildungssystem unabhängig von politischen (evtl. egalitären) Einstellungen alleine aufgrund einer ungleichen Verteilung von finanziellem und kulturellem Kapital einerseits, bestimmter damit verknüpfter und weitgehend unbewusster Praktiken andererseits herstellt.
„Die feinen Unterschiede“, mit denen Bourdieu 1982 auch in Deutschland erstmals ein größeres Lesepublikum erreichen konnte, zeigt auf nachdrückliche Weise auf, dass die jeweils vorherrschenden Lebensstile, die Fragen des Geschmacks, der Essensvorlieben, unterschiedliche ästhetische Präferenzen usw. keine naturwüchsigen Phänomene darstellen, sondern tief in die Struktur der (Klassen-)Gesellschaft eingelagert sind. Auch hier fasziniert das äußerst kreative Forschungsdesign, das in Gestalt ganz herkömmlicher Methoden daherkommt (Interviews und Fragebogen), aber eine ungewöhnliche Präzision in der Konzeptualisierung des zu erforschenden Praxisbereiches an den Tag legt, die das Buch auch heute noch lesenswert macht, obwohl sich die Zeiten und Geschmäcker entschieden verändert haben.
Die beiden weiteren großangelegten empirischen Studien Bourdieus, die von den Autoren dargestellt werden, sind die Untersuchungen über den Trend zum massenhaften Bau von Eigenheimen und die damit verbundene Entwicklung einer Eigenheimindustrie („Der Einzige und sein Eigenheim“) sowie die umfangreiche (und umstrittene) Studie „Das Elend der Welt“. Die Eigenheimstudie analysiert die ökonomischen Dispositionen und geschmacklichen Orientierung der Bauherren, Eigenheimprospekte, Verkaufsgepräche, Interviews mit Leitungskräften usw. Das „Elend der Welt“, das 1993 erschien, setzt sich zum Ziel, in Abgrenzung zu den „staatlich-bürokratischen Meinungsumfragen als Forschungsinstrument“ die „betroffenen Menschen selbst zu Wort kommen (zu) lassen, … ihnen Raum für die Erzählung ihrer Lebensbedingungen, ihrer kleinen und großen Sorgen und Nöte (zu) geben, und schließlich auch Raum für eine Selbstanalyse“ (94f.). Mehr als um ein soziologisches Werk handelt es sich hierbei um ein politisches Buch, das die Instrumente verstehenden Lektüre in die Hände der Leserschaft legen möchte. Bourdieu: „Den standhaften und entgegenkommenden Blick, der nötig ist, um sich von der einzigartigen Bedingtheit, von der jedes einzelne Interview zeugt, durchdringen zu lassen, und den wir für gewöhnlich großen und literarischen Texten vorbehalten, kann man im Zuge einer Art Demokratisierung der hermeneutischen Haltung auch den alltäglichen Erzählungen von alltäglichen Abenteuern entgegenbringen“ (111, Elend der Welt, S. 800f.).
Seit kurzem wird endlich auch im systemischen Diskurs ein intensiver Diskurs über Inklusion in bzw. Exklusion aus den gesellschaftlichen Funktionssystemen als drängendes Sozialproblem geführt, wenngleich oft noch aus der Vogelflugperspektive theoretischer Analyse. Bourdieu hat mit seiner empirischen Arbeit den Betroffenen selbst eine Stimme gegeben.
Nachdem derart der empirische Blickwinkel Bourdieus auf gesellschaftliche Praktiken vorgestellt worden ist, werden im 3. Abschnitt die wichtigsten "Theoreme und Konzepte“ Bourdieus vorgestellt. Begonnen wird dabei zu Recht mit dem „Habitus“, dem Kernstück seiner Soziologie: „Im Einzelnen enthält der Habitus Schemata, die der Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit dienen, Denkschemata, mit Hilfe derer diese Wahrnehmungen geordnet und interpretiert werden, ethische Ordnungs- und Bewertungsmuster, ästhetische Maßstäbe zur Bewertung kultureller Produkte und Praktiken sowie Schemata, die die Hervorbringung von Handlungen anleiten. Diese Einzeldimensionen wirken im sozialen Handeln miteinander verbunden, es handelt sich nur um eine analytische Unterscheidung“ (114). Diese Schemata sind nun Bourdieu zufolge nicht in erster Linie Ergebnis individueller Präferenzen und Einstellungen, sondern ein überindividuelles Resultat der sozialen Praxis gesellschaftlicher Gruppen. Damit verwirft Bourdieu die Annahme, dass vor allem „Absichten, Motive, Aspirationen usw. das Handeln in Bewegung bringen und steuern“, also innerliche Kräfte, als abwegig (118). Der Habitus ist für ihn geronnene soziale Praxis und keineswegs nur symbolisch, sondern „in körperlichen Empfindungen und Gewohnheiten verankert, ist an Körperhaltung, Bewegungsform, Körperausdruck, an Geräusche, Gerüche und Tasteindrücke gebunden. Der Habitus ist das in den Körper eingegangene Soziale“ (120).
Während in der Luhmannschen Konzeption des Sozialen der Körper nur als Umweltvariable auftaucht, auf die allenfalls in irgendeiner Weise als Kommunikationsanlass Bezug genommen werden muss, ist der Körper bei Bourdieu selbst schon ein soziales Medium. Allerdings fehlt der Habitustheorie eine sozialisationstheoretische Unterfütterung: „man wird dabei bleiben müssen, dass im Kern von Bourdieus Soziologe ein zwar hoch plausibles Konzept steht, das aber durch (eigene) Forschung nicht belegt und als Sozialisationstheorie nicht ausformuliert ist“ (138).
Ein zweites zentrales Konzept ist das des Feldes. „Der Feld-Begriff … bildet das Pendant zum Habitus-Begriff: Den Dispositionen der Individuen korrespondieren im sozialen Feld wirkende objektivierte dingliche und strukturelle Bedingungen. Sie setzen den Individuen Grenzen und geben ihnen Möglichkeiten vor. … Mit dem Feld-Begriff will sich Bourdieu von substanzialistischen Vorstellungen des Sozialen verabschieden und stattdessen Relationen in den Mittelpunkt stellen“ (139). Hier wäre danach zu fragen, inwiefern das Feld-Konzept anschlussfähig an das Luhmannsche Konzept der Funktionssysteme wäre. Eine Frage, die Bourdieu selbst wahrscheinlich verneinen würde. Obwohl er auch gesellschaftliche Felder identifiziert, die gegenüber der Gesamtgesellschaft eine weitgehende Autonomie innehaben, beruht die Idee des Feldes doch weitgehend auf dem relationalen Wirken der jeweiligen Akteure, die ihre unterschiedlichen Kapitalien einsetzen, um strategische Ziele zu erreichen. Aus dieser Perspektive sind soziale Felder immer schon Machtfelder, „ein Produkt von Konflikt und Konkurrenz und kein Produkt irgendeiner immanenten Eigenentwicklung der Struktur“ (zit. aus Bourdieu: Reflexive Soziologie 1992/96; S. 157).
Mindestens so berühmt wie das Habitus-Konzept ist die Verwendung des Kapital-Begriffes durch Bourdieu, nämlich seine Konzeption nicht nur als Geld, sondern generell als „soziale Energie“, als gespeicherte und akkumulierte Arbeit in materieller oder symbolischer (!) Form: „Bourdieu kennt nicht nur ein ökonomisches Kapital. Scharf setzt er sich von der Wirtschaftswissenschaft ab, deren Kapitalbegriff nur die auf Warentausch und Markt bezogenen  und an Profit orientierten Prozesse meint und damit alle anderen Austausch- und Berechnungsprozesse (soziale, kulturelle, symbolische) implizit (oder auch explizit) als quasi interesselose Beziehungen auffasst“ (158).
Neben das ökonomische Kapital des materiellen Besitzes als wichtigste Kapitalart stellt Bourdieu das kulturelle Kapital (objektiviert in Kunstwerken, Büchern, Instrumenten etc.; inkorporiert als kulturelle Kenntnisse und Fähigkeiten der Individuen in Form von Bildung, und institutionalisiert als formale Abschlusszeugnisse und Bildungstitel), das soziale Kapital (als „Möglichkeiten, andere um Hilfe, Rat oder Information zu bitten“, d.h. als Netz sozialer Beziehungen, 166) sowie das symbolische Kapital (das sich in den Formen der Gewinnung und Erhaltung von Prestige finden lässt). Alle diese Kapitalien können nur durch den Verbrauch von (Lebens-)Zeit gewonnen werden, sie sind akkumulierbar, vererbbar oder auf andere Weise sozial übertragbar und schaffen von daher von vornherein unterschiedliche Spielräume für die Akteure in den verschiedenen sozialen Feldern: „Die einzelnen Kapitalien bilden Abgrenzungsmöglichkeiten der Felder (Spiel-Räume) voneinander. Praxisfelder sind Felder, in denen es um bestimmte Kapitalien geht und in denen spezifische Ökonomien herrschen. Und die Kapitalsorten sind die Mittel in der Hand der Spieler, um in einem Feld Gewinn zu machen und um überhaupt zu handeln“ (158).
Diese begrifflichen Konzepte werden verständlich definiert und erörtert, durch angemessene Originalzitate fundiert, jeweils schlüssig in das Gesamtwerk eingeordnet und immer wieder auch kritisch diskutiert. Als Leser erhält man eine ausreichende Orientierung und Hinweise zur weiteren Vertiefung. Auf ähnliche Weise werden weitere Grundkonzepte Bordieus vorgestellt: „Strategie“, „Sozialer Raum und Klassen“, „Lebensstile“, „Distinktion“, „soziale Laufbahn“ (im Unterschied zur „Biografie“), „Doxa“ („Eine jede herrschende soziale Ordnung trage, so Bourdieu, die Tendenz in sich, ihre Form als natürlich erscheinen zu lassen“, S. 201), „das Unbewusste“ („all das was unbeachtet und unproblematisiert die Erfahrung der Wirklichkeit strukturiert“, 206) und „Symbolische Gewalt“ (als „Potenzial, Bedeutung durchzusetzen und ihre Anerkennung zu erreichen“; 207).
Das vierte Kapitel identifiziert sechs wichtige theorieleitende Grundsätze Bourdieus, die alle seine Arbeiten durchziehen: Bindung an empirische Forschung („Konzepte sollen wie Werkzeuge in einem Werkzeugkasten vor allem der Anwendung dienen“; 217), Nähe zur Ethnologie, Denken in Relationen, weder Objektivismus noch Subjektivismus, Eigensinn der sozialen Praxis und Reflexivität der Sozialwissenschaft.
Das fünfte Kapitel widmet sich den wissenschaftlichen Wurzeln und Quellen sowie den „Freunden und Feinden“ und macht auf schöne Weise auch dem unbedarften Leser deutlich, wie sehr jedes geisteswissenschaftliche Werk aus den Arbeiten der vorangegangenen Generationen schöpft. Im Einzelnen werden die Verbindungslinien zu Immanuel Kant, Adam Heinrich Müller (1779-1829, ein deutscher Nationalökonom, der – als Gegenentwurf zu Adam Smith’s „Wealth of Nations“ – einen Kapitalbegriff schuf, der auch „geistiges“ und „physisches“ Kapital umfasste), Auguste Comte, Karl Marx, Émile Durkheim, Max Weber, Martin Heidegger, Norbert Elias, Claude Lévi-Strauss, Erving Goffman, Michel Foucault und James S. Coleman gezogen, was einen eindrucksvollen Referenzrahmen erzeugt.
Auf wenigen Seiten werden im sechsten Kapitel „Notizen zur Biografie Bourdieus“ zusammengestellt, der immer bestrebt war, seine eigene Lebensgeschichte nicht als persönliche Bildungs- oder Werkgeschichte zu präsentieren, sondern als Entwicklung einer „objektivierten“ Position innerhalb des akademischen Feldes, in dem er sich bewegt hat: „Die intimste Wahrheit über das, was wir sind, das Undenkbarste, Ungedachte, ist in die Objektivität der Positionen eingelassen, die wir, in der Gegenwart wie in der Vergangenheit, eingenommen haben, und in die ganze Geschichte dieser Positionen“ (aus: „Die Könige sind nackt“; 286 - vgl. auch die Besprechung seines „Soziologischen Selbstversuchs“ durch Bruno Hildenbrand im systemagazin).
Das siebte Kapitel ist den Politischen Schriften und Aktivitäten Bourdieus gewidmet. Vor allem in seinen letzten Lebensjahren machte sich Bourdieu zum Sprachrohr der gesellschaftlich Benachteiligten, die im aktuellen Diskurs keine Stimme mehr haben - eine Haltung, die ihm viel Kritik einbrachte. „Aus seinen Analysen der symbolischen Gewalt ergeben sich Bourdieus Ratschläge zu einer gezielten Sprachpolitik. Wenn die Worte dazu beitragen, die soziale Welt zu erzeugen, dieses sichtbar und jenes unsichtbar zu machen, dann kommt es sehr darauf an, welche Worte für welche Sachverhalte verwendet werden … Diese sprachpolitischen Vorschläge Bourdieus treffen sich mit ähnlichen, vom Konstruktivismus angeregten, wie sie vor allem die Frauenbewegung sowie unterschiedliche Bewegungen gegen Diskriminierung und Rassismus befolgen, bis hin zur political correctness“ (302). Bourdieu positionierte sich als Kämpfer gegen die neoliberalistische Globalisierungspolitik mit der Forderung, „eine neue Kostenrechnung aufzumachen, also die menschlichen, sozialen und kulturellen Folgelasten zu veranschlagen, die die Orientierung an den Finanzmärkten gemeinhin unterschlägt“ (308).
Das achte und letzte Kapitel stellt die Schwierigkeiten und Lücken des Bourdieu’schen Werkes in den Mittelpunkt, aber auch die Schwierigkeiten seiner Rezeption. Abgeschlossen wird der Band durch ein ausgiebiges Literaturverzeichnis, das ein umfangreiches, aber nicht vollständiges Verzeichnis seiner Schriften als Autor und Ko-Autor sowie eine Liste von Interviews enthält, darüber hinaus viel Sekundärliteratur über Bourdieu und sonstige soziologische Literatur. Ein Register rundet das Buch ab.
Den Autoren ist eine hervorragende Einführung gelungen, nicht nur in „das Werk“ von Pierre Bourdieu, sondern auch in seine wichtigsten Einzelwerke. Die zentralen Begriffe und Konzepte werden ausreichend differenziert und nachvollziehbar herausgearbeitet, die persönlichen und wissenschaftlichen Kontexte werden in der Darstellung berücksichtigt und erleichtern die Orientierung. Viele sinnvoll platzierte Bourdieu-Zitate machen Lust auf das Nachschlagen im Original. Trotz allen Wohlwollens wird auch die Kritik an Bourdieu nicht übergangen, an vielen Stellen wird auf theoretische, argumentative oder empirische Schwachpunkte hingewiesen. Der gesamte Band ist durchgängig gut verständlich und kommt daher auch für Leserinnen und Leser in Frage, die bislang noch keine Bekanntschaft mit Bourdieu gemacht - oder gesucht haben. Was will man von einer Einführung mehr?





Pierre Bourdieu: Aufruf gegen die Politik der Entpolitisierung

HyperBourdieu© WorldCatalogueHTM, ein sehr umfangreicher und präziser Werkkatalog von Pierre Bourdieu mit zahlreichen Fotos

"Pierre Bourdieu ist tot. Ein Nachruf aus der Sicht eines Exegeten." Von
Stefan Lücking


Pierre Bordieu. Eintrag in Wikipedia





Verlagsinformation:

Ausgehend von Bourdieus vielfältiger Forschungsarbeit geben die beiden Autoren Einblicke in die Entwicklung seiner Konzepte und Instrumente. Knapp und leicht verständlich erläutern sie für die Soziologie bedeutende Begriffe wie „Habitus“, „Lebensstil“ und „Kapital“ und stellen zusammenfassend die Grundansätze des modernen Klassikers dar. Ein ausführliches Literaturverzeichnis ermöglicht den Zugriff auf Schriften, Interviews und Gespräche von und mit Bourdieu sowie weiterführende Literatur über Bourdieu.

Inhalt:

1. Einleitung
2. Wichtige Forschungsarbeiten
2.1 Algerien: Die zwei Gesichter der Arbeit
2.2 Bildung: Die Illusion der Chancengleichheit
2.3 Klassenstruktur und Lebensstile: Die feinen Unterschiede
2.4 Wohnen: Der Einzige und sein Eigenheim
2.5 Gegenwartsanalyse: Das Elend der Welt

3. Theoreme und Konzepte
3.1 Habitus
3.2 Einverleibung
3.3 Feld
3.4 Kapital
3.4.1 Ökonomisches Kapital
3.4.2 Kulturelles Kapital
3.4.3 Soziales Kapital
3.4.4 Symbolisches Kapital
3.5 Strategie
3.6 Sozialer Raum und Klassen
3.7 Sozialer Raum und Lebensstile
3.8 Distinktion
3.9 Soziale Laufbahn
3.10 Doxa
3.11 Das Unbewusste
3.12 Symbolische Gewalt
3.13 Institutionsritus (Einsetzungsritus bzw. Stiftungsritus)

4. Grundansätze
4.1 Bindung an die empirische Forschung
4.2 Nähe zur Ethnologie
4.3 Denken in Relationen
4.4 Weder Objektivismus noch Subjektivismus
4.5 Eigensinn der sozialen Praxis
4.6 Reflexivität der Sozialwissenschaft

5. Wurzeln und Quellen, Freunde und Feinde

6. Notizen zur Biografie Bourdieus

7. Politische Schriften und Aktivitäten

8. Schluss

9. Literaturverzeichnis
9.1 Schriften von Bourdieu
9.2 Veröffentlichungen von Bourdieu zusammen mit anderen
9.3 Interviews und Gespräche mit Bourdieu
9.4 Literatur über Bourdieu.
9.5 Weitere Literatur


Die Einleitung als PDF-Datei



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