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Neuvorstellung zur Übersicht
15.08.2006
Bernhard Strauß, Michael Geyer (Hrsg.): Psychotherapie in Zeiten der Globalisierung
Strauß Geyer: Psychotherapie in Zeiten der Globalisierung Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006

342 Seiten mit 6 Abb. und 4 Tab., kartoniert

Preis: 34,90 €
ISBN 3-525-49093-3
Vandenhoeck & Ruprecht





Tom Levold, Köln:

Im Sommer 2005 richteten die beiden Herausgeber in Weimar eine Tagung zum Thema „GRENZEN - Psychotherapie und Identität in Zeiten der Globalisierung“ aus, deren Beiträge nun in zwei Teilbänden publiziert werden. Im vorliegenden Band sollen die Beiträge zusammengefasst werden, die sich „mehr oder weniger direkt mit der Globalisierungsthematik befassen“ (S. 20), der zweite Band (ebenfalls demnächst im systemagazin besprochen) gilt dem Thema der Grenzen psychotherapeutischen Handelns.
In ihrem Vorwort nehmen die Herausgeber unter Bezugnahme auf Heiner Keupp das Stichwort von der „Gesellschaftsvergessenheit der Psychotherapie“, ja ihrer „sozialen Amnesie“ auf und konstatieren einen Bedarf, „sich mit gesellschaftstheoretischen Fragen zu befassen und mehr noch diesbezügliche Impulse aus anderen Wissenschaftsdisziplinen zu erhalten“ (19). Diesem Bedarf soll dieses Buch abhelfen, ein Unterfangen, dass jedoch nur teilweise gelingt. Es zeigt sich vor allem, dass der zeitdiagnostische Anspruch der Reflexion der Herausforderungen, denen sich die Psychotherapie im Globalisierungszeitalter stellen muss, eher nicht eingelöst wird: das Spektrum der (offensichtlich von den AutorInnen selbst) gewählten Themenstellungen ist viel zu breit angelegt, trotz einiger ausgezeichneter Einzelbeiträge hält der Band im Ganzen nicht, was der Titel verspricht.
Die Aufsätze des Buches gliedern sich in fünf Teile: 1. Globalisierung und Ökonomisierung in der Psychotherapie, 2. Globale Identität(en), 3. Psychotherapie mit und in fremden Kulturen, 4. Mediatisierung und Identitätsentwicklung und 5. Grenzen der Erinnerung im Zeitalter der Globalisierung.
Im ersten Teil bietet der Medizinsoziologe Johannes Siegrist interessante Fakten über die Entwicklung von Gesundheitsrisiken „im Prozess der Ausweitung zentraler Elemente des westlichen Modernisierungsprozesses auf alle Länder der Erde“ (29). Dabei rückt er das weitverbreitete Vorurteil zurecht, dass im Zuge der weltweiten Mobilität die Krankheitslast in erster Linie von Süd nach Nord (etwa durch AIDS oder SARS) transportiert würde. Das Gegenteil ist der Fall. In den sogenannten Schwellenländern ist derzeit ein „rasanter Anstieg von Herz-Kreislauf-Krankheiten, von Typ-II-Diabetes, von Lungenkrebs, aber auch von Depressionen und Abhängigkeitserkrankungen“ festzustellen (31). Das ist einerseits die Folge einer planmäßigen Verbreitung von Tabak und Alkohol durch Konzerne, die ihre Verluste durch die Gesundheitspolitik in den westlichen Ländern in den Entwicklungs- und Schwellenländern kompensieren wollen, andererseits aber vor allem in der Verbreitung von Arbeitstechnologien begründet, die mit einem hohen Maße an Stress einher gehen.
Wachsender Arbeitsstress bei fehlender Arbeitsplatzsicherheit ist auch in den Industrieländern ein großer gesundheitlicher Risikofaktor: „Heute besitzen wir gesicherte Kenntnisse darüber, dass zunehmende Anforderungen bei begrenzter Kontrolle und begrenztem Entscheidungsspielraum sowie ein sich verschärfendes Ungleichgewicht zwischen Verausgabung und Belohnung das Risiko weit verbreiteter körperlicher und psychischer Erkrankungen verdoppelt“ (41f.). Folgerichtig plädiert Siegrist dafür, dass Unternehmen Anstrengungen unternehmen, den Arbeitsstress ihrer Beschäftigten zu reduzieren, eine Strategie, die - wie er zeigt - durchaus lohnenswert ist, da sie die Kosten krankheitsbedingter Ausfälle vermindern und die Rendite steigern kann.
Stefanie Duttweiler, ebenfalls Soziologin, arbeitet einen gesellschaftlichen Strukturwandel der therapeutischen Beziehung heraus: „Wurde im Zuge der Entpathologisierung der Psychotherapie der Patient zum Klient, so wird er aktuell als Kunde angesprochen. Die therapeutische Beziehung entwickelt sich tendenziell zu einer Marktbeziehung zwischen Kunden und Lieferanten. … Die Hilfesuchenden werden zu Mitentscheidern, mehr noch: Sie werden zu Beurteilern der therapeutischen Leistung auf einem durchkapitalisierten Markt therapeutischer Dienstleistungen“ (50f.). Diese Tendenz kann man - ähnlich wie das auch für den Arztberuf der Fall ist - als eine beginnende Deprofessionalisierung verstehen, ironischerweise zu einer Zeit, in der durch das Psychotherapeutengesetz ein vermeintlich wichtiger Professionalisierungsschritt begangen worden ist. Zudem postuliert Duttweiler eine „Diffusion des Therapeutischen“ durch die paralle Entwicklung eines großen Sektors marktvermittelter psychologischer Hilfsangebote (52), die durch keine institutionalisierten Regeln und Vorschriften eingeschränkt werden und daher ein „schier unerschöpfliches Angebot an psychologischen Optimierungsverfahren“ (53) darstellen, das seinerseits wiederum fortdauernden Beratungsbedarf erzeugt. Zielfigur all dieser Bemühungen ist die „Figur des unternehmerischen Selbst“, in die auch die Ökonomie ihre Heilserwartungen projiziert: „Die Selbstführung nach Maßgabe der Unternehmensführung zu organisieren heißt, jeden Bereich des Lebens danach auszurichten und sich gegebenenfalls in umfassender Weise dahingehend zu verändern“ (58). „Wesentlicher Bestandteil dieser individuellen Bearbeitungsstrategien ist die Fähigkeit, sich therapeutische Hilfe zu suchen“ (60). Duttweiler hält freilich auch fest, dass diese Entwicklung der Psychotherapie nicht nur von außen aufgedrückt wird, sondern gewissermaßen auch durch die Form therapeutischer Kommunikation selbst forciert wird, die grundsätzlich als „Technologie der Freiheit“ (Osborne) auf Selbstbestimmung, Freiheit und Entscheidung des Klienten fokussiert. In ihrem Resümee fordert Duttweiler, zentrale Momente der Funktion von Psychotherapie beizubehalten und auch öffentlich zu reklamieren, nämlich „den Zumutungscharakter gesellschaftlicher Zurichtungen, der nicht zuletzt in einem  unhintergehbar geforderten Einsatz von Selbstverantwortung und Selbstkontrolle liegt, sichtbar zu machen oder die Rolle als Anwalt derjenigen, die sich nicht in Unternehmer ihrer selbst verwandeln können - oder wollen“ (66).
Der interessante Aufsatz von Oliver König über die Aufstellungsarbeit als kurzzeittherapeutisches Konzept in der Gruppentherapie wäre eigentlich besser im o.g. zweiten Band aufgehoben gewesen - was er in diesem Abschnitt zu suchen hat, ist nicht wirklich zu erkennen. Der abschließende, recht kurze Beitrag von Klaus Petzer Kisker, ehemaliger Leiter des Institutes für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte an der FU Berlin, beschwört die Globalisierung als Prozess der „Zerstörung der Zivilgesellschaft“ und eine neue Form von Klassenkampf und hofft auf eine neue Kapitalismuskritik, deren erste Vorboten er in den Abstimmungen gegen die EU-Verfassung ortet.
Der zweite Abschnitt bietet zwei pessimistische Aufsätze und einen ausgesprochen optimistischen Beitrag zu den Veränderungen der Identität im Zeitalter der Globalisierung an. Pawel Dybel, Philosoph aus Warschau, kann in seinen philosophisch-psychoanalytischen Reflexionen in der Globalisierung nur die „totale Verflüssigung“ der Identität erkennen: „Das Ergebnis ist die weitgehende Verwüstung solcher Bereiche (des menschlichen Zusammenlebens) und das Ausbreiten einer neuen, marktwirtschaftlich sublimierten Form der barbarischen Identität des Menschen ‚ohne Eigenschaften‘. Es ist schwer, solche Menschen zu heilen, weil in ihrem Fall die obsessive Suche ihrer selbst zu etwas Normalem, zur Hauptform ihres alltäglichen Miteinanderseins geworden ist“ (116).
Eher eine Zumutung stellt der Beitrag des Heidelberger Psychoanalytikers Werner Balzer dar, der wortreich den Verlust des „innerseelischen Bedeutungsraumes“ durch die gegenwärtige Tendenz zu Oberflächlichkeit beklagt. Der Leser wird mit abstrakten Wortkaskaden und einem brachialen, oft inkohärenten Metaphernmix an der Grenze zur Schwafelei überschüttet: „Der herkömmliche Innenraum entdimensioniert sich dabei zu flüchtigen, sensorisch codierten, zirkulierenden Erregungsoberflächen. Vielleicht sind dies Merkmale eines kommenden, sensorisch entgrenzten, immersiven Menschen, der gleichsam der Schwerkraft im medialen Feld folgt, dabei aber rasch und strategisch in ephemeren, ikonischen Zeichenwelten navigieren kann, Mimesis an asemiotischen Prozeduren leistet und womöglich einen adaptiven Selektionsvorteil gegenüber dem langsamen, altmodischen Menschen mit einem symbolisch entfalteten inneren Raum hat“ (139f.) etc.pp. Auch wenn sich der Text selbst vielleicht als (narzisstischer) Nachweis eines symbolisch entfalteten, gut möblierten inneren Raums des Autors präsentieren möchte, so fehlen doch die Fenster und Türen (als Oberflächen und Anschlussmöglichkeiten), die dem Leser einen Besuch angenehm und gewinnbringend gestalten könnten.
Der dritte und letzte Beitrag in diesem Abschnitt mäandert ebenfalls eher assoziativ durchs Thema, wenngleich er eine durchaus schwärmerische Note aufweist. P.J. Kothes, Chef einer PR-Agentur und Vorsitzender einer „Identity Foundation“, sieht in der Globalisierung ein Zusammenwachsen der Welt, das der Menschheit erstmals eine „Einheitserfahrung“ ermöglichen könne: „Die Globalisierung ist also eine zwangsläufige Folge der Bewusstseinsentwicklung. Auf der Ebene des Individuums führt die Zunahme an Bewusstheit hin zur Mystik. Deshalb können wir allein an der äußeren Entwicklung der Welt ablesen, dass wir auf dem langen Weg in die Mystik sind - Mystik hier gebraucht als Begriff für die bewusste Einserfahrung“ (159).   
Alle drei Beiträge lassen den Leser eher ratlos zurück, was es denn nun mit den Veränderungen der Identität in der Gegenwart auf sich hat. Das liegt sicherlich nicht nur in der fehlenden Klärung der zugrunde liegenden Begriffe, sondern auch im Verzicht auf jede empirische Fundierung von Aussagen. So gesehen oszilliert die Beobachtung globalisierter Identität zwischen Pathologievermutung und Heilserwartung. Darüber hinaus bleibt aber die Frage offen, wie denn Psychotherapie im Besonderen sich zu diesem Themenkomplex verhalten soll.
Dieser Fragestellung näher kommt wiederum der dritte Abschnitt mit sehr handfesten Beiträgen über ein zunehmendes Globalisierungsphänomen, nämlich der Notwendigkeit, sich mit interkulturellen Problemen auseinandersetzen zu müssen. Mit der Globalisierung einher geht die weltweite Zunahme von (freiwilliger und erzwungener) Migration und gerade die Psychotherapie wird in diesem Prozess immer stärker mit der Notwendigkeit konfrontiert, durch entsprechende Versorgungsangebote und inhaltliche Konzepte auf interkulturelle Problemlagen zu reagieren.
In seinem Beitrag betont Sudhir Kakar, ein indischer Psychoanalytiker, der seine Ausbildung in Deutschland absolviert hat, dass Psychoanalytiker nicht unbedingt genaue Kenntnisse der Kultur ihrer Patienten haben müssten. Viel wichtiger sei, dass sie die Vorstellungen, die ihrer eigenen Kultur zugrunde liegen, ernsthaft hinterfragten „und sich darüber bewusst werden, dass (ihre) Konzepte der Psychopathologie nicht unbedingt universale Gültigkeit haben“ (179).
Yesim Erim und Wolfgang Senf schlagen vor, therapeutische Leitfäden zur kulturellen Orientierung von Psychotherapeuten zu entwickeln, die insbesondere auf ethnisch geprägte Verhaltenskomplexe wie „Regulation von Beziehung durch Nähe, Generationenfolge und Geschlecht, Paarfindung und Lebenszyklus (und) Krankheitserleben“ fokussieren (184). Sie verweisen vor allem auf die schwierige psychotherapeutische Versorgungslage für Migranten, die in erster Linie durch Sprachschwierigkeiten gekennzeichnet ist und bringen eindrucksvolle Zahlen aus NRW: So arbeitet beispielsweise in den 59 Tageskliniken des Landes nur ein einziger türkischsprachiger Psychologe und im ganzen Bundesland gibt es nur zwei türkischsprachige niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychiater. Konsequenterweise ergibt sich daraus die Forderung der Autoren, die Approbation von psychologischen Psychotherapeuten von der deutschen Staatsangehörigkeit zu entkoppeln (!) und endlich Sonderbedarfszulassungen für Psychotherapeuten mit „muttersprachlicher und interkultureller Kompetenz“ (189) vorzunehmen, um diese Benachteiligung von Migranten zumindest abzumildern.
Ali Kemal Gün fasst die Ergebnisse einer eigenen umfassenden qualitativen Studie zusammen, in denen er deutsche TherapeutInnen und türkische PatientInnen über ihre Bewertung der kulturellen Differenzen im Laufe der psychotherapeutischen Behandlung befragte und dabei sowohl Überbetonung als auch Verleugnung der Unterschiede bei den TherapeutInnen als Copingstrategie ausmachen konnte.
Margarete Haaß-Wiesegart, die sich seit den 70er Jahren auf eindrucksvolle Weise und mit beachtlichem Erfolg um einen fachlichen psychotherapeutischen Austausch mit KollegInnen in China bemüht, berichtet sehr lesenswert von Kooperation zwischen etwa 50 deutschen und chinesischen Psychiatern und Psychologen unterschiedlicher Schulenpräferenzen, die im Zuge von Symposien, Ausbildungsprogrammen, Kongressen, fortlaufenden Supervisionsgruppen u.ä. versuchen, einen interkulturellen Transfer psychotherapeutischer Konzepte zu entwickeln.
Der Beitrag des Historikers Dirk van Laak hat mit diesen Fragen nur am Rande zu tun. Er rekonstruiert die Ambivalenz des Afrikabildes der Moderne zwischen einer Projektionsfläche für Größenphantasien vollständiger technologischer Erschließung einerseits und der Phantasmagorie einer bedrohlichen, triebhaften, unkontrollierbaren Wildnis andererseits, die im europäischen Kolonialismus spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zum dominanten Leitmotiv wurde. Dieses Afrikabild, so zeigt van Laak, tauchte bei vielen europäischen Autoren und Literaten dieser Zeit immer wieder als allgemeine Metapher für den Konflikt zwischen dem Triebhaft-Primitiven und der Zivilisierung und Disziplinierung auf, nicht zuletzt auch bei Sigmund Freud, der als junger Mensch begeisterter Leser der Berichte von Afrikareisenden war.
Auch der vorletzte Abschnitt über Mediatisierung und Identitätsentwicklung bietet keine wirkliche Perspektive auf das Rahmenthema der Globalisierung. Einschlägige Vorarbeiten (wie z.B. die bahnbrechende dreibändige Studie von Manuel Castells über die Netzwerkgesellschaft) werden in keiner der drei Beiträge erwähnt, geschweige denn rezipiert.
Die empirische Studie von Ruhrmann untersucht im Vergleich Nachrichten im ostdeutschen und westdeutschen Fernsehen, ohne jeden erkennbaren Zusammenhang mit der Psychotherapie in Zeiten der Globalisierung (wenn man einmal davon absieht, dass das Fernsehen ohne Zweifel ein globales Medium ist).
Der Beitrag des Kommunikationswissenschaftlers F. Krotz postuliert zwar die „allgemeine These…, dass die Beziehungen der Menschen ebenso wie ihre Identität auch von den je verfügbaren Medien und damit von den kulturellen und gesellschaftlichen wie auch von den individuellen Bedingungen ihrer Nutzung abhängen“ (270) und skizziert auch einige „Veränderungspotentiale“ im Mediengebrauch, der sich in einer dynamischen Entwicklung befindet, die vom Autor als „Mediatisierungsprozess“ (276) bezeichnet wird, bleibt aber doch eher im Allgemeinen. Diese Befunde sind allerdings schon längst ins zeitdiagnostische Bewusstsein der Gesellschaft eingesickert, wo sie mal sorgenvolle, mal hoffnungsfrohe Meinungen bedienen. Aufschluss darüber, wie sich Identitäten im Zuge der Globalisierung verändern, dürfte wohl eher von empirischen Untersuchungen zu erwarten sein: Studien über Qualität und Quantität des Mediengebrauchs, veränderte Narrative von „mediatisierten Beziehungen“, Entwicklung neuer Denkformen im Zuge der Nutzung digitaler Medien usw. Solche Studien könnten vielleicht auch am ehesten die Dämonisierung und Pathologisierung ebenso wie die schwärmerische Überhöhung des Globalisierungsprozesses konterkarieren und deutlich machen, dass auch in der Vergangenheit und Gegenwart die Identität der Menschen nicht weniger durch Mediengebrauch geprägt wurden als für die Zukunft befürchtet wird (vgl. Merlin Donalds „Origins of the Modern Mind“).
Der Kinder- und Jugendlichentherapeut Wolfgang Bergmann sieht angesichts der Faszination für Online-Spiele bei den Jugendlichen ebenfalls pessimistisch in die Zukunft, gar den „Weg in eine autistische Gesellschaft“. Gewagt (und im Rückgriff auf eine psychoanalytische Entwicklungspsychologie, die die neuere Säuglingsforschung noch immer nicht zur Kenntnis genommen hat) zieht er eine direkte Linie zwischen den Internet-Spielen und dem - Mutters innigen Blick in sich aufnehmenden - Säugling an der Mutterbrust, der „im Versorgtwerden ein universales Weltgefühl (empfindet), das er … nach dem Zerfall der biotischen Einheit durch die Geburt halluzinativ aufrecht zu halten versucht“ (285). Und: „Beides nun, das frühkindliche Versorgtsein, die Stillung und die symbiotischen Gefühle und zugleich das ‚Visionäre‘, das die Welt-Umfassende werden in den Spielen des Internet hervorgerufen. Sie werden, solange das Kind in den Spielkontakten bleibt, zur seelischen Realität. Erleben und Agieren im Lichtraum. Der Gesichtssinn kontrolliert! Zugleich ist alles offen, prinzipiell unabschließbar. Im Netz gelingt auf beinahe vollkommene Weise, was in der frühen Lebensgeschichte immer auch unvollständig blieb“ (286).
Auch dieser Text verzichtet bedauerlicherweise auf jeden empirischen Zugang zum Thema und reiht sich damit in einen Typus psychoanalytischer Anmutungsprosa ein, die nicht argumentiert und begründet, sondern in erster Linie behauptet und meint. Man kann sich dann zwar anregen lassen und sich der Meinung anschließen (oder auch nicht), anschlussfähig in Bezug auf das Rahmenthema ist dieser Aufsatz aber leider nicht - dabei wäre ja gerade die psychotherapeutische Dimension der Arbeit mit Internet-süchtigen Kindern und Jugendlichen von Interesse gewesen.
Der abschließende Teil enthält zwei sehr lesenswerte Beiträge, die aber auch nicht auf das Buchthema zurückführen. Dorothee Wierling, Historikerin, schreibt über ihre Interpretation von Texten, die im Kontext der „Oral History“ durch Transkription von Erzählungen entstehen: „Als Erzählungen werden Erinnerungen in eine aussprechbare, kommunizierbare Form gebracht, die sich an den Zuhörer richtet, aber auch dem Erzähler selbst als etwas ‚Geäußertes‘ gegenübertritt, sich von ihm trennt, also von ihm selbst gehört und betrachtet bzw. gelesen werden kann“ (297). Erinnern, Erzählen und natürlich auch die Selektion von Material und dessen Interpretation durch die Forscherin sind sämtlich konstruktive Akte, so Wierling, eine Objektivation von Vergangenheit ist grundsätzlich auch durch die Historiker nicht möglich.
Der letzte Beitrag von Wolfram Fischer ist eine gut geschriebene und sehr gründliche theoretische Arbeit über die Fundierung des (autobiografischen) Selbst in sprachlichen Interaktionen unter sehr unterschiedlichen Kontextbedingungen. „Bei Gesprächen unter Anwesenden werden wechselseitig Selbst konstruiert, indem sie unterstellt, präsentiert, verifiziert oder falsifiziert werden. Im Gespräch werden Selbste mikrogenetisch hergestellt. Das gilt prinzipiell für jedes Gespräch über irgendetwas und nicht nur für Gespräche, in denen man explizit über sich selbst handelt. Auch wenn die Themen einer Interaktion nicht direkt das Selbst betreffen, wird auch über solche Themen Selbst mittransportiert und konstituiert. Wir rechnen in der Regel Äußerungen zuallererst dem Sprecher zu - nicht seiner Kultur, Nation, Religion, Profession oder seinem Geschlecht - obwohl man dies auch könnte und obwohl diese bei genauerem Hinsehen eine größere Strukturierungsleistung erbringen als das Individuum“ (315).
Wie schon eingangs angedeutet, hat die Lektüre des vorliegenden Bandes auf mich einen zwiespältigen Eindruck gemacht. Das Thema des Bandes (und ja auch des zugrundeliegenden Kongresses) wurde von der Mehrzahl der Beiträge nicht explizit behandelt, das Buch hätte genauso gut „Psychische Entwicklung im sozialkulturellen Kontext“ o.ä. heißen können. Auch wenn der rote Faden fehlt, sind zahlreiche empfehlenswerte Aufsätze darin enthalten. Ob die im Vorwort bemängelte „Gesellschaftsvergessenheit der  Psychotherapie“ mit diesem Band Vergangenheit geworden ist, darf bezweifelt werden, die Mehrheit der Autoren sind nämlich gar keine Psychotherapeuten. Die Berücksichtigung gesellschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse in der psychotherapeutischen Praxis und Ausbildung scheint aber mehr denn je notwendig zu sein, denn auch wenn die Globalisierung in den meisten Beiträgen nur sehr global, wenn überhaupt, abgehandelt wurde, ist doch jetzt schon klar, dass in diesem Prozess die Lebensverhältnisse der Menschen bis in die Mikroebene hinein transformiert werden – und damit auch der Gegenstand und Kontext von Psychotherapie.





Die websites von Bernhard Strauß und Michael Geyer




Verlagsinformation:

Gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die gemeinhin als Globalisierung, von Soziologen auch als »reflexive Modernisierung« bezeichnet werden, haben auch die Psychotherapie nicht unberührt gelassen. Allerdings wird Psychotherapeuten gelegentlich bescheinigt, sich wenig mit aktuellen gesellschaftlichen Themen zu befassen. In den Beiträgen geht es unter anderem um die Ökonomisierung von Psychotherapie, die kulturellen Grenzen psychotherapeutischen Handelns und der Erinnerung und um den Einfluss neuer Medien auf die Identität des Menschen. Das Buch, in dem Autoren aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen zu Wort kommen, will eine »Selbstreflexion von außen« anstoßen.


Inhaltsverzeichnis:

Strauß, Bernhard, & Geyer, Michael: Psychotherapie in Zeiten der Globalisierung. Vorwort der Herausgeber. S. 9-21
Fürstenau, Peter: Globalisierung und Ökonomisierung in der Psychotherapie - Eine Einführung. S. 25-27
Siegrist, Johannes: Globalisierung und Gesundheit. S. 28-45
Duttweiler, Stefanie: Ökonomisierung der Therapie - Therapeutisierung der Ökonomie: von Kunden, Märkten und Unternehmern. S. 46-70
König, Oliver: Familienaufstellungen - Kurzzeittherapie in der Gruppe. Möglichkeiten und Grenzen eines Verfahrens. S. 71-90
Kisker, Klaus Peter: Globalisierung, die Zerstörung der Zivilgesellschaft. S. 91-99
Dybel, Pawel: Die Grenzen der Identität oder die Identität als Grenze? S. 103-116
Balzer, Werner: Der Entzug des inneren Raumes. Über zeitgenössische Konstitutionsbedingungen von Subjektivität. S. 117-151
Kohtes, Paul J.: Lost in Orbit - Kommunikation als Metapher. S. 152-160
Kakar, Sudhir: Kultur und Psyche - Auswirkungen der Globalisierung auf die Psychotherapie. S. 163-181
Erim, Yesim, & Senf, Wolfgang: Klinische interkulturelle Psychotherapie - Standpunkte und Zukunftsaufgaben. S. 183-191
Gün, Ali Kemal: Einheimische und Inländer - Probleme bei bikulturellen psychotherapeutischen Behandlungen. S. 192-204
Haaß-Wiesegart: Psychotherapietransfer nach China - Erfahrungen in einem interkulturellen Experiment. S. 205-219
van Laak, Dirk: "Das wahre innere Afrika". Der ferne Kontinent als europäischer Spiegel und als Erschließungsraum. S. 220-239
Ruhrmann, Georg: "Vergreist, verarmt, verdummt"? Nachrichten aus Ostdeutschland. S. 243-259
Krotz, Friedrich: Wandel von Identität und die digitalen Medien. S. 260-278
Bergmann, Wolfgang: Digitale Medien, Narzissmus und Sucht - oder: auf dem Weg in eine autistische Gesellschaft. S. 279-288
Wierling, Dorothee: Die Historikerin als Zuhörerin. Die Verfertigung von Geschichte aus Erinnerungen. S. 291-306
Fischer, Wolfram: Über die allmähliche Verfertigung des Selbst beim Sprechen von sich. Begrenzung und Entgrenzung der Erinnerung im autobiographischen Dialog. S. 307-336


Über die Herausgeber:

Prof. Dr. phil. Bernhard Strauß, Diplom-Psychologe, Psychoanalytiker und Psychologischer Psychotherapeut, ist Direktor des Instituts für Psychosoziale Medizin der Universität Jena.

Prof. Dr. med. Michael Geyer, Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie, ist Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität Leipzig und Mitherausgeber der bei V&R erscheinenden »Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie«.




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