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systemagazin-Adventskalender: "Von Klienten lernen"
Dörte Foertsch: Von Kassandra lernen

Eine Frau Anfang dreißig hatte sich angemeldet, sie nannte Probleme mit ihrem Freund, zwischen ihm und ihrer Tochter, er sei kürzlich ausgerastet und hätte ihre Tochter geschlagen, sie lebten nicht zusammen aber der Freund sei oft da, sei ein ewiger Student der nichts auf die Reihe kriege und sie wüsste nicht ob sie sich doch lieber trennen sollte. Sie bestand darauf, alleine zu kommen.
Vor mir saß eine junge, attraktive und auf mich selbstsicher erscheinende Frau. Ihre ersten Worte waren, dass sie nicht wüsste, ob ich ihr überhaupt helfen könnte. Da ich noch gar nicht wissen konnte, worum es ihr ging, blieb mir als Antwort nur, dass auch ich nicht wüsste, ob ich ihr helfen könnte.
Wenn ich einen solchen Satz sage, dann zeigt sich seine Wirkung auch in meiner eigenen Unsicherheit, die wird sie gespürt haben, und meine Befürchtung war, dass wir über ein erstes Gespräch nicht hinauskämen. Dieses erste Gespräch drehte sich viel um ihren Freund, ich fand keine Idee, wie ich ihn einbeziehen könnte. Trotz einer Einladung an ihn mitzukommen kam sie alleine wieder und es wiederholte sich der Austausch darüber, dass sie und ich nicht wüssten, ob ich hilfreich sein könnte. Wieder blieb mir rätselhaft, worum es eigentlich gehen würde, ihr Freund oder ihre Tochter oder eine weitere im Gespräch aufgetauchte Person, ihre ältere Schwester, mit der sie gerade einen Beziehungsabbruch erlebte.
Wir hatten mindestens drei weitere Gespräche in einer Atmosphäre, in der immer wieder die Frage im Raum war, ob ich überhaupt hilfreich sein und sie verstehen könnte, und bei jedem Mal blieb ich skeptisch, ich wüsste das eben auch nicht und vielleicht würde ich sie auch nicht verstehen können. Sie kam wieder und ich lernte sie ein wenig mehr kennen, ihrer neunjährigen Tochter gehe es gut, ihr Freund sei immer mal wieder da und dann auch nicht, zu ihrer Schwester gäbe es weiterhin keinen Kontakt, ihre Mutter sei schon verstorben, ihr Vater lebe noch, aber sehr einsam und ihr deutlich älterer Bruder sei krank, eine Schwester war im Alter von  zwanzig bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Die Frage, ob ich sie verstehen könne und die Möglichkeit, dass ich sie eventuell enttäuschen müsse, war dabei ständig im Raum. Das Nichtwissen über die Möglichkeit, hilfreich zu sein und etwas verstehen zu können, war Bestandteil der Gespräche geworden, entgegen aller Ideen, doch erstmal den Auftrag zu klären und ein Anliegen der Klientin herausfinden zu sollen.
Im Nachhinein bedacht war dies vielleicht die Voraussetzung für das eigentliche Thema. Diese junge Frau war gekommen, um mit mir darüber zu sprechen, ob sie einen Gentest durchführen lassen sollte. Sie und ihre Familie ist belastet mit der Diagnose Chorea Huntington, ihre Mutter war nach langer Zeit unwissender Fehldiagnostik in einer Psychiatrischen Klinik verstorben. Sie hatte als kleines Kind bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr ihre Mutter unterstützt und dann zu Grabe getragen. Ihr ältester Bruder zeigte deutliche Symptome im Alter von Anfang sechzig, die er und seine Familie leugneten und herunterspielten, ihre ältere Schwester hatte sich einem Gentest gestellt mit dem Ergebnis, mit über neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht betroffen zu sein. Ihr Vater war vereinsamt mit seinen Schuldgefühlen, vier Kinder mit dieser möglichen Erbbelastung gezeugt zu haben und möglicherweise eine Tochter auch durch einen Suizid verloren zu haben. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass ich wirklich nicht sagen könnte, hilfreich oder nicht zu sein, aber noch mehr wurde mir klar, ich konnte wirklich nicht verstehen. Das war womöglich eine unbedingte Voraussetzung für unsere Gespräche geworden.
Sollte sie sich testen lassen, sollte sie ihrem Freund davon erzählen, sollte sie ihrer Tochter davon erzählen, sollte sie sich nicht testen lassen, sollte sie das Ergebnis eines Testes ihrem Freund mitteilen oder nicht, sollte sie Vorbereitungen für einen Suizid treffen, sollte sie ihre Schwester fragen oder ihren Bruder oder mich? Und vor allem, sollte sie nach einem Test das Ergebnis lieber erfahren wollen oder lieber nicht?  
Sie fand eine eigene Antwort. Sie kam und wirkte entschlossen. Sie erzählte, sie hätte ein anderes Symptom herausgefunden, das „Kassandra-Symptom“! Sie könnte ja nach der Gewissheit durch einen Gentest im Unterschied zu vielen anderen Menschen ihre Zukunft voraussagen, sie wüsste dann, wie erste Symptome der Kassandra begegnen würden und dann könnte sie im Unterschied zu ihrer Mutter immer noch den Suizid vorziehen. So war ihr klar geworden, wie ein Test ganz im Sinne ihres Kassandra-Symptoms nur von Vorteil sein und ihrem Freund und der Tochter dienen könnte.
Die Idee der Hilflosigkeit und des Nichtwissens war mir theoretisch bis dahin theoretisch nachvollziehbar gewesen, in der Begegnung und der daraus resultierenden Erfahrung wurde mir der tiefere Sinn meiner Hilflosigkeit bestätigt, sie war nicht als Methode oder systemisches Konzept gemeint und dadurch glaubwürdig und stimmig. Ich musste mit meiner eigenen Hilflosigkeit selber erst stimmig werden, um diese Frau verstehen zu können.
Der Test zeigte, dass auch sie von dieser Erbkrankheit betroffen ist. In weiteren Gesprächen konnte ich zuhörend da sein, aber ich konnte und kann niemals sagen, dass ich verstehe oder gar Lösungen hätte und ich habe gelernt, dass es wahrscheinlich viel häufiger auch gar nicht darum geht. Sie war mir mit dem Kassandra-Symptom immer einen Schritt voraus. Meine eigene Unsicherheit und Unwissenheit war unsere therapeutische Chance. Auf die Idee mit dem Kassandra-Symptom wäre ich nicht gekommen, aber ich habe es dank dieser jungen Frau in mein Repertoire aufgenommen.



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