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Wolfgang Traumüller: Das große Beben
am Fest des Hl. Nikolaus 2009

Als wäre es nicht schon erschütternd genug gewesen. Etwa zwei Wochen zuvor war uns fast die große Orgel der Kirche von Fresno im Napa Valley auf die Köpfe gefallen. Und nun - stürzte die Mauer, und der Eiserne Vorhang hob sich zu einem neuen Stück! Das große Beben hatte mehr erfasst als nur das Gebiet der San Francisco Bay, wohin wir mit Bach aufgebrochen waren, der Johannespassion und ein paar kleineren Werken: „Kreuzige! Kreuzige! Kreuzige ihn!“ Offenbar also kein gewöhnlicher Herbst. Auch in Deutschland nicht, wo er ein später Sommer war. Aber der sollte noch kommen.
Kommen, während wir reisten, vom Los Angeles-Bachfestival die Westküste hinauf. Zwei Busladungen voller Sängerinnen und Sänger der Frankfurter Kantorei unter Wolfgang Schäfers Leitung samt Christine Schäfer, die sich als ehemaliges Chorküken seinerzeit gerade anschickte, mit ihrem wundervollen Sopran eine internationale Karriere zu begründen. Mit allerlei Stationen und vielen schönen und spannenden Begegnungen. Einheimische verschiedenster Herkunft waren unsere Gast- und Quartiergeber, auch deutsche Auswanderer, wie etwa die interessante Dynastie von Karl Winn zu Füssen des wegen Schnee bereits unpassierbaren Crater Lake. Sie waren international renommierte Hochseilartisten mit endlos viel Platz für Gäste, und unter der Last der aufgetragenen Speisen bogen sich die Tische! Und Natives natürlich, die man hier Indianer nennt, die uns andere Perspektiven auf ihr Leben gaben als die üblichen. Die Erde bebte in diesen Tagen! Im Scherz hatte ich es eben noch zu meinem Nachbarn auf der Chorbank geflüstert: „Schau mal, wie die Kronleuchter sanft im Takt zu schwingen beginnen! Das ist ein Erdbeben...“ „Du bist verrückt – sicher!“, hatte der entgegnet, und es kaum über die Lippen gebracht, als schon durch das Gebälk der Kirche ein Ächzen und Zittern ging. Dieses Jammern des Holzes konnte nicht wirklich von unseren Gesängen herrühren, die sonst eher zu Herzen gingen. „Siehst Du“, sagte ich, „ein Erdbeben!“ Auch die Damen im Sopran und Alt hatte Unruhe ergriffen, während wir mit ungläubiger Heiterkeit reagierten. Alsbald kam die offizielle Ansage, unsere Reise nach San Francisco müsse leider unterbrochen werden, wo wir am kommenden Tag zu einem Konzert erwartet wurden. Die Bay-Bridge sei eingestürzt, das Chaos so riesig wie das Beben, das nur 15 Sekunden gedauert hatte. Der Notstand sei ausgerufen, Katastrophenpläne würden exekutiert, und die Bay-Area sei für jeglichen Verkehr gesperrt.
Unglaublich, mein erstes Beben - es war irgendwie aufregend und prickelnd! Wir nahmen es mit respektvoller Gelassenheit, denn es war ja nicht wirklich etwas passiert und Bilder hatten wir noch nicht gesehen. Daß wir das (üb)erleben durften! Ich blickte auf die Orgel über unseren Köpfen. Immer müssen die Bässe in der letzten Reihe sitzen! Man hätte gewiß schlimmer sterben können als unter den Trümmern der Königin aller Instrumente. Aber hinterher ist man auch tot. Wir waren es nicht. Gottlob - und zugleich ziemlich surreal! Die Bilder auf CNN sahen wir erst abends. Da verging uns das Lachen, und unsere Ambiguitäten starben einen Jähtod. Was bei uns erst nur prickelte, war für andere die Hölle! Einen Reisetag schneller, keine Probe in Fresno, und wir wären mittendrin gewesen, auf der Brücke vielleicht, wo Busse, Lkws und Pkws von zweiten in den ersten Stock verschwanden, weil die Betonplatten der Fahrbahn sich verschoben wie Schollen im Treibeis oder abklappten wie Falltüren. Um-lei-tung. Sie rissen das Maul auf wie ein Alligator und weg waren sie, all die Ahnunglosen in ihren Vehikeln im dichten Verkehrsfluß. Wusch und weg...! Gegenverkehr von oben, das hat man nicht alle Tage. Häuser, die in sich zusammenfielen, Flammen, die aus geplatzten Gaspipelines schlugen, Wasserfontänen, die zum Himmel spritzten! Wahrlich, kein Herbst wie alle anderen. Die zu Hause Gebliebenen konnten wir über die wenigen Handys allmählich und für teures Geld entwarnen. Doch die meisten dort hatten es noch gar nicht registriert, so daß die Entwarnung den Schrecken erst hervorrief, den wir ihnen ersparen wollten. Knapp vorbei war ja auch vorbei. Bedauernd, betroffen, verwirrt fuhren wir quartierlos weiter - ins nirgendwo. Woher 160 Betten kriegen für all die Kreuz-RitterInnen? Selbst in den USA ist dies ein Kunststück! Es hat eine Weile gedauert, bis unsere Unpässlichkeiten bewältigt waren. Im Yosemite Nationalpark, 300 km östlich von San Franzisko, fand sich zu Füßen des mächtigen El Capitan spät am Abend schließlich eine nicht minder imposante Lodge, die groß genug war, um uns für vier Tage zur Überbrückung zu schlucken. The Hotel..., zur Nachsaison! Komm mit zu den Bären! Allemal besser als die Brücke am Bay. Es war eine eindrucksvolle Reise. Besichtigung der umliegenden Nationalparks als Pausenprogramm. Andere hatte es zugleich wahrlich schlimmer erwischt. Davon gekommen zu sein, ist kein schlechtes Gefühl. Trotzdem, es fühlt sich merkwürdig an - very spooky, wie Dame Edna zu sagen pflegte. Auch der Schrecken wird erst real, wenn wir uns von ihm einen Begriff gebildet haben.
Ich hatte noch Pläne, als der Flug mit den anderen von Seattle wieder gen Frankfurt/M. abhob. Mein Weg führte nach Florida. Orlando, um genauer zu sein, wo alte Studienfreunde auf mich warteten. Lange Jahre hatten wir uns nicht gesehen. John, mit dem ich 1974/75 an der Graduate School des Weltkirchenrats in Chateau de Bossey und an der Universität in Genf gemeinsam einen Winter verbracht hatte und einen Sommer mit seiner Frau Joyce, war inzwischen Chaplain of the Navy auf einem der US-Flugzeugträger und im Kapitänsrang. Eine schwimmende Kleinstadt mit allem, was man so braucht. Einem Zahnarzt, einem Friseur, einer Bar, einem Bolles, wie man die kleine, unheimelige Verwahranstalt für Übertäter hierzulande nennt - und einem kleinen tragbaren Altartisch natürlich, der inmitten der vielen Kampfjets seinen Platz fand, um Gott zu loben und -er weiß- sonst was zu tun unter den 6000 Mann Besatzung. Frauen waren damals dort nicht zu sehen. John führte mich herum, und ich war froh über die Abwechslung, die warme Sonne Floridas, die Universal Studios, DisneyLand und GatorWorld. Bis dahin hatte ich keine Ahnung, wie lecker ein
Gator sein konnte, besonders wenn er anstatt aus einem Gewurzel an Mangrovensumpf frisch frittiert aus einer Tüte kam. Es brachte mich nach Erdbeben und Reisestreß auf andere Gedanken. Denn von LA nach Seattle war es mehr als ein Katzensprung.
Ich staunte nicht schlecht, als selbst das offenbar noch zu toppen war. Eines Abends, als wir auf CNN in die Nachrichten schauten, begriff ich zuerst gar nicht, um was es ging. Strömende, nein hastende Menschenmengen, Autos, Aufregung, Zäune, die fielen, Leute, die auf Betonmauern saßen, hinauf und hinüber kletterten, hämmerten, meißelten, darauf tanzten, Teile bunt anmalten, sie umwarfen... Verrückte, ausgelassene und aufgelöste Stimmung. Bis ich im Kopf begriff, daß das zu Hause war, was meine Augen da sahen, dauerte es eine Weile. Politische Reden und Versprechungen der Großen und Dicken. Männer zumeist. Menschliche Reaktionen bei den Kleinen, Grauen und Frauen. Tränen von Ergriffenheit und Freude über eines der offenbar schönsten aller Enden, vom Schmerz der Erinnerung, Umarmungen, innerer und äußerer Bewegung, Rennen und Laufen. Und für mehr, als es vielleicht zugeben, auch von Entsetzen. Wie denn nun weiter?! Am fassungslosesten die Grenzwächter der NVA. Für viele war nun Schicht im Schacht. Mehr als eine Brücke und Häuser waren hier zusammen gebrochen. Eher so etwas wie eine Welt. - Auch wir schrien uns entgeistert und ungläubig an, ob es das war, was wir da sahen? Es war wohl so. Und es dauerte, bis auch wir uns etwas erholt hatten von dem, was da in endlosen Variationen unter mächtigen Wortsalven der Kommentatoren über den Bildschirm ging, und von dem vielen und hochprozentigen Bourbon, der uns beim Verdauen half. Ich mag eigentlich gar keinen Whiskey. Aber Begreifen braucht Zeit. Eher hilflos fingerte der Geist an den Eindrücken herum, bis das alles für uns wirklicher wurde.
Vor meinem geistigen Auge lief ein Film ab wie im Zeitraffer. Darunter viele Szenen und Begegnungen der voran gegangenen zwanzig Jahre seit meinen ersten Reisen in die DDR zu kirchlich organisierten Begegnungen zwischen Ost und West in den Sechzigern. Zuerst über die Leipziger Buchmesse, hinterher Prag oder über beide Teile Berlins. Viele kleine subversive Begebenheiten, die weniger intendiert als Ausdruck von Wünschen und Hoffnungen waren - und mehr als Zeichen. Nicht nur Strumpfhosen und Blue Jeans -es mußten LEVI's sein!- oder Bananen, auch Baumaterialien, kistenweise Bücher für akademische und andere Bibliotheken, Papier und einmal sogar einen alten Spiritus-Umdrucker für Wachsmatrizen hatten wir hinüber geschafft, was viel wichtiger und mit strengsten Verboten belegt war. Manche bedruckten Vlies, weil ja das Bedrucken von Papier politisch genehmigt werden musste. Eine interessante deutsch-deutsche Lösung für ein sehr deutsches Problem. Die verrücktesten Reisebedingungen, -wege und -zeiten hatten wir genommen, um die Behörden irre zu führen und ja nicht als Gruppe aufzufallen. Es klappte nicht immer, denn auch die NVA-Grenzer waren nicht blöd. Auch über das sozialistische Ausland führten die Wege zueinander. Für den Pannenfall waren wir mit den Jahren geübt und die Nerven gestärkt. Es ging immer glimpflich ab. Bis auf ein Mal in Ungarn 1984. Da hätten sie mich nach einer Nacht Einzelhaft in einem Grenzstützpunkt fast erschossen. Beihilfe zur Republikflucht, hieß es von Seiten der Gulaschkommunisten. Auch deren Welt war eine Konstruktion, aber wirkungsvoll und nun gerade die härtere, weil machtvollere unserer Wirklichkeiten. Dabei hatten wir uns nur ein Freilichtmuseum ansehen wollen, das in unserem offiziellen Reiseführer stand. Eines jener schönen, wo der Paprika in Schnüren aus den Türen und Fenstern der putzigen, weiß gekalkten Häuschen heraushängt. Leider in Nähe der jugoslawischen Grenze, wie sie damals noch hieß. Wir fuhren nicht nach Karte, sondern grob nach Wegweisern und mit Durchfragen. Und leider ein paar Kilometer hinter dem Vorposten in seinem Schilderhäuschen irgendwo inmitten von friedlicher Pampa, bei dem wir nichtsahnend hielten und nach dem Weg fragten. Nicht einmal Papiere hatten wir dabei, naiv wie wir waren, nur Badesachen und den Fotoapparat, weil wir im Balaton gebadet hatten und noch etwas Zeit war für eine Spritztour. Sie wurden plötzlich zu Indizien! Je weniger Gepäck, umso einfacher der Sprung über die grüne Grenze. Logisch - mehr nicht! Fast hatte es sich dann ausgespritzt, als sie wortlos mit mir morgens gegen fünf Uhr ins Feld fuhren. Mit meinem Auto und mit zwei Kalaschnikoffs und mich zwischen Kukerutzen zum Aussteigen aufforderten, während sie zwei Zigarettchen rauchten oder drei. Da standen wir dumm herum in der Morgenkühle. Ohne jede Erklärung. Die beiden Wachmänner dachten, nein hofften wohl, ich würde fliehen. Ich dachte hingegen, ich wolle lieber ein Frühstück, endlich entlassen werden und noch die von mir separierte Freundin und spätere Mutter meiner Tochter aufladen, um uns vom Acker zu machen nach einer Nacht voller zermürbender Verhöre mit wechselnden Beamten, zuletzt gegen vier Uhr morgens über hundert Kilometer aus der Hauptstadt herbei gekarrt. Höchste Garnitur - wie mögen die sich gefreut haben! Ich spürte jeden mürben Knochen von dem harten und eiskalten Betonfußboden im kargen Büro, auf den man mich zwischen den Verhören hinlegen hieß. Selbst beim Pinkeln, welches kalter Beton recht gut fördert, hielt man mir die Knarre unter die Nase. Aber gab auch den kleinen Wink, bei der Wahrheit zu bleiben und nicht den beständig vorgetragenen Ammenmärchen der Verhörenden zu erliegen, der jeweils andere habe bereits alles gestanden. Es sei sinnlos, weiter zu lügen, und würde die Lage nur verschlimmern. Man hielt mir eine vergilbte Landkarte unter die Nase und deutete mir den detaillierten Plan und Fluchtweg aus. Nun kannte ich ihn endlich auch.Wir hätten das weit weniger umständlich haben können, hätten wir es gewollt. Mit einem zeitlich begrenzten, völlig legalen Reisepaß etwa. Ohne auch nur den Gedanken einer Kugel im Rücken. Aber Glauben? Ein rares Gut dort, wo wir waren und wo aus exkommunikativer Komplexitätsreduktion neue Komplexität wie Unkraut sproß. Nichts scheint ja so genial, wie die eigene fixe Idee, für die es vom Sinn zum Wahn nur ein kleiner Sprung ist. Der Hinweis, ich sei als Gast der ungarischen Staatsregierung und Pressejournalist auf der gerade zu Ende gegangenen mehrwöchigen Generalversammlung des Lutherischen Weltbundes, zu deren Hauptthemen die aktuelle Lage in Namibia und Südafrika und die Erhöhung des innerkirchlichen Drucks auf das Apartheidregime durch die scharfe Akzentuierung der Bekenntnisfrage nebst Ausschlußverfahren für Mitgliedskirchen gehörte, soeben noch vom
Staatspräsidenten empfangen worden, und auf die Wahrscheinlichkeit hochnotpeinlicher diplomatischer Verwicklungen mochte sie schließlich ein wenig verstört und geholfen haben. Aber es hatte gedauert, bis der hoch dekorierte Beamte aus Budapest nach abermaligen gründlichen Prüfungen endlich grünes Licht gab und uns -nach einem Frühstück aus Butterbrot an lauwarmer Milch und fettem Speck- zum Verschwinden aufforderte. Nicht ohne den Hinweis, es wäre günstiger, von einer Meldung bei der Deutschen Botschaft abzusehen, wenn wir je noch einmal ungarischen Boden betreten wollten. Aber wer wollte das schon nach soviel überbordender Gastfreundschaft? Der Hausmeister der ansonsten sonntäglich unbesetzten Botschaft war von meinen Schilderungen bei der Meldung nicht sonderlich beeindruckt, die ich staatsbürgerlich-pflichtschuldigst zu machen gedachte. Das gebe es. Ich warf einen Blick auf die umliegenden Dächer, Kameras und Richtantennen, grummelte etwas in meinen Bart und zog es vor, meinen Heimweg anzutreten und alles dem Gang der Geschichte zu überlassen. Komme, was da und wie es wolle! Ich hatte noch rund tausend Kilometer vor mir und am Montag wieder zu arbeiten. Ich weiß nicht mehr, was ich mir außer den Reifen sonst noch alles herunter gefahren habe, bis ich erschöpft kurz vor Aschaffenburg auf einem Rastplatz morgens gegen sechs Uhr eingeschlafen bin. Jedenfalls war es inzwischen neun und mein Dienst hatte soeben etwa hundert Kilometer weiter begonnen, als die Sonne und meine Bandscheiben mich weckten. Ich konnte es regeln.Vikar heißt ja Stellvertreter, und der waltete noch ein kurzes Weilchen unkompliziert seines Amtes bis zu meiner Ankunft eine gute Stunde später. Wem will man schon erzählen, man sei gerade einem ungarischen Kerker entsprungen?! Das glaubt einem doch ohnehin keiner...
Und nun, in Florida? Hatten uns die Geschichten der Geschichte eingeholt, auch die, die wir selbst gemacht hatten? Offenbar waren all die Kiesel, die auf diesem Weg zusammen getragen worden waren, inzwischen hoch genug getürmt, um auf ihnen „über die Mauer springen“ zu können, wie es ein Psalm (Ps.18,30) sagt. Und ich dachte an meine inzwischen drei Jahre alte Tochter in Leipzig. Nun würde sie vielleicht bald selber reisen und mich besuchen können. Es würde keine fünfzehn Jahre mehr dauern. Der große wie der kleine Grenzverkehr -auch er- und alle seine Begleiterscheinungen, sie hatten nun ein Ende. Auch dieses gehörte zu den neuen Errungenschaften: Nie mehr Sex durch einen Maschendrahtzaun! Wodurch die deutsch-deutsche Liebe freilich nicht grenzenlos wurde. Leider endete auch jene unberührt erscheinende, feinsinnig gebildete, zuweilen salonhafte Oase einer rekreativen, geordneten und ruhevollen Welt aus oft geradezu museal anmutender Ferne, die man sich in Opposition zum Regime in Bürgerstuben dort auch bewahrt hatte, und die man in Westdeutschland nicht einmal mit der Lupe finden konnte.
Eine Welt war zusammen gebrochen und eine neue stand offen. Was würde mich erwarten, wenn ich wieder in Deutschland ankommen würde, das nun mehr als die BRD war, die ich verlassen hatte? Nun war uns nicht die Orgel, sondern der „real existierende Sozialismus“ auf den Kopf gefallen. Die Konferenz der Navy-Chaplains, zu der ich am folgenden Tag als Gastredner eingeladen war, löcherte mich über die Dinge, die ich selbst noch kaum vernommen, geschweige denn begriffen hatte. Und ich sprach -natürlich englisch- zu den Hirten auf den us-amerikanischen Feldern von Krieg und Vaterlandsverteidigung, die da vor mir unter ihrem Union-Jack saßen, und erzählte von dem, was wir in den zurückliegenden Jahrzehnten zwar im Rahmen der Gesetze und staatskirchenrechtlichen Vereinbarungen, aber aus der Sicht der Staatssicherheit meistens doch recht benglisch und respektlos an deren Randzonen getrieben und gearbeitet hatten. In Ost-Berlin, Erfurt, Leipzig, Borna, Halle, Dresden, Herrnhut, Wittenberg und wie die Stationen alle hießen. In Gemeindegruppen, in der landeskirchlichen Schülerarbeit, bei Jugendbegegnungen zwischen Ost und West, zwischen den letzten noch operierenden deutsch-deutschen Reformierten Studienhäusern, zwischen Partnergemeinden, den Ämtern der EKD in Frankfurt und Hannover und des Evangelischen Kirchenbunds in der Berliner Auguststraße, dem Manfred Stolpe damals noch vor stand, u.v.m. Und sie wunderten sich sehr... Dieser Ein-Topf, dem man gerne einen gewissen Geschmack gegeben hätte, war wahrhaftig mehr als eine Kohl-Suppe mit roten Rüben und das gemeinsame Schnippeln und Kochen aufregender als das Mahl. Irgendwann, wenn es meine Zeit zuläßt, möchte ich gerne meine Stasi-Akte lesen. ...und werde mich vermutlich wundern. Über allerlei Bekannte, Kollegen, ja sogar Freunde, die mir inzwischen womöglich längst aus dem Sinn gekommen sind, vielleicht gar aus der Kirche selbst - in diesen noch immer wendischen und trügerischen Zeiten.
Wer Hoffnung hat, ist nur schlecht informiert, sagte vor einiger Zeit einmal Arnold Retzer zu mir - bedeutungsschwer beim Pinkeln, wie es unter Männern manchmal üblich ist. In der Tat: Sie war wohl das einzige, was wir damals hatten, oft aber noch nicht einmal das. Informationen hatten wir -vermutlich zum Glück- nur wenige. Womöglich wäre uns der Mut ausgegangen. Und hätten wir's damals gewußt, es wäre wohl manches ganz anders gekommen! - Die Liebe rechne nicht zu, sagte eine Weile vor ihm der Hl. Paulus, der es irgendwo abgeschrieben haben soll. Aber wer das unvernünftig nennt, sehe sich bei sich selber um und zu, welche Vernunftehe(n) er lebt und mit wem. Unsere Tochter ist inzwischen erwachsen, hat ihre erste Berufsausbildung beendet und studiert. Sie weiß von diesen Dingen wenig bis nichts, die die Voraussetzungen ihrer Lebensgeschichte sind. Es grämt sie nicht, obwohl sie Geschichte wichtig findet und Museen liebt. Man müsse die Probleme nicht kennen, um Lösungen zu erzeugen, wird auch gelehrt. Sie und ihre Generation lebt sie. Scheiß auf den Preis...! Wenden ereignen sich - inmitten vieler anderer Dinge. Nicht für alle sind sie schicksalhaft. Und was, wenn man's gar nicht merkt? Dann sind sie es erst recht nicht. En passant eben, so wie das Kind im Stall. Kaum einer merkt's oder mißt ihm große Bedeutung zu. Außer ein paar von Weit dahergelaufene Weise, so wird erzählt, und ein paar zerlumpte Hirten mit leeren Taschen und vollen Hosen, weil sie imperative Stimmen gehört und Engel gesehen hatten. Advent? Wendezeiten? Wer oder was soll das eigentlich? Kaum einer geht noch hin. Kalender hin oder her. Türchen auf ist Türchen zu. Dahinter großes Fressen. Manchmal. Und ungestillter Hunger. Trotzdem.



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