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Ulrike-Luise Eckhardt: Der Mauerfall 1989 in Berlin - Mitten drin und doch verschlafen
Ich muss etwas ausholen und zum 7. Oktober zurückgehen. Der 7. Oktober 1989 war ja bekanntlich der 40. Jahrestag der DDR mit den üblichen Paraden, dieses mal mit Michail Gorbatschow. Ich befand mich an diesem Samstag im Berliner Institut für Familientherapie, wo ich ein Wochenendseminar mit Rosemary Whiffen und Margaret Dennis aus London begleitete und übersetzte. Die Begleitung sollte am Montag den 9.10. enden, indem ich die beiden vom Hotel abholte und zum „Checkpoint Charly“ brachte, dem Grenzübergang nach Ostberlin für Ausländer. Auf der „anderen Seite“ wollten sie sich mit den Ostberliner Kollegen zu einem weiteren konspirativen Seminar treffen. Leider konnte dieser Plan nicht ausgeführt werden, da die Grenzpolizei ihnen sagte, dass jetzt nicht die Zeit sei, die Hauptstadt (der DDR) zu besuchen. Unverrichteter Dinge kehrten sie zurück und wir nutzten dann den Tag zu einer West-Berlin-Sightseeing Tour in meinem Auto. Unter anderem fuhr ich die beiden zur Glienicker Brücke, zwischen Wannsee und Potsdam (die, auf der die Spione ausgetauscht wurden). Während wir so „nach drüben“ schauten, fragte mich Rosemary, was ich denke, wie lange diese unsägliche Grenze denn noch stehen bleibt? Ich antwortete, dass ich letzte Woche noch gesagt hätte: so ca. 50 Jahre, aber nachdem ihnen die Einreise nach Ostberlin verweigert wurde, könnte ich auch sagen: noch 100 Jahre. Oder auch gar nicht mehr lange. Alles scheint möglich. - Wir verbrachten dann noch einen schönen Tag gemeinsam und ich hörte viel später von den Kollegen in Ost-Berlin, wie sie umsonst gewartet hatten.
Der 9. November war ein langer Arbeitstag, an dem ich sehr spät das BIF verließ und zu Hause nur noch ins Bett fiel. Da ich oft durch den Grunewald nach Hause fuhr und die Innenstadt nicht streifte, sah ich auch nichts Ungewöhnliches unterwegs. Ich sah auch keine Nachrichten mehr.
Am nächsten Morgen stellte ich schlaftrunken das Radio an, hörte schlaftrunken Unglaubliches und stellte zusätzlich den Fernseher an und rannte zwischen allen Nachrichten hin und her und konnte es nicht glauben. Ich schwankte zwischen weiter fernsehen oder sofort an die Grenze fahren, entschied mich aber vorerst, zu Hause zu bleiben. Nach der Rede der Politiker vor dem Schöneberger Rathaus und nach der Ankündigung von Hans Dietrich Genscher, dass um 18.00 Uhr die Glienicker Brücke geöffnet wird, hielt es mich als Zehlendorferin nicht mehr zu Hause. Ich rief meine Freundin an, dass sie und ihre beiden Kinder (8 und 9 Jahre alt) sofort mit mir da jetzt hinfahren müssten. Die beiden waren genauso alt, wie wir damals, als die Mauer 1961 gebaut wurde und an den Montag danach in der Schule und die Gesichter der Lehrer kann ich mich noch sehr gut erinnern, auch an die Angst und das Entsetzen der Erwachsenen, das sich uns vermittelte, während wir Kinder irgendwie auch beeindruckt waren, wie man in einer Nacht so eine lange Mauer bauen könne… Ich fand, wir müssten dieses Ereignis emotional und in der Menge der sich freuenden Menschen miterleben, denn sonst kann man es doch nicht glauben, nicht begreifen. Wir fuhren also hin und klopften auf die Trabis, tranken Sekt und waren genauso freudetrunken wie alle (Das war auch gut so, denn die nächsten Tage und Wochen wurden sehr anstrengend). Wir saßen dann noch lange zusammen und besprachen das Ereignis. Ich musste dann allerdings nach Hause, denn am nächsten Morgen musste ich wieder früh ins BIF zur Seminarvorbereitung und dann den Referenten abholen, dieses Mal war Sepp Duss-von Werdt in Berlin und hatte den Mauerfall in der Schweizer Botschaft, unweit des Reichstags, also der Mauer in Sichtweite, miterlebt.
Ich glaube, dass das Seminar dann völlig anders als geplant verlief, jedenfalls war das Ereignis des Wochenendes ein alles überlagerndes. Sepp hat die Geschichte ja auf der letztjährigen SG- und BIF-Tagung in Berlin erzählt. So ist der Mauerfall für mich auf mehreren Ebenen abgelaufen. Als Berlinerin war ich besonders betroffen, als Zehlendorferin war die Glienicker Brücke „meine“ Maueröffnung, als Lehrtherapeutin des Berliner Instituts für Familientherapie ist er verknüpft mit den beiden Seminaren mit Rosemary Whiffen und Margaret Dennis auf der einen und Sepp Duss-von Werdt auf der anderen Seite. Weiter ging es dann ja mit der Ost-Berliner Weiterbildungsgruppe und dem Erfahrungsaustausch und den Erlebnissen aller Grenzgänger von beiden Seiten (und das war und ist immer noch ein sehr spannender Prozess). Für mich in meiner beruflichen Biographie hat mich sehr berührt, dass ich am 10.11.1989 und auch Tage danach sehr viele Anrufe aus USA von den Kollegen des Georgetown Family Centers in Washington D.C. (wo ich meine Familientherapie-Weiterbildung absolviert habe) erhielt und auch Freunde aus USA, Canada und England mir, uns, den Deutschen gratulierten zu diesem Wunder. Obwohl es wahrlich nicht mein Verdienst war, freute ich mich doch über die Anteilnahme (Und nahm dann viele kleine Mauerstückchen auf die nächste USA-Reise mit).
P.S. Ach ja, was hat sich in meinem Leben und in meinem beruflichen Leben geändert durch den Mauerfall? Was hat mich berührt und was geärgert? All das zu beschreiben wäre viel zu komplex und viel zu viel. Aber: dadurch, dass ich Verwandte in der DDR hatte, fuhr ich öfter nach Ost-Berlin, wo wir uns trafen und auch in die DDR. Es gab regen Brief- und Paketewechsel (noch heute benutze ich die Handtücher aus der Volksrepublik China) und diese Kontakte bestehen natürlich weiter und auf andere Art auch intensiver. Die erste Begegnung mit Ostberliner KollegInnen hatte ich, hatten wir auf dem 1. Familientherapiekongress 1987 in Prag und dem 2. Kongress 1989 in Budapest. Als jemand neben uns berlinerte, ohne dass wir sie kannten, (denn Berlin ist in gewisser Weise auch ein Dorf), stellten wir fest, dass in Prag natürlich auch die Kollegen und Kolleginnen aus Ost-Berlin sein konnten. So knüpften sich erste Beziehungen, die dann über die konspirativen Seminare von Rosemary Whiffen und die Planungen mit dem BIF ausgeweitet wurden. Die subversive Weiterbildung wollten wir auf eine offizielle Stufe stellen und verhandelten mit dem West-Berliner Senat und die Kollegen in Ost-Berlin mit der Psychologenkammer. Wir erhielten ein positives Schreiben vom damaligen Bürgermeister Walter Momper, der unser Vorhaben begrüßte und unterstützen wollte. Ein grenzüberschreitendes joint venture wurde dann auch durch den Wegfall der Grenze eins, wenn auch ein anderes. Es dauerte noch ein Jahr, bis die Weiterbildung im Oktober 1990 beginnen konnte.
Ja, und in Berlin zu leben heißt einfach auch immer in Kontakt zu sein, und auch gemeinsam zu arbeiten. Seit ich in freier Praxis arbeite, fahre ich viel ins so genannte Umland Berlins nach Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und auch Sachsen und arbeite viel und gern und immer wieder neugierig in den neuen Bundesländern. Besonders in der ersten Zeit war ich sehr sprachsensibel, denn obwohl wir die gleiche Sprache sprachen, sprachen wir doch nicht dieselbe (obwohl ich bei der Grenzöffnung begeistert war, wie viele heimatliche Klänge, nämlich das Berlinern, plötzlich um mich herum zu hören waren). Und unsere unterschiedlichen Biographien, besonders in den Familiengeschichten der Herkunftsfamilien prägen natürlich unsere Erfahrungen, Denk- und Glaubensmuster. Dafür immer wieder offen zu sein ist mir eine wichtige Erfahrung.

Ulrike-Luise Eckhardt, Mitbegründerin des BIF und Lehrtherapeutin bis 2006, jetzt in freier Praxis



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