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Lisa Reelsen: Vom Mauerfall und Mauersteinen, Appelwoi und Argentinien, Vanilleeis und Vermischtem oder schlicht „Hommage an Martín“
Dann fange ich mal an. Geschichten müssen ja nicht wahr, sondern nur gut erzählt sein, heißt es ja so. Meine hat sich für mich so abgespielt, ob das andere  gelingt, bleibt offen.
Im November 1989 war ich 29 Jahre alt und seit fast zwei Jahren an einer kleinen Schule in Buenos Aires mit deutscher Abteilung als Lehrerin tätig. In Niedersachsen hatte man uns noch während des Referendariats angemahnt, doch den Berufsweg zu überdenken, wir würden alle die nächsten 5 Jahre keine Anstellung bekommen und wer sich was Besseres, momentan Sinnvolleres, vorstellen könne, solle dem nachgehen. Meine Freundin und ich beendeten das Referendariat und bekamen über ein „Sonderprogramm für arbeitslose Lehrer in Lateinamerika“ über das „Zwischenstaatliche Komitee für Auswanderung“ in Bonn Kontakt zu Schulen in Südamerika. Wir erhielten einen Arbeitsvertrag, meine Freundin in Kolumbien, ich in Argentinien. Was wusste ich von Argentinien? Eigentlich nichts. Wörter schwebten durch meinen Kopf: Tango, Perón, Pampa, Mate-Tee, Gaucho, Patagonien und Feuerland. Diese Wörter riefen Bilder in mir hervor, diffuse, bunte, abenteuerliche, aufbruchsgeladene. Ich freute mich auf neue Herausforderungen und neue Begegnungen.
Einige andere deutsche Lehrer traf ich dort am Río de la Plata. Wir waren uns oft genug in unserem Mikrokosmos, fanden uns recht wichtig. Deutschland war weit weg, wir erzählten davon, auch in unserem Unterricht zur Landeskunde. Interkulturelles Lernen, wie es heute genannt wird, fand trotz guter theoretischer dreimonatiger Vorbereitung in der „Deutschen Stiftung für Internationale Entwicklung“ dann doch eher im Galopp in Begegnungen und durch Erlebnisse statt. Briefe aus Deutschland kamen häufig nicht an, Internet und e-mail - Verkehr gab es ja nicht, das Telefonieren war eine mittelmäßige Katastrophe und eigentlich mehr durch Frust bestimmt. Ein Gespräch musste in der Stadt angemeldet werden, man konnte im Durchschnitt eine Stunde warten und falls am anderen Ende dann das Besetztzeichen ertönte, bedeutete das, eine weitere Stunde bis zum nächsten Versuch warten zu müssen.
Politische Entwicklungen in Deutschland nahmen wir am Rande wahr, soviel und so wenig eben wie argentinische Medien damals veröffentlichten. Ich selbst war mit Unterrichtsvorbereitungen sehr beschäftigt, mich interessierte die Entwicklung des Landes, in dem ich lebte, weitaus mehr als irgendwas in Deutschland, obwohl ich mich damals in meinem Leben nie vorher so deutsch gefühlt hatte wie auf dem südamerikanischen Kontinent. Eine brisante Situation war in Argentinien entstanden, Hochinflationszeit, Läden wurden geplündert und die Deutsche Botschaft ließ uns versichern, dass man uns im Fall einer Gefahr sicher nach Deutschland zurückschicken würde. Ausgangssperren, die verhängt wurden, und Versammlungs- verbote hatte ich mittlerweile schon kennengelernt.
Dann gab es Martín, ein Schüler in der 10.Klasse, der durch außergewöhnliche Lebendigkeit auffiel, und des Öfteren zu spät zum Unterricht kam. Er brachte die unterschiedlichsten Entschuldigungen mit und sprudelte oft vor Spontaneität und fröhlicher Begeisterung verbale Konstruktionen hervor, die mir manchmal unverständlich blieben. Ich konnte sie zudem oft nicht glauben. Von Carsten, einem Schüler aus der 9. Klasse in Deutschland, hatte ich schon die wildesten Entschuldigungen für das Zuspätkommen gehört. Einmal kam er offensichtlich aufgeregt ins Klassenzimmer gestürmt, und noch bevor ich etwas fragen oder sagen konnte, meinte er: „Stellen Sie sich vor, ich hatte unterwegs eine Marienerscheinung!“ Die Klasse brach in brüllendes Gelächter aus, ich gleich mit. „Eins zu Null für dich!“, antwortete ich und mahnte ihn an, vielleicht doch noch einen Arzt aufzusuchen, falls das öfter vorkommen sollte. Das Letzte hätte ich mir eigentlich sparen können.
Martín also brachte einmal die Entschuldigung hervor, er hätte 2 Stunden zu Hause bleiben müssen, bis seine Mutter, die im argentinischen Verteidigungsministerium arbeitete, ihm telefonisch grünes Licht gegeben hätte, dass er das Haus verlassen dürfe, da heute früh das Gebäude des Verteidigungsministeriums beschossen worden sei. Das stimmte, obwohl ich es zunächst kaum glauben konnte.
Also an diesem legendären Tag im November 1989, es war ein heißer Tag, kam Martín wieder zu spät zum Unterricht und rief noch während er die Tür aufmachte: „Mauer kaputt!“ „Jaja!“, antwortete ich, „Setz dich bitte!“ Er ließ nicht locker: „In Deutschland Mauer kaputt!“ rief er und fuchtelte mit seine Händen rum, dass man annehmen könnte, sie sei einfach eingebrochen. Er war schließlich durch seine Mutter gut informiert, und da wir Nebulöses von den Umständen in Deutschland ja doch mitbekommen hatten, war ich plötzlich verunsichert und stellte mir verheerende Zustände mit Schießereien in Berlin vor. Ich ging ins Nachbarklassenzimmer, fragte meinen Kollegen, und in der Pause wurde die Information „Mauer kaputt“ bestätigt.  Friedlich ging es zu, hieß es zum Glück. Auf dem Schulhof traf ich unseren österreichischen jüdischen Hausmeister, dessen Eltern vor langer Zeit rechtzeitig Europa verlassen hatten, und der einen kleinen Kiosk auf dem Schulhof betrieb. Er schlug mir auf die Schulter, gratulierte mir und fragte: „Hättest du geglaubt, Kind, dass das noch passiert?“ „Nee!“  „Komm mit, da kriegste ein Eis für, Erdbeer oder Vanille?“ Ich entschied mich für Vanille, das weiß ich noch genau, obwohl ich lieber Erdbeereis gegessen hätte.
Wir deutschen Lehrer wurden später alle in die Deutsche Botschaft zu Feierlichkeiten eingeladen. Merkwürdig wirkten die mit Dirndl und Lederhosen bekleideten kleinen argentinischen Schüler/innen, die den Weg säumten für den Empfang. Einzelne fielen vor Hitze um.
Ein halbes Jahr später fuhr ich mit meinen Schülern und einem Kollegen 5 Wochen lang durch Deutschland. Der Blick auf mein Heimatland durch argentinische Schüleraugen war eine große Bereicherung, gab zu vielen Selbstreflexionen Anlass und entlarvte meine eigenen Vorurteile in vielerlei Hinsicht. Auf dem Weg vom Flughafen Frankfurt nach Bonn pressten sich die Schüler ihre Gesichter am Zugfenster platt. Martín zeigte aufgeregt nach draußen und meinte empört, ich hätte ihnen doch gesagt, es gäbe keine Elendsgebiete wie die villas miserias in Argentinien und nun sehe er sie doch, aber alles sei viel sauberer und aufgeräumter. Mein Blick durchs Fenster fiel auf Schrebergärten. Ich musste lachen und erklärte ihm, was denn das so sei, nämlich so kleine Gärten für Leute, die unmittelbar am Haus keine hätten etc. „Und die kleinen Häuser, was ist da drin?“ fragte er. „Ja, z.B. Gartengeräte.“, meinte ich. Martín schüttete sich schon am ersten Tag unserer Ankunft aus vor Lachen, klopfte sich auf die Schenkel und prustete los: „Die Deutschen sind verrückt, die bauen Häuser für Gartengeräte!“ In Berlin klopften wir Steine aus der Mauer, die die Schüler stolz nach Argentinien trugen. Irgendwie bedauerte ich es damals, nicht doch näher am deutschen Geschichtsereignis gewesen zu sein, heute nicht mehr. Die Begegnung mit dem Hausmeister und die mit Martín hätten ja schließlich nicht stattfinden können. Das wäre wirklich bedauernswert.
Mit seinem Sinn für Komisches in Deutschland wählte Martín auch für seine mündliche Prüfung in Landeskunde nicht etwa ein Thema aus dem Bereich der Wiedervereinigung, sondern nannte es “Die Gewohnheiten und die Vorlieben der Deutschen“. Die Akzeptanz dieses Themas war zunächst grenzwertig, aber ich habe selten so lachen müssen wie in diesem guten Prüfungsgespräch. Er erzählte in gut gelerntem Deutsch u.a. über die Vorliebe von den Frankfurter Deutschen für Apfelwein. „Appelwoi“ sprach er dabei so überzeugend begeistert und begeisternd aus, dass es noch heute in meinen Ohren klingt, so wie das „Leise rieselt der Schnee“, das hunderte von schwitzenden Schülern auf dem extra für die deutsche Weihnachtsfeier überdachten Schulhof bei etwa 35°C sangen, dazu weiße Styroporflocken in die Luft warfen, während sich die Kerzen am Tannenbaum vor Lachen und vor allem vor Hitze bogen.
(In Argentinien blieb ich etwas mehr als drei Jahre und bereiste es noch von oben bis unten. Mittlerweile bilde ich Lehrer aus, denke gerne an meine Berufsanfangsjahre in Argentinien zurück. Ich bin sehr bereichert worden durch die Begegnungen und Erlebnisse. Die magere Einstellungssituation in den Schuldienst damals wie auch heute wieder lässt sich dennoch gut mit intensiver Lebenszeit füllen. Die Lehreranwärter/innen mögen mir das nicht immer erkennbar glauben, was ich nachvollziehen kann. Im letzten Jahr war ich im März noch einmal nach 20 Jahren in Argentinien. Der Hausmeister der Schule lebt nicht mehr, Martín ließ sich nicht mehr auffinden, doch zu einzelnen Schüler/innen habe ich noch Kontakt. Sie leben z.B. in New York oder Malaysia. Und die Mauersteine, die ich aufbewahre, verbinde ich stets mit der für mich aufschlussreichen Reise mit den argentinischen Schülern durch Deutschland.)

Lisa Reelsen, Obertorstraße 7, 73738 Esslingen a.N.




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